Magazinrundschau

Hartnäckige Neugier auf die Welt

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
12.11.2024. In Le Grand Continent analysiert der Historiker Lorenzo Castellani die "beschleunigte Reaktion", die für die Wahl Donald Trumps verantwortlich sei. Die New York Times erzählt eine Geschichte vom Leiden der Uiguren und der Gleichgültigkeit der Welt. The Insider interviewt einen zum russischen Militärdienst gepressten Sierra-Leoner. La Regle du Jeu lernt im Centre Pompidou die britische Surrealistin Helen Phillips kennen. Der Filmdienst feiert das Kino als Ort des illegitimen Begehrens. Der New Yorker denkt über den Roman des zwanzigsten Jahrhunderts nach.

Le Grand Continent (Frankreich), 08.11.2024

Es gibt eine Flut von Texten, die Trumps Wiederwahl reflektieren. Lorenzo Castellani ist Historiker an einer römischen Privatuniversität. Er skizziert den Wahlerfolg Trumps als Erfolg eines Bündnisses, das einerseits allen bekannt ist und doch, so wie er es beschreibt, frappiert: Er gibt ihm einen poetischen Namen und spricht von "beschleunigter Reaktion". Es ist eine neue Qualität, die sich so bei der ersten Wahl Trumps noch nicht abzeichnete, so Castellani. Der wahre Bruch in der zweiten Wahl liege in einer Fusion des Establishments einerseits - oder der Avantgarde des Establishments - und der armen, deklassierten Wählerschaft in der Provinz: "Raketen, Raumsonden, die die Möglichkeit außerirdischen Lebens für erkunden, Roboter, fahrerlose Autos, Transhumanismus, die globalisierte Finanzwelt, die immer nach der nächsten schöpferischen Zerstörung Ausschau hält… machen gemeinsame Sache mit einer Wählerschaft, die der Regierung misstraut, die Ungehorsam gegenüber der an den Universitäten vorherrschenden progressiven Kultur fordert, die in Sekten und Kirchen ihre eigene Form des Widerstands gegen die Moderne sucht, die Schutz vor ausländischen Produkten fordert, die Industrie heimholen und die Einwanderung drastisch reduzieren will."

Eurozine (Österreich), 11.11.2024

Nach dem Sieg Trumps schauen alle mit bangem Blick Richtung Ukraine: in vierundzwanzig Stunden könne er den Krieg beenden, schwadronierte der neue alte Präsident - doch was bedeutet das für die Ukrainer und Ukrainerinnen? Die Ökonomin Cassia Scott-Jones spielt verschiedene Szenarien durch. Das sechsmonatige Aussetzen der Hilfsmaßnahmen für die Ukraine, die erst im April 2024 endete, hatte schwerwiegende Folgen für die ukrainische Wirtschaft und das Kriegsgeschehen, erinnert Scott-Jones, während dieser Zeit konnten nur 46 Prozent der russischen Raketen abgefangen werden, davor etwa 75 Prozent. Das gibt eine Vorstellung davon, was passieren könnte, wenn Trump die Hilfen aufs Neue drosseln oder ganz aussetzen würde. Gleichzeitig, meint Scott-Jones, "basierte Trumps Narrativ immer auf der Behauptung, Russland hätte es unter seiner Aufsicht nicht gewagt, in die Ukraine einzumarschieren." Die Ökonomin hält es daher für eher unwahrscheinlich, dass Trump die Ukraine gänzlich fallen lassen wird: "Die jüngsten Entwicklungen im diplomatischen Bereich deuten ebenfalls darauf hin, dass Trump zumindest bereit ist, den Dialog mit der Ukraine fortzusetzen. Im Juli führten Trump und Selenskyy ein Telefongespräch, das beide Parteien als konstruktiv bezeichneten. Wenn es Trump nicht gelingt, die russischen Vorstöße einzudämmen, würde dies letztlich Trumps Argument der stärkeren Abschreckung unter seiner Führung untergraben. Die Hilfe könnte zu schlechteren Bedingungen kommen, und es könnte durchaus weniger davon geben, aber seine frühere Flexibilität deutet darauf hin, dass Trumps Position sich ändern könnte, wenn es darum geht, das politische Narrativ der USA als starke, dominante Macht in der Welt aufrechtzuerhalten."
Archiv: Eurozine

