Magazinrundschau

Social-Media-Monster

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
12.12.2017. Bloomberg erzählt, wie Facebook Rodrigo Duterte half, die Wahlen auf den Philippinen zu gewinnen. Auf Lidove noviny erklärt der tschechische Autor Patrik Ouředník, warum Multikulturalismus in Europa so schlecht funktioniert. In der London Review of Books erzählt der Anwalt William Carter von seiner Suche nach Ölfässern in Libyen. In Magyar Narancs erklärt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, warum man die Systeme Orban und Kadar vergleichen, aber nicht gleichstellen kann. Der New Yorker bewundert die Vorwärtsgewandtheit der Esten.

Bloomberg Businessweek (USA), 07.12.2017

Lauren Etter schildert in ihrer Reportage, wie Facebook dem selbst erklärten Mörder und heutigen Präsidenten der Philippinen, Rodrigo Duterte, half, im Wahlkampf 2016 Wählerstimmen zu sammeln und Kritiker mundtot zu machen: "Dutertes Wahlkämpfer wurden von eigens eingeflogenen Facebook-Mitarbeitern gebrieft darüber, wie man eine Seite aufsetzt und Content verwendet, um Follower zu generieren … Gewappnet mit diesem Wissen bauten Dutertes Leute ein Social-Media-Monster auf, das die Auftritte aller anderen Kandidaten übertraf. Die Strategie stützte sich auf hunderte in vier Gruppen organisierter Freiwilliger - drei auf den Philippinen, eine in Übersee, um die vielen im Ausland arbeitenden Landsleute mittels echter und fingierter Facebook-Accounts mit Kampagnen-News zu versorgen … Die ersten Beschwerden über Dutertes Facebook-Armee und ihr aggressives Gebaren ließen nicht lang auf sich warten. Schließlich begann die Kampagne selbst, falsche Informationen zu verbreiten, etwa über den vermeintlichen Duterte-Fan Papst Franziskus … Duterte dominierte die politische Debatte schließlich derart, dass ein Facebook-Report ihn zum 'Facebook-König' ausrief. 64 Prozent aller mit den Wahlen befassten FB-Beiträge drehten sich um ihn. Nachdem Duterte gesiegt hatte, vertiefte Facebook wie überall in der Welt seine Beziehung zur Regierung, indem es anbot, bei der Optimierung des Regierungsauftritts behilflich zu sein. Während Duterte die unabhängige Presse von seiner Amtseinführung ausschloss, wurde das Ereignis auf Facebook live übertragen."

Lidove noviny (Tschechien), 10.12.2017

Radim Kopáč unterhält sich mit dem tschechischen Schriftsteller Patrik Ouředník anlässlich von dessen neuem Buch "Antialkorán" über die Islamfrage. Hinsichtlich eines zukünftigen religiösen Multikulturalismus in Europa ist Ouředník skeptisch: "Europa ist nicht Amerika. (..) Wir gehen von völlig gegensätzlichen historischen Erfahrungen aus. An der Wiege der amerikanischen Tradition steht die Suche nach dem irdischen Paradies von hundert Puritanern, die vor der religiösen Verfolgung Jakobs I. flüchteten; die europäische Tradition hingegen beginnt mit der Aufklärung und der französischen Revolution. Die amerikanische Verfassung schützt die Kirchen vor der Einmischung des Staates; die europäischen Verfassungen schützen den Staat vor dem Einfluss der Kirchen. (…) 'Alle Rechte dem Einzelnen, keine Rechte der Gruppe', hat Napoleon einst den Vorstehern der französischen jüdischen Gemeinde gesagt. Mit anderen Worten, der Staat schützt jeden einzelnen Gläubigen, weigert sich aber, der oder jener religiösen Gemeinschaft spezifische Rechte zu erteilen. Und mit diesem Prinzip hat sich die gegenwärtige westliche Elite offenbar abgefunden." Was Frankreich betrifft, so möchte Ouředník, der seit Jahren in Paris lebt, den Franzosen zugutehalten, dass weder der Anschlag auf Charlie Hebdo noch der 13. November eine besondere antimuslimische Aggressivität im Land bewirkt hätten. "Frankreich ist nicht nur das europäische Land mit der längsten Erfahrung in Sachen Masseneinwanderung - es hat vor Großbritannien, Holland oder Deutschland damit fast ein Jahrhundert Vorsprung -, sondern war jahrzehntelang auch das Land mit der erfolgreichsten Integration von Immigranten. Was die Anzahl gemischter, also bi-ethnischer oder bi-konfessioneller Ehen betrifft, steht es konkurrenzlos auf dem ersten Platz, und es hat auch nicht solche Rassenunruhen erlebt wie England (mehr hier und hier) oder Holland in den 60er- und 70er-Jahren. Deshalb herrscht unter den Menschen hier vor allem ein Gefühl der Enttäuschung und Ernüchterung vor sowie die Überzeugung, dass die gegenwärtige Situation im gleichen Maß dem Teil der muslimischen Bevölkerung anzulasten ist, der den Verführungen der islamistischen Propaganda erlegen ist, wie dem mangelnden Weitblick der Politiker und der ideologischen Blindheit der Medien."

