Magazinrundschau

Der wahre ordo amoris

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
13.05.2025. In der London Review macht sich der irische Dichter Colm Tóibín Gedanken über Robert Prevost, jetzt Papst Leo XIV. In HVG improvisiert der ungarische Pianist Zsigmond Gerlóczy. In Le Grand Continent meditiert der polnische Autor Tomasz Rozycki über das zusammengewürfelte Europa. Der New Statesman versichert: Die Linke hat die besten Argumente für den Brexit. Bei Tenoua erinnert der Historiker Claude Nataf daran, dass die Tunesier sich unter der Nazi-Besatzung weigerten, ein Pogrom gegen die tunesischen Juden zu entfesseln. *Alarm denkt über eine tschechische Erzählung zum Kriegsende nach.

London Review of Books (UK), 13.05.2025

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Ferdinand Mount liest mit viel Zustimmung Fara Dabhoiwalas Buch über Meinungsfreiheit: "What Is Free Speech? The History of a Dangerous Idea", aus dem er lernt, wie zweischneidig dieses Recht oft ist. In den USA beispielsweise garantiert der erste Verfassungszusatz ein Recht auf freie Rede, das der Kongress praktisch nicht einschränken darf. Aber die einzelnen Bundesstaaten durften es und taten es auch lange Zeit: "Noch während der Roten Angst der 1920er Jahre wurden Sozialisten wegen extremer Meinungsäußerungen inhaftiert. Das Blatt wendete sich, als der Oberste Gerichtshof 1925 akzeptierte, dass der vierzehnte Verfassungszusatz von 1868 auf die Redefreiheit anwendbar ist, da die einzelnen Staaten ebenso wenig wie die Bundesregierung das Recht haben, 'Gesetze zu erlassen oder durchzusetzen, die die Vorrechte oder Immunitäten der Bürger der Vereinigten Staaten verkürzen'. Dies war ein weiterer historischer Zufall. Der Hauptzweck des vierzehnten Verfassungszusatzes hatte nichts mit der Redefreiheit zu tun. Er wurde nach dem Bürgerkrieg verabschiedet, um die ehemaligen Sklavenhalterstaaten daran zu hindern, sich bei den Bürgerrechten zurückzuziehen. In den 1960er Jahren leistete er in dieser Hinsicht gute Dienste, zum Beispiel bei der Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen im Süden. Aber genauso konnte er jetzt dazu benutzt werden, staatliche Gerichte daran zu hindern, Ku-Klux-Klan-Aufmärsche zu verbieten oder Anti-Lynch-Gesetze zu verabschieden. ... Die Grenzen sind nie einfach zu ziehen. An welchem Punkt hört die 'politische Korrektheit' auf, allgemeiner Anstand zu sein, und artet in Zensur aus? Wann verlässt der Begriff 'woke' seine ursprüngliche Bedeutung von 'wachsam gegenüber Rassismus' und verwandelt sich in selbstgerechte Einschüchterung? Wann sollte ein Abtreibungsgegner das Recht haben, ein Plakat vor einer Abtreibungsklinik zu tragen, oder wann sollte ein Frauenrechtler das Recht haben, das Haus eines Abtreibungsgegners zu überwachen?"