En attendant Nadeau (Frankreich), 12.11.2024

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Der kanadische Historiker Timothy Brook widerspricht im Interview mit David Castañer der herkömmlichen Erklärung für den Fall der Ming-Dynastie im Jahr 1644. Die meisten Historiker glauben laut Brook, dass der Untergang der Ming von einem "finanziellen Desaster" ausgelöst wurde. Sie sehen den Grund dafür in der Korruption von Beamten und den Kosten für Militäroperationen. Brook glaubt hingegen,"dass die Unterbrechung der Geldproduktion und des Geldumlaufs kein rein wirtschaftliches Phänomen ist, sondern auch mit dem intensiven Umwelt- und Klimadruck zusammenhängt, dem die gesamte nördliche Hemisphäre ausgesetzt" war. Die sogenannte "Kleine Eiszeit" war, so Brooks These, verantwortlich für eine Hyperinflation der Getreidepreise, was eine Hungerkatastrophe auslöste: "Hätten die Temperaturen und Niederschläge nicht einen beispiellosen Tiefstand erreicht, wären die Ming, ein allgemein widerstandsfähiger dynastischer Staat, nicht gefallen." Das sollte uns auch für die Gegenwart zu denken geben: "Das Ausmaß der Katastrophe in den 1640er Jahren überstieg, was sich die meisten Menschen damals vorstellen konnten: Ihre Welt brach auf schockierende Weise zusammen. Was unsere tun wird, ist nicht mehr ganz so spekulativ vorherzusagen, wie es damals der Fall war. Im Gegensatz zu den Menschen der späten Ming-Dynastie haben wir die Fähigkeit, die Auswirkungen des Klimawandels und der Preise zu analysieren. Für sie war die einzige Erklärung, dass der Himmel die Menschheit bestraft. Wir haben komplexere Methoden entwickelt, um diese Veränderungen zu analysieren."
Stichwörter: Brook, Timothy, Ming-Dynastie

New York Times (USA), 12.11.2024

Nyrola Elimä and Ben Mauk rekonstruieren die Leidensgeschichte Hasan Imams, eines Uiguren aus Xinjiang, der im Zuge der eskalierenden Repression der muslimischen Minderheit durch die chinesische Staatsmacht den Versuch unternahm, über die Südostasienroute die Türkei zu erreichen. Doch China macht den Uiguren nicht nur im eigenen Land das Leben zur Hölle, sondern übt auch Druck auf andere Länder auf, Flüchtlnge auszuliefern. Imam saß unter anderem jahrelang, unter menschenunwürdigen Bedingungen, in thailändischen Gefängnissen, bis ihm schließlich, nach einem erfolgreichen Gefängnisausbruch, doch noch der Weg in die relative Sicherheit - in die Türkei - gelang. Sein Schicksal ist keineswegs ein Einzelfall: "Niemand weiß, wie viele Menschen in den letzten 15 Jahren aus Xinjiang geflohen sind. Im Zuge unserer Berichterstattung gelangten wir an ein internes Dokument der chinesischen Regierung, das das Ausmaß des Exodus erahnen lässt: eine irgendwann vor 2018 erstellte Tabelle mit dem Titel 'High-Risk Individuals From Xinjiang Suspected of Crossing the Border Illegally' (Hochrisiko-Personen aus Xinjiang, die im Verdacht stehen, die Grenze illegal zu überqueren), die die Namen und persönlichen Daten von 17.743 Uiguren enthält - darunter viele unserer Interviewpartner und mehr als zwei Dutzend der derzeit in Suan Plu inhaftierten Männer. Auf ihrer jahrzehntelangen Suche nach einem sicheren Zufluchtsort außerhalb Chinas sind Zehntausende von Asylbewerbern mit Grausamkeit und Gleichgültigkeit konfrontiert worden. Weit davon entfernt, sie vor Abschiebung zu schützen, haben sich die Aufnahmeländer in Hunderten von Fällen den Forderungen Chinas nach Rückführung gebeugt. Tausende von ihnen wurden vor Ort inhaftiert, eingeschüchtert und anderen Formen der grenzüberschreitenden Unterdrückung unterworfen. Es gibt keine andere Bevölkerungsgruppe auf der Welt, die derart aggressiven Überwachungs- und Verfolgungstaktiken auf globaler Ebene ausgesetzt ist."
Archiv: New York Times
Stichwörter: Uiguren, Thailand, China

