Magazinrundschau

Worte, die auf den Akkorden tanzen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.02.2025. Die New York Review of Books fragt sich, was Trump mit seinem bürokratiefressenden DOGE-Programm erreichen will: Den schlanken Staat? Den gefesselten Staat? Oder gar den handlungsunfähigen Staat? Harper's Magazine ist dagegen überzeugt: Die Bürokratie überlebt alle, auch Trump. Aktualne erinnert an den slowakischen Abenteurer, Erfinder und Mitbegründer der Tschechoslowakei Milan Rastislav Štefánik. Opernlibrettist Gene Scheer erklärt in der Paris Review, warum die Oper einem Stummfilm ähnelt. Die Europäer sind etwas vorschnell im postherorischen Zeitalter angekommen, meint der litauische Philosoph Simas Čelutka in Eurozine. Der New Yorker untersucht am Beispiel Korea, welche Folgen der weltweite Geburtenrückgang haben kann.

New York Review of Books (USA), 13.03.2025

Was genau steckt hinter Donald Trumps von Elon Musks Department of Government Efficiency (DOGE), das Einfluss und Umfang der staatlichen Bürokratie der USA radikal zu beschränken soll? Quinn Slobodian identifiziert drei unterschiedliche intellektuelle Strömungen, die sich in DOGE vereinigen: "Diese Strömungen stammen aus unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Quellen: dem Wall-Street-Silicon-Valley-Komplex der schuldenbasierten Startup-Kultur; konservativen Denkfabriken, die den New Deal endgültig begraben wollen; und der online vernetzten Welt des Anarchokapitalismus und des right-wing-Akzelerationismus. Innerhalb der neuen Regierung bemüht sich jede dieser Strömungen, ihre Ziele zu verwirklichen. Die erste strebt einen schlanken Staat an, der sich darauf beschränkt, die Kapitalrendite zu maximieren; die zweite einen gefesselten Staat, der nicht in der Lage ist, soziale Gerechtigkeit zu fördern; und die dritte und radikalste, einen handlungsunfähigen Staat, der die Regierungsgewalt an konkurrierende Projekte privater, dezentraler Herrschaft abtritt. Wir sind dabei herauszufinden, wie gut sie zusammenarbeiten und sich gegenseitig stärken können. Der zukünftige Zustand der Regierung - und damit des Landes - hängt davon ab, wie weit die Dynamik der aktuellen Situation trägt." Was wird am Ende dabei herauskommen? Vielleicht, mutmaßt Slobodian, in der Tat eine Art Revolution: "Die staatliche Souveränität der USA wird bis zu einem gewissen Grad erodiert sein, wenn sich der Staub des Silicon-Valley-Leninismus gelegt hat und die Computer der Bürokratie mit leerem Bildschirm hochfahren. Diese Aussicht beunruhigt mit Recht diejenigen, die an checks and balances und an die Notwendigkeit eines Staates glauben, der mehr tut, als Waffensysteme zu finanzieren, KI-Datenzentren zu subventionieren und Gehälter für Grenzpolizisten auszuzahlen. In wohlwollenden Beobachtern hingegen wecken die Vorgänge in Washington dieselbe Euphorie, die der anarchokapitalistische Ökonom Murray Rothbard empfand, als er den Zerfall der Sowjetunion verfolgte. Es sei, sagte er, 'ein besonders wunderbares Ereignis, das sich direkt vor unseren Augen abspielt - der Tod eines Staates.'"

