Magazinrundschau

Alles sündig Freudvolle

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Freitag Mittag
11.04.2014. In der London Review of Books erklärt Seymour Hersh, warum die türkische Regierung für den Giftgaseinsatz in Syrien verantwortlich sein könnte. Nautilus beleuchtet die Geschichte und Zukunft des künstlichen Lichts. In Eurozine erklärt Karl Ove Knausgård, wie er schreibt und welche Bedeutung sein Lektor hat. Le Monde untersucht die Dynamik des Völkermords. Der New Yorker liest vegetarische Kochbücher.

London Review of Books (UK), 17.04.2014

In einer Riesenrecherche verfolgt Seymour Hersh für die London Review of Books weiter, wer für den Giftgasangriff von Damaskus im August 2013 verantwortlich ist. In seinen Augen spricht alles für die Türkei, die ihre Felle davon schwimmen gesehen habe, als die sogenannte "Rattenlinie" geschlossen wurde - also als der CIA verboten wurde, über die türkische Grenze Waffen aus Libyen nach Syrien zu schmuggeln. Hersh Report ist voll von solchen wahnwitzigen Geschichten: "Ein amerikanischer Geheimdienstberater sagte mir, dass er einige Woche vor dem 21. August ein streng geheimes Dossier für Dempsey und Verteidigungsminister Chuck Hagel gesehen hatte, das die aktuelle Befürchtung der Regierung Erdogan über die "schwindenden Aussichten der Aufständischen" beschrieb. Die Analyse warnte, dass die türkische Führung es für erforderlich halte, "etwas zu tun, was eine militärische Reaktion Amerikas herbeiführen würde". Im Spätsommer hatte die syrische Armee noch immer die Oberhand über die Aufständischen, erklärte der frühere Geheimdienstmitarbeiter, und nur amerikanische Luftschläge könnten das Blatt wenden. Im Herbst, fuhr der Geheimdienstler fort, spürten die Analysten der Nachrichtendienste, die an den Ereignissen vom 21. August arbeiteten, "dass Syrien die Angriffe nicht geführt hat. Aber die große Frage war, wie das geschehen ist? Der unmittelbare Verdacht fiel auf die Türken, denn sie hatten alles, was es dafür braucht.""

Eurozine (Österreich), 07.04.2014

Jonathan Bousfield erinnert in Eurozine an Milan Kunderas großen Essay "Die Tragödie Mitteleuropas", der vor dreißig Jahren erschien (hier auf Deutsch als pdf). "Für den in Litauen geborenen Polen Czesław Miłosz umfasste Mitteleuropa den gesamten Landstrich, der sich vom "barocken Vilnius" im Norden bis zum "mittelalterlichen Renaissance-Dubrovnik" im Süden zog und ungefähr alles einschloss, was östlich von Deutschland lag und von seinem kulturellen Erbe her katholisch oder jüdisch geprägt war. Auch wenn der ethnische Pluralismus Mitteleuropas hochgehalten wurde, herrschte zugleich eine sehr klare Ansicht darüber, was es nicht war: christlich-orthodox, islamisch oder russisch. Nicht jeder mochte den Begriff. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke sah in Mitteleuropa nichts weiter als einen "meteorologischen Begriff". Der ungarische Erzähler Peter Esterhazy erklärte 1991, dass ein Schriftsteller "einer Sprache angehört, nicht einer Region". Jugoslawiens Danilo Kiš trat vorsichtig auf, als er 1987 schrieb, dass die Vorstellung von einem mitteleuropäischen Kulturraum heutzutage vielleicht im Westen verbreiteter sei als in den Ländern, die logischerweise dazugehörten"."

Wie schreibt man? Welche Rolle spielen Freunde/Autoren, Verlag und Lektor bei der Entstehung eines Buchs? Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård beschreibt das in einem großartigen, ganz dicht an den eigenen Erfahrungen entlang geschriebenen Essay für Samtiden, den Eurozine ins Englische übersetzt hat. Er beginnt mit zwei der berühmtesten Lektoren der jüngeren Literaturgeschichte, Maxwell Perkins und Gordon Lish. Sind die beiden zu weit gegangen, als sie quasi den Ton schufen, für den ihre Autoren berühmt werden sollten? "Um zu begreifen, was sich im Schatten dieser dunklen Zone abspielt, hilft es, ein Gedankenexperiment vorzunehmen: Wie wären diese Bücher ohne Lektoren geworden? In meinem Fall ist die Antwort einfach: Es gäbe keine Bücher. Ich wäre kein Autor geworden. Das heißt nicht, dass mein Lektor [Geir Gulliksen] meine Bücher für mich schreibt, sondern dass seine Gedanken, Ideen und Einsichten für mein Schreiben wesentlich sind. Diese Gedanken, Ideen und Einsichten sind sein Beitrag zu meiner Arbeit, und daher auch zu mir. Wenn er andere Autoren lektoriert, gibt er ihnen andere Dinge. Idealerweise ist der Job eines Lektors undefiniert und offen genug, um den Forderungen, Erwartungen, dem Talent und der Integrität jedes individuellen Autors genau angepasst werden zu können. Über allem beruht er auf Vertrauen und ist viel abhängiger von persönlichen Eigenschaften und einem Verständnis für andere als von formalen literarischen Kompetenzen."
Archiv: Eurozine