HVG (Ungarn), 07.11.2024

Warum, fragt eine entgeisterte Boróka Parászka, musste Ministerpräsidenten Orbán nach den umstrittenen Wahlen in Georgien, die die pro-russische Regierung als Sieg feierten, nach Tiflis reisen? Was war es wert, "sich vor einer Menge, die ihre Rechte und ihre Würde einfordert, anspucken zu lassen? Sich als Botschafter der Unterdrückung vor den Unterdrückten und Beschämten aufzuspielen? Ist das die Rolle in der Weltpolitik, auf die er sich so lange und so sorgfältig vorbereitet hat? Als Botschafter, als Stellvertreter von Diktatoren, als Überbringer von schlechten Nachrichten durch die Welt zu eilen? Oder ist es ihm völlig egal, was so viele georgische Bürger und eingeschüchterte, in die Enge getriebene Oppositionelle denken, die um ihre Grundrechte fürchten? Wie könnte auch Viktor Orbán mit ihnen solidarisch sein, wenn in Ungarn ähnliche Dinge mit der Zivilbevölkerung und der Presse geschehen, wenn auch in einem anderen Tempo, vielleicht weniger spektakulär, und nicht mit so offener Gewalt, aber mit ähnlichen Methoden. 'Wir waren wie ihr, ihr werdet sein wie wir' - das ist die Inschrift auf dem großen globalen Friedhof der Demokratie. ... In den Ländern, in denen die Demokratie im Niedergang begriffen ist, ist der Name des ungarischen Premierministers eine Schande, ein Fluch."
Archiv: HVG
Stichwörter: Orban, Viktor, Georgien, Ungarn

The Insider (Russland), 07.11.2024

Die russische Armee setzt nicht nur auf ehemalige Häftlinge (unser Resümee) und Nordkoreaner, um seine Reihen an der Front zu schließen: Auch Afrikaner werden nach Russland gelockt und an die Front gebracht. Mikhail Kalinin hat für The Insider mit einigen von ihnen gesprochen. Zum Beispiel mit Richard aus Sierra Leone, der nach Russland gegangen ist, um mehr Geld als in seinem Land zu verdienen. "Nachdem er sich Geld von Verwandten geliehen und seine gesamten Ersparnisse zusammengetragen hatte, reiste Richard nach Guinea, um ein Touristenvisum zu beantragen, da es in seinem Heimatland Sierra Leone keine russische Botschaft gibt. Am 24. November 2023 war das Visum fertig, und Richard flog mit mehreren Zwischenstopps nach St. Petersburg. Die Suche nach einem Arbeitsplatz in Russland ohne Arbeitserlaubnis und russische Sprachkenntnisse erwies sich als schwieriger als Richard erwartet hatte." Er kam mit einem Agenten in Kontakt, der ihm versprach, eine Arbeitserlaubnis zu verschaffen. Richard fand sich in einer Kaserne wieder. "'Sie nahmen unsere Dokumente und Telefone mit. Ein paar Tage später gaben sie mir mein Telefon zurück, und ich schrieb dem Agenten eine SMS: 'Was mache ich auf einer Militärbasis?' Er antwortete: 'Richard, du hast einen Vertrag mit der Armee unterzeichnet. Das ist der einfachste Weg, Ihre Dokumente zu bekommen, und sie werden Sie für die Unterzeichnung des Vertrags bezahlen.'" Richard wurde an die Front geschickt und schließlich von der ukrainischen Armee gefangen genommen. "'Sie umzingelten mich, voll bewaffnet. Ich rief: 'Nicht schießen, nicht schießen! Ich bin ein russischer Soldat, ich bin ein russischer Soldat. Bitte, schießen Sie nicht!' Der Kommandant, der Englisch sprach, sagte: 'Kommen Sie raus, machen Sie nur keine Dummheiten, sonst werden Sie es bereuen.' Ich hob meine Hände und ging, so gut ich konnte, hinaus. Ich erinnere mich, dass mir gesagt wurde, dass die Ukrainer uns wie Tiere töten würden, wenn sie uns erwischten. Aber man versprach mir medizinische Hilfe. So kam ich in die Gefangenschaft.'"
Archiv: The Insider
Stichwörter: Ukrainekrieg