London Review of Books (UK), 14.12.2017

Sehr abenteuerlich klingt, was der Anwalt William Carter von seinem Ausflug nach Libyen erzählt, wohin ihn eine amerikanische Ölfirma schickte, um nach dem Rechten zu sehen. Ölfelder in Kriegsgebieten sind eine heikle Sache, denn für die Bohrungen lagern dort Fässer voller Sprengstoff, Chemikalien und radioaktivem Material. Schön schmutziger Stoff, der eigentlich in Bunkern lagert und von Spezialkommandos bewacht wird. Nicht aber in Libyen. "Wir hatten beschlossen, dass die Fässer mit den Chemikalien bleiben sollten, wo sie waren. Wir konnten nichts tun. Im Nebel des Krieges treffen die Leute seltsame Entscheidungen und immerhin waren die Zünder weggeschafft und unter Kontrolle. Wir entschieden, dass es zu riskant wäre, das nukleare Material außer Landes nach Ägypten zu schmuggeln, und dass die Mitarbeiter es irgendwo in der libyschen Wüste vergraben sollten."

Weiteres: Jean McNicol gewinnt mit Harriet Harmans Erinnerungen "A Woman's Work" deprimierende Einblicke in die Frauenverachtung des britischen Politikbetriebs. Neal Ascherson bespricht William Taubmans neue Gorbatschow-Biografie.
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Stichwörter: Libyen, Ölgeschäft

Elet es Irodalom (Ungarn), 08.12.2017

Der Dichter und Schriftsteller János Háy konstatiert in einem ironischen Artikel das Ableben der ungarischen Lyrik: "Der größte ungarische Dichter ist 'Das U. Volk'. Es lebt am längsten und hat das größte Lebenswerk vorzweisen. Während die meisten ungarischen Dichter an Krebs oder Leberzirrhose starben oder aber auf dem Alter der Freiheit verbluteten, war 'Das U. Volk' zäh. (...) Der größte Ungar hörte mit dem Dichten nicht auf, weil er mit dem Resultat unzufrieden war. Doch wir sind in eine Welt hineingerannt, in der niemand mehr 'Das U. Volk' sein wollte, plötzlich schuf jeder nur noch für sich. Der größte ungarische Dichter gab das Dichten auf zugunsten der Dichter, die mit ihrem Namen unterzeichneten."

Tercera (Chile), 09.12.2017

"Exportschlager Gewalt." Der Journalist und Publizist Álvaro Matus schreibt in seiner Kolumne für die Zeitung La Tercera über die dritte Staffel der Netflix-Serie Narcos: "Der Drogenhandel als Medienprodukt entspricht dem 'magischen Realismus' und dem 'Diktatorenroman' der 60er Jahre. An die Stelle der Phantasiewelt Marke García Márquez tritt ein Hyperrealismus der Gewalt und statt Karikaturen tyrannischer Herrscher über Bananenrepubliken werden vom Geld aus dem Kokainhandel völlig korrumpierte Demokratien vorgeführt. Ein Element wird jedoch vollständig ausgeblendet - die Konsumenten. Haupteinnahmequelle der Drogenhändler sind die USA. Die Serie 'Narcos' zeigt jedoch bloß, wie die Drogenbosse mithilfe der DEA zur Strecke gebracht werden. Ebensowenig wird die von den USA propagierte Politik des 'War On Drugs' infragegestellt. Angesichts der Tatsache, dass der Drogenhandel weiterhin Tausende von Todesopfern fordert und die Korruption sämtliche Institutionen durchdringt, stellt sich jedoch ernsthaft die Frage, ob es nicht angebracht wäre, die Drogen zu legalisieren. 40 Jahre nach der Kampfansage an die Drogenkartelle sind diese jedenfalls offensichtlich dabei, den Krieg zu gewinnen."
Archiv: Tercera

Quillette (USA), 08.12.2017

Der kanadische Autor Jonathan Kay ist ein dezidierter Gegner des Diskurses der "kulturellen Aneignung" und erzählt einige besonders absurde Episoden aus dem Kontext seines Landes - eine Politikerin hat einen Tweet zurückgezogen, weil darin die Formel "to the left" vorkam, ein Refrain aus einem Song von Beyoncé Knowles. Für das Zitat war die Politikerin von Black-Lives-Matter-Aktivisten attackiert worden. Dennoch, sagt er, will er ein Bündnis suchen mit Anhängern dieses Diskurses, besonders unter den Ureinwohnern Kanadas: "Für die eingeborenen Menschen Kanadas sind diese Themen besonders schmerzhaft, weil ihre Gesellschaften im allgemeinen auf der mündlichen Weitergabe  von Folklore und Legenden beruhten. Es gibt über 600 First Nations-Gruppen in meinem Land, jede mit einer anderen Tradition. In vielen Fällen sind ihre Geschichten niemals wirklich schriftlich fixiert worden - auch weil rassistische Gesetze in Kanada den Gebrauch der Eingeborenensprachen und die Pflege kultureller Tradition verboten. Mitglieder dieser Communities sind empfindlich, wenn jemand von außen als erste ihre Geschichten aufschreiben wollen."