Harper's Magazine (USA), 01.03.2025

Anders als Quinn Slobodian in der New York Review glaubt Andrew Cockburn nicht daran, dass DOGE am Status quo viel ändern wird. Insbesondere verweist er darauf, dass nicht nur Trump selbst in seiner ersten Amtszeit, sondern auch eine lange Reihe früherer Präsidenten beider Parteien mit dem Versprechen angetreten sind, Bürokratie abzubauen. Gelungen ist es bisher keinem einzigen. Und das hat Gründe: "Das zentrale Problem besteht darin, dass niemand außerhalb der Bürokratie ihre inneren Abläufe auf operativer Ebene verstehen kann. Die Handbücher der Regierungsbehörden enthalten komplexe Richtlinien und Verfahren, die in ihrer Gesamtheit ein einschüchterndes Dickicht an Regeln darstellen - Regelwerke, die die Bürokratie nutzen kann, um ihr Handeln oder auch ihre Untätigkeit zu rechtfertigen. Es ist schwer vorstellbar, wie Außenstehende, so ideologisch überzeugt sie auch sein mögen, sich durch diese verborgenen Pfade navigieren könnten. Das 'Alternative Personnel System Operating Procedures Manual' des Handelsministeriums beispielsweise umfasst 105 Seiten. Das Ministerium für Innere Sicherheit widmet acht Seiten den Vorschriften zur korrekten Verwendung des offiziellen Briefkopfs der Behörde. Tief verborgen auf der Website des Gesundheitsministeriums findet sich die 15-seitige Richtlinie 'Human Subject Regulations Decision Charts: 2018 Requirements'. Das Amt für öffentliches und indigenes Wohnungswesen im Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung hat ein 13-seitiges Dokument erstellt, das die 'Verfahren für das Bargeldmanagement und den Abschluss von Fördermitteln für das Programm 'Gutschein für Notunterkünfte'  sowie ergänzende Informationen' abdeckt." Was also wird passieren? "Ein ehemaliger einflussreicher Regierungsbeamter, der anonym bleiben will, um nicht den Zorn der Administration auf sich zu ziehen, gibt eine vernichtende Prognose für die Aussichten von DOGE ab: 'Sie werden zwei oder drei Maßnahmen ergreifen, von denen sie glauben, dass sie alle Probleme lösen - und die dann vor Gericht gekippt werden', sagte mir der Beamte nach der Bekanntgabe von Musks Ernennung. 'Ich nehme an, das erste, was sie versuchen werden, ist eine Art Einstellungsstopp. Nach drei Monaten werden sie merken, dass die Behörden begonnen haben, Wege zu finden, diesen zu umgehen. Dann werden sie versuchen, das zu unterbinden - und es wird ihnen nicht gelingen. Anschließend werden sie versuchen, die Leute dazu zu zwingen, fünf Tage die Woche ins Büro zu kommen. Das wird schwierig, weil viele dieser Behörden gar keine Büroräume mehr für diese Leute haben. Ich denke, es wird ein Problem nach dem anderen geben, und nach vier Jahren ist die Zahl der Mitarbeiter um zwei Prozent gesunken - vielleicht.'"