Colm Tóibín macht sich Gedanken über Robert Prevost, besser bekannt, seit einigen Tagen, als Papst Leo XIV. Prevost gab sich in seiner bisherigen Karriere alle Mühe, weder auf konservative noch auch radikal liberale Positionen festgenagelt zu werden, erläutert Tóibín. Anlässlich eines medial viel rezipierten Papstbesuchs nahm er freilich durchaus Partei: "J.D. Vance und Franziskus hatten eine offene Auseinandersetzung gehabt. Vance hatte im Januar von ordo amoris gesprochen, oder einer 'Hierarchie der Pflichten', und in einem Beitrag in den sozialen Medien erklärt, dass seine 'moralischen Pflichten' gegenüber seinen Kindern größer seien als gegenüber 'einem Fremden, der tausende von Meilen entfernt lebt'. In einer direkten Erwiderung antwortete Franziskus: 'Christliche Liebe ist keine konzentrische Ausdehnung von Interessen, die nach und nach auf andere Personen und Gruppen übergreifen … Der wahre ordo amoris, den es zu fördern gilt, ist der, den wir entdecken, indem wir über das Gleichnis vom 'guten Samariter' meditieren, das heißt, indem wir über die Liebe nachdenken, die eine Bruderschaft aufbaut, die allen offensteht, ohne Ausnahme.' In Chicago retweetete ein wenig bekannter, kürzlich ernannter Kardinal einen weiteren Angriff auf Vances Aussage: 'J.D. Vance liegt falsch: Jesus fordert uns nicht auf, unsere Liebe zu anderen zu abzustufen.' Dieser Kardinal war Robert Prevost."

HVG (Ungarn), 08.05.2025

Im Interview mit Tamás Ligeti Nagy spricht der Pianist und Komponist Zsigmond Gerlóczy (28) über die musikalische Sprache sowie über den Unterschied zwischen Komposition und Improvisation: "Musik ist die einzige Sprache, die die Sprachverwirrung von Babel überlebt hat. In mir arbeitet unbewusst eine Menge angeeigneter musikalischer Grammatik, aber wenn ich spiele, versuche ich diese zu vergessen. So wie man einem Wort tausend Bedeutungen zuschreiben kann, gilt das auch für die Musik. Der größte Unterschied ist, dass Musik eine physische Auswirkung auf den Menschen hat (...) Der einzige Unterschied zwischen dem Komponieren und dem Improvisieren ist, dass es zum Improvisieren keine Zeit gibt. Es passiert dort, in dem Moment. In diesen Augenblicken versuche ich, aus dem Nichts zu spielen, so dass das, was meine Hände verlässt, einzigartig und unwiederholbar ist. Danach strebe ich. Ich leere meinen Kopf und setze mich jedes Mal hin, als ob ich noch nie zuvor Klavier gespielt hätte. Im besten Falle."

Hier eine Hörprobe:

Archiv: HVG

Le Grand Continent (Frankreich), 12.05.2025

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Le "Grand Continent": Das ist Europa. Die Zeitschrift hat auch einen Literaturpreis - und mit diesem ist der polnische Autor Tomasz Rozycki für seinen Roman "Die Glühbirnendiebe" ausgezeichnet worden - in Deutschland ist der Roman im kleinen und so für die osteuropäischen Literaturen engagierten Verlag Edition FotoTapeta erschienen (und wie es der Zufall will, haben ihn die PerlentaucherInnen Benita Berthmann und Lukas Pazzini für das erste Perlentaucher-Podcast ausgewählt, das wir in ein paar Tagen veröffentlichen). Rozycki, der ein Frankophiler ist, wird von Olivier Lenoir und Florent Zemmouche zu den polnisch-französischen Beziehungen befragt, die nicht unbedingt von großer gegenseitiger Kenntnis geprägt sind. Aber Rozycki beschreibt in seinem Roman ein Haus und ein Stadtviertel vor dem Mauerfall. Und an dieses Haus erinnert ihn auch Europa in seinem heutigen Zustand: "Man lebt in einer Gesellschaft, einem Haus, einer Bar, zusammen. Man muss sich nicht unbedingt mögen, denn man ist hier zufällig zusammengewürfelt, aber man hat nicht wirklich eine Wahl: Man muss kooperieren, anfangen, gemeinsam etwas zu tun, um aus einer sehr schwierigen Situation herauszukommen. Ich glaube, dass wir uns heute in Europa in einer schwierigen Situation befinden und wir uns gemeinsam durchschlagen müssen, wir müssen kooperieren, wir müssen solidarisch sein. Ansonsten werden wir einer nach dem anderen in Einsamkeit zerquetscht und die anderen werden aus der Ferne zuschauen, ohne etwas zu tun. Im Moment geht es uns in unseren Wohnungen sehr gut, wir haben alles, was wir brauchen. Das Problem liegt bei den Nachbarn. Im Moment..."

