Magazinrundschau
Die Vögel des Friedens weinen in Käfigen
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
17.10.2023. Die London Review versucht den Konflikt um die Republik Arzach in Bergkarabach aufzudröseln. Himal hört, wie sich die alltägliche Entrechtung der Paschtunen in Pakistan in ihrer Lyrik niederschlägt. Die komische ungarische Gegenwart ist fantastischer literarischer Stoff, versichert Lajos Parti Nagy in HVG. Es wird niemals eine Entputinisierung in Russland geben, fürchtet Michail Schischkin in Desk Russie. In Quietus erklärt Thurston Moore von Sonic Youth, wie man stilvoll ausverkauft. Der New Yorker erforscht das äußerst lukrative Geschäft mit CO2-Kompensationen.
London Review of Books | Quillette | Elet es Irodalom | New Yorker | Himal | HVG | Guardian | Desk Russie | Aktualne | Quietus | Hakai
London Review of Books (UK), 16.10.2023
Tom Stevenson blickt auf die international nie anerkannte Republik Arzach in der kaukasischen Region Bergkarabach zurück, die seit der militärischen Eroberung durch das sie umgebende Aserbaidschan und die Vertreibung der armenischen Bevölkerungsmehrheit im September diesen Jahres nicht mehr existiert. Die armenische Enklave war seit dem Ende der Sowjetunion Gegenstand politischer und immer wieder auch militärischer Auseinandersetzungen zwischen Aserbaidschan und Armenien. Was also hatte es mit der der Republik Arzach auf sich? "Als Armenien die frühere Autonome Oblast Bergkarabach eroberte, vertrieben es Tausende Aserbaidschaner, zehntausende Zivilisten starben. Aus aserbaidschanischer Perspektive und vermutlich auch aus der des Völkerrechts war Arzach eine illegale Entität. In Armenien wurde es als wichtiger Teil des modernen armenischen Staats betrachtet. Zu verteidigen gelte es Arzach aus diesem Grund, aber auch, weil die Menschen, die damals dort wohnten, offensichtlich nicht unter aserbaidschanischer Herrschaft leben wollten. Die Republik Arzach war Folge eines historischen Trends: das Ende der ethnischen Durchmischung kaukasischer Städte, die sich in den letzten Jahren der Sowjetunion rapide beschleunigt hatte." Jetzt hat also Aliyevs Aserbaidschan die Kontrolle über die Region. Stevenson lässt keinen Zweifel daran, dass die Flucht der Armenier Teil des Plans Aliyevs war und dass es sich damit um einen erneuten Fall von ethnischer Säuberung handelt. Die alleinige Schuld an der Eskalation möchte er Aserbaidschan allerdings nicht zuweisen: "Arzach war immer eine eigene Krise mit eigenen, lokalen Zusammenhängen. Die aserbaidschanische Regierung stellte es so dar, als würde sie die Gunst der Stunde nutzen, als sie im September in der Gegend militärisch aktiv wurde. 'Wir hätten das nicht früher tun können und länger zu warten wäre auch keine gute Idee gewesen', meint der aserbaidschanische Botschafter in Großbritannien. 'Die Operation stand unter einem günstigen Stern'. Auch deshalb, weil Europa dabei ist, die Beziehungen zu Aserbaidschan zu verbessern. (...) Im Juli letzten Jahres reiste Ursula von der Leyen nach Baku, um Aliyev zu treffen und einen Vertrag zu unterschreiben, der den europäischen Bezug von Erdgas aus Aserbaidschan verdoppelt."Judith Butler meldet sich zur aktuellen Nahostkrise zu Wort. Sie verurteilt die Massaker der Hamas und kritisiert auch Organisationen wie das Harvard Palestine Solidarity Committee, die die Terrororganisation von jeder Schuld freispricht und einzig das "Apartheidsregime" Israels für verantwortlich erklärt. Allerdings will sie es dabei nicht bewenden lassen und legt insbesondere Wert darauf, dass Hinweise auf den Ursprung des Konflikts nicht als Relativierung ausgelegt werden: "Einige Leute befürchten zurecht, dass jede Kontextualisierung der Gewalttaten der Hamas dazu genutzt werden wird, die Hamas zu entlasten, oder die Aufmerksamkeit von den Schrecken abzulenken, den sie hervorgerufen hat. Aber was, wenn dieser Schrecken selbst zur Kontextualisierung führt? Wo beginnt der Schrecken und wo endet er? ... Wenn entschieden wird, dass wir nicht wissen müssen, wie viele palästinensische Kinder und Jugendliche in der West Bank und in Gaza während der Besatzungszeit getötet wurden, wenn diese Information nicht als notwendig für die Beurteilung der Angriffe auf Israel und die Tötung von Israelis gehalten wird, dann haben wir uns entschieden, dass wir nicht die Geschichte der Gewalt, der Trauer und des Zorns kennen möchten, wie sie von Palästinensern gelebt wird." (Und das soll jetzt keine Relativierung sein?)
