Magazinrundschau

Verrückte Wände

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
14.08.2018. Ohne die kleinen Magazine gibt es keine neue Architektur, ruft Eurozine. Der Believer hört Miles Davis' "Nardis" mit Bill Evans. In Novinki erinnert der Regisseur Robert Sedláček an den Studenten Jan Palach. Spiked staunt über die Apartheid in Amsterdam. Le Monde diplomatique besucht Swasiland, die letzte absolute Monarchie Afrikas. Der Guardian versucht zu begreifen, warum Matteo Salvinis national-soziale Politik so gut bei den Italienern verfängt. Die NYT zieht eine desaströse Bilanz des Afghanistankrieges.

Eurozine (Österreich), 27.07.2018

Casabella 367 (1972); Domus, 487 (1970); Archigram 4 (1964); Bau, Januar 1969
Ein einflussreicher Architekt wird man nicht in erster Linie durch seine Gebäude, sondern durch seine Ideen. Beispiel Mies van der Rohe, dessen Ruhm in der ersten Hälfte der Zwanziger aus fünf Projekten entstand, die nie gebaut, sondern nur in Magazinen veröffentlicht wurden. Überhaupt war das Moderne an modernen Architekten nicht ihr Baumaterial, sondern ihr Zusammenspiel mit den Medien, meint Beatriz Colomina, die ein enthusiastisches Loblied auf die kleinen Magazine singt: "Die Geschichte der Avantgarde in der Kunst, in der Architektur und in der Literatur kann man nicht trennen von der Geschichte ihres Engagements mit den Medien. Und das nicht nur, weil Avantgardisten die Medien genutzt haben, um ihre Arbeit bekannt zu machen. Ihre Arbeit existierte einfach nicht vor ihrer Veröffentlichung. Futurismus gab es vor der Veröffentlichung des Futuristischen Manifests in Le Figaro 1909 nicht wirklich. Adolf Loos existierte nicht vor der Veröffentlichung seiner polemischen Schriften in den Tageszeitungen und in seiner eigenen kleinen Zeitschrift Das Andere (1903). Le Corbusier existierte nicht vor seiner Zeitschrift L'Esprit Nouveau (1920-25) und den Büchern, die aus ihren polemischen Seiten hervorgingen (Vers une architecture, Urbanisme, L'art decoratif d'aujourd'hui, Almanach). ... Diese Magazine berichteten nicht über die Welt. Sie brüteten ganz neue Welten aus und gaben Einblicke in Gesellschaften, die unter völlig anderen physischen, sozialen und intellektuellen Regeln leben. Jedes kleine Magazin ist eine transportable Utopie, ein von konventioneller Logik unbegrenzter Raum. Es perforiert die reale Welt mit alternativen Visionen, deren Wirkung mit jeder Wiederholung und viralen Verbreitung multipliziert wird. Frei von den Zwängen der Schwerkraft, der Finanzen, der sozialen Konventionen, der technischen Hierarchien und Verantwortlichkeiten, führt das sich ständig erweiternde Netzwerk von kleinen Magazinen zu einer neuen Architektur. Die transportable Utopie wird zur realen Baustelle."
Archiv: Eurozine

Believer (USA), 30.09.2018

Wunder der Musik in Zeiten des Internets. Miles Davis schrieb einst eine Melodie, zugleich seltsam fanfarenhaft, spröde und in e-moll. Ihr Name ist "Nardis". Davis selbst hat sie nie gespielt. Diese Melodie ist inzwischen längst ein Jazz-Standard, Hunderte Male aufgenommen, besonders verknüpft aber mit Bill Evans, der seine Karriere bei Miles Davis startete. Steve Silberman widmet dieser Melodie einen wunderbar kennerhaften Essay, geht einige der schönsten Aufnahmen der Melodie durch und landet doch immer wieder beim großartigen, traurigen Bill Evans. Man könnte sich fragen, ob Silberman überhaupt je etwas anderes hört: "Für den Hörer, der ich bin, ist 'Nardis' eine komplette Obsession. Ich habe mehr als neunzig offizielle und Bootleg-Versionen dieses Standards in meiner Cloud gepeichert, in einer beweglichen, stets aktualisierten Rangfolge geordnet. Sie folgen mir, wohin immer ich gehe."

Hier die erste Aufnahme des Stücks vom Cannonball-Adderley-Quintett, für das Davis es ursprünglich schrieb. Evans ist dabei. Die Aufnahme kam wegen der sperrigen Melodie nicht ohne Widerstände zustande - hier hört man die Melodie zuerst von der Trompete, strahlend und eckig. Aber nur Evans hat die Melodie wirklich verstanden, versicherte Miles Davis.