New Statesman (UK), 12.05.2025

Larry Elliott glaubt nicht, dass die Linke in Großbritannien gut beraten ist, auf eine Wiederannäherung des Landes an die EU oder gar eine erneute Mitgliedschaft hinzuarbeiten. Mehr noch als in Großbritannien sind in der EU rechte, anti-europäische Kräfte auf dem Vormarsch, glaubt er (was angesichts des erneuten Erfolges von Nigel Farage einigermaßen illusionär klingt). Außerdem mangele es schlicht an guten Argumenten pro Europa: "Während des Brexit-Referendums wurden praktisch keine positiven Argumente für den Verbleib in der EU vorgebracht. Stattdessen stützte man sich auf das sogenannte 'Projekt Angst': das angebliche wirtschaftliche Armageddon, das Großbritannien im Falle eines Brexit bevorstehen würde. Der neueste negative Grund für die Unterstützung der EU besteht darin, dass sie nicht Donald Trumps Amerika ist. Ein weiteres Referendum über die EU-Mitgliedschaft im Vereinigten Königreich wird in naher Zukunft nicht stattfinden. Aber falls doch eines angesetzt würde, wäre es faszinierend zu sehen, wie sich die beiden Seiten positionieren würden. Die Brexiteers würden sagen, dass das vergangene Jahrzehnt eine willkommene Wiedergeburt des Nationalstaates als Zentrum der Politikgestaltung hervorgebracht habe, wobei die Schwächen, die durch die Covid-Pandemie offenbart wurden, das Interesse nicht nur an aktiver Industriepolitik, sondern auch an Maßnahmen zur Kontrolle von Kapital und Handel neu entfacht hätten. Es gab immer ein linksgerichtetes Argument für den Brexit, und seine Zeit ist gekommen."

Außerdem: John Gray liest Curzio Malaparte als Proust der Gewalt.
Archiv: New Statesman

New Lines Magazine (USA), 12.05.2025

Laut einem vom US-Außenministerium zitierten Bericht des Syrischen Netzwerks für Menschenrechte vom Dezember 2023 wurden seit März 2011 mindestens 136.047 Menschen vom Assad-Regime inhaftiert oder sind verschollen, berichtet Amélie Zaccour: "Die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich weit höher, und die meisten der Verschwundenen sind der Organisation zufolge wahrscheinlich gestorben. Unter ihnen waren 8.495 Frauen und 3.696 Kinder." Zacour trifft zwei Frauen, die den Horror der syrischen Haft überlebten und beim Sturz Assads freikamen. Mayssa wurde im dritten Monat ihrer Schwangerschaft inhaftiert, durch die Schläge der Wächter erlitt sie eine Fehlgeburt und verlor ihr Baby. Sie schildert, was ihren weiblichen Mithäftlingen in der "Abteilung für politische Sicherheit" in Damaskus widerfuhr: "'Wir waren zu fünfzehnt in einer Zelle zusammengepfercht und saßen den ganzen Tag auf Knien', erinnert sie sich. 'Dann öffnete der Wärter irgendwann die Tür. Er mochte Mädchen im Teenageralter. Unter uns war ein Mädchen von 15 oder 16 Jahren. Wenn er die Zelle betrat, packte sie die Hand des ältesten Gefangenen, damit der Wächter sie nicht mitnahm.' Das junge Mädchen konnte nicht sagen, wie viele Männer sie vergewaltigt hatten, weil sie ihr jedes Mal die Augen verbanden, so Mayssa. Sie hält inne. 'Ich wünschte, er hätte mich stattdessen getötet. Sie war nur ein Kind, das bei einer Demonstration Fotos gemacht hatte.' Wie eine Frau von dem Horror der Gefangenschaft in Syriens berüchtigten Gefängnissen genesen, insbesondere in einem Land, das durch 13 Jahre Krieg erschöpft und nicht darauf vorbereitet ist, mit einer solchen Fülle von Traumata umzugehen?"