New Statesman (UK), 04.04.2014

John Gray hat Mark D. Whites Buch über die Tugenden des Comic-Helden "Captain America" wirklich gern gelesen. Es ist amüsant und durchgehend anregend, kurz: populäre Philosophie erster Güte, lobt er im New Statesman. Wie White allerdings behaupten kann, die Ideale des Captains seien klassisch-griechisch, wo sie doch ganz klar amerikanisch-christlich sind, ist Gray ein Rätsel: "Zum Teil kann man das vielleicht mit der professionellen Deformation der akademischen Philosophie erklären. Vor allem in Amerika ist zeitgenössische Philosophie stur säkular. Auch nur das geringste symphathisierende Interesse an Religion zu zeigen, ist die schnellste Art des Karriereselbstmords. Vielleicht deshalb wurde die Tugendethik recht populär. Viele Philosophen haben erkannt, dass Utilitarismus und Menschenrechte armselige Arten sind über Ethik nachzudenken. Wenige haben sich bemüht, die jüdischen und christlichen Wurzeln zu erkunden, aus denen sich die moderne westliche Ethik entwickelt hat. Stattdessen blickt man zurück auf die Griechen. Ohne Sinn dafür, wie sich moralische Ideale verändern - denn zeitgenössische angelsächsische Philosophie ist durch und durch unhistorisch - versteht man nicht, dass die antiken Vertreter der Tugendethik in einer Welt lebten, die fast unvorstellbar weit von der unseren entfernt ist."
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Stichwörter: Captain America, John Gray

Elet es Irodalom (Ungarn), 04.04.2014

András Újlaki, der Sekretär der Stiftung für benachteiligte Kinder, berichtet im Interview mit Eszter Rádai über einen Kurswechsel in der Romastrategie in Ungarn: "Das Zigeunerghetto wird nicht aufgelöst, sondern mit Komfort ausgestattet, die Schule wird nicht integriert, stattdessen wird eine Sonderschule eröffnet, und um die Arbeitsplätze in der Wettbewerbssphäre müssen wir uns auch keine Sorgen machen, denn die Zigeuner verrichten Arbeit innerhalb der Beschaffungsmaßnahmen. Es bleibt nur die Frage, ob die EU uns das abkauft, wenn wir statt einer inklusiv-integrierenden Politik, die von ihr großzügig finanziert wird, die Struktur der Segregation stabilisieren."
Stichwörter: Roma, Segregation, Ungarn

Nautilus (USA), 06.03.2014

In einem sehr interessanten Artikel in Nautilus beleuchtet Dirk Hanson die Geschichte und Zukunft des künstlichen Lichts. "Seit einigen Jahren arbeitet sich der Physiker Jeff Tsao durch das Kosten-Nutzen-Verhältnis von künstlicher Beleuchtung. Seine Analyse von Daten aus drei Jahrhunderten und sechs Kontinenten hat ergeben, dass "die Zunahme an Leuchtkraft mit einem erhöhten Energiebedarf einhergeht, der den Effizienzgewinn exakt ausgleicht". Mit bemerkenswerter Verlässlichkeit reagiert die Menschheit auf billigere und effizientere Beleuchtungsmethoden demnach mit einem höheren Verbrauch. Es ist das, was Ökonomen als "Jevons" Paradoxon" bezeichnen: erhöhte Effizienz in der Nutzung von Rohstoffen kann kontraproduktiv sein, wenn die daraus resultierenden Einsparungen in einen höheren Konsum investiert werden. Nach Tsaos Berechnungen wendet die Welt seit dreihundert Jahren konstant 0,72 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Licht auf."
Archiv: Nautilus