Auch Kenan Malik legt in der Art Review einen neuen Essay zum Thema vor: "Schon der Begriff der 'kulturellen Aneignung' ist unpassend. Kulturen funktionieren nicht über Aneignung, sondern über chaotische Interaktion."
Archiv: Quillette

Magyar Narancs (Ungarn), 23.11.2017

Vergleiche zwischen dem Regime von Viktor Orbán und dem sozialistischen von János Kádár vor 1989 hält der Philosoph Gáspár Miklós Tamás zwar durchaus für fruchtbar, wenn es um ein besseres Verständnis beider Regime geht. Doch von einer Gleichstellung hält er nichts, erklärt er in einem langen Interview mit Magyar Narancs. "Bei der Zentralisierung werden Bereiche, die vorher privat waren, der Autorität des zentralen Staates unterstellt. Viktor Orbán und seine Gruppe entziehen dem Staat dagegen Funktionen und stellen diese unter den eigenen persönlichen Machtschirm, wo die Überreste des Verfassungsstaates keinerlei Einfluss mehr haben. Es gibt zum Beispiel keinen Denkmalschutz, keine archäologischen Ausgrabungen, keinen Umweltschutz, kein verlässliches Grundbuch und keine Statistikbehörde mehr. Die Kulturpolitik wurde einem als MMA (Ungarische Kunstakademie - Anm. d. Red.) bezeichneten privaten Amateurklub unterstellt ... Zahlreiche Zeitungsartikeln wiederholen, dass 'dies' das gleiche sei, wie das Kádár-System. Das stimmt nicht! Die unabhängige Presse wird nicht verstaatlicht, sondern in die Unternehmen loyaler Oligarchen eingebettet, was effektiver ist als die parteistaatliche Presselenkung. ... Der planende Staat kommt ohne Intellektuellen nicht aus. Statistiker, Volkswirte, Ingenieure, Soziologen, Polizeibeamte werden genauso benötigt, wie Literatur, Musik, Kultur, Volksbildung, geistige Autorität - als Saat einer neuen, transzendentalen Legitimität. Ohne die Illyéss, Kodálys, Krležas gibt es keinen 'existierenden Sozialismus'. Dies bedarf es hier nicht. Die rechtsradikale Macht stützt sich lediglich auf Macht, Angst, Rasse und Konsum."

New Yorker (USA), 25.12.2017

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker besucht Nathan Heller die digitale Republik Estland, die gerade allen zeigt, wie die Zukunft aussieht, grenzenlos, virtuell und sicher: "Die Offenheit ist erstaunlich. Die Geschäfte und Eigentumsverhältnisse der Reichen und Mächtigen offenzulegen, in den USA ein hart umkämpftes Feld, braucht nur einen Klick. Jede geschäftliche Verbindung, jede aktenkundige Investition ist in Estland öffentlich und über das Netz durchsuchbar. Keine Pkw-Kontrollen mehr, denn die Polizei erhält alle nötigen Daten mittels eines Scans des Nummernschildes. Bürger können online wählen gehen. Und Immigration ist auch kein Thema mehr. Um Bürger Estonias zu sein, braucht man nicht einmal einzureisen … Die Idee dahinter: Die Bevölkerungszahl und damit die Wirtschaftskraft steigern, einfach indem man die Definition dessen ändert, was Bevölkerung meint … Das Programm dazu heißt 'E-Wohnsitz'. Es erlaubt Bürgern eines anderen Landes, ein Bewohner Estlands zu sein, ohne jemals dort gewesen zu sein. Ein E-Bürger kann sämtliche digitalen Angebote des Landes von außerhalb nutzen, Bankgeschäfte tätigen etwa."

Außerdem: D. T. Max porträtiert den Wall Street Milliardär Jim Simmons und sein Flatiron Institute mit dem Simons Center for Data Analysis. Kelefa Sanneh berichtet über Atlantas Rap-Szene. Jiayang Fan staunt über Chinas Obsession mit Selfies. Ariel Levy begleitet Roald Dahls Tochter Ophelia und deren non-profit Organisation für Gesundheitsvorsorge in Entwicklungsländern. Robyn Creswell liest Adonis. Und Anthony Lane bespricht Steven Spielbergs Film über die "Washington Post".
Archiv: New Yorker