Magazinrundschau

Versehrter Finger #5

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
09.01.2018. Die NYRB beobachtet die Tücken der Vorherrschaft einer ethnischen Mehrheit in Myanmar. Outside mischt sich auf Skiern unter finnische Soldaten in Lappland. Pro Publica untersucht die moderne Arbeitswelt bei der Müllabfuhr. In Hospodarske noviny fragt sich Tomáš Sedláček, ob wir bald nur noch durch ein Fenster aus unserer virtuellen in die reale Welt blicken. Bloomberg Businessweek erzählt die Geschichte Simbabwes. In The Intercept erinnert sich James Risen an Zeiten, als der Verrat von Regierungsgeheimnissen noch toleriert wurde. In Tablet erzählt Aharon Appelfeld, aus wie vielen Sprachen sich sein Hebräisch formte.

New York Review of Books (USA), 18.01.2018

Die Vertreibung der Rohingyas aus Myanmar reiht sich für Mukul Kesavan in ein politisches Denken, das in Südostasien immer weiter um sich greift und mörderische Gestalt annimmt: Die Hoheit der ethnischen Mehrheit, die bereits in Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka gilt und auch Indien allmählich erfasst: "Dieses Denken der Mehrheit behauptet verschiedene Ränge der Staatsbürgerschaft. Die Angehörigen der Mehrheitsreligion oder Mehrheitskultur werden als die wahren Bürger einer Nation angesehen. Der Rest sind Bürger mit freundlicher Genehmigung der Mehrheit, sie sollen sich anständig und respektvoll verhalten. Doch in modernen Demokratien kann eine Duldung kein Ersatz für eine volle Staatsbürgerschaft sein. Sie hält die Menschen in einem Limbo, mit einem chronisch instabilen Status. Eine politische Gemeinschaft, die ihren Minderheiten die volle Staatsbürgerschaft vorenthält, wird diese früher oder später entrechten oder ausweisen, mit eben dem Argument, dass sie, obwohl Bewohner, keine Bürger seien und anderswohin gehörten - nach Indien, Pakistan, Tamil Nadu oder, wie im Fall der Rohingya, nach Bangladesch. Myanmar hat drei Kategorien von Staatsbürgerschaft: Staatsbürger, naturalisierte und assoziierte Bürger. Die Rohingyas sind klassifiziert als Ausländer."

Intercept (USA), 03.01.2018

In einem langen Artikel über seine Arbeit zur Zeit des 'War on Terror' erzählt James Risen, Ex-Reporter der New York Times und Autor des Buches "State of War. The Secret History of the CIA and the Bush Administration", wie die Bush-Regierung alles tat, um ihn daran zu hindern, bestimmte Informationen zu veröffentlichen, aber auch über eine Zeit, als es durchaus geduldet war, Regierungsgeheimnisse zu verraten: "Erfolg als Reporter in Sachen CIA bedeutete, sich Hals über Kopf in die geheimen Sumpf Washingtons mit seiner ganz eigenen Dynamik zu stürzen. Ich fand heraus, dass es tatsächlich einen Schwarzmarkt für Geheimnisse in Washington gab, auf dem Mitglieder des Weißen Hauses und andere Bürokraten, Kongressmitglieder, ihre Informanten und Journalisten Informationen handelten. Dieser Markt half dabei, den nationalen Sicherheitsapparat rund laufen zu lassen und unangenehme Überraschungen für alle Beteiligten zu limitieren. Die Erkenntnis, dass so eine geheime Subkultur existierte und dass sie es einem Reporter erlaubte, einen Blick auf die dunkle Seite der Regierung zu werfen, war erschütternd. Es fühlte sich an wie die Matrix. Der Verrat von vertraulichen Informationen an die Presse wurde als unvermeidlich toleriert. Die Presse agierte als eine Art Sicherheitsventil. Die Schlauen unter den Offiziellen erkannten, dass ein Leck helfen konnte, frischen Wind in festgefahrene interne Debatten zu bringen. Und die Tatsache, dass die Presse nur auf das nächste Leck wartete, disziplinierte das System."