Aktualne (Tschechien), 20.02.2025

Petr Zidek bespricht die (auch auf Englisch erschienene) Monografie des slowakischen Historikers Michal Kšiňan über den slowakischen Abenteurer und Mitbegründer der Tschechoslowakei Milan Rastislav Štefánik. Štefánik, der nach einer Fernsehumfrage aus dem Jahr 2019 als "größter Slowake" gilt, erweist sich auch in der historischen Analyse als eine Figur wie aus einem Jules-Verne-Roman, die alle Normen gesprengt habe, meint Kšiňan. "Seine Expeditionen machten ihn zu einem der meistgereisten Europäer seiner Zeit. Neben vielen europäischen Ländern besuchte er Tahiti, Neuseeland, das heutige Turkmenistan, Algerien und Tunesien, Brasilien, Ecuador, Russland, die Vereinigten Staaten, Fidschi und Panama. Er war der erste Tschechoslowake, der 1905 den Mont Blanc bestieg. Dabei schleppte er für das Observatorium, an dem er arbeitete, schwere Teleskopteile auf den Gipfel. In den Folgejahren bestieg er Europas höchsten Berg weitere fünf Male und verbrachte unglaubliche 46 Tage auf dem Gipfel - obwohl er unter schweren gesundheitlichen Problemen litt." Als Erfinder habe er nicht nur astronomische Instrumente verbessert, sondern "ließ sich zum Beispiel auch eine selbsttätige Straßenbahnweiche, einen neuartigen Schnallentyp und eine Vorrichtung patentieren, mit der man gleichzeitig fotografieren und Bilder projizieren konnte." Im Jahr 1912 nahm er die französische Staatsbürgerschaft an, und während des Ersten Weltkriegs agierte er zugleich als französischer Offizier und als politischer Vertreter des tschechoslowakischen Auslandswiderstands. Nachdem Štefánik im Dezember 1915 Edvard Beneš kennengelernt hatte, stellte er sich in den Dienst der antiösterreichischen Bewegung. Vor allem als Türöffner sei er von unschätzbarem Wert, so Rezensent Zidek, denn im Februar 1916 habe er Masaryks erste Audienz beim französischen Premierminister Aristide Briand arrangiert. Ein Brief Štefániks an Masaryk, "in dem er gegen ein republikanisches Modell (er selbst wollte eine Monarchie mit einem Monarchen aus der italienischen Dynastie an der Spitze) und sogar gegen das Frauenwahlrecht protestiert, lässt jedoch darauf schließen, dass er konservativer war als die beiden anderen Gründerväter [Masaryk und Beneš] der Tschechoslowakei", so das Fazit von Petr Jidek. Wäre Štefánik 1919 nicht bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen (was seinen Mythos als moderner Held erst richtig begründete), "wäre die Geschichte des Staates, den er mit aus der Taufe gehoben hatte, wahrscheinlich anders verlaufen. Doch die Frage ist, ob er dann für die Slowaken der unbestrittene Universalheld sein würde, als der er heute gilt."
Archiv: Aktualne

Paris Review (USA), 21.02.2025

Im März hat an der Met Jake Heggies "Moby Dick" Premiere. Das Libretto dieser Oper, die 2010 in Dallas uraufgeführt worden war, hat Gene Scheer geschrieben. "Oper hat viel mit dem Stummfilm gemeinsam", erklärt Scheer im Interview mit Sophie Haigney seine Arbeit. "In Stummfilmen sind die Gesten viel größer als in späteren Filmen. Die Subtilität in einem Stummfilm kommt hauptsächlich von der Kameraführung. Bei der Oper ist es ganz ähnlich. Denken Sie an die opernhafte Geste, die große dramatische Geste. Im ersten Akt von 'La Bohème' kommt Mimi die Treppe hinauf, in der Hand eine unbeleuchtete Kerze. Rodolfo sieht sie und zündet die Kerze an, und dann lässt sie ihren Schlüssel auf den Boden fallen. Er nimmt den Schlüssel und steckt ihn in seine Tasche, weil er nicht will, dass sie geht, und dann tut er so, als würde er den Schlüssel suchen, und nimmt ihre Hand. All das ist Teil des Librettos, nicht Teil der Inszenierung. Dann singt Rodolfo 'Che gelida manina'. Er singt die Arie, aber alles wird durch die Handlung vorbereitet, die ich gerade beschrieben habe. Sie können sich vorstellen, dass in einem Stummfilm all dies ohne Worte geschehen könnte - eine Person kommt, um ihre Kerze anzuzünden, der Mann sieht sie, sie lässt die Schlüssel auf den Boden fallen, alles. Der Stummfilm war gewissermaßen mein Nordstern. ... Das Problem vieler Libretti, insbesondere derjenigen, die in den letzten dreißig Jahren entstanden sind, besteht darin, dass sie sich zu sehr auf die Sprache verlassen, um die Geschichte zu erzählen. Sie werden eher zu Drehbüchern als zu Libretti. Und dann hat man eine Menge Worte, die auf den Akkorden tanzen. Das ist, glaube ich, nicht die beste Formel, um eine wirklich fesselnde Oper zu schreiben." Letztlich, so Scheer, wird die "Kraft jeder Oper, davon abhängen, wie es der Musik gelingt, die Geschichte zu erzählen. Denn warum sollte man überhaupt singen? Das ist eine der großen Fragen. Warum singen diese Menschen, anstatt zu sprechen? Weil sie die Musik brauchen, um auszudrücken, was in ihren Herzen vorgeht und was in ihrem Leben auf dem Spiel steht. Deshalb sind die Einsätze in Opern in der Regel sehr hoch - wir müssen also das, was auf dem Spiel steht, in den Text, in die Szenen hineindestillieren, damit die Musik das Mark der Opernerfahrung sein kann."