Himal (Nepal), 16.10.2023
Dalta da bal shante da sarru raaj dy
Dalta da ghatu topaku raaj dy
Pa hagha kaly ke dolay qaht shwe
Bas pa ogu da janazu raaj dy
Dieses Land wird von einer anderen Art von Lebewesen regiert
Dieses Land wird von großen Kanonen regiert
Hört zu! In dieser Stadt herrscht eine Hungersnot an Dolis
Die Schultern werden stattdessen zum Tragen von Leichenbahren benutzt.
Hier verwendet Umeed starke kulturelle Symbole, um die neue Lebenswirklichkeit zu vermitteln. In den paschtunischen Ländern - einschließlich Swat, der Heimat des Dichters - war es Tradition, eine Braut auf einer Doli, einer mit Blumen, Spiegeln und Kristallen geschmückten Sänfte, vom Elternhaus in ihr neues Heim zu tragen. Heute benutzen paschtunische Männer ihre Schultern, um stattdessen die Leichenbahren zu den Friedhöfen zu tragen."
HVG (Ungarn), 12.10.2023
Der Schriftsteller Lajos Parti Nagy unterhält sich anlässlich seines siebzigsten Geburtstages mit Zsuzsa Mátraházi über die politische Situation in Ungarn, die nervt, aber auch interessant ist: "Denn dieser Berg von Themen, diese tragische und komische ungarische Absurdität, die auf den Straßen, also in der Öffentlichkeit brodelt und stinkt, ist ein fantastischer literarischer Stoff. Es ist eine kontinuierliche, sich verdüsternde Dystopie, die unter die Haut geht, die gemeinsame Haut, denn die Zuschauer sind auch Darsteller. Ich schreibe regelmäßig, alle fünf Wochen, ein Richtung Publizistik neigendes Feuilleton. (...) Ich schreibe 'dokumentarisch', aber mit immer weniger Begeisterung. Ich mache mir keine Illusionen über die Wirkung. Die Handvoll Oppositionszeitungen befinden sich praktisch in einer Blase, abgeschnitten vom Großteil der Öffentlichkeit. Diese Regierung sollte gestürzt werden. Aber in Ungarn gibt es derzeit keine Kraft, die einen radikalen Wandel herbeiführen kann. Leider müssen wir zugucken, auch wenn es schwer zu akzeptieren ist. Ich glaube, dass dieser Mafiastaat nicht als innere Angelegenheit Ungarns zusammenbrechen wird und es wird dann nicht möglich sein, aus der Sache gut herauszukommen. Ich hätte keine Ahnung wie."Guardian (UK), 16.10.2023
Desk Russie (Frankreich), 14.10.2023
Wer in Russland und auf Russisch aufgewachsen, trägt den Imperialismus und eine Sprache der Gewalt schon in sich, schreibt Michail Schischkin in einem verzweifelten und düsteren Text. Russland wird diese Tradition der Gewalt kaum abwerfen können. Eine "Entputinisierung" wird es nicht geben: "In abgelegenen russischen Städten werden die Büros der Nato-Kommandeure keine Plakate mit ermordeten ukrainischen Kindern aufhängen, Plakate, auf denen steht: 'Das ist eure Schuld, die Schuld eurer Stadt', wie es die Amerikaner in Deutschland nach dem Krieg getan haben. Auf der russischen Landkarte wird es kein Nürnberg geben. Es wird keine russische Reue geben. Diejenigen, die nach Putin kommen, werden nicht in Butscha, Mariupol, Prag, Budapest, Vilnius oder Tiflis niederknien. so etwas macht ein Zar nicht. Darum wird es auch keinen Marshallplan geben. Aber einen Handschlag mit dem ersten Kremlchef, der dem Westen verspricht, das rostige Atomwaffenarsenal Russlands zu kontrollieren."Aktualne (Tschechien), 10.10.2023
Quietus (UK), 10.10.2023

Von ihrem Album "Goo" stammt auch dieser bis heute großartige Song samt großartigem Video:
Hakai (Kanada), 10.10.2023