New Yorker (USA), 15.01.2018

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker liest Masha Gessen Michael Wolffs Bestseller "Fire and Fury" und stellt fest, dass auch dieser Erfolg symptomatisch ist für den Realitätsverlust unter Trump: "Das Problem ist, dass Wolffs Ansatz sich zu gut an seinen Gegenstand anschmiegt. Wie Andrew Prokop auf Vox erklärt, bereitet Wolff nur den Gossip auf. Was die Korrespondenten der Times und der Washington Post in mühevoller Reporterarbeit geschafft haben, nämlich jeden absurden Moment der Trump-Regierung anhand von unterschiedlichen Quellen offenzulegen, schafft Wolff, indem er den Umgebungslärm absorbiert, all die selbstbeweihräuchernden Statements und aufgeschnappten Gespräche, und sie zu seiner Story umformt. Dieser Ton, mehr als die Substanz, ist es, der dem Buch den Geschmack des Investigativen verleiht, den Anschein, als fasse endlich jemand in Worte, was längst bekannt ist … Anders als all die Comedians, die am Rand des guten Geschmacks balancieren, vermittelt Wolff den Eindruck, als genieße er es, Trump zu beobachten. Wo die Comedians die Wirklichkeit schärfer stellen, malt Wolff mit breitem Pinsel. Sein Stil ist ohne Humor: 'Ein korrupter Immobilengauner' lautet eine typische Phrase. Dauernd tauchen die Worte 'wahrscheinlich' und 'unwahrscheinlich' auf. Seine Logik ist läppisch. Zum Beispiel erörtert er die Frage, wieso noch nie zuvor ein Immobilienmakler Präsident geworden ist. Wolffs Antwort: Weil Immobilien oft mit fragwürdigen Geldgeschäften zu tun haben. Dass Geschäftemachereien nicht das politische, rechtliche, moralische und intellektuelle Profil schärfen, das der Beruf des Politikers erfordert, schreibt er nicht."

Außerdem: Sarah Stillman überlegt, was mit politischen Flüchtlingen passiert, wenn die US-Regierung sie in ihre Heimat zurückschickt. Elizabeth Kolbert denkt über die psychologischen Folgen von Armut nach. Vinson Cunningham porträtiert den Künstler Sanford Biggers. Jiayang Fan überprüft die Übersetzung der gefeierten Romane Hang Kangs. Anthony Lane sah im Kino Ziad Doueiris Filmdrama "The Insult" and Paul Kings Animationsfilm "Paddington 2". Und David Gates schickt seine Short Story "Texas".
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HVG (Ungarn), 07.01.2018

Schon als Kind habe er das Prinzip der Macht abgelehnt, erklärt der Schriftsteller György Konrád im Interview. Denn: "Wer einmal an die Macht kommt, der wird alle Tricks daran setzen auch dort zu bleiben. Selbst die Intelligenteren unter ihnen werden Phrasen wiederholen. (...) Von Zeit zu Zeit von Ära zu Ära grüßen diese Schlagwörter einen wieder. Klasse, Nation, Religion - sind die Begriffe, unter denen es möglich ist, Unangenehmes zu verbreiten. Was wir jetzt sehen ist lediglich eine neue Applikation. (...) Diese Regierung wird nur dann von der Opposition - der netten und intelligenten jungen Generation inbegriffen - abgelöst, wenn sich ihre Mitglieder nicht gegenseitig hassen. Beruhigend empfinde ich, dass die Ungarn von einer stärkeren Kraft gen Europäischer Union gezogen werden als zu ihren Diktatoren. Unergründliche Entwicklungen könnten eines Tages dahinführen, dass der Ministerpräsident, wollte er nicht das Schicksal von Nicolae Ceaușescu teilen, freiwillig irgendwohin geht."

New York Times (USA), 09.01.2018

Die Autorin Eva Hagberg Fisher wurde als Studentin von einem Professor ihrer Universität sexuell belästigt. Als sie ihn verklagte, war es für sie besonders schwierig, vor Gericht das richtige Erscheinungsbild abzugeben. Ständig wechselte sie ihr Outfit, um nie zu feminin oder zu mädchenhaft, zu aggressiv und privilegiert zu erscheinen, wie sie im Rückblick schreibt: "Vertraulichkeit zu bewahren, ist eine der größten Herausforderungen, die ein juristisches Verfahren von einem abverlangt. Wenn ich (auf Instagram) nicht direkt heraus sagen konnte, was ich da tat, konnte ich zumindest Fotos von meinen Halbschuhen posten. So konnte ich meiner Anwältin auch zeigen: die Last des Patriarchats erdrückt mich zwar, aber Spaß versteh ich noch! Ich habe schon zu viel Zweifel unter Opfern wahrgenommen. Spürte das Raunen in der Luft, wenn eine Frau anfing, ihre Geschichte zu erzählen. Sicher, vielleicht glauben wir ihr, dass sie belästigt wurde. Aber die Nachwirkungen einer Belästigung zeigen sich subtil und schleichend: sie veranlassten mich dazu abzuwägen, wer auf meiner Seite stand und wer nicht; mein Misstrauen gegenüber fast jedem, dem ich im Flur meines ehemaligen Instituts begegnete, wuchs; Scham überkam mich, als man mir sagte, mein ehemaliger Jahrgang habe meinen Fall größtenteils aufgegeben. Gefolgt von einer Doppel-Scham, Begriffe wie 'Scham' und 'aufgegeben' überhaupt gebrauchen zu müssen - all diese Nachwirkungen meiner Anklage wurden schließlich zu einer Antriebskraft, mit meinem Kleidungsstil genau dagegen anzukämpfen."
Stichwörter: Instagram, Patriarchat