Elet es Irodalom (Ungarn), 09.05.2025

Der Historiker György Jakab analysiert Viktor Orbáns Politik über die Jahre: "Die EVP und ihr ehemals mit Orban befreundeter Vorsitzender Manfred Weber sind zu Orbáns europäischem Hauptfeind geworden. Laut öffentlichen Plakaten auf den Straßen in Ungarn verfolgt Weber aufgrund seiner anti-ungarischen Gesinnung eine anti-ungarische Politik. Die Messlatte wurde also noch höher gelegt. Es geht um eine vollständige Reform der Ausrichtung der Europäischen Union unter dem Slogan 'Wir besiegen Brüssel!'. Orbán mit seinen Großmachtambitionen, hat mit beeindruckender politischer Kleinarbeit imperiale Unterstützer (Russland, China, USA) gewonnen - entgegen der wirtschaftlichen und politischen Interessen des eigenen Landes - und versucht, durch die Gründung einer neuen Oppositionsgruppe, der so genannten Patrioten für Europa (PfE), eine führende Rolle in der Europäischen Union zu erlangen. Aufgrund der Freundschaft Orbáns zu Russland wird oder wurde die Visegrád-Gruppe (V4), die polnisch-ungarische Freundschaft sowie die Balkanpolitik der ungarischen Regierung ähnlichen aufgebaut beziehungsweise zerstört. Im Moment sieht es so aus, als würde Ungarn im Interesse von Viktor Orbáns Großmachtambitionen freiwillig einen neuen politischen und kulturellen Eisernen Vorhang errichten, der Ungarn bald nicht nur in Ost-West-Richtung, sondern auch in Nord-Süd-Richtung isolieren wird: Wir driften immer mehr in Richtung Ostbalkan ab, wo unsere politische Elite endlich wieder die Rolle einer Großmacht spielen darf."
Stichwörter: Jakab, György, Ungarn, Evp

Tenoua (Frankreich), 09.05.2025

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Tenoua ist das Blog der Refomrabbinerin Delphine Horvilleur. Paloma Auzéau interviewt hier den Historiker Claude Nataf, der ein Buch über die sechsmonatige Besatzung Tunesiens in den 1942 und 43 geschrieben hat. Es ist das einzige Land Norafrikas, das, wenn auch kurz, von den Nazis besetzt war. Eine weithin vergessene Episode, um die sich auch in Tunesien so gut wie niemand kümmert. Kaum war das Land besetzt, versuchten die Nazis auch hier den Holocaust in die Tat umzusetzen: Zwar hatten sie "weder die Zeit noch die Mittel, um eine 'systematische Vernichtungspolitik' wie in Osteuropa durchzusetzen. Aber sie wandten eine Reihe brutaler Maßnahmen an: Razzien, Zwangsarbeit, öffentliche Demütigungen und kollektive Geldstrafen. Das örtliche SS-Kommando, das von Walter Rauff, einem engen Vertrauten Eichmanns und Erfinder der Gaswagen, geleitet wurde, hatte die Aufgabe, die 'Judenfrage' in Tunesien, Ägypten und Palästina zu 'behandeln'. Tatsächlich versuchte er, ein Pogrom zu provozieren, indem er die muslimische Bevölkerung (finanziell) dazu anstachelte, gegen Juden vorzugehen. Die lokalen Eliten, insbesondere in Tunis, lehnten dies jedoch ab. Dieses Vorhaben scheiterte also." Das Ziel der Nazis war es dann "die Juden in Lagern zusammenzufassen, in der Annahme, dass man, wenn die Achsenmächte in Afrika wieder die Oberhand gewinnen würden, dann ihre Vernichtung betreiben könnte". Heute kümmert sich die "Société d'Histoire des Juifs de Tunisie" um eine jährliche Gedenkveranstaltung. In Tunesien steht der Holocaust nicht auf dem Lehrplan, sagt Nataf.
Archiv: Tenoua

