Magazinrundschau

In Gold, Silber und Elfenbein

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
11.06.2019. Tablet schildert das Dilemma der weißen Linken in den USA. La vie des idees präsentiert ein großes Dossier zum grassierenden Begriff der "Rasse". Stephen Holmes und Ivan Krastev analysieren in Eurozine die Angst vor der Diversität in Osteuropa. In Magyar Narancs sieht Agnes Heller schwarz für die ungarische Akademie der Wissenschaft. Die New York Review of Books liest, wie das Königreich Kongo einst Portugal die Zähne zeigte. Der Film-Dienst möchte an das Archivmaterial der Öffentlich-Rechtlichen.

Tablet (USA), 05.06.2019

Zach Goldberg belegt mit Hilfe einiger erstaunlicher Zahlen, wie weit nach links in den letzten Jahren ein Teil der weißen amerikanischen Liberalen gerückt ist. So weit, dass sie sich in einem noch wenig thematisierten moralischen Dilemma befinden. Zunächst die Zahlen: Nach einer jüngsten Umfrage sind weiße Liberale die einzige demografische Gruppe, die andere ethnische Communities gegenüber der eigenen bevorzugen. Von 2000 bis heute ist die Zahl der Befürworter von mehr Einwanderung von 10 Prozent auf 50 Prozent gestiegen und die Zahl derjenigen, die die Bevorzugung Schwarzer bei der Jobvergabe (affirmative action) befürworten, von 20 auf 40 Prozent. Von 1978 bis 2014 sympathisierten weiße Liberale mehr mit Israel als mit den Palästinensern, das hat sich seitdem umgedreht. Sind weiße Liberale also besonders fortschrittlich? "In gewisser Weise wird niemand durch die Politik der weißen Liberalen in eine angespanntere und problematischere Position gebracht als die weißen Liberalen selbst. Die wache (woke) Elite verhält sich wie der weiße Retter, der den Rest des Landes, einschließlich der rassischen Minderheiten, deren Interessen er zu vertreten vorgibt, zu einer Vision von Gerechtigkeit führen muss, die die weniger aufgeklärten Gruppen nicht selbst wählen würden. Schwarze und asiatische Demokraten und Liberale würden zum Beispiel eine restriktive Einwanderungspolitik deutlich stärker unterstützen und die ethnische Vielfalt weniger positiv bewerten als ihre weißen Kollegen. Schwarze und hispanische Demokraten und Liberale sympathisieren mehr mit Israel als mit den Palästinensern (wahrscheinlich zum Teil aufgrund der Tatsache, dass sie eher religiös sind). Sie sind auch eher geneigt, sich bei aktuellen sozialen und geschlechtsspezifischen Fragen abzugrenzen, das betrifft auch die Ansichten der #MeToo-Bewegung. Insgesamt sind die Einstellungen und politischen Präferenzen der wachen weißen Linken nicht repräsentativ für die 'marginalisierten Gemeinschaften', deren Verbündete sie angeblich sind, auch wenn sie in einigen Fragen übereinstimmen. Und da weiße Liberale eine führende Rolle in der Parteipolitik spielen, scheinen die Demokraten, die sich zunehmend durch ihre positive Einstellung zu Vielfalt und Gerechtigkeit gegenüber marginalisierten Gruppen definieren, sich zumindest teilweise in Richtung einer kleinen weißen Elite zu entwickeln."
Archiv: Tablet

La vie des idees (Frankreich), 11.06.2019

Juliette Galonnier und Jules Naudet präsentieren ein Riesen-Dossier zum grassierenden Begriff der "Rasse", der mehr und mehr auch in den Sozialwissenschaften zur Beschreibung sozialer Zustände dient - auch in Frankreich, das in seiner laizistischen Tradition noch nicht mal Statistikern der Bevölkerung nach Hautfarbe oder Herkunft zulässt. Sie befragen in einer ganzen Gesprächsreihe Politologinnen und Soziologen. Das erste Gespräch handelt von "Race et intersectionnalité" und liefert den heute üblichen akademischen Sprech zum Thema. Vor allem sind die Forscherinnen damit beschäftigt, so scheint es, den Gebrauch des Begriffs auch vor sich selbst zu rechtfertigen. Das Publikum scheint dagegen keinen Bedarf zu haben: Bei Umfragen in Frankreich zeigt sich, dass der Anteil derer, die finden, "dass es Rassen gibt, die anderen überlegen sind", in Frankreich von 15 auf 8 Prozent der Bevölkerung gesunken ist, sagt die Politologin Nonna Mayer. Dennoch hat der Begriff gerade in der akademischen Linken Hochkonjunktur, und zwar völlig zurecht, findet Mayer: "Die Sozialwissenschaften können auf diesen Begriff nicht verzichten. Es handelt sich nicht darum, a priori 'Rassen' zu definieren, sondern die Art und Weise zu erkunden, in der Gesellschaften den 'Anderen' (die Juden, die Schwarzen, die Rom) sehen und ihnen homogene und permanente Züge andichten, die sie essenzialisieren. Das Phänomen ist gerade deshalb so verfänglich, weil Rassismus nach seinen mörderischen Extremen seit dem Zweiten Weltkrieg zu einem Tabuthema wurde und indirekte Ausdrucksformen entwickelt hat, die in der Demokratie akzeptabler erscheinen." Mit anderen Worten: Auch wenn die Gesellschaft toleranter wird, sollten es ihr die Soziologen auf keinen Fall glauben.