Abigail Geiger und Gabriela Tejeda werfen einen sorgenvollen Blick auf die Florida Bay, die zwar für ihre herrlichen Sommer bekannt ist, aber von krassen Hitzewellen ökologisch existenziell gefährdet ist. In den zurückliegenden Monaten ließ sich das gut beobachten. "Mit der Bucht und der Gegend ringsum ging es im frühen Juli 2023 rapide nach unten, als die Erde an vier aufeinanderfolgenden Tagen die höchste globale Durchschnittstemperatur seit Beginn der Aufzeichnungen erlebte. Wochen intensiver Hitze, verschlimmert von den ausbleibenden Sommerregenduschen, führten in den flacheren Stellen der Florida Bay zu Temperaturen von 38 Grad. Während des brütenden Wetters verzeichnete die benachbarte Manatee Bay eine alarmierende Wassertemperatur von 38,4 Grad - wohl ein Weltrekord. Der Forscher Jerry Lorenz erinnert sich, dass er es beim Schnorcheln in der Florida Bay zu heiß fürs Schwimmen fand. 'Es war unangenehm', sagt er. 'Als ich unter den Mangroven schwamm, war einfach alles voller Fische. Mir ging einfach nur der Gedanke durch den Kopf, dass die Kerle versuchen, im Schatten zu bleiben.' ... Die frappierenden Effekte der Hitzewelle auf die Bay mögen zum Teil dafür verantwortlich sein, dass weite Flächen der Korallen ausgebleicht sind und auf der atlantischen Seite des Korallenriffs eine hohe Sterblichkeit vorliegt. Die hohe Hitze dieses Jahre ließ einen großen Teil des Buchtwassers verdunsten, das damit sehr salzig und dicht wurde. Unter normalen Bedingungen, wenn die natürlichen Gezeiten das Buchtwasser in den Atlantik ziehen, sitzt das warme Wasser der Ozeanoberfläche oben auf. Doch dieses Mal geschah etwas Ungewöhnliches: Das extrem heiße und salzige Wasser sank unter das kühlere Wasser des Atlantiks - ein Phänomen namens umgekehrte Thermokline - und erstickte die Korallen neun Meter weiter unten mit seinen extremen Temperaturen. Die Folgen waren eine flächendeckende Korallenbleiche und, in manchen Fällen, sofortiger Tod. Heißeres, salzigeres Wasser stellt für Meereslebewesen eine ernsthafte Bedrohung dar. Sie halten nur ein gewisses Maß an Stress aus, bevor ihre Metabolismen zu kollabieren beginnen. Solche Belastungen können zu Bleichung, abgestorbenem Seegras, übermäßigem Algenwuchs und toten Fischen führen. Wenn der Salzgehalt der Florida Bay an mehr als zehn oder fünfzehn Tagen pro Jahr das Level des Atlantiks erreicht, 'dann gerät das ganze System aus dem Gleichgewicht', sagt Lorenz."Quillette (Australien), 10.10.2023
Elet es Irodalom (Ungarn), 13.10.2023
János Széky staunt über die deutlichen Reaktionen der ungarischen Regierung auf den Angriff der Hamas auf Israel. "Es scheint, dass die ungarische Regierung doch Recht von Unrecht unterscheiden kann. Kein 'sofortiger Waffenstillstand', kein 'lasst die Verhandlungen beginnen', kein slawischer (oder in diesem Falle antisemitischer) 'interner Krieg', der uns nichts angeht, kein 'wir können über Kriegsverbrechen nach dem Krieg sprechen'. Das ist die Stimme der Normalität, des gesunden Menschenverstandes, die in ihren Erklärungen zum russischen Krieg gegen die Ukraine so schmerzlich und beschämend fehlte (...) Bevor sich jemand aber Illusionen über eine Art plötzliche Ernüchterung macht und glaubt, dass die Regierung die Situation schnell durchschaut und festgestellt hat, dass die Wahrheit auf Israels Seite ist, möchte ich darauf hinweisen, dass sie schon immer in der Lage war, Recht von Unrecht zu unterscheiden. (…) Es ist ihr nur