Denik Alarm (Tschechien), 06.05.2025

Anlässlich des 80. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs sucht das Magazin *Alarm nach einer eigenen tschechischen Erzählung zum Kriegsende: "Während sich die offizielle Erinnerungspolitik während des kommunistischen Regimes nur auf die Befreiung der Tschechoslowakei durch die Sowjetunion konzentrierte, sind wir seit den 1990er Jahren ins andere Extrem verfallen und suchen in der Vergangenheit nach dem kleinsten Hinweis auf westlichen Widerstand, wobei wir die Erinnerung an die Rote Armee oder den Partisanenwiderstand, der mit der sowjetischen Militärführung verbunden war, ignorieren oder verdrängen. Damit haben wir die Chance verpasst, unsere eigene Geschichte über das Ende des Zweiten Weltkriegs zu schreiben, die die beiden jeweils einseitigen Interpretationen der Vergangenheit ausbalanciert. Russlands Invasion in die Ukraine macht eine neue Öffnung dieser Debatte unmöglich, und so fahren wir fort mit der ideologischen Rahmung des Zweiten Weltkriegs als antikommunistischer Geschichte, in der die Befreiung durch die Rote Armee zunehmend als Besetzung bezeichnet wird." Die Journalisten erinnern zudem an die Gewalt, von der auch das Kriegsende noch geprägt war: "Während ihres Rückzugs setzten die Nationalsozialisten, um ihre letzten Rechnungen zu begleichen, Einheiten zur Partisanenbekämpfung ein, die besonders in der Mährischen Walachei ganze Dörfer niederbrannten. Wir müssen aber auch über die tschechische Gewalt an Deutschen sprechen. Zwar erinnern wir uns an einige Vorfälle, bei denen Deutsche ermordet wurden, aber das Ausmaß der Gewalt gegen Deutsche war weitaus größer. Deutsche Männer und Frauen wurden gefoltert, bei lebendigem Leibe verbrannt, in Flüssen ertränkt oder vergewaltigt, und dies alles mit Unterstützung staatlicher Institutionen." (Das Magazin vertieft das Thema noch in einem Podcast-Gespräch mit dem Historiker Jaromír Mrňka.)
Archiv: Denik Alarm

Meduza (Lettland), 08.05.2025

Der russischen Armee gehen die Soldaten aus: Hat es vor dem Krieg noch zwischen 90.000 und 250.000 Rubel (1.100 bis 3.000 Dollar) gekostet, um sich mit gefälschten ärztlichen Attesten aus dem Wehrdienst rauszukaufen, kostet das heute um die zwei bis drei Millionen Rubel (24.000 bis 36.000 Dollar). Lilia Yapparova hat mit einigen Organisationen gesprochen, die russischen Soldaten solche Atteste verkaufen: "Einer Schwarzmarktquelle zufolge gab es sogar einen Dienst, der Scheinehen mit behinderten Frauen anbot, aber nach der ersten Mobilisierungswelle verschwand. 'All das sind nur [Beispiele für] bezahlte Möglichkeiten, einen Aufschub oder eine Befreiung zu erreichen. Aber Sie müssen es immer noch beweisen und ihre Rechte bei der Einberufungsstelle 'verteidigen', erklärt ein Aktivist von First Line. Einige Schwarzhändler sagen ganz offen: 'Zertifikate sind kein Allheilmittel - sie sind nur eine Versicherung. Bitte erfindet eure eigenen Hintergrundgeschichten.' Meduzas Schwarzmarkthändler, der sich selbst als 'bezahlter Berater für Wehrdienstverweigerung' bezeichnet, bietet seinen Kunden auch 'gefälschte Operationen' an, die sie für medizinische Befreiungen qualifizieren. 'Zum Beispiel kann eine Operation der Speiseröhre zu einer sehr langen Aufschiebung führen', erklärt er. 'Wenn ein Chirurg [bereit ist], die Risiken auf sich zu nehmen, wird die Person einfach genäht. Sie schneiden das Gewebe auf, nähen es wieder zu, und der Mann kann für lange Zeit nicht mobilisiert werden oder der Armee beitreten.' Dieser 'Berater' hilft den Klienten auch bei der 'Entwicklung der klinischen Präsentation' von psychiatrischen Störungen: Wenn sich ein offensichtlich gesunder Mensch an uns wendet, wählen wir für ihn eine konkrete Diagnose - eine Anpassungsstörung, Angst, Depression - und simulieren eine Behandlungsgeschichte. Es sieht also so aus, als ob er zu Ärzten gegangen ist und Medikamente eingenommen hat. Wir bringen der Person alle Symptome bei und quälen sie mit der Rhetorik und den Manipulationen, die [Militär-]Ärzte verwenden. Sie bluffen oft und jagen [den Leuten] Angst ein, indem sie sagen: 'Du kommst von hier aus in eine psychiatrische Klinik, du wirst mit Sträflingen zusammengesperrt', und dann schauen sie sich [ihre] Reaktion an. In diesem Moment ist es wichtig, keinen Rückzieher zu machen."
Archiv: Meduza
Stichwörter: Russland, Wehrdienst, Ukrainekrieg

