Magazinrundschau

Notwendigkeit seiner Nacktheit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
02.06.2015. Erfrischend findet die New York Review of Books die mangelnde Kriegserfahrung des irakischen Premiers Haider al-Abadi. Der Merkur wirft ein kritisches Auge auf den Literaturbetrieb. Mengenlehre war gestern, univalente Grundlagen sind die Zukunft der Mathematik, verkündet Wired unter Berufung auf den Mathematiker Vladimir Voevodsky. Eurozine und Tablet greifen noch einmal die Charlie-Hebdo-Debatte auf. Und das New York Magazine erinnert an den ersten telegenen Hamburger: hergestellt von einem Franzosen.

Wired (USA), 31.05.2015

Lange Zeit bildete die Mengenlehre die theoretische Basis für die Mathematik. Wenn man Kevin Hartnett und seinem von vielen Exkursen ins Feld der mathematischen Theorie gestützten Porträt des Mathematikers Vladimir Voevodsky glauben kann, steht hier allerdings seit einiger Zeit eine buchstäblich an die Grundlagen rührende Revolution bevor: Um zu verhindern, dass bei der Beweisführung mathematischer Grundannahmen übersehene Fehler mitgeschleppt werden und sich festsetzen, arbeitet dieser an einer computergestützten, univalenten Sprache, anhand derer theoretische Mathematiker ihre Arbeiten besser darstellen und vor allem besser überprüfen können: "Schlussendlich möchte Voevodsky die univalente Basis dafür nutzen, um Aspekte der Mathematik zu erforschen, die unter den Bedingungen der Mengenlehre unzugänglich waren. Doch bis auf weiteres arbeitet er sorgfältig an der Entwicklung dieser univalenten Grundlagen. Die Mengenlehre hat die Mathematik länger als ein Jahrhundert gestützt. Und Voevodsky weiß, dass es notwendig ist, das Fundament von Anfang an richtig aufzubauen, wenn die univalenten Grundlagen eine ähnliche Langlebigkeit aufweisen sollen."
Archiv: Wired

New York Review of Books (USA), 01.06.2015

In der New York Review of Books berichtet Nicolas Pelham ausführlich und sehr eigen über die Lage im Irak. So schreibt er etwa, dass der IS die Antikenmuseen keineswegs blindwütig zerstöre, sondern kalkuliert plündere, um die Kunstwerke teuer auf dem Schwarzmarkt zu verhökern. Und Bagdads schiitischer Premier Haider al-Abadi, der vielen als zögerlicher Zivilist gilt, kommt bei ihm erstaunlich positiv weg, gerade wegen seiner Skepsis gegenüber den schiitischen Milizen, die zwar den IS in die Defensive gedrängt hätten, aber selbst auch nicht geheuer seien: "In einem Land, das der Milizen und ihrer Kämpfen müde ist, scheint al-Abadis mangelnde Kriegserfahrung geradezu erfrischend. Er repräsentiert die zivile Seite des Iraks, die den Jahrzehnten innerer und äußerer Kriege zum Trotz irgendwie überdauert hat. Innerhalb der Hauptstadt behauptet sich eine seltene Normalität. Unter den Amerikanern steigerten sich die Selbstmordanschläge - meist von Sunniten - auf bis zu siebzehn am Tag; inzwischen sind sie - wie der Premierminister stolz vermerkt - auf einen in der Woche gefallen, und das meist in einem Vorort. Auch wenn es in Bagdad fast ebenso viele Checkpoints wie Ampeln gibt, hörte ich Gewehfeuer nur einmal, als ich an einer Militäreinheit vorbei kam, die ihre Waffen ausprobierte, bevor sie an die Front aufbrach. Private Sicherheitsfirmen verdienen immer noch gutes Geld, indem sie mit den Ängsten von Besuchern spielen, aber ein westlicher Diplomat in der Grünen Zone erzählte mir, dass sie in diesem Jahr noch keinen einzigen Mörser gehört hätten."

Merkur (Deutschland), 01.06.2015

Ekkehard Knörer rekapituliert die von Jörg Sundermeier angestoßene Debatte um die Qualität der Literaturkritik und muss eingestehen, dass der Betrieb erfolgreich die Kritik durch Umarmung ausgehebelt hat. Als Beispiel nennt Knörer den Betriebsfürsten Hubert Winkels: "Er hat als Erzähler begonnen und ist seit 1997 Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Das Zentrum von Winkels" Tätigkeiten ist aber sicher nicht das Funkhaus in Köln. Vielmehr gilt: Wo Winkels ist, ist Betrieb, und wo Betrieb ist, ist Winkels - sei es in Jurys aller Art, beim Bachmannpreis, auf Literaturfestivals oder Gastprofessuren, in Literaturhäusern, bei Autorengesprächen, als Experte in der 3sat Kulturzeit; zwischendurch verfasst er noch Essays, Bücher, Zeitungstexte. Und auch da, wo der Betrieb reflektiert wird, kann man ihn finden." Zum Lesen kommt er bei all den Terminen nur nebenbei, gestand Winkels auf einem Mainzer Kolloquium zum "Ende der Literaturkritik": "Virtuoser als Winkels kann man das Nebeneinander von Beobachtung / Mittun / Kritik jedoch nicht inszenieren. Der Kaiser ist nackt, spricht es aus und liefert eine Theorie der Notwendigkeit seiner Nacktheit gleich mit."

