Magazinrundschau
Hartnäckige Neugier auf die Welt
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
12.11.2024. In Le Grand Continent analysiert der Historiker Lorenzo Castellani die "beschleunigte Reaktion", die für die Wahl Donald Trumps verantwortlich sei. Die New York Times erzählt eine Geschichte vom Leiden der Uiguren und der Gleichgültigkeit der Welt. The Insider interviewt einen zum russischen Militärdienst gepressten Sierra-Leoner. La Regle du Jeu lernt im Centre Pompidou die britische Surrealistin Helen Phillips kennen. Der Filmdienst feiert das Kino als Ort des illegitimen Begehrens. Der New Yorker denkt über den Roman des zwanzigsten Jahrhunderts nach.
Le Grand Continent (Frankreich), 08.11.2024
Eurozine (Österreich), 11.11.2024
Nach dem Sieg Trumps schauen alle mit bangem Blick Richtung Ukraine: in vierundzwanzig Stunden könne er den Krieg beenden, schwadronierte der neue alte Präsident - doch was bedeutet das für die Ukrainer und Ukrainerinnen? Die Ökonomin Cassia Scott-Jones spielt verschiedene Szenarien durch. Das sechsmonatige Aussetzen der Hilfsmaßnahmen für die Ukraine, die erst im April 2024 endete, hatte schwerwiegende Folgen für die ukrainische Wirtschaft und das Kriegsgeschehen, erinnert Scott-Jones, während dieser Zeit konnten nur 46 Prozent der russischen Raketen abgefangen werden, davor etwa 75 Prozent. Das gibt eine Vorstellung davon, was passieren könnte, wenn Trump die Hilfen aufs Neue drosseln oder ganz aussetzen würde. Gleichzeitig, meint Scott-Jones, "basierte Trumps Narrativ immer auf der Behauptung, Russland hätte es unter seiner Aufsicht nicht gewagt, in die Ukraine einzumarschieren." Die Ökonomin hält es daher für eher unwahrscheinlich, dass Trump die Ukraine gänzlich fallen lassen wird: "Die jüngsten Entwicklungen im diplomatischen Bereich deuten ebenfalls darauf hin, dass Trump zumindest bereit ist, den Dialog mit der Ukraine fortzusetzen. Im Juli führten Trump und Selenskyy ein Telefongespräch, das beide Parteien als konstruktiv bezeichneten. Wenn es Trump nicht gelingt, die russischen Vorstöße einzudämmen, würde dies letztlich Trumps Argument der stärkeren Abschreckung unter seiner Führung untergraben. Die Hilfe könnte zu schlechteren Bedingungen kommen, und es könnte durchaus weniger davon geben, aber seine frühere Flexibilität deutet darauf hin, dass Trumps Position sich ändern könnte, wenn es darum geht, das politische Narrativ der USA als starke, dominante Macht in der Welt aufrechtzuerhalten."En attendant Nadeau (Frankreich), 12.11.2024

New York Times (USA), 12.11.2024
HVG (Ungarn), 07.11.2024
Warum, fragt eine entgeisterte Boróka Parászka, musste Ministerpräsidenten Orbán nach den umstrittenen Wahlen in Georgien, die die pro-russische Regierung als Sieg feierten, nach Tiflis reisen? Was war es wert, "sich vor einer Menge, die ihre Rechte und ihre Würde einfordert, anspucken zu lassen? Sich als Botschafter der Unterdrückung vor den Unterdrückten und Beschämten aufzuspielen? Ist das die Rolle in der Weltpolitik, auf die er sich so lange und so sorgfältig vorbereitet hat? Als Botschafter, als Stellvertreter von Diktatoren, als Überbringer von schlechten Nachrichten durch die Welt zu eilen? Oder ist es ihm völlig egal, was so viele georgische Bürger und eingeschüchterte, in die Enge getriebene Oppositionelle denken, die um ihre Grundrechte fürchten? Wie könnte auch Viktor Orbán mit ihnen solidarisch sein, wenn in Ungarn ähnliche Dinge mit der Zivilbevölkerung und der Presse geschehen, wenn auch in einem anderen Tempo, vielleicht weniger spektakulär, und nicht mit so offener Gewalt, aber mit ähnlichen Methoden. 'Wir waren wie ihr, ihr werdet sein wie wir' - das ist die Inschrift auf dem großen globalen Friedhof der Demokratie. ... In den Ländern, in denen die Demokratie im Niedergang begriffen ist, ist der Name des ungarischen Premierministers eine Schande, ein Fluch."The Insider (Russland), 07.11.2024