Holod (Russland), 15.10.2024

Viktor Schkurenko ist einer der reichsten Männer Sibiriens, lebt weiterhin in Russland und ist gegen den Ukraine-Krieg, schreiben Jewa Belizkaja und Olessja Gerassimenko im oppositionellen russischen Medium Holod (mehr dazu hier und hier die deutsche Übersetzung bei Dekoder). Trotzdem bleibt er weiter auf freiem Fuß. "'Ich bin kein Aktivist, kein Politiker. Ich kann keine Revolution machen. Und ich glaube auch nicht, dass irgendjemand anders sie machen kann. Ich bin nicht für eine Revolution unter Nawalny, sondern für bürgerliche Freiheit, für eine sanfte Revolution! Für einen Machtwechsel, für die Bildung, für liberale Werte.' (...) Er habe nicht die Macht, die Situation im Land zu verändern, sagt Schkurenko. 'Für mich geht nichts über die Marktwirtschaft und die westlichen Demokratien. Aber wie soll ich darauf Einfluss nehmen?', räsoniert er. 'Wenn mein Land diese Richtung einschlägt, freue ich mich. Wenn es seinen eigenen, besonderen Weg sucht, bin ich unglücklich. Als Unternehmer kann ich mein eigenes Glück schmieden, aber da sind noch 140 Millionen andere Menschen im Spiel. In dieser Hinsicht hege ich keine Illusionen. Es hat keinen Sinn, sich vor die Schießscharte zu werfen. Ich werde wütend sein, unglücklich, aber ich will keine Revolution machen, sondern Geld!'" Am Ende zählt eben das Geschäft. "'Ich habe eine negative Einstellung zum Staat, aber ich lebe damit, dass meine Steuern in die Verteidigung fließen, denn in erster Linie bin ich Unternehmer', sagt Schkurenko. 'Das ist meine Selbstverwirklichung. Das ist mein erstes, zweites und zehntes Ich. Ich habe nicht vor, irgendwo hinzugehen, ich arbeite hier, ich lebe hier, ich liebe dieses Land. Wenn ich aufhören würde, Steuern zu zahlen, wäre ich kein Unternehmer mehr. Das wäre, als würde ich aufhören zu atmen.'"
Archiv: Holod
Stichwörter: Russland, Schkurenko, Viktor

La regle du jeu (Frankreich), 06.11.2024

Helen Phillips, "Amants novices", 1952. Foto: Galerie T&L, Paris.