Archiv: Believer

Novinky.cz (Tschechien), 10.08.2018

Auf den Tag genau fünfzig Jahre nach dem Einmarsch der Russen in Prag läuft am 21. August in den tschechischen Kinos der Film "Jan Palach" an, die nachempfundene Geschichte des Studenten Palach, der sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst verbrannte (tschechischer Trailer). Gemäß dem Drehbuch der Schriftstellerin und ehemaligen Dissidentin Eva Kantůrková hat sich Regisseur Robert Sedláček auf die Monate konzentriert, die Palachs Freitod im Januar 1969 vorausgingen, und erzählt im Gespräch mit Zbyněk Vlasák: "Die wenigsten machen sich heute klar, dass die Monate nach dem August 1968 freier waren als die Zeit davor. Man konnte ohne Pass in den Westen reisen, ohne dass die Grenzbeamten einen kontrollierten, es wurde einem sogar noch gute Reise gewünscht. Auch Palach fuhr übrigens erst nach dem Sowjeteinmarsch zur Erntehilfe nach Frankreich. Und gerade Palach hat durch seine große Sensibilität als Erster begriffen, dass diese enorme Freiheit zwangsläufig in ihr Gegenteil umschlagen würde (…) Deshalb mögen ihn viele Menschen nicht, denn als er das Streichholz anzündete, haben sie noch einen auf Euphorie gemacht. (…) Es musste erst Palach kommen, damit man aus dieser Illusion aufwachte." Als er seinen Film anging, war Sedláček zunächst stark beeinflusst von der These des Philosophen Václav Bělohradský, dass es sich bei dem Mythos des Prager Frühlings und der Dubček-Schwärmerei um politischen Kitsch gehandelt habe. "Aber dann wurde mir klar, dass das so nicht geht. Dass die Leute wirklich an den 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' geglaubt haben. Und der Glaube der Menschen verleiht den Dingen Ernsthaftigkeit. Ich mag mich nicht mehr über die Frauen lustig machen, die vor dem Gebäude des Zentralausschusses fiebernd auf Dubček warteten. Auch nicht über Leute, die heute Okamura, Babiš oder die ODS wählen. Wenn du an etwas glaubst, ist es die Wirklichkeit. Die Überzeugung von anderen zu verhöhnen, ist ein intellektuelles Verbrechen."
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Archiv: Novinky.cz

Film Comment (USA), 02.08.2018

Zu einem sehr konzentrierten Gespräch hat sich Yonca Talu mit der Kamerafrau Agnès Godard getroffen. Es geht insbesondere um Godards Zusammenarbeit mit der Regisseurin Claire Denis und deren physischer Art, Filme zu inszenieren. Dabei steht die Regisseurin immer sehr dicht neben der Kamerafrau, erklärt Godard: "Ihre Art und Weise, so nahe und präsent zu sein, war für mich ein großer Ansporn, weil ich wusste, dass sie wusste, was ich zu sehen bekomme, wenn ich durch das Okular schaue. Das heißt, sie weiß, wie die Linse den Raum sieht, sie weiß, was auf dem Bild zu sehen ist, und was ich filme, indem sie die Kamerabewegung beobachtet. Ich habe diese Form der Nähe nie als eine Art Überwachung erfahren, sondern ganz im Gegenteil als eine Art Neugier, etwas, das beinahe schon einem Staffellauf gleicht, bei dem die Läufer die Stafette weiterreichen. Ich fühlte mich dann immer so, als ob ich jetzt an der Reihe bin, um loszulaufen, mich ganz ins Zeug zu legen und etwas zu riskieren. Wir führen ausführliche Gespräche und suchen lange nach Drehorten, aber Claire gibt einem nie Beschreibungen an die Hand, wie eine Einstellung auszusehen hat. Sie stellt alles an seinen Ort und schaut dann um sich, wie andere, und auch ich selbst, sich umschauen. Das ist das Gute daran, denn Deine Aufgabe ist es nicht, etwas zu filmen, was bereits beschrieben oder auf ein Blatt Papier gezeichnet wurde, sondern ganz im Gegenteil, etwas zu filmen, was jetzt in diesem Augenblick geschrieben wird. Das ist sehr befreiend."

