Magazinrundschau

Ihre Sünde in Gold

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
05.12.2017. In Polen spülen illegale Abtreibungen viel Geld in die Kassen der Ärzte, berichtet der Guardian. Tablet und Spiked staunen über die weiße Liebe zu Ta-Nehisi Coates. Der New Yorker wägt die Chancen von Nicolas Maduro ab, Venezuela durch die Krise zu führen. Die New York Times besucht Bandenkrieger in El Salvador.

Guardian (UK), 30.12.2017

Alex Cocotas bringt einen informativen Hintergrundartikel zur Abtreibung in Polen, die bisher nur bei medizinischer und forensischer Indikation erlaubt ist. Die Pläne der PiS-Regierung sie ganz zu verbieten, scheiterten bisher an den Protesten der Polinnen. Die restriktive Politik, schreibt Cocotas, hat aus dem, was einst medizinischer Eingriff und Gewissensfrage war, ein einträgliches Geschäft gemacht: "Die Bund für Frauen und Familienplanung (Federa), Polens älteste Organisation für reproduktive Rechte, schätzt, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nicht bei 1.000 liegt, wie die offizielle Statistik angibt, sondern bei 150.000. Die Anthropologin Agata Chełstowska schätzte 2011, dass Ärzte und Kliniken mit illegalen Abtreibungen 95 Millionen Dollar im Jahr einnehmen. 'Wenn Abtreibungen die öffentliche Sphäre verlassen, kommen sie in den Graubereich des Privaten: Private Absprachen, private Versorgung und - vor allem - private Sorgen', schreibt  Chełstowska. 'Im privaten Sektor müssen illegale Abtreibungen mit viel Vorsicht arrangiert und bar bezahlt werden. Wenn eine Frau diese Sphäre betritt, verwandelt sich ihre Sünde in Gold. Ihre private Sorgen wird zum privaten Gewinn eines anderen.' Wanda Nowicka, die Gründerin von Federa, sagte  Chełstowska: Wie sprechen über eine riesige, unversteuerte Einkommensquelle. Deshalb sind die Mediziner auch nicht besonders interessiert an einer Änderung des Abtreibungsrechts. Elżbieta Korolczuk, eine Soziologin und langjährige Aktivistin, traf bei den Protesten im vorigen Jahr junge Frauen, die nicht wussten, dass Abtreibung in Polen verboten ist, denn sie hatten die nötigen finanziellen Mittel. 'Vielen Frauen können sich Abbrüche ermöglichen, sagt Korolczuk, deshalb denken sie: Wo ist das Problem? Ärzte, die nach dem Gesetz verfolgt werden, erhalten meist eine Strafe auf Bewährung, sie gehen nicht ins Gefängnis und verlieren nicht ihre Approbation. Indem sie den Schwarzmarkt toleriert, hat die Regierung de facto Abtreibung an eine unregulierte Industrie outgesourct."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Abtreibung, Polen, Pis

168 ora (Ungarn), 05.12.2017

Vor kurzem erschien ein Erzählband des Schriftstellers Krisztián Grecsó ("Harminc év napsütés", Dreißig Jahre Sonnenschein, Magvető, Budapest 2017) - bisher das persönlichste Werk des aus der südöstlichen ungarischen Provinz stammenden Einundvierzigjährigen. Im Interview mit Eszter Herskovits spricht Grecsó aus diesem Anlass über die Zustände auf dem Lande und immer geringere Aufstiegsmöglichkeiten, wodurch die gesellschaftliche Mobilität zum Erliegen komme: "Das Kastensystem etabliert sich wieder. (...) Werfen wir einen Blick auf die Kinder auf den Elitegymnasien: über welche von Zuhause aus mitgebrachten Verhaltensmustern sie bereits verfügen müssen, auf die erwartete Kleidund und die Kosten für eine solche Erziehung. Innerhalb der Zeit von weniger als anderthalb Generationen, in den siebenundzwanzig Jahren seit der Wende, sind wir so abgerutscht, dass die durch Schriftsteller artikulierten gesellschaftlichen Ziele von vor hundert Jahren heute wieder aktuell sind."
Archiv: 168 ora