Hundert Jahre Surrealismus! Im Centre Pompidou findet dazu die offizielle Ausstellung statt. Wem das Thema ein bisschen abgegessen erscheint: Es gibt auch durchaus noch Künstler, die man entdecken kann. Lou Kolnikoff verweist auf eine kleine Parallel-Ausstellung in der Pariser Galerie T&L: Stanley William Hayter, vor allem aber seine Frau Helen Phillips. Hayter ist der bekannteste britische Surrealist, er war ein wichtiger Drucker im Umfeld der bekannteren Namen, hat selbst wunderbar filgrane Gemälde geschaffen, die gegen Ende in die Abstraktion münden. Seine Frau Helen Phillips war eine der wenigen Bildhauerinnen des Surrealismus mit vielgestaltigen Skulpturen. "Ihre länglichen Skulturen aus aneinander geschweißten Rohren lassen an Giacometti denken. Wie in Hayters Gemälden sieht der Betrachter durch die Figur hindurch, durch das Liniengeflecht, aus dem die Figuren bestehen: Es sind zarte Figuren, die in anschaulichen Posen dargestellt werden, wie sie im täglichen Leben vorkommen (wie 'Seated Woman' oder 'Enceinte'). Diese Skulpturen wirken trotz ihrer mittleren Größe monumental und laden den Betrachter dazu ein, sie zu umkreisen, wobei jede Seite eine andere Sichtweise bietet, als ob sie sich in einer ständigen Metamorphose und Transformation befänden - ein Prinzip, das dem Surrealismus sehr am Herzen liegt."
Archiv: La regle du jeu

Aktualne (Tschechien), 08.11.2024

Aleš Palán berichtet über neu entdeckte Tagebücher des tschechischen Künstlers und Schriftstellers Jiří Kolář aus den Jahren 1957-1958. Über die politisch schwierigen Zeiten lasse sich Kolář darin weniger aus, doch zeige er sich als rastlos Kulturbesessener und schildere viele Begegnungen mit Gleichgesinnten: "Er hat sich regelrecht von der Kultur ernährt", schreibt Palán, und "seiner Wahrnehmungsfähigkeit scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein (…) Wie ausgetrockneter Boden saugt er Unmengen von Lektüre, Musik und Kunstwerken auf, und er diskutiert unermüdlich, wo es möglich ist, etwa an seinem berühmten Tisch im Prager Café Slavia. (…) Es ist, als gäbe es kein Privatleben, als würde die Kultur an sich das Dasein rechtfertigen." In Kolářs Tagebüchern tauchen auch viele andere Autoren auf, die später berühmt wurden, etwa Václav Havel, Josef Škvorecký und Bohumil Hrabal. "Sie präsentieren sich dem Leser hier am Anfang ihrer Laufbahn, voller Feuer, mit dem sie die Begrenzungen der Zeit durchbrechen oder dies zumindest beharrlich versuchen." Kolář, der 1942 die Avantgarde-Gruppe Skupina 42 mitbegründete, ist im Westen heute vor allem als bildender Künstler mit seinen stilprägenden Collagewerken bekannt, dabei wurde er unter den Kommunisten als Lyriker, wegen seines Gedichtbands "Prometheova játra" (Die Leber des Prometheus) inhaftiert, der als politisches Pamphlet betrachtet wurde. Kolář gehörte später zu den Unterzeichnern der Charta 77 und emigrierte 1979 nach Berlin, dann auf Einladung des Centre Pompidou nach Paris. Wer einen Eindruck davon gewinnen will, "wie Kolář mit Reproduktionen großer Kunstwerke der Vergangenheit arbeitete und ihnen einen neuen Kontext verlieh", dem empfiehlt Aleš Palán die aktuelle Kolář-Ausstellung "Voilà la femme", die noch bis zum 26. Januar nächsten Jahres im Prager Messepalast Veletržní palác läuft.
Archiv: Aktualne