New Yorker (USA), 14.04.2014

Jane Kramer liest aktuelle vegetarische Kochbücher für Fleischesser und kann keinen Widerspruch erkennen: "Ich selbst würde mich als vorsichtigen Fleischesser bezeichnen, der seinen Speck zum Frühstück nicht missen möchte oder den Lachs auf dem Bagel … Der Grund für Leute wie mich, Gemüse zu essen, hat weniger mit Vegetariern und ihren Theorien zu tun, als mit Köchen und Kochbuchautoren, die irgendwann damit anfingen, Gemüse wirklich schmackhaft zuzubereiten, indem sie sich zum Beispiel eines Blumenkohls mit der gleichen kulinarischen Inspiration annahmen wie gedünsteten mexikanischen Rippchen oder einem Schweinerollbraten. Höchste Zeit, dass so etwas passierte, wenn man sich die drögen vegetarischen Kochbücher ansieht, die seit Martha Brothertons erstem Buch dieser Art in englischer Sprache, also seit Anfang des 19. Jahrhunderts, erschienen sind. Brothertons "A New System of Vegetable Cookery" war eine bibeltreue, sehr erfolgreiche Mission, dem Gemüse alles sündig Freudvolle auszutreiben. Das wirkte bis in die streitbaren vegetarischen Landkommunen und Kollektive der 60er und 70er nach mit ihren Brotlaibern und Möhrenkuchen, die fast genauso viel wogen wie die Leute, die sie sich einverleibten."

Außerdem im Heft zu lesen: "Box Sets", eine taufrische Erzählung von Roddy Doyle, in der wir erfahren, was es heißt, im goldenen Zeitalter der TV-Serien zu leben. Nathan Heller bespricht neue Bücher und Filme über den Gewerkschaftsführer Cesar Chavez.

Und: Am 3. April hätte Marlon Brando seinen Neunzigsten gefeiert. Der New Yorker gratuliert, indem er Truman Capotes wunderbar stimmungsvollen Bericht von seinem Besuch in Brandos Hotelzimmer in Tokio online stellt, wo sich der Schauspieler 1957 für den Dreh des Melodramas "Sayonara" aufhielt: "Brando gähnte; es musste Viertel nach eins sein. In weniger als fünf Stunden musste er geduscht, rasiert und gefrühstückt am Set sein, damit der Maskenbildner sein blasses Gesicht in dem Mulattenton anmalen konnte, der für Technicolor erforderlich ist. "Lass uns noch eine Zigarette rauchen", sagte er, als ich Anstalten machte, mir den Mantel anzuziehen. "Möchtest du etwas trinken?" Draußen hatten sich die Sterne verdunkelt und es hatte zu nieseln begonnen, die Aussicht auf einen Schlummertrunk war also verlockend, zumal ich zu Fuß zu meinem eine Meile entfernten Hotel zurückkehren musste. Ich schenkte mir Wodka ein, Brando lehnte ab. Doch dann griff er nach meinem Glas, nippte daran, setzte es zwischen uns ab und sagte unvermittelt, aber nicht ohne Gefühl: "Meine Mutter. Sie zerbrach wie ein Stück Porzellan.""
Archiv: New Yorker

Monde (Frankreich), 11.04.2014

Welche psychischen, politischen und sozialen Triebfedern führen dazu, dass Menschen zu Massenmördern werden? Wie lässt sich die Dynamik des Völkermords verstehen, die Naziverbrechen, der Hutu-Terror oder der Wahn der Roten Khmer? In Le Monde sprechen darüber der kambodschanische Dokumentarfilmer Rithy Panh, der Journalist Jean Hatzfeld und der Politikwissenschaftler Jacques Sémelin. Panh erklärt: „In Kambodscha unterscheidet man drei Typen von Schlächtern: Die Anstifter, die Delegierer und diejenigen, die mit den eigenen Händen töten. Erstere sind oft die Perversesten.“ Und Jean Hatzfeld sieht frappierende Analogien zwischen dem Holocaust und dem Völkermord in Ruanda: "Aufstieg eines Diktators, Erklärung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe als „überzählig“, Übernahme dieser Aussage in politische Diskussionen, Theaterstücke, Witze oder Radioprogramme. „Und nach und nach kommt es zu einem Anstieg von Gewaltakten, der Kennzeichnung, Ausgrenzung und Diskriminierung der abgelehnten Volkgruppe. Das Gefühl der Immunität stellt sich ein. Und dann kommt der Krieg. Ohne das Chaos, das er hervorruft, ohne den Zustand des Unrechts, den er installiert, ist das Massenverbrechen nicht möglich.“"
Archiv: Monde