egal. Gäbe es ein geschäftliches Interesse an der Hamas, würden die Verurteilungen nicht so laut ausfallen. Aber wie im russisch-ukrainischen Krieg mit Putins Klientel, so hat Orban in diesem Dauerkonflikt ein geschäftliches Interesse an Netanjahu, zumindest im weiteren Sinne, insofern, als die maximale Konzentration seiner eigenen Macht ein Geschäft ist (das sich schließlich in finanziellen Gewinn ummünzen lässt). Das wäre nicht möglich gewesen ohne die politischen Berater, die er mit Netanjahu teilt, und auch nicht ohne die Software Pegasus, die er gegen interne Kritiker einsetzen kann und die ihm Netanjahu vermittelt hat. Es ist ein glücklicher Zufall, dass das Interesse am gegenwärtigen Krieg mit dem übereinstimmt, was Menschlichkeit und Anstand, ganz zu schweigen von den aktuellen Werten der westlichen Zivilisation diktieren."New Yorker (USA), 16.10.2023
CO2-Kompensation eignet sich hervorragend, um mit dem schlechten Gewissen von Firmen einen Haufen Geld zu verdienen, stellt Heidi Blake am Beispiel des Schweizer Unternehmens South Pole fest, das mehr als ein Jahrzehnt lang solche Kohlenstoff-Kredite vermittelt und verkauft hat - mit zweifelhaftem Erfolg. Verfolgt haben die Schweizer "viele große Projekte, darunter ein ausgedehntes Netz von Wasserkraftanlagen in den Bergen des südwestlichen Chinas. Danach hat die Firma rapide expandiert. Ihre Gründer haben sich auf Asien, Afrika und Lateinamerika verteilt und viele hundert Projekte unter Vertrag genommen. Bald hatte South Pole Geschäftstellen in Thailand, Mexiko, Indonesien und Indien eröffnet. Mitarbeiter, die bald als 'Pinguine' bekannt waren, haben neue Angestellte mit dem Schlachtruf 'Willkommen im Eisberg' begrüßt. In den Jahren nach der Implementierung des Kyoto-Protokolls wurde tausende Projekte unter dem Clean Development Mechanisms-Programm der UN registriert und hunderte Millionen Kohlenstoff-Kredite ausgestellt, jeder von ihnen im Wert von einer Tonne Kohlenstoff. Mit dem wachsenden Markt hat sich aber auch die Frage nach der Integrität dieser Projekte gestellt. Wissenschaftler fragen sich, ob die Entwickler den Einfluss ihrer Projekte überschätzen. Gerade Umweltforscher haben Klima-Kompensation als System sinnentleerter Ablassbriefe abgekanzelt. Eine Online-Parodie lädt untreue Ehepartner dazu ein, jemand anderen fürs Treusein zu bezahlen: "Wenn du Cheat Neutral bezahlst, finanzierst du monogamiebestärkende Kompensationsprojekte." Bei einem Klimagipfel reagieren auch die Fridays for Future-Aktivisten auf den von ihnen als unsinnig wahrgenommenen Ablasshandel: Greta "Thunberg und andere Demonstranten wurden beim Singen draußen gefilmt: 'Ihr könnt euch eure Klima-Krise in den Arsch schieben.' Später hat sie ein Addendum getweetet: 'Ich habe beschlossen, Schimpfwort- und Fluch-neutral zu werden. Für den Fall, dass ich etwas Unangemessenes sage, schwöre ich, das zu kompensieren, indem ich etwas Nettes sage.'"Weiteres: Nathan Heller fragt: Was ist mit San Francisco passiert? Jackson Arn besucht die Manet/Degas-Ausstellung im Metropolitan Museum of Art. Ian Buruma liest Gary J. Bass' "erschöpfendes und faszinierendes" Buch über das Tokio-Tribunal nach dem Zweiten Weltkrieg, "Judgment at Tokyo: World War II on Trial and the Making of Modern Asia". Amanda Petrusich hört Troye Sivans Album "Something to Give Each Other".
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