New Lines Magazine (USA), 12.11.2024

Alex Rowell ist leidenschaftlicher Scotch-Trinker, erzählt er. Aber in letzter Zeit packt ihn des Öfteren das schlechte Gewissen, "während er in die wirbelnden Tiefen des Tranks in seinem Glas blickt und seine Lungen mit dem uralten Weihrauch von tausendjährigem Torf füllt." Denn eben der Torf, der dem schottischen Whiskey seinen typischen Geschmack gibt, sorgt derzeit für Probleme, berichtet Rowell. Denn die schottische Regierung erwägt ein Abbau-Verbot des Rohstoffes, aus Gründen des Umweltschutzes. Pro Jahrzehnt entsteht nur ein Zentimeter Torf  durch die Zersetzung von abgestorbenen Torfmoosen in Mooren, erklärt Rowell, das heißt, zunächst einmal wird die Ressource seit langem viel schneller abgebaut, als sie entsteht. Torfboden ist außerdem einer der effektivsten Kohlendioxid-Filter, weil die Böden den Kohlenstoff aus der Luft saugen und speichern - doppelt so effektiv wie Wälder. Wird er hingegen abgebaut, passiert genau das Gegenteil: Die Gase werden freigesetzt und der Luftfilter wird zur "Kohlenstoffbombe". Die Whiskey-Hersteller sind von den Erwägungen der Regierung natürlich wenig begeistert, weiß Rowell, der auf die "Whiskey-Insel" Islay gereist ist und unter anderem feststellen kann, dass sich die Destillerien bei der Suche nach Torf-Alternativen kreativ zeigen. Einige "räuchern ihre Gerste mit Substanzen wie Erlenholz, Birkenrinde, Heidekraut und Wacholderbeeren. Einige mutige Pioniere haben sogar Schafsmist ausprobiert, wie etwa die Belgrove-Destillerie in Tasmanien, Australien, die den treffend 'Wholly Shit' genannten Roggenwhisky herstellt, der nur mit Schafskot geräuchert wird. (In seiner 'Whisky Bible 2024' hat der Bestseller-Kritiker Jim Murray dem Whisky eine begeisterte Kritik gegeben und schwärmte, dass der Rauch 'anhält und anhält und anhält'. Man kann es sich vorstellen.) Es ist auch die Rede davon, den Torfrauchgeschmack künstlich zu synthetisieren, indem man phenolische Verbindungen aus anderen Quellen verwendet. Aber - abgesehen vom tasmanischen Roggen - waren bisher nur wenige dieser Bemühungen von großem Erfolg gekrönt, und diejenigen, mit denen New Lines auf Islay sprach, waren skeptisch, was die Gesamtaussichten angeht."

Um gefährliche Gase, die im Boden lauern, geht es auch in der Reportage von Margaux Solinas und Paloma Laudet. Sie nehmen den Kiwusee in Zentralafrika in den Blick, durch den die Grenze zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo verläuft: Die Loreley hat hier eine Schwester. Legenden erzählen von einer geheimnisvollen Meerjungfrauengöttin, die im See lebt und ahnungslose Matrosen in eine gefährliche Höhle in der Tiefe lockt, erzählen die Autorinnen. Die tatsächliche Gefahr sieht wohl anders aus: Unter der Oberfläche des Sees lagert eine große Menge Methan-Gas - würde es auf einmal entweichen, entstünde eine "limnische Eruption", ein "äußerst seltenes und gefährliches Naturphänomen", wie es schon einmal im Jahr 1986 am Nyos-See in Kamerun auftrat: durch die lautlose Eruption des Gases starben 1.700 Menschen in den umliegenden Dörfern. Aber Methan ist auch eine wertvolle Ressource, erklären die Autorinnen, es verbrennt "sauberer als Kohle und Öl und ist daher eine umweltfreundlichere Option beim Übergang zu erneuerbarer Energie. Darüber hinaus hilft die Nutzung von Methan bei der Abfallbewirtschaftung und kann nachhaltig produziert werden, was die Energiesicherheit erhöht und die lokale Wirtschaft unterstützt." Die ruandische Regierung hat deshalb mit der Förderung begonnen und zu diesem Zweck das Unternehmen KivuWatt gegründet - das Risiko ist unklar" und wird derzeit u.a. von dem Lütticher Limnologen Francois Darchambeau untersucht.

La vie des idees (Frankreich), 31.10.2024

Nicolas Delalande begibt sich mit dem Historiker Louis Warren, einem Spezialisten für den amerikanischen Westen, auf die Spur des "kalifornischen Traums". Ohne Kulturindustrie wäre der nicht entstanden, so Warren. "Es sind die Filme, die der kollektiven Vergangenheit und Zukunft Sinn geben, Filme, die in ihrem schwankenden Licht auf der Leinwand stark den Träumen ähneln. Man vergleicht diese Filme mit den Träumen, die Leute fangen in den Zwanzigern an, über den Hollywood-Traum zu sprechen, vom Traum nach Kalifornien zu gehen, ein Filmstar zu werden. Dies ist der Beginn der Idee, dass man einen Traum braucht, um in der modernen Welt erfolgreich zu sein." Der eigentliche kalifornische Traum in Ergänzung zum amerikanischen Traum beginnt für Warren allerdings erst in den Sechzigern, mit dem wunderbaren Lied "California Dreaming"von den Mamas und den Papas.