Holod (Russland), 15.10.2024
La regle du jeu (Frankreich), 06.11.2024

Hundert Jahre Surrealismus! Im Centre Pompidou findet dazu die offizielle Ausstellung statt. Wem das Thema ein bisschen abgegessen erscheint: Es gibt auch durchaus noch Künstler, die man entdecken kann. Lou Kolnikoff verweist auf eine kleine Parallel-Ausstellung in der Pariser Galerie T&L: Stanley William Hayter, vor allem aber seine Frau Helen Phillips. Hayter ist der bekannteste britische Surrealist, er war ein wichtiger Drucker im Umfeld der bekannteren Namen, hat selbst wunderbar filgrane Gemälde geschaffen, die gegen Ende in die Abstraktion münden. Seine Frau Helen Phillips war eine der wenigen Bildhauerinnen des Surrealismus mit vielgestaltigen Skulpturen. "Ihre länglichen Skulturen aus aneinander geschweißten Rohren lassen an Giacometti denken. Wie in Hayters Gemälden sieht der Betrachter durch die Figur hindurch, durch das Liniengeflecht, aus dem die Figuren bestehen: Es sind zarte Figuren, die in anschaulichen Posen dargestellt werden, wie sie im täglichen Leben vorkommen (wie 'Seated Woman' oder 'Enceinte'). Diese Skulpturen wirken trotz ihrer mittleren Größe monumental und laden den Betrachter dazu ein, sie zu umkreisen, wobei jede Seite eine andere Sichtweise bietet, als ob sie sich in einer ständigen Metamorphose und Transformation befänden - ein Prinzip, das dem Surrealismus sehr am Herzen liegt."
Aktualne (Tschechien), 08.11.2024
New Lines Magazine (USA), 12.11.2024
Alex Rowell ist leidenschaftlicher Scotch-Trinker, erzählt er. Aber in letzter Zeit packt ihn des Öfteren das schlechte Gewissen, "während er in die wirbelnden Tiefen des Tranks in seinem Glas blickt und seine Lungen mit dem uralten Weihrauch von tausendjährigem Torf füllt." Denn eben der Torf, der dem schottischen Whiskey seinen typischen Geschmack gibt, sorgt derzeit für Probleme, berichtet Rowell. Denn die schottische Regierung erwägt ein Abbau-Verbot des Rohstoffes, aus Gründen des Umweltschutzes. Pro Jahrzehnt entsteht nur ein Zentimeter Torf durch die Zersetzung von abgestorbenen Torfmoosen in Mooren, erklärt Rowell, das heißt, zunächst einmal wird die Ressource seit langem viel schneller abgebaut, als sie entsteht. Torfboden ist außerdem einer der effektivsten Kohlendioxid-Filter, weil die Böden den Kohlenstoff aus der Luft saugen und speichern - doppelt so effektiv wie Wälder. Wird er hingegen abgebaut, passiert genau das Gegenteil: Die Gase werden freigesetzt und der Luftfilter wird zur "Kohlenstoffbombe". Die Whiskey-Hersteller sind von den Erwägungen der Regierung natürlich wenig begeistert, weiß Rowell, der auf die "Whiskey-Insel" Islay gereist ist und unter anderem feststellen kann, dass sich die Destillerien bei der Suche nach Torf-Alternativen kreativ zeigen. Einige "räuchern ihre Gerste mit Substanzen wie Erlenholz, Birkenrinde, Heidekraut und Wacholderbeeren. Einige mutige Pioniere haben sogar Schafsmist ausprobiert, wie etwa die Belgrove-Destillerie in