New Yorker (USA), 11.12.2017

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker fragt sich Jon Lee Anderson, ob Venezuelas Präsident Maduro die Krise seines Landes überstehen kann: "Chávez war in der Lage, den Einfluss der USA zu relativieren, indem er seine linken Freunde in Lateinamerika zusammentrommelte. Aber Venezuelas Macht in der Region wird geringer, und Maduro hat die Geschenke an befreundete Staaten zusammengestrichen. Kuba, das einst 100.000 Barrel subventioniertes Öl am Tag bekam, erhält kaum noch die Häfte davon; Jamaika erhält von einst 24.000 noch 1.300. Venezuelas Nachbarn sind immer mehr gewillt Maduro zu kritisieren. Doch US-Offizielle in der Region sehen kaum Chancen, einen Wechsel herbeizuführen. Die Unfähigkeit der Opposition und der Wille Russlands und eventuell auch der Chinesen, Venezuela liquide zu halten, lassen offenbar nicht viel Möglichkeiten. Öl-Sanktionen bleiben eine Option, doch besteht die Gefahr eines kompletten Kollaps' der venezolanischen Wirtschaft, außerdem würden sie die USA affizieren. Eine Menge Leute in den roten Staaten, wo die Raffiniereien stehen, würden ihren Job verlieren, heißt es von offizieller Seite weiter. Trump würde Maduro nur zu gern hinauskicken, aber er vermeidet lieber die Auseinandersetzung mit dem Süden."

Außerdem: Jeffrey Toobin berichtet über die saubere Arbeit von Trumps Anwälten in Sachen Russland. Tobi Haslett spürt in Susan Sontags fiktionalen Texten die blanke Verunsicherung. Calvin Tomkins erkundet die fantastischen Geschichten in den Bildern von Peter Doig. Anthony Lane sah im Kino Guillermo del Toros Film "The Shape of Water". Alex Ross hörte John Adams' neue Oper "Girls of the Golden West". Und Peter Schjeldahl besuchte die Retrospektive des Fotografen Stephen Shore im Museum of Modern Art.
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Archiv: New Yorker
Stichwörter: Venezuela, Nicolas Maduro, Kuba

spiked (UK), 05.12.2017

Warum lieben so viele weiße Intellektuelle Ta-Nehisi-Coates, fragt sich Brendan O'Neill. Coates ist der Mann, der höchst erfolgreich "whiteness" mit einem Fluch belegt hat. Nach seiner Ansicht können Weiße niemals der Rolle des Unterdrückers und Vergewaltigers entkommen. O'Neill diagnostiziert weißen Selbsthass, der bis ins Erotische schwappen kann. Als Beispiel nennt er die weiße liberale Radiomoderatiorin Sally Kohn, die in der Modezeitschrift Elle "alle Weißen, besonders alle weißen Frauen aufgefordert hat, Coates zu lesen, denn seine 'scharfen Spitzen' und 'harten Wahrheiten' zwängen Weiße, die 'brutale Realität' zu erkennen. ... 'Lassen Sie es noch unbehaglicher werden', empfiehlt sie ihren reichen, gut vernetzten liberalen Mitbürgern, und verbringen Sie dann 'den Rest Ihres Lebens' damit darüber nachzudenken, was Coates sagt." Das, so O'Neill, "ist nicht Lesen zwecks kultureller Bereicherung oder aus Vergnügen, das ist Lesen als Selbstbestrafung. Eine pervers symbiotische Beziehung hat sich zwischen Coates und seiner größtenteils weißen Leserschaft entwickelt: der eine liefert pflichtbewusst Horrorgeschichten über 'schwarze Körper', die anderen greifen sie pflichtbewusst auf und fühlen sich angewidert von ihrem Part darin. Das ist nicht intellektuelle Debatte - das ist eine öffentliche Performance von identitärem S&M."

Außerdem: Der Soziologe Frank Furedi erzählt die Geschichte der Identitätspolitik seit der Romantik.
Archiv: spiked

Tablet (USA), 27.12.2017

In der Kosmologie der Criticial Whiteness, ist nicht der Rassismus das Problem, sondern das Weißsein. In den USA hat vor allem der Autor Ta-Nehisi Coates diesen Diskurs aus akademischen Nebendisziplinen in die öffentliche Debatte gebracht, als er in Atlanic proklamierte, dass Donald Trump das Weißsein zu einer "existenziellen Gefahr für das Land und die Welt" gemacht habe. In Tablet dröhnen Wesley Yang die Ohren, nicht nur weil das Denken in Identitäten immer Voraussetzung für rassistische Unterdrückung war, sondern auch weil diese Dogmatik voller Halbwahrheiten sich gegen jede Kritik abschotten kann: "Die Prämisse, die ihr zugrunde liegt ist einfach: Es gibt kein Weißsein ohne Herrschaft über Nicht-Weiße und keine Mannsein ohne Herrschaft über Frauen. Weder das eine noch das andere kann auf neutrale Art diese charakteristischen, niemals zufälligen Eigenschaften eines Menschen beschreiben. Es sind vielmehr Identitäten, die in Genozid, Kolonialismus und Sklaverei ihren Ursprung haben und die sich eben dann immer wieder gewaltsam manifestieren, wenn sie auf neutrale Art diese charakteristischen, niemals zufälligen Eigenschaften eines Menschen beschreiben wollen. Sie erlauben dem weißen Mann nicht nur, wie Aaron Bady sagt, sie zwingen ihn dazu, seine eigene privilegierte Erfahrung als normal zu betrachten und alle anderen als mindere Kopien seiner eigenen Existenz."
Archiv: Tablet