Guardian (UK), 09.01.2018

Die USA haben den Krieg in Afghanistan so gut wie verloren. In einem packenden Report zeigt Alfred W McCoy mit erschütternden Nüchternheit, dass die Taliban einfach das Land besser beherrschen: "Trotz der beinahe ununterbrochenen Kampfhandlungen seit der Invasion im Oktober 2001 sind alle Anstrengungen, das Land zu befrieden, gescheitert, vor allem weil die USA keine Kontrolle über die wachsende Gewinne aus Afghanistans Heroinhandel erlangen konnten. Die Opiumproduktion stieg von 180 Tonnen im Jahr 2001 auf mehr als 3.000 Tonnen im Jahr nach der Invasion und mehr als 8.000 Tonnen im Jahr 2007. In jedem Frühjahr füllt die Opiumernte erneut die Kassen der Taliban und finanziert einen neuen Jahrgang Guerilla-Kämpfer." 2017 hat sich die Opiumernte auf 9.000 Tonnen erhöht, womit die Taliban - aber auch Warlords und Regierungsfürsten - für 93 Prozent des weltweiten Heroins aufkommen.

Outside (USA), 11.01.2018

David Wolman schickt fürs Outside Magazin eine Reportage aus Lappland, wo sich finnische Soldaten auf eine eventuelle militärische Aktion russischer Truppen vorbereiten - bei Eiseskälte und auf Skiern. Doch das ist nicht alles: "Finnland ist nicht die Ukraine. Wenn man Putin richtig versteht, begreift er die Ukraine als russisches Einflussgebiet, ökonomisch, strategisch, kulturell. Anders Finnland. Sollte es eine Invasion geben, hätte die Scheinrechtfertigung wohl mit einer 'größeren Sache in Skandinavien' zu tun, wie es ein finnischer Offizieller umschreibt. Das ist unwahrscheinlich, aber genau darum geht es schließlich beim Umgang mit dem Unvorhergesehenen. Sechs Monate vor der Invasion in der Ukraine hätte niemand so etwas für möglich gehalten. Was die Russen deutlich gemacht haben ist, dass Finnlands Beitritt zur NATO eine Grenzüberschreitung darstellen würde. Die Finnen setzen auf Kooperation und Zusammenarbeit mit dem Westen. Das wäre zwar keine Garantie im Sinne des NATO-Artikels 5, wonach ein Angriff auf eine Nation den Angriff auf alle bedeutet, aber doch nicht nichts. Schweden und Finnland  haben geäußert, dass sie im Fall eines Angriffs des jeweils anderen nicht neutral bleiben würden. Finnland gibt keine Details über sein Arsenal preis, aber erwähnt gern seine gut organisierte Wehrpflicht, die 900.000 Reservesoldaten und seine Wehrbereitschaft, die laut Umfragen derjenigen Israels gleichkommt. Finnland verfügt über einige der raffiniertesten Raketensysteme der Welt. Es hat gerade 120 takische Drohnen erworben und den Kauf von 60 neuen Kampfflugzeugen annonciert. Außerdem hat es sein Budget für die Kriegsmarine um 1,4 Milliarden aufgestockt."
Stichwörter: Finnland, Russland, Wehrpflicht

Wired (USA), 08.01.2018

Wenn, wie zuletzt im Fall von Meltdown und Spectre, zwei seit vielen Jahren unbemerkte Sicherheitslecks in der CPU-Architekur unserer Computer binnen kurzer Zeit hintereinander und von mehreren Institutionen unabhängig voneinander aufgedeckt werden, dann ist das nicht allein dem Zufall geschuldet, schreibt Andy Greenberg. Wahrscheinlicher ist wohl, dass bestimmte Spuren solchen synchronen Entdeckungen den Weg geebnet haben - mit weitreichenden Implikationen für die Arbeit von Geheimdiensten wie der NSA: Der Sicherheitsexperte "Bruce Schneier meint, bei der Abwägung der Frage, ob ein Geheimdienst eine Schwachstelle insgeheim nutzen oder lieber öffentlich machen sollte, solle dieser Faktor berücksichtigt werden. ... 'Wenn ich auf etwas stoße, was man seit zehn Jahren hätte finden können, dann gibt es etwas, was mich auf diese Spur gebracht hat. Und etwas abseits des Zufalls wird auch jemand anderes darauf stoßen lassen. Wenn die NSA es entdeckt hat, dann ist es wahrscheinlich, dass es auch ein anderer Geheimdienst entdeckt hat - oder zumindest wahrscheinlicher als bloßer Zufall.'"