Film-Dienst (Deutschland), 08.11.2024

Kino als Ort des illegitimen Begehrens, Kino als Verführung, Kino als Verbrechen. Darüber denkt Leo Geisler in einem von französischer Philosophie grundierten Essay für den Filmdienst nach und ertastet dabei viele Facetten. "Das zweite Verbrechen, dessen sich die Delinquenten im Kinosaal schuldig machen - es handelt sich hierbei um den Hauptanklagepunkt -, ist der Identitätsdiebstahl. Menschen bewegen sich durch die Welt als Subjekte, als Schwerpunkte, Geister oder Zentren, um die sich das Außen, vermittelt durch die Sinnesorgane, krümmt. Dieser Subjektstatus wird im Kino von der entkörperlichten, frei umherspringenden Kamera aufgelöst (und weil der Körper in Vergessenheit gerät, ist es so unerträglich, einen fremden Mund im Kinosaal schmatzen zu hören; man will ihn vierteilen, skalpieren, jemanden aus der Sitzreihe dahinter bitten, ihn mit einer Klavierseite zu erdrosseln). An die Stelle des einen Schwerpunkts rückt der Schnittrhythmus. ... Einen Film sehen heißt, die Selbstamputation wünschen, sich ausstreichen, wegwischen, annullieren. Jeder Mensch, der ins Kino geht, sagt: Ich will etwas anderes sein. Dieses Andere ist eine gespensterhafte Existenz, ein unerwarteter Vampir, eine wimmernde Kreatur, ein durchsichtiger Schläfer, ein unbestimmtes Etwas im riesigen Aquarium unseres Innenlebens. ... Die Gespensterhaftigkeit dieser zweiten, aufgepfropften Existenz liegt darin begründet, dass wir die fremde Welt zwar wahrnehmen, zwar in sie hineingeworfen werden, nicht aber in ihr handeln, nicht mit ihr interagieren können. ... Die Cinephilie lässt uns zur Hölle fahren, weil sie uns zu dem Verbrechen verführt, eine ganze Welt herzuschenken für den Blick in ein anderes Leben, uns dazu verführt, unsere Erinnerung zu bevölkern mit Bildern, die wir bloß ohnmächtig erfahren haben."
Archiv: Film-Dienst
Stichwörter: Cinephilie, Kino, Filmtheorie