Außerdem diskutieren Joseph Vogl und Armen Avanessian über die Frage, ob Bologna-Reform und Exzellenzinitiative an den Universitäten wirklich zu kontraproduktiver Ökonomisierung, traurigen Wissenschaftlerbiografien und alter Ordinarienherrlichkeit führen mussten.
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Archiv: Merkur

Svobodne forum (Tschechien), 31.05.2015

Anlässlich des Brünner Versöhnungsmarsches, mit dem rund dreihundert Tschechen der gewaltsamen Vertreibung der Deutschen vor 70 Jahren gedachten, schreibt Pavel Šafr: "Das tschechisch-deutsche Zusammenleben war jahrhundertelang eine Geschichte der gegenseitigen Bereicherung und auch des Ringens miteinander. Die böhmischen Länder aber waren in kultureller Hinsicht vollkommen, als drei Gruppen in ihnen lebten: Tschechen, Deutsche und Juden. Die deutsche und die jüdische Kultur trugen wesentlich zu unserem kulturellen Erbe bei, deutsche und jüdische Familien gestalteten dieses Land mit. Hitler vernichtete die Juden, und Stalin half den Tschechen, die Deutschen zu vertreiben. Das Ergebnis war eine jahrzehntelange landschaftliche Verödung, vor allem aber eine moralische Verödung der tschechischen Gesellschaft. Verkommene Werte, ein kultureller Niedergang und eine ideelle Verschiebung des Landes hin zur östlichen Peripherie Europas. Eine sowjetisierte, gleichgeschaltete und vereinheitlichte Gesellschaft, eine Masse Arbeitender." Šafr ist klar in seinem Urteil: "Die Vertreibung der Deutschen war ein großes Verbrechen."
Stichwörter: Stalin, Tschechien, Vertreibung

New Yorker (USA), 02.06.2015

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker folgt Anthony Lane den Spuren Lewis Carrolls und seiner "Kinderliebe", die sich unter anderem darin äußerte, dass er die Mädchen von Freunden und Gönnern gerne im "Eva-Kostüm" fotografierte: "Heute würde Carroll dafür verurteilt werden. Doch was war sein eigentliches Anliegen? Es gibt keinen Hinweis auf physischen Missbrauch, und er selbst wetterte gegen jede Form von Unanständigkeit. Anzeichen für Schuld? Tatsache ist, dass der Carroll seiner Zeit für einen Trend stand, der Kindheit als etwas eigenes betrachtete, ein Königreich für sich. Wenn es in den vornehmen Kreisen, in denen Carroll verkehrte, undenkbar war, in ihm eine Bedrohung zu sehen, dann nicht, weil er ein Geistlicher war oder der Verfasser von gefeierten Kinderbüchern, sondern weil Kinder als Objekte der Begierde einfach undenkbar waren. Alles andere als kleine Erwachsene, waren sie abgeschirmt, Teil einer unbekannten Welt. Deshalb hatten Eltern keine Bedenken, Carroll, der selbst unschuldig schien, in diese Welt einzulassen. Freuds Essay "Kindliche Sexualität" kam erst 1905 heraus, sieben Jahre nach Carrolls Tod."

Außerdem geht es ums Reisen durch Raum und Zeit in dieser Ausgabe. Daniyal Mueennuddin segelt mit seinem Vater anno 1924 noch einmal von Indien Richtung Oxford. Sam Lipsyte denkt an verpasste Chancen in Form von bezahlbaren Immobilien in Brooklyn. Luise Erdrich überlegt, was sie Gutes tun könnte, könnte sie in der Zeit reisen. Und neben Jonathan Safran Foer (hier), Jonathan Franzen (hier), Karen Russell (hier) und Primo Levi (hier) steuert Zadie Smith eine Kurzgeschichte zum Thema bei: "Escape from New York".
Archiv: New Yorker

Eurozine (Österreich), 29.05.2015

Eurozine bringt ein kleines Dossier zur Charlie-Hebdo-Debatte. Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt untersuchen das häufig gegen die Zeichner vorgebrachte Argument, ihr Humor richte sich gegen eine machtlose Minderheit. Wo die Macht liege, so die Autoren, müsse nun mal durch öffentliche Debatte ermittelt werden. Und "das Argument, dass Meinungen einer Minderheit a priori geschützt werden müssten, ist seltsam, denn in demokratischen Gesellschaften besteht die Mehrheit der Organisationen und Gruppen faktisch aus natürlichen Minderheiten. Eine Minderheit der dänischen Bevölkerung unterstützt die dänische Arbeiterpartei (ihr Anteil liegt in den letzten Jahren bei 24 Prozent). Bedeutet das, dass es kein Recht gibt, sie zu kritisieren?"