Hier eine frühe Bühnenprobe:

Archiv: Paris Review

HVG (Ungarn), 20.02.2025

Der Regisseur und Schauspieler Pál Mácsai ist scheidender Intendant des Budapester Örkény Theater, das nach dem Regierungswechsel 2010 durch große Anstrengungen die Unabhängigkeit bewahren konnte. Mácsai spricht nun in der Wochenzeitschrift HVG u.a. über das Verhältnis der darstellenden Künste zur Politik und erklärt, warum er sich nie offen für die Opposition gegen Victor Orban engagiert hat: "Grundsätzlich glaubt die Politik gerne - die jetzige allerdings mehr als andere - dass die darstellenden Künste ihre Handlanger seien. Wer ihre Ideologie in der einen oder anderen Form propagiert, bekommt Geld, wer souverän ist, geschweige denn sich kritisch äußert, der wird nicht berücksichtigt. So primitiv einfach ist das. In dieser Hinsicht ist die Gegenwart nicht anders als die 1960er und 1970er Jahre. Das untergräbt freilich das unabhängige Denken, das Herzstück unseres Berufes. (…) Sicherlich akzeptiere ich es, wenn sich jemand für seine Überzeugungen auf die Bühne der Opposition stellt, denn dazu gehört heute eine gewisse Portion Mut, aber auch hier verlasse ich mich auf meine bescheidene Fähigkeit, nein zu sagen. Ich habe zu viele Beispiele für den Verlust der persönlichen Souveränität in der Politik gesehen. Und ich denke, mein ganzes Schaffen sagt genauso viel aus wie es eine politische Rede von mir täte."
Archiv: HVG

Le Grand Continent (Frankreich), 24.02.2025

Putin führt seinen Krieg gegen die Ukraine nicht, um am Ende ein paar Geländegewinne zu verbuchen, warnt die Politologin und Russland- und Ukraine-Expertin Céline Marangé. Der Krieg dient Putin zur Unterminierung Europas und nach innen zu einem totalitären Umbau der russischen Gesellschaft. Der Radikalität der offiziellen Äußerungen muss man Glauben schenken. Wie der totalitäre Umbau nach innen aussieht, zeigt die Forscherin am Beispiel der Jugendarmee, der 'Junarmija', die immer weiter vergrößert werde. "Sie wurde 2016 gegründet und hatte zunächst die Aufgabe, patriotische Erziehung zu vermitteln. Mit einem Jahresbudget von 40 Milliarden Rubel (415 Millionen Euro) ausgestattet, soll sie nun Selbstaufopferung durch die Pflege des historischen Erbes vermitteln, während sie gleichzeitig eine rudimentäre militärische Ausbildung bietet. Kinder lernen von klein auf, wie man eine Kalaschnikow zusammenbaut und zerlegt und vor allem, wie man mit Drohnen umgeht. Laut dem russischen Verteidigungsminister Beloussow umfasste die Bewegung im Mai 2024 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche. Im Februar 2025 sollen es 1,75 Millionen sein, und das erklärte Ziel ist es, die Ausbildung bei allen 18 Millionen Minderjährigen in Russland zu verbreiten. Die Wirksamkeit dieses Programms muss sich erst noch erweisen, da Widerstände weit verbreitet und die regionalen Unterschiede ausgeprägt sind. Dennoch muss man anerkennen, dass die Militarisierung der Jugendlichen die langfristigen Absichten eines Regimes aufzeigt und dass durch diese 'Jugendarmee' im Falle eines totalen Krieges schnell große Massen zu mobilisieren wären."