Tasmanien, Australien, die den treffend 'Wholly Shit' genannten Roggenwhisky herstellt, der nur mit Schafskot geräuchert wird. (In seiner 'Whisky Bible 2024' hat der Bestseller-Kritiker Jim Murray dem Whisky eine begeisterte Kritik gegeben und schwärmte, dass der Rauch 'anhält und anhält und anhält'. Man kann es sich vorstellen.) Es ist auch die Rede davon, den Torfrauchgeschmack künstlich zu synthetisieren, indem man phenolische Verbindungen aus anderen Quellen verwendet. Aber - abgesehen vom tasmanischen Roggen - waren bisher nur wenige dieser Bemühungen von großem Erfolg gekrönt, und diejenigen, mit denen New Lines auf Islay sprach, waren skeptisch, was die Gesamtaussichten angeht."Um gefährliche Gase, die im Boden lauern, geht es auch in der Reportage von Margaux Solinas und Paloma Laudet. Sie nehmen den Kiwusee in Zentralafrika in den Blick, durch den die Grenze zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo verläuft: Die Loreley hat hier eine Schwester. Legenden erzählen von einer geheimnisvollen Meerjungfrauengöttin, die im See lebt und ahnungslose Matrosen in eine gefährliche Höhle in der Tiefe lockt, erzählen die Autorinnen. Die tatsächliche Gefahr sieht wohl anders aus: Unter der Oberfläche des Sees lagert eine große Menge Methan-Gas - würde es auf einmal entweichen, entstünde eine "limnische Eruption", ein "äußerst seltenes und gefährliches Naturphänomen", wie es schon einmal im Jahr 1986 am Nyos-See in Kamerun auftrat: durch die lautlose Eruption des Gases starben 1.700 Menschen in den umliegenden Dörfern. Aber Methan ist auch eine wertvolle Ressource, erklären die Autorinnen, es verbrennt "sauberer als Kohle und Öl und ist daher eine umweltfreundlichere Option beim Übergang zu erneuerbarer Energie. Darüber hinaus hilft die Nutzung von Methan bei der Abfallbewirtschaftung und kann nachhaltig produziert werden, was die Energiesicherheit erhöht und die lokale Wirtschaft unterstützt." Die ruandische Regierung hat deshalb mit der Förderung begonnen und zu diesem Zweck das Unternehmen KivuWatt gegründet - das Risiko ist unklar" und wird derzeit u.a. von dem Lütticher Limnologen Francois Darchambeau untersucht.
La vie des idees (Frankreich), 31.10.2024
Film-Dienst (Deutschland), 08.11.2024
Kino als Ort des illegitimen Begehrens, Kino als Verführung, Kino als Verbrechen. Darüber denkt Leo Geisler in einem von französischer Philosophie grundierten Essay für den Filmdienst nach und ertastet dabei viele Facetten. "Das zweite Verbrechen, dessen sich die Delinquenten im Kinosaal schuldig machen - es handelt sich hierbei um den Hauptanklagepunkt -, ist der Identitätsdiebstahl. Menschen bewegen sich durch die Welt als Subjekte, als Schwerpunkte, Geister oder Zentren, um die sich das Außen, vermittelt durch die Sinnesorgane, krümmt. Dieser Subjektstatus wird im Kino von der entkörperlichten, frei umherspringenden Kamera aufgelöst (und weil der Körper in Vergessenheit gerät, ist es so unerträglich, einen fremden Mund im Kinosaal schmatzen zu hören; man will ihn vierteilen, skalpieren, jemanden aus der Sitzreihe dahinter bitten, ihn mit einer Klavierseite zu erdrosseln). An die Stelle des einen Schwerpunkts rückt der Schnittrhythmus. ... Einen Film sehen heißt, die Selbstamputation wünschen, sich ausstreichen, wegwischen, annullieren. Jeder Mensch, der ins Kino geht, sagt: Ich will etwas anderes sein. Dieses Andere ist eine gespensterhafte Existenz, ein unerwarteter Vampir, eine