New York Magazine (USA), 06.04.2014

In der Cover Story des New York Magazins untersucht Jonathan Chait, wie sich die Ethnien-Frage während Obamas Präsidentschaft entwickelt hat. Von Harmonie, wie Optimisten prognostiziert haben, kann keine Rede sein: "Ethnische Fragen sind zum Hauptkümmernis geworden, Teil eines Verfolgungsnarrativs, das alle Seiten benutzen, um sich die Welt zu erklären. Liberale verharren in der Paranoia eines weißen Rassismus, den sie überall vermuten. Konservative verharren in ihrer eigenen Paranoia, in der Rassismus die Keule ist, die ihre Kernwerte bedroht. Das Schlimme ist, beide Formen der Paranoia sind begründet. Wollte man eine Geschichte der Obama-Ära schreiben, dürften ethnische Fragen eigentlich keine Rolle spielen. Alle Präsidentschaften von Truman bis Clinton hatten ethnische Brandherde zu bekämpfen. Kämpfe um die Aufhebung der Rassentrennung beim Militär und in Schulen, Proteste gegen die Zivilrechte etc. Unter Obama sieht es eher aus wie während des New Deal, als es um den Geltungsbereich der Regierung ging. Eine ethnische Agenda existiert quasi nicht. Wollte man indessen eine Sozialgeschichte der Obama-Ära schreiben, würde man feststellen, dass ethnische Fragen einfach jedes Thema durchdrungen haben wie nie zuvor: Schulden, Gesundheit, Arbeitslosigkeit … Kaum ein Tag ohne den Vorwurf der ethnischen Über- oder Untersensibilität. Wo es bei Bush um Außenpolitik und kulturelle Grabenkämpfe über die Frage ging, wer das wahre Amerika erschaffen hat, sind die Obama-Jahre von einer bitteren Kontroverse über die Vergrößerung des Staats- und Regierungsapparats und ihre Nutznießer geprägt. Eine Diskussion, in der es immer auch um die Sympathie für oder die Vorurteile gegen das Afroamerikanische geht."

Magyar Narancs (Ungarn), 20.03.2014

Im Gespräch mit Tibor Legát klagt der Holocaustforscher László Karsai über die zunehmend einseitige Darstellung der Besetzung Ungarns durch Deutschland im Jahre 1944: "Verbreitet wird die Geschichtsauffassung von sich als national-konservativ und christlich bezeichnenden Kreisen. Alles was antikommunistisch ist, wird gepriesen, und alles was antifaschistisch ist, sei es kommunistisch, sozialdemokratisch oder bürgerlich liberal, gilt als nicht existent. Die Antikommunisten wurden in das nationale, christliche Pantheon gehoben, und alles, was dieses Gesamtbild stören könnte, bleibt draußen."

New York Times (USA), 05.04.2014

Zum Tod des amerikanischen Schriftstellers, Umweltaktivisten, Zen-Priesters und vermeintlichen CIA-Agenten Peter Matthiessen, Autor der Generation von Kurt Vonnegut und E.L. Doctorow, bringt das Magazin der NY Times einen Text von Jeff Himmelman, in dem unter anderem zu erfahren ist, wie Matthiessens Faszination für die Natur und sein Erzählen einander befruchten konnten: "In den späten 60ern schickte der New Yorker Matthiessen auf die Suche nach der Grünen Meeresschildkröte vor Nicaragua. Matthiessen lieferte seinen Artikel ab, fand aber, ein Roman würde besser ausdrücken, was er erlebt hatte. Acht Jahre experimentierte er an der Geschichte. Das Ergebnis war "Far Tortuga", ein in jeder Hinsicht radikaler Roman mit Leerstellen, Dialogen ohne Anführungszeichen und Zuordnung, Piktogrammen, handgemalten Illustrationen und, das Erstaunlichste vielleicht, nur ein oder zwei Vergleichen im gesamten Text … Die Auslöschung des Ichs gehört zu den Standards im Zen. Ebenso das Streben nach Einfachheit und der Verzicht auf Ausschmückung. "Ein Kakerlak, der unter dem Küchenschrank hervorkommt, Fühler aufgerichtet, das ist so überwältigend und schräg und schön, dass niemand einen Vergleich braucht, z. B. "wie eine Radioantenne" oder so was", sagte er. "Nicht nötig. Die Sache an sich ist so gut.""

Außerdem schreibt Michael Lewis eine seiner gefürchten Wirtschaftsreportagen, diesmal knöpft er sich den Hochfrequenzhandel vor.