Aeon (UK), 09.05.2025

Wie sprechen eigentlich Außerirdische? Und was bedeutet das, wenn wir im Falle eines Falles verlässlich kommunizieren wollen? In der Science Fiction als für solche Fragen generalzuständigem Genre läuft die Sache oft darauf hinaus, dass die Aliens quasi wie Menschen sprechen - also prinzipiell übersetzbar und unter dem ersten Anschein von Andersartigkeit doch strukturell ähnlich, schreibt der Linguist Nikhil Mahant. Aber was, wenn es auf der grundsätzlichen Ebene von Sprache - also Zeichenhaftigkeit, sinnstiftende Struktur, Bedeutungsebene und kulturell bedingter Pragmatik - dann doch zu Abweichungen kommt? Damit sollte man bei einem Fremdkontakt dieses Ausmaßes durchaus rechnen, rät Mahant. "Als Menschen, die wir mit einem gewissen Set kognitiver Fähigkeiten ausgestattet sind, nehmen wir die Welt als auf bestimmte Weise strukturiert wahr. Wir fassen sie beispielsweise so auf, dass sie Objekte umfasst, Handlungen, Ausmaße und Abläufe. Wie die Elemente unserer Sprachen Bedeutung tragen, spiegelt die Art wider, wie wir die Welt strukturieren. Gängige Hauptwörte etwa bedeuten Objekte, Verben beziehen sich auf Handlungen und ganze Sätze stehen für Sachverhalte." Aber "was, wenn eine außerirdische Spezies, die sich anders entwickelt hat als wir, die Welt ganz anders wahrnimmt? Die Sprache dieser Spezies würde reflektieren, wie sie die Welt einsortieren, mit Kategorien, für die uns die kognitive Auffassung fehlt. Neue Wörter in unserer Sprache zu schaffen, würde nicht helfen - es sei denn, wir würden wissen, mit welchem Element der Welt ein Fragment einer außerirdischen Sprache korrespondieren würde. Die Elemente einer solchen außerirdischen Sprache wären grundlegend unübersetzbar, nicht weil wir nicht wissen, was sie bedeuten, sondern weil wir noch nicht einmal wissen würden, welche Art von Bedeutung sie überhaupt haben. ... Eine außerirdische Sprache ohne die dritte Ebene, die Semantik, würde auf uns ganz besonders fremdartig wirken: Es wäre eine Sprache, deren Elementen nicht mehr auf 'etwas anderes' verweisen." Solche Wesen "würden kausale Mechanismen nutzen, die sich zur Welt über Umgebungsinputs ins Verhältnis setzen - etwa Gerüche, Temperaturen oder Strahlung -, um Ergebnisse hervorzurufen. 'Kommunikation' zwischen solchen Wesen könnten eine Abfolge kausaler Transaktionen sein: ein Stimulus, der im Gegenüber eine Reaktion hervorruft, ganz ähnlich wie Hormone in unserem Körpern."
Archiv: Aeon