Außerdem schreibt Regisseur Olivier Assayas darüber, wie sehr Ingmar Bergman dem Gegenwartskino fehlt.
Archiv: Film Comment

Merkur (Deutschland), 14.08.2018

Elena Meilicke denkt über "crazy walls" nach, womit keine architektonische Raffinesse gemeint ist, sondern die Diagramme und Mind-Maps, die in nahezu jedem gängigen, einigermaßen zeitgenössischen Kriminalfilm auftauchen, sobald die Kamera in die Büros der Ermittler wechselt und deren Ermittlungspartikel zu einer hoffentlich sinnstiftenden Struktur bündeln soll. Die klassischen Ermittler - von Dupin bis Miss Marple - kamen noch ohne solche Hilfsmittel aus. "Doch seit der Jahrtausendwende etwa befinden wir uns genretechnisch in einem neuen Zeitalter: im Zeitalter des 'Post-It Procedural' (Richard Benson), also des Klebzettel-Krimis. Seither werden zu jedem Verbrechen Überblicksdarstellungen und Schaubilder erstellt, seither wird geklebt und geheftet, gezeichnet und geschrieben: ein Großeinsatz von Schreibwaren und paper tools, Ermittlung als (Büro)Materialschlacht. ... Einem zeitgenössischen Publikum muss diese Form der Ermittlung, diese visuelle Aufbereitung von Wissen und Informationen sofort einsichtig und plausibel erscheinen - schließlich ist auch sein Alltag längst von diagrammatischen Bild- und Denkformen durchdrungen. Man hat sie lesen und deuten gelernt, man vertraut auf ihre Fähigkeit, Unsichtbares sichtbar zu machen und dem Formlosen eine Form zu geben."
Archiv: Merkur
Stichwörter: Krimi, Diagramme

spiked (UK), 09.08.2018

Der südafrikanische Journalist Karl Kemp lebt seit einiger Zeit in Amsterdam. Und was er dort sieht - wie vermutlich auch anderswo in Europa - erinnert ihn deprimierenderweise doch stark an die Apartheid in seinem Land: Die Trennung der Stadtviertel nach Nationalitäten, Religionen oder kulturellen Identitäten. Alle Gruppen, nicht nur die Einheimischen, haben einen Hang, sich hinter selbst gezogene Grenzen zurückzuziehen, lernt er: "Die Vision einer globalisierten Gesellschaft, in der Marokkaner, Perser, Eritreer, Skandinavier und Lateinamerikaner oder wer auch immer in der selben Straße leben, in den selben Geschäften einkaufen und den selben Bars sitzen, vermutlich in einem Land des ewigen Sonnenscheins, ist als Phantasie so weltfremd, so objektiv gescheitert, dass man in einem Elfenbeinturm leben muss, um sie zu glauben. Die harte Realität in Holland ist heute, dass die Leute ihre eigenen Friseure haben, ihre eigenen Einkaufsmärkte, ihre eigenen Lebensmittel, ihre eigenen Orte, ihre eigenen Welten. Sie leben ungern zusammen und da, wo sie durch den Wohnungsmarkt dazu gezwungen werden, teilen sie ungern den öffentlichen Raum. Das ist keine Meinung - das ist eine Tatsache, die durch die Forschung der Regierung unterstützt wird. Die neuesten Erkenntnisse der niederländischen Regierung besagen ausdrücklich, dass die Gefühle des Misstrauens und des Identitätsverlusts mit zunehmender gesellschaftlicher Vielfalt steigen."
Archiv: spiked

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 13.08.2018

Alain Vicky schickt einen deprimierenden Bericht aus der letzten absoluten Monarchie Afrikas, aus Swasiland, das König Mswatis III. zu seinem fünfzigsten Geburtstag in Königreich Eswatini umbenannt hat, "Himmliches Tal". An erster Stelle dürfen sich der König und seine Familie an den Reichtümern des Landes bedienen, erklärt Vicky, dann kommen der Polizeiapparat, das Militär, die ausländischen Investoren: "Im Land von König Mswati III. herrscht Polygamie. Ehescheidungen und Miniröcke sind verboten - das wiederum gefällt den Evangelikalen, die der Monarch unterstützt, der ansonsten auf die Tradition und die Heilkraft der Pflanzenmedizin Muti schwört. Mswati III. vertraut nur seinen engsten Angehörigen, der altgedienten Führungsmannschaft und seinem Premierminister Barnabas Sibusiso Dlamini. Und er legt viel Wert auf die alten Bräuche wie den berühmten Schilftanz Umhlanga, den Ende August alljährlich tausende junge Frauen vom Land vor dem Königshof aufführen, um sich für den Harem zu bewerben. Der pittoreske Tanz gilt als große touristische Attraktion. Dabei missbrauche Mswati III. nur die Tradition, um seine Macht zu festigen, beklagt der Historiker Joy Dumsile Ddwandwe. 'Wer seine Tochter nicht zum Umhlanga schickt, kann von den Stammesführern verstoßen werden. Das heißt, es gibt dann keine finanzielle Unterstützung mehr, man kann sogar seine Rente verlieren.'"