New Lines Magazine (USA), 24.02.2025

Wenn die iranische Regierung Regimegegner nicht mehr physisch terrorisieren kann, weil sie ins Ausland geflohen sind, dann wird der Terror in die digitale Sphäre verlegt, berichtet Meghan Davidson Ladly. Gerade iranische Aktivistinnen sehen sich einer Flut von digitaler Belästigung ausgesetzt, dazu gehören die Verbreitung von "Deepfake-Pornografie - bei der Bilder von betroffenen Frauen in bereits vorhandene oder von KI generierte sexuell eindeutige Inhalte eingefügt werden". Aber auch Drohungen und Einschüchterungen aller Art gehören zu den Strategien - das Vorgehen der Online-Mobber ist geschlechterspezifisch, betont Ladly, Frauen wird beispielsweise mit Vergewaltigung gedroht. Die Miaan Group, eine NGO, die iranische Regimegegner im In- und Ausland unterstützt, deckte auf, dass die Islamische Republik nicht einmal davor zurückschreckt, Kinderpornografie zu instrumentalisieren, indem sie "ein Netzwerk von Telegram-Kanälen nutzt, um regierungsfeindliche Aktivisten anzugreifen und Desinformationen zu verbreiten: Die Kanäle locken Personen an, die nach Kinderpornografie suchen, und vermischen dann sexuell anschauliche und schädliche Inhalte mit regierungsfreundlichen Desinformationen und Aufrufen, Regimekritiker zu schikanieren und ihre persönlichen Kontaktinformationen weiterzugeben. 'Die Islamische Republik oder ein staatlicher Akteur nutzt diese Art von Methode, um eine Gruppe von Menschen zu mobilisieren - eine Armee aus [einer] Gruppe von Menschen zu machen - die nicht auf der Gehaltsliste stehen müssen, aber bereit sind, etwas für den staatlichen Akteur zu tun, um Kinderpornografie zu erhalten', sagt Amir Rashidi von Miaan."

Außerdem: Sean Williams und Kevin Knodell erzählen, wie Lateinamerikas Drogenkartelle die Staaten im Pazifik mit ihren Drogen fluten.

Pitchfork (USA), 24.01.2025

In der Nacht vom kommenden Sonntag auf Montag werden in Los Angeles die Oscars verliehen. Für seinen Score zu "Der Brutalist" kann sich auch der Komponist Daniel Blumberg Hoffnung auf einen Goldjungen machen. Im Gespräch mit Madison Bloom gestattet er einen Einblick in seine Arbeitsweise: Die Musik für Brady Corbets fiktives Epos über einen jüdischen Architekten, der den Nazis in die USA entwischt und dort auf andere Mauern stößt (unsere Kritik), hat er nicht im Studio fabriziert, sondern mithilfe von handgepäck-kompatibler Technik bei Musikern rund um die Welt. Der Sound changiert dabei zwischen Wucht und Intimität: "Das ist schon alles sehr besonders, etwa die Weise, wie ich John Tilbury mikrofoniert habe: Zwei Mikros - ein klassisches Stereopaar - standen auf seinem Piano, ein weiteres Stereopaar im Raum und dann ein Mikrofon war direkt an ihm selbst angebracht. Damit konnte man seinen Stuhl hören, seinen Atem und auch, wie er das Piano mit den Händen berührt. Die Mikrofone im Raum wiederum konnten den Regen auf seinem Glasdach aufnehmen oder Vögel, die auf dem Dach liefen." Für eine andere Session im Café Oto in London experimentierte Blumberg "mit Papierfetzen, Schrauben und dem Klebstoff Blu Tack. An diesem Tag haben wir das Piano wirklich auf ziemliche interessante Weise mit Stereo- und Vokal-Mikrofonen ausgestattet. Auf diesem bearbeiteten Piano im Oto standen etwa 16 Mikrofone. Für viele meiner Aufnahmen verwende ich ein Mikrofon namens U89, das sehr akurat ist. Für den Bass habe ich ein Stereo-Mikrofon genommen, genau bei den tiefen Tönen des Pianos. Auf diese Weise konnten wir diesen riesigen Sound aus der Perkussion ziehen: Viel von dem Zeug, das man vielleicht für ein Schlagzeug halten könnte, besteht einfach nur aus tiefen Piano-Noten." Und dann die Sache mit dem italienischen Marmor in Carrara: "Als ich die Bilder vom Dreh sah, fragte ich mich, wie diese Marmorplatten wohl den Sound abprallen lassen würden. ... Also feuerten wir im Marmor-Steinbruch von Carrara eine Pistole ab. Dabei nimmt man im Grunde nur diesen Schuss und die Auswirkungen des Marmors aufs Echo auf. Das packt man dann in diese Software, die im wesentlichen den Schuss entfernt. Sie erstellt aus den Auswirkungen auf den rohen Klang einen Algorithmus  und gestaltet daraus einen Echoeffekt, den man für alles verwenden kann. In diesem Fall legten wir das Echo über Evan Parkers Saxofon."