La vie des idees (Frankreich), 05.12.2017

Der Amerikanist Nicolas Martin-Breteau besucht das National Museum of African American History and Culture (NMAAHC) in Washington, das im letzten Jahr von Barack Obama eröffnet wurde und eine ungeheure symbolische Bedeutung hat, unter anderem, weil es endlich auch offiziell würdigt, dass die Schwarzen ihre Befreiung aus der Sklaverei und Gleichstellung zum großen Teil ihrem eigenen Kampf und nicht dem Wohlwollen der Mehrheit oder weißer Abolitionisten verdanken: "Das NMAAHC wird von vielen Amerikanern, vor allem Schwarzen, nicht nur als ein Museum betrachtet, sondern als eine spirituelle Pilgerstätte. Eine tiefe Emotion lässt sich auf den Gesichtern vieler Besucher und Besucherinnen ablesen, die oft in Familien anreisen. Die vom Museum erzählte Geschichte der Ungleichheit und der rassistischen Gewalt ist nicht Vergangenheit, sondern gelebte Erfahrung, und ist es auch heute noch."

Aktualne (Tschechien), 04.12.2017

Beifall der tschechischen Rezensenten findet das soeben zu Ende gegangene 22. Prager Theaterfestival deutscher Sprache, bei dem deutschsprachige Bühnen Stücke von Elfriede Jelinek über Ilija Trojanow bis zur Eugen-Roth-Adaption präsentierten. Saša Hrbotický stellt fest, wie viel politischer das aktuelle deutsche oder österreichische Theater im Vergleich zur tschechischen Szene sei. Während auf tschechischen Bühnen politische Themen "meistens scheu oder im Kabarett-Ton" abgehandelt würden, hätten die deutschsprachigen Bühnen ganz explizit mit Themen wie der Flüchtlingswelle oder der Krise der Konsumgesellschaft gearbeitet - ein dem Rezensenten nach "inspirierender und für den tschechischen Zuschauer immer noch provokativer Zugang".
Archiv: Aktualne

New York Times (USA), 03.12.2017

In der neuen Ausgabe des Magazins versucht Azam Ahmed herauszufinden, was die Bandenkrieger in El Salvador umtreibt: "Diese Banden stammen aus der Zeit des Bürgerkriegs Anfang der 80er. Als die Kämpfe zwischen der linken Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) und der Regierung zu gewaltsam wurden, gingen hunderttausende Salvadorianer nach Los Angeles, wo sie am Rand des amerikanischen Traums lebten und sich formierten. Als sie dann aus den USA deportiert wurden, richteten sie sich gegen die salvadorianische Gesellschaft, brutal und ohne Rücksicht auf Zivilisten … Es war wie ein Krieg. Die Banden vermitteln einen aufrührerischen Eindruck, aber in Wahrheit haben sie kein politisches Ziel außer dem, nicht getötet zu werden. Neuerdings deutet die Existenz von 'diplomatisch' agierenden Bandenmitgliedern auf eine neue Dynamik hin, die potenzielle Bereitschaft, die Waffen niederzulegen. Im Dezember 2016 hieß es aus Reihen einer der drei größten Banden, der Mara Salvatrucha (MS-13), dass man bereit wäre, mit der Regierung zu verhandeln, sogar über die Auflösung der Bande, sofern es dem Frieden diene. Im Februar entstand eine Koordinationsgruppe zum Zweck des Dialogs, die sogar einen UN-Gesandten kontaktierte und ihn bat, den Dialog zwischen Banden und Regierung mit zu initiieren."

Außerdem: Matthew Shaer fragt sich, wie weit Fox-News-Ancor Sean Hannity in seiner Liebe zu Trump noch gehen will. Rachel Syme bricht eine Lanze für Frauen als Stand-Up-Comedians. Und Siddhartha Mukherjee berichtet, wie sich ein Arzt fühlt, wenn seine Bemühungen zu heilen scheitern.