Charlotte Wiedemann erzählt von ihrer Tour zu den heiligen Stätten Usbekistans: "70 Jahre sowjetischer Einfluss haben Usbekistan nachhaltig geprägt: Religiöses Wissen ist kaum noch vorhanden, der Islam zeigt sich in Kultur und Brauchtum. Und anscheinend haben solche Traditionen im Leben der Frauen besser überlebt als in dem der Männer. Sie seien stärker 'sowjetisiert' worden, wird mir gesagt, und verlangten selbst bei einer Beschneidungsfeier Alkoholisches." Laurent Litzenburger erinnert daran, dass im europäischen Mittelalter Tiere als schuldfähig galten und etwa Schweine wegen Kindsmord zum Tod durch Erhängen verurteilt wurden.

New Yorker (USA), 20.08.2018

Joshua Yaffa schreibt ein nicht immer vorteilhaftes, letztlich aber bewunderndes Portärt über den Hedge-Fonds-Betreiber Bill Browder, der zur bête noire Wladimir Putins wurde, so noire, dass Putin ihn sogar auf seiner berühmt-berüchtigten Pressekonferenz mit Trump in Helsinki nannte. Browder, der aus dem kommunistischen Hochadel der USA kommt (das gibt es, sein Großvater war Generalsekretär der Kommunistischen Partei in Amerika!) war zu frühen Putin-Zeiten Investor in Russland und sorgte für Ärger, als er für geschäftliche Transaktionen mehr Transparenz forderte. Aber sein Anwalt und Steuerberater Sergej Magnitski wurde festgenommen, in Gefängnissen gequält und starb nach Folterungen im Jahr 2009. Browder setzte in den USA den von Barack Obama verabschiedeten "Magnitsky Act" durch, der zeigt, wie wunderbar Sanktionen funktionieren, wenn sie ins Zentrum des Regimes zielen und Personen im direkten Umkreis Putins treffen, schreibt Yaffa, der unter anderem mit der Obama-Beraterin Celeste Wallander gesprochen hat: "Der Magnitsky Act bedrohte den unausgesprochenen Pakt, der Putins Beziehungen zu denen regelt, die seine Macht durchsetzen, seien es Beamte des Innenministeriums oder Bürokraten in der Steuerbehörde. 'Er beweist, dass Putins 'Kryscha' nicht dicht hält, erklärt Wallander. Kryscha ist Russisch für 'Dach' und bedeutet im Kriminellenjargon den Schutz, den ein Pate anderen anbieten kann. 'Er bringt seinen Gesellschaftsvertrag mit den Insidern seines Systems durcheinander."

Weitere Artikel: Adam Gopnik liest Julian Jacksons Biografie des französischen Generals und Staatsmanns Charles de Gaulle, der für die Franzosen heute eine eher zeremonielle Präsenz hat - "wenn er noch irgendwo lebt, dann in der endlosen Parade von Bücher über den Zweiten Weltkrieg von Briten und Amerikanern, in denen er als die größte Nervensäge in der Geschichte der liberalen Weltordnung erscheint." Carrie Batton hört Westküsten-HipHop von YG. Alex Ross besucht Bayreuth. Und Anthony Lane sah im Kino Spike Lees "Blackklansmen".
Archiv: New Yorker