Sehr gut hierzu passt Dmitry Uzlaners Artikel "Fifty shades of Russian fetishism", der zeigt, wie die Rede von beleidigten Kategorien der Gesellschaft (meist orthodoxen Gläubigen) zu einem Instrument politischer Unterdrückung wird - virtuos praktiziert in Russland: "Interessant ist an diesen Kategorien zunächst, dass sie so unpersönlich sind. Wir sind weder mit realen Personen, noch mit deren persönlichen Meinungen konfrontiert, sondern mit etwas sehr Abstraktem, Vagem und Unpersönlichem. Wir haben es mit gesichtslosen "Anderen" zu tun, die "wirklich glauben" oder sich "zutiefst beleidigt" fühlen."

Außerdem in Eurozine: Brian Whitacker stellt einige Erkenntnisse aus seinem Buch über Atheismus in der arabischen Welt vor (wir haben hier bereits aus einem Interview mit Whitaker zitiert).
Archiv: Eurozine

Tablet (USA), 26.05.2015

Paul Berman versucht zu klären, worin eigentlich die Motivation der Charlie-Hebdo-Kritiker im amerikanischen PEN-Club lag, das Blatt ein paar Monate nach dem Massaker als "rassistisch" und quasi rechtsradikal zu kritisieren? Lag"s daran, dass die überfeinerten New Yorker allenfalls die lauen Cartoons des New Yorker verkraften? Nein, der Grund liegt tiefer: "Ich glaube, dass Panik eingesetzt hat. Sie ist natürlich von den Islamisten ausgelöst worden, schon vor zehn Jahren mit der Kampagne gegen die Mohammed-Karikaturen aus Jyllands-Posten (und auch gegen Charlie Hebdo, der die Karikaturen loyalerweise nachdruckte). Und diese Panik wurde von den wichtigsten englischsprachigen Medien unabsichtlich verstärkt und verbreitet, als sie 2005 die kaum durchdachte Entscheidung trafen, die dänischen Karikaturen nicht nachzudrucken oder im Fernsehen zu zeigen. Diese Entscheidung war der Präzedenfall für den Verzicht auf den Nachdruck der Charlie-Karikauren. Und der PEN-Streit zeigt nun die Konsequenzen."
Archiv: Tablet

Nepszabadsag (Ungarn), 30.05.2015

Der kürzlich ausgezeichnete Altphilologe und Romancier Gergely Péterfy analysiert die Sprache der Macht im gegenwärtigen Ungarn anhand der Äußerungen des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán in Straßburg - der dort die ungarische Sprache als eine "direkte" bezeichnete - und zieht Parallelen mit der Kádár-Ära vor 1989: "Die Situation der ungarischen Sprache unter Kádár ähnelte der eines politischen Häftlings, der solange verprügelt wird, bis er endlich sagt, was sein Folterer will. Die westlichen Sprachen - ihre Zuvorkommenheit und Offenheit - entwaffnen dagegen die Barbarei der Vergangenheit in ihren sprachlichen Erinnerungen, welche viel länger überlebten als ihre Institutionen oder Staaten. Das ist nun keine Aggressorenstrategie, sondern eine friedenserhaltende. Eine Blauhelmsprache, die den Konflikt nicht eskalieren lässt, solange die Verhandlungen andauern. (...) Auch wenn der Ministerpräsident verwirrt und blind über die ungarische Sprache redete, gerade die gesprochene Sprache verriet, was er will, wohin er geht - er sprach die Sprache der Aggression, die des direkten Konflikts. (...) Ich war einst so neidisch auf die Gruppe um Esterházy, dass sie damals sagen konnte: der Sozialismus sei eine sprachliche Goldmine. Ich bin dem "System der nationalen Kooperation" dankbar, dass es die Goldmine nun auch meiner Generation eröffnete."
Archiv: Nepszabadsag

New York Magazine (USA), 01.06.2015

Während McDonald"s vielerorts rote Zahlen schreibt und Burger King Filialen schließt, schießen kleine Burger-Läden wie Pilze aus dem Boden. Benjamin Wallace erzählt, wie sich der Hamburger vom Fast Food zum Gericht des 21. Jahrhunderts mauserte. Schuld daran ist - wer hätte es gedacht - ein Franzose: "Über den Ursprung des Burgers hat es endlose gelehrte Debatten gegeben, aber der erste telegene Burger eines berühmten Kochs ist unstrittig der DB Burger von Daniel Boulud. Im Jahr 2000, als sein DB Bistro Moderne in New York kurz vor der Eröffnung stand und Globalisierungsgegner in seinem Heimatland Frankreich eine McDonald"s-Filiale verwüsteten, nahm Boulud sein Gastland in Schutz: "Die Franzosen wünschten, sie hätten McDonald"s erfunden", sagte er der Times. Er beschloss, einen Burger zu kreieren, als interkulturelle Verständigung auf einem Brötchen, der die anspruchsvollen Techniken und Zutaten aus Frankreich mit amerikanischer Schlichtheit verbinden sollte: "Ich wollte einen Burger erschaffen, zu dem man Rotwein trinken konnte", erzählte er mir. "Das war meine Obsession. Ein Hamburger für Erwachsene.""
Stichwörter: Hamburger, Fast Food