Propublica (USA), 04.01.2018

In New York bei der Müllabfuhr zu arbeiten, stellt ein erhebliches Risiko für Leib und Leben dar - zumal weite Teile dieses Arbeitssegments privatisiert sind und die zur Verfügung stehende Arbeitskraft somit aus Profitgründen effizient ausgepresst werden muss. Folge: Doppelschichten, Übermüdungen, ein kaum zu bewältigendes Arbeitspensum nach Verschleiß-Logik, Hektik bei gefährlichen Aufgaben und schnell ausgesprochene Kündigungen, sobald Arbeiter Sicherheitsstandards einfordern. Das zumindest ist das triste Bild, das Kiera Feldman in ihrer großen Investigativ-Reportage zeichnet. Ihre Quelle war "nach drei Jahren in dem Job von Kopf bis Fuß gezeichnet. Sein linkes Bein wies eine tiefe Narbe auf (Nähte, nachdem Glas in einem Müllbeutel sein Bein aufschlitzte). Unterhalb seiner rechten Kniescheibe befanden sich Kreuznähte (mehr Glas) und gleich darunter eine weitere Narbe, die er sich bei einem missglückten Sprung zugezogen hat, als sein Müllwagen sich zu früh entfernte (ein Sprung, den er wohl geschafft hätte, wäre er um fünf Uhr in der Früh nicht am Ende seiner Kräfte gewesen). Dann war da die tiefe Kerbe auf der linken Seite seines Kopfes, 'etwa vier Inches hinter dem, was mal mein Haaransatz war.' Ein Gewinde habe sich vom Wagen gelöst, erklärt er, und ihm den Kopf aufgeschlagen. Die grausamste Verletzung allerdings stammt aus dem November 2013, als einer seiner Kollegen just im falschen Moment einen Container wegzerrte und seine Hand quetschte. In dieser Nacht verlor er die Spitze seines rechten Zeigefingers. Dieser Finger war es, der mich zu ihm geführt hatte. Über Kontakte recherchierte ich Verletzungen in New Yorks Müllindustrie. In meinen Notizen führte ich ihn als 'versehrter Finger #5'."

Weitere Artikel über Arbeitskultur im Wandel: Für den Guardian hat Snighda Poonam recherchiert, wie sich Betrüger den hoffnungslos überlaufenen Arbeitsmarkt in Indien zunutze machen und mit angeblich lukrativen Callcenter-Jobs locken, bei denen man dann allerdings in Wahrheit auf kriminelle Weise arglosen Menschen per Blind-Call das Geld aus der Tasche ziehen soll. Auf Politico erklärt Danny Vinik, wie sich der US-Arbeitsmarkt still und heimlich zu einem für die Unternehmen zwar lukrativen, für die Arbeiter aber miesen Leiharbeitsmarkt umstrukturiert. Und hingewiesen sei auch noch mal auf den Artikel über die Arbeitsbedingungen in amerikanischen Fleischfabriken in Bloomberg Businessweek.

spiked (UK), 09.01.2018

Die 1950 geborene amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers war seit sie denken kann eine Feministin. Mit der jetzt modischen Variante, wie sie in den gender studies und der #metoo-Bewegung gepflegt wird, hat sie aber ihre Schwierigkeiten, bekennt sie im Interview. "Feminismus muss sich der Bedeutung rechtsstaatlicher Verfahren bewusst sein und darf Schuld nicht einfach vermuten. Schuldig weil angeklagt ist nicht nur moralisch falsch, sondern sozial zerstörerisch." Ungesund gerade für Frauen findet sie auch die Tendenz, sich als quasi geborenes Opfer zu definieren. Diese Haltung erinnert sie zu sehr an die Damen des 19. Jahrhunderts, die bei jeder Zumutung ohnmächtig auf die Couch sanken. "Diese Feministinnen betrachten Frauen als zerbrechlich und traumaanfällig. Sie wollen Trigger-Warnungen und safe spaces und die Beobachtung von Mikroaggressionen. Ihr Fokus richtet sich nicht auf Gleichheit mit den Männern, sondern auf Schutz vor Männern. Als Gleichberechtigungsfeministin aus den 70ern sehe ich das als Rückschlag für den Feminismus und für Frauen. Wir sind keine zerbrechlichen kleinen Vögel."