Guardian (UK), 13.08.2018

Alexander Stille blickt nach Italien, das der alerte Lega-Chef und Innenminister Matteo Salvini mit wohldosierten Provokationen auf Facebook und gut platzierten Auftritten an den Brennpunkten des Landes immer weiter nach rechts rückt. Man erkennt aber, warum Salvinis Kombination aus nationaler und sozialer Politik einschlägt, auch durch Stilles Gegenargumentation: "Die Emigration junger Italiener ist das Ergebnis einer langen Periode der wirtschaftlichen Stagnation. In den frühen neunziger Jahren war Italiens Ökonomie so groß wie die Britanniens. Jetzt ist sie 26 Prozent kleiner, und Italiens BIP ist zehn Prozent kleiner als vor dem Crash von 2008. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei über zehn Prozent, bei Jugendlichen über dreißig Prozent. Rund zwei Millionen junge Menschen - die meisten von ihnen gut ausgebildet - haben das Land in den vergangenen zehn Jahren verlassen, um anderswo ihr Glück zu suchen. Renzis Mitte-links-Regierung verabschiedete ein Gesetz, das Arbeit schaffen sollte, indem es Arbeitgebern mehr Flexibilität beim Heuern und Feuern gab. Das wirkte sich nur gering auf die Beschäftigung aus, erhöhte aber die Zahl junger Menschen, die befristet und oft mit geringeren Gehältern eingestellt wurden. Viele junge Italiener leben bis über dreißig bei ihren Eltern, ökonomisch zu wenig abgesichert, um zu heiraten und eine Familie zu gründen. 'Man braucht eine bestimmte Sicherheit, um eine Familie zu gründen', sagt Massimo Garavaglia, Senator der Lega und Finanzstaatssekretär in der neuen Koalitionsregierung. Während die Regierung Boote voller Flüchtlinge aus Nordafrika stoppt und damit ein emotionales Bedürfnis nach Ordnung befriedigt, ändert sie nichts an der grundsätzlichen demografischen Arithmetik, derzufolge Italien ein gesundes Maß an Immigration braucht um zu überleben. Im letzten Jahr starben 664.000 Italiener, während 464.000 italienische Babies geboren wurden - 100.000 von ihnen in Familien mit nur einem italienischen Elternteil. Wenn das Land seine gegenwärtige Bevölkerung von 60 Millionen aufrechterhalten will und genug Leute haben, die ihre Rentenkasse flüssig halten, dann muss es seine Bevölkerung vergrößern. Die meisten von Italiens Immigranten sind jung, kommen legal ins Land, arbeiten und zahlen Steuern."
Archiv: Guardian

HVG (Ungarn), 08.08.2018

András Hont vergleicht die neurechten Entwicklungen in Ungarn mit der Situation in den USA und stellt wesentliche Unterschiede fest, wobei auch abzusehen ist, dass die ungarische Regierung ihren nächsten Gegner im Sinne einer neuaufgelegten "geistig-moralischen Wende" bereits als Ziel erfasste: die kulturelle und wissenschaftliche Elite des Landes. "Die revolutionäre Rhetorik - abgesehen davon, dass sie von der getanen Arbeit ablenkt und statt dessen die anstehenden 'Herausforderungen' zum Thema macht - soll die jugendliche Leidenschaft befeuern. Die Revolte allerdings wird ein wenig dadurch aus der Bahn geworfen, dass die herrschende Macht hinter den Revolutionären steht. Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen der hiesigen Bewegung und den Verhältnissen jenseits des Atlantiks. Die Künstlerwelt von Hollywood und New York, die amerikanische Universitätsaristokratie sind stark und einflussreich - unabhängig von Trumps Sieg. In Ungarn fechten Vertreter der kulturellen und wissenschaftlichen Elite ihre letzten Überlebenskämpfe. Betrachten wir die Ereignisse des Sommers, den begonnenen Kulturkampf, werden genau sie die neuen Ziele der Revolution werden und nicht die Europäische Kommission oder das 'Netzwerk von Soros'."
Archiv: HVG

New York Times (USA), 08.08.2018

Siebzehn Jahre dauert, mit mehr oder weniger Intensität, der amerikanische Einsatz in Afghanistan, und fast genau so lang der Einsatz im Irak. Mehr als drei Millionen Amerikaner wurden in diesen Kriegen eingesetzt, 7.000 sind ums Leben gekommen. C. J. Chivers schildert diesen Krieg aus Sicht eines jungen einfachen Soldaten, der gerade mal ein paar Jahre alt war, als das World Trade Center in New York angegriffen wurde. Die Bilanz der Kriege ist für Chivers absolut desaströs, auch in Nebeneffekten, die kaum je benannt werden: "Hunderttausende Waffen, die an angebliche Verbündete verteilt worden waren, sind verschwunden. Eine kaum zu beziffernde Anzahl befindet sich auf dem Markt oder in den Händen von Feinden Amerikas. Milliarden von Dollar, die Sicherheit schaffen sollten, gingen ebenso wohl an Pädophile, Folterer und Diebe. Nationale Polizeien oder Armeeeinheiten, die das Pentagon als wesentlich für die Zukunft ihrer Länder bezeichnet hatte, sind zerfallen. Der Islamische Staat hat Terrorangriffe in der ganzen Welt durchgeführt oder bezahlt, genau jene Art von Verbrechen, die der globale 'Krieg gegen den Terror' verhindern sollte."