New Yorker (USA), 11.11.2024

Edwin Frank ist Verleger in der Klassiker-Abteilung des Buchverlags der New York Review of Books, der obskure ebenso wie bekannte Werke neu auflegt und damit, für Louis Menand im New Yorker zumindest, unerklärlicherweise sein Publikum findet. Frank hat mit "Stranger Than Fiction" nun ein Buch über den Roman des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben - den versteht er als eigenes Genre. Frank interessiert sich vor allem für die Gefühle, die er bei den Lesern auslöst. Anhand von 31 Romanen entwickelt er seine Theorie, die Menand so beschreibt: "Das zwanzigste Jahrhundert war eine Zeit gewaltvoller Veränderung, das reflektiert auch der Roman des zwanzigsten Jahrhunderts - nicht, oder nicht nur, im Inhalt, sondern auch anhand der Form. Wenn die Dinge zusammenhangslos und unverlässlich werden, wenn sich die Welt auf den Kopf stellt, tut das auch der Roman. 'Die Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts werden von der Geschichte überwältigt', so Frank. 'Sie existieren in einer Welt, in der die dynamische Balance zwischen Selbst und Gesellschaft, die der Roman des neunzehnten Jahrhunderts aufrechterhalten wollte, nicht mehr aufrechterhalten werden kann, nicht mal als Fiktion.' Der Romancier des zwanzigsten Jahrhunderts lehnt deshalb die 'scheinheilige, sentimentale und heuchlerische' (Franks Worte) Fiktion des neunzehnten Jahrhunderts ab. Die Autoren haben im Roman eine Form gefunden, die aus dem vorangegangenen Jahrhundert 'als robuste Präsenz mit einer hartnäckigen Neugier auf die Welt und einem gewissen zufriedenen Selbstbewusstsein' hervorgegangen ist, 'eine Form, die gleichzeitig bereit war, die Dinge aufzurütteln, als auch selbst aufgerüttelt zu werden.'" Das zeigt Menand, dass der Roman in der Lage ist, sich zu entwickeln und fast seismographisch auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Aber ob diese Elastizität anhält? Frank übt sich in Skepsis: Er "denkt, dass der Roman vor dreißig Jahren seine Relevanz verloren hat. Romanciers gehen in seiner Wahrnehmung nicht mehr an die Grenzen. Ich denke nicht, dass es so ist. Was mir aber wahr zu sein scheint, ist, dass der Roman nicht mehr im Zentrum des kulturellen Interesses steht."

Jadé Fadojutimi, Cavernous Resonance, 2020


Rebecca Mead besucht in London die 31-jährige Malerin Jadé Fadojutimi in einem - wo sonst? - riesigen alten Lagerhaus: Fadojutimis Gemälde, die sie manchmal in nur wenigen Stunden malt, "sind, wie der Raum, in dem sie entstehen, von großem Ausmaß. Einige ihrer Leinwände sind drei Meter hoch und drei Meter breit, und sie ist sogar noch größer geworden. Innerhalb dieser ehrgeizigen Dimensionen schafft sie komplizierte Werke, die an der Grenze zwischen abstrakt und figurativ schimmern. Inmitten von leuchtenden Einschnitten, schillernden Bögen und eindringlichen Linien kann der Betrachter die Konturen von Blättern, Blumen, Schmetterlingsflügeln, Wellen oder Sonnen erkennen. Doch Fadojutimis wirbelnde Bilder scheinen einen Geisteszustand ebenso einzufangen wie einen Zustand der Natur - sie sind immer energiegeladen und manchmal ekstatisch, blühen in Farbe, Bewegung und Licht auf. Wie der improvisierte Kokon aus Einrichtungsgegenständen und Grünzeug, den sie im Herzen ihres Ateliers installiert hat, laden ihre Bilder zum Eintreten ein. Sie sind ein alternativer Ort zum Verweilen." Um Identität geht es der Tochter zweier Briten nigerianischer Herkunft dabei nicht die Bohne. Ihr Bezugspunkt ist nicht Nigeria, sondern die Welt der japanischen Animé. "Japan ist nach wie vor ein wichtiger Teil ihres Lebens; sie verbringt jeden Winter einige Monate dort und hat festgestellt, dass sie dort nicht nur malen, sondern auch eine Pause vom Malen einlegen kann. Anders als in London kann sie nachts um 3 Uhr ein Restaurant finden, das geöffnet hat, wenn sie oft gerade ein Bild fertiggestellt hat, und sie kann allein essen gehen, ohne sich unsicher zu fühlen."

Weitere Artikel: Eine Reihe von New-Yorker-Mitarbeitern und Autoren, darunter Rachel Maddow, Timothy Snyder und Jennifer Egan, liefern kurze Gedanken zur Wahl Donald Trumps (alle hier). Benjamin Wallace-Wells fragt entgeistert, warum die Demokraten einen derart inhaltslosen Wahlkampf führten. Jackson Arn besucht eine Tattoo-Messe. James Wood liest Devika Reges Debütroman "Quarterlife". Richard Brody sah im Kino Tyler Thomas Taorminas Comedy-Drama "Christmas Eve in Miller's Point". Lesen dürfen wir außerdem Han Kangs Kurzgeschichte "Heavy Snow".
Archiv: New Yorker