wimmernde Kreatur, ein durchsichtiger Schläfer, ein unbestimmtes Etwas im riesigen Aquarium unseres Innenlebens. ... Die Gespensterhaftigkeit dieser zweiten, aufgepfropften Existenz liegt darin begründet, dass wir die fremde Welt zwar wahrnehmen, zwar in sie hineingeworfen werden, nicht aber in ihr handeln, nicht mit ihr interagieren können. ... Die Cinephilie lässt uns zur Hölle fahren, weil sie uns zu dem Verbrechen verführt, eine ganze Welt herzuschenken für den Blick in ein anderes Leben, uns dazu verführt, unsere Erinnerung zu bevölkern mit Bildern, die wir bloß ohnmächtig erfahren haben."New Yorker (USA), 11.11.2024
Edwin Frank ist Verleger in der Klassiker-Abteilung des Buchverlags der New York Review of Books, der obskure ebenso wie bekannte Werke neu auflegt und damit, für Louis Menand im New Yorker zumindest, unerklärlicherweise sein Publikum findet. Frank hat mit "Stranger Than Fiction" nun ein Buch über den Roman des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben - den versteht er als eigenes Genre. Frank interessiert sich vor allem für die Gefühle, die er bei den Lesern auslöst. Anhand von 31 Romanen entwickelt er seine Theorie, die Menand so beschreibt: "Das zwanzigste Jahrhundert war eine Zeit gewaltvoller Veränderung, das reflektiert auch der Roman des zwanzigsten Jahrhunderts - nicht, oder nicht nur, im Inhalt, sondern auch anhand der Form. Wenn die Dinge zusammenhangslos und unverlässlich werden, wenn sich die Welt auf den Kopf stellt, tut das auch der Roman. 'Die Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts werden von der Geschichte überwältigt', so Frank. 'Sie existieren in einer Welt, in der die dynamische Balance zwischen Selbst und Gesellschaft, die der Roman des neunzehnten Jahrhunderts aufrechterhalten wollte, nicht mehr aufrechterhalten werden kann, nicht mal als Fiktion.' Der Romancier des zwanzigsten Jahrhunderts lehnt deshalb die 'scheinheilige, sentimentale und heuchlerische' (Franks Worte) Fiktion des neunzehnten Jahrhunderts ab. Die Autoren haben im Roman eine Form gefunden, die aus dem vorangegangenen Jahrhundert 'als robuste Präsenz mit einer hartnäckigen Neugier auf die Welt und einem gewissen zufriedenen Selbstbewusstsein' hervorgegangen ist, 'eine Form, die gleichzeitig bereit war, die Dinge aufzurütteln, als auch selbst aufgerüttelt zu werden.'" Das zeigt Menand, dass der Roman in der Lage ist, sich zu entwickeln und fast seismographisch auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Aber ob diese Elastizität anhält? Frank übt sich in Skepsis: Er "denkt, dass der Roman vor dreißig Jahren seine Relevanz verloren hat. Romanciers gehen in seiner Wahrnehmung nicht mehr an die Grenzen. Ich denke nicht, dass es so ist. Was mir aber wahr zu sein scheint, ist, dass der Roman nicht mehr im Zentrum des kulturellen Interesses steht."
Weitere Artikel: Eine Reihe von New-Yorker-Mitarbeitern und Autoren, darunter Rachel Maddow, Timothy Snyder und Jennifer Egan, liefern kurze Gedanken zur Wahl Donald Trumps (alle hier). Benjamin Wallace-Wells fragt entgeistert, warum die Demokraten einen derart inhaltslosen Wahlkampf führten. Jackson Arn besucht eine Tattoo-Messe. James Wood liest Devika Reges Debütroman "Quarterlife". Richard Brody sah im Kino Tyler Thomas Taorminas Comedy-Drama "Christmas Eve in Miller's Point". Lesen dürfen wir außerdem Han Kangs Kurzgeschichte "Heavy Snow".
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