Archiv: Pitchfork

Eurozine (Österreich), 24.02.2025

Der ukrainische Schriftsteller Mykola Riabchuk beugt sich über die Ungeheuerlichkeiten, die Trump in Richtung Ukraine geäußert hat. Teil davon ist ein Vertrag, der Präsident Selensky vorgelegt wurde und den der Daily Telegraph als "ein neues Versailles" bezeichnete: "Der US-Vertrag scheint eher von privaten Anwälten als vom US-Außen- oder Handelsministerium geschrieben worden zu sein. Dem durchgesickerten Dokument zufolge verlangt es von der Ukraine eine 'Rückzahlung' in Höhe von 500 Milliarden Dollar, die weit über die US-Kontrolle über die kritischen Mineralien des Landes hinausgeht und Häfen, Infrastruktur, Öl- und Gasvorkommen und andere Ressourcen abdeckt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Ukraine in absehbarer Zukunft in der Lage sein wird, 500 Milliarden Dollar zu zahlen, aber es gibt ein noch entmutigenderes Problem, das im Vertrag nicht angesprochen wird: Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Selenski kündigte das Abkommen trotz des starken, an Erpressung grenzenden Drucks der USA." Trumps Zahlen, zeigt Riabchuk, sind völlig imaginär, so belief sich die tatsächlich geleistete US-Hilfe "laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft bis Dezember 2024 auf insgesamt 114,2 Milliarden Dollar, verglichen mit 132,3 Milliarden Dollar, die von den europäischen Ländern bereitgestellt wurden. Zwar übersteigt die US-Hilfe in Bezug auf militärische, finanzielle und humanitäre Zuweisungen tatsächlich die aller anderen Länder, aber diese Zuweisungen machen nur 0,5 Prozent des amerikanischen BIP aus, während eine Reihe europäischer Länder bis zu zwei Prozent ihres BIP für die Hilfe für die Ukraine bereitstellen."

Die Europäer sind etwas vorschnell im postherorischen Zeitalter angekommen, meint der litauische Philosoph Simas Čelutka mit Blick auf den Ukrainekrieg. "Es kann der Eindruck entstehen, dass Europa sich als ein großer sicherer Raum versteht, in dem man nur auf gleichgesinnte Liberale oder zumindest auf respektvolle Gegner trifft, die danach streben, eine gemeinsame Basis und schließlich einen Konsens zu finden. In diesem Bild der gesellschaftlichen Realität werden nicht nur Politik und Geschichte obsolet, sondern auch die Bedeutung der Freiheit verändert sich unweigerlich - sie wird von der Verantwortung entkoppelt. Freiheit wird zum reinen Negativum - fass mich nicht an, misch dich nicht ein, halt dich fern von mir, ich verfolge meine eigenen Interessen, und niemand kann mir etwas vorschreiben. In Litauen und vielen anderen europäischen Ländern ist es immer noch sehr schwierig, über die Wehrpflicht zu sprechen - die Menschen glauben, dass sich in Krisenzeiten jemand anderes für ihr Heimatland opfern wird. Warum sollte ich das sein? Wie kann sich der Staat das Recht anmaßen, mich aus meinem Leben zu nehmen und 'meine Karriere zu ruinieren'? Das Vorherrschen dieser egozentrischen Weltsicht bestätigt, dass wir den Sinn für positive Freiheit verlieren - nicht die Freiheit von, sondern die Freiheit zu etwas Sinnvollem, zur Sorge um unsere gemeinsame Welt, zum verantwortungsvollen Handeln, zum Aufbau und zur kreativen Gestaltung unserer Zukunft. Ich behaupte, dass dies das Geschenk der Ukraine an uns alle ist: eine einmalige Chance, wieder zu historischen und verantwortlichen Akteuren zu werden, anstatt passive und ängstliche Zuschauer oder noch schlimmer: gleichgültige Konsumenten zu bleiben. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, auf die moralische und politische Philosophie von zwei bahnbrechenden Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts zurückzukommen: Hannah Arendt und Jan Patočka ..."
Archiv: Eurozine

New Yorker (USA), 24.02.2025

2023 könnte das Jahr sein, in dem erstmals die Geburtenzahlen auf der Welt unter die Reproduktionsschwelle gesunken sind. Die Gründe dafür sind so vielfältig, dass es, um sie zu erklären, einen Nobelpreisträger bräuchte - in Literatur. Die üblichen Gründe, die dafür genannt werden, erklären diesen Rückgang nicht mehr, erklärt Gideon Lewis-Kraus: Frauen, die arbeiten, steigender Wohlstand, zu wenig Geld, mangelnde Kinderbetreuung: "Diese Trends lassen sich nicht auf haushaltspolitische Erwägungen zurückführen. Die Kinderbetreuung ist in Wien praktisch kostenlos und in Zürich extrem teuer, aber die Österreicher und die Schweizer haben die gleiche Geburtenrate." Die weltweit niedrigste Geburtenrate hat übrigens Korea mit 0,7 Prozent, so Lewis-Kraus, der dort feststellt, dass viele Koreaner damit kein Problem haben: "Viele sagten mir, dass sie sich auf eine Gesellschaft mit weniger Wettbewerb freuen - eine kleinere, sanftere Welt mit einem größeren Anteil an Ressourcen für alle." Aber es könnte natürlich auch ganz anders kommen. "Der überzeugendste Aspekt des technologischen Pro-Natalismus ist nicht, was wir theoretisch durch eine größere Bevölkerung gewinnen könnten. Es ist die Vorahnung dessen, was wir mit einer verringerten Bevölkerung verlieren könnten. Der Evolutionsanthropologe Joseph Henrich hat das Beispiel der tasmanischen Ureinwohner angeführt, die vor etwa zehntausend Jahren vom australischen Festland abgeschnitten wurden. Ihre Bevölkerung war zu klein und zu zerstreut, um ihr Wissen zu bewahren, und sie haben offenbar vergessen, wie man komplexe Werkzeuge herstellt, wie man warme Kleidung anfertigt und sogar wie man fischt. Und die schiere Zahl ist nur ein Teil der Geschichte. Damit sich eine Kultur entwickeln kann, braucht sie viele verschiedene Arten von Menschen - eigensinnige, verrückte Menschen mit ausgefallenen Ideen. Die schrägsten Menschen sind fast immer Kinder. Demografen befürchten oft, dass die Beschäftigung mit Science-Fiction-Spekulationen die Regierungen ungewollt zu drakonischen Maßnahmen veranlassen könnte. Dennoch gibt die Demografin Leslie Root zu, dass sie sich manchmal fragt: 'Ist es möglich, dass wir uns tatsächlich so entwickelt haben, dass wir zu klug für unser eigenes Wohl sind, und dass wir einfach zu sehr an anderen Dingen interessiert sind, um den Blödsinn mitzumachen, dass wir genug Kinder haben müssen, um die Spezies zu erhalten? Ich weiß es nicht! Vielleicht?' Sie sammelte sich und fügte dann hinzu: 'Was mich am meisten interessiert, wenn ich darüber nachdenke, wie es sein könnte, eine stabile menschliche Bevölkerung aufrechtzuerhalten, ist, dass es eine sehr reale Möglichkeit gibt, dass wir die Gesellschaft neu erfinden müssen.'"
Archiv: New Yorker