Magazinrundschau

Anonymer, göttlicher Unbekannter

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Freitag Mittag
28.02.2014. In The Intercept erklärt Glenn Greenwald, wie die NSA gezielt den Ruf von Kritikern zerstört. La vie des idees betrachtet einen Fotoband über den stalinistischen Terror. The New Republic fühlt sich unwohler vor den Bildern der Futuristen. In Eurozine empfiehlt David Runciman eine Koordinierung der nationalen Wahlen in Europa. In der Boston Review erzählt der Journalist Uki Goñi, wie er mit einem Nonnenmörder die Nacht durchtanzte.

Intercept (USA), 24.02.2014

Glenn Greenwald bringt in The Intercept, seinem von Pierre Omidyar finanzierten Investigativmagazin, die erste größere Geschichte und zeigt "wie verdeckte Agenten der NSA ins Internet eindringen, um zu manipulieren, zu täuschen und den Ruf von Personen zu zerstören." Seine Erkenntnisse basieren auf dem Papier einer Arbeitsgruppe der Five Eyes Allianz: "The Art of Deception: Training for Online Covert Operations". Zu den Techniken gehören "'false flag operations' (man stellt Material ins Netz und erklärt jemand anderen zum Urheber), 'fake victim blog posts' (man gibt sich als Opfer einer Person aus, deren Ruf man zerstören will), und 'negative Informationen' in verschiedenen Formen". Normale Stasi-Arbeit also! Diese Taktiken richten sich laut Greenwald keineswegs gegen feindlich gesinnte Nationen, sondern häufig zum Beispiel gegen Hacker - "jene, die Online-Protestaktionen zu politischen Zwecken nutzen". Solche verdeckten Aktionen, so Greenwald, seien besonders von Obama-Berater Cass Sunstein empfohlen worden, der ironischer Weise gerade von Obama zum Mitglied im NSA Review Panel ernannt worden wurde. (David Cole widmete der Arbeit dieses Panels gerade einen sehr kritischen Artikel in der NYRB.)
Archiv: Intercept

Nepszabadsag (Ungarn), 22.02.2014

Der Schriftsteller und Literaturhistoriker László Szilasi veröffentlichte vor kurzem seinen zweiten Roman mit dem Titel "A harmadik híd" ("Die dritte Brücke", Magvető, Budapest, 2014). Mit Szilasi sprach Sándor Zsigmond Papp über die Beziehung von Kultur und Politik: "Man sagt, dass der Kulturkonsum mit Ausnahme der skandinavischen Länder in ganz Europa zurückgeht. Das bedeutet aber vorerst nicht das Aufhören der Produktion von Kultur. Die Lust der Politik, Kultur als Geisel zu nehmen, mag keine Grenzen haben, ihre Fähigkeit hierzu hat aber definitiv welche. Sie kann beispielsweise keine Talente gebären. Und bis jetzt konnte sie auch nicht in die luftigen Romanstrukturen vordringen. Sie ist ausgesperrt, die Arme."
Archiv: Nepszabadsag

Guardian (UK), 20.02.2014

Luke Harding erzählt von all den gespenstischen Begegnungen und Erlebnissen, die ihm beim Schreiben seines Buchs "The Snowden Files" wiederfuhren: "Ich schrieb gerade an einem Kapitel über die engen und weithin geheimen Beziehungen der NSA zum Silicon Valley. Ich schrieb, dass Snowdens Enthüllungen die amerikanischen Hightech-Unternehmen an einer empfindlichen Stelle getroffen hätten - als etwas Seltsames passierte. Der Absatz, den ich gerade geschrieben hatte, begann sich selbst zu löschen. Der Cursor bewegte sich schnell von links und verschland den Text. Ich sah, wie meine Wörter verschwanden. Als ich versuchte, mein Open-Office-Dokument zu schließen, begann die Tastatur zu blinken und piepsen. In den nächsten Wochen ereigneten sich diese Fälle von Fernlöschung mehrere Male. Es gab kein festes Muster, aber es schien immer dann zu passieren, wenn ich abschätzig über die NSA schrieb. Alle Autoren bereiten sich auf Kritik vor. Aber eine Kritik vor der Veröffentlichung von einem anonymen, göttlichen Unbekannten ist etwas Neues."

Außerdem: Schriftsteller wie Ian McEwan, Hari Kunzru und Deborah Levy feiern das achtzigjährige Bestehen der britischen NGO Liberty. Auch Edward Snowden schickt ein paar Zeilen: "Heute kann kein normaler Mensch mehr telefonieren, einem Freund eine E-Mail schreiben oder ein Buch bestellen, ohne dass über seine Aktivitäten Aufzeichnungen erstellt werden, archiviert und analysiert von Leuten, die befugt sind, einen ins Gefängnis zu stecken oder Schlimmeres. Ich weiß das, ich saß an diesem Schreibtisch. Ich habe die Namen eingegeben."

Und Julian Barnes warnt, Freiheit sei sehr wohl teilbar. Wir erlebten es jeden Tag: "Sobald ein Politiker behauptet, dass anständige, gesetzestreue Bürger von einer bestimmten Maßnahme nichts zu befürchten haben, können wir sicher sein, dass gerade jemand einen kleineren oder größeren Teil seiner Freiheit verliert."


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Archiv: Guardian

La vie des idees (Frankreich), 21.02.2014

Paul Gradvohl stellt ein neues Buch des polnischen Fotografen Tomasz Kizny und der Journalistin Dominique Roynette vor, das die Epoche des Großen Terrors respektive der gigantischen "Säuberungswelle" in der Sowjetunion in den Jahren 1937 und 1938 aufarbeitet. Es umfasst Textbeiträge unter anderem des russischen Historikers und Menschenrechtlers Arseni Roginski sowie des französischen Historikers Nicolas Werth, der schon 2009 eine historische Analyse (L'Ivrogne et la marchande de fleurs. Autopsie d'un meurtre de masse. 1937-1938) dieser Epoche vorgelegt hatte, vor allem jedoch lange unter Verschluss gehaltene Porträtfotos von Verhafteten, die das stalinistische Regime laut Kizny prinzipiell aufnahm, damit es bei späteren Exekutionen nicht zu "Verwechslungen" kam. "Häufiger jedoch wurden sie erst kurz vor der Erschießung aufgenommen, bevor sie in die Geheimarchive des NKWD wanderten. Mit ihrer Veröffentlichung gibt das Buch den Opfern ein starkes und einzigartiges Bild zurück, aus dem einfachen Grund, dass jede Fotografie eine ganze Seite einnimmt, und der Schwerpunkt auf einer Gegenüberstellung mit einer Reihe von Informationen aus Akten des NKWD liegt."

Richtungsweisend nennt Solenn Carof eine Studie der amerikanischen Soziologin Abigail Saguy, die den provozierenden Titel "Was spricht gegen Fett?" trägt ("What's Wrong with Fat?") und eine der ersten systematischen Untersuchungen der "Kollateralschäden des Kampfs gegen Übergewicht" (so der Untertitel) ist: "Sie zeichnet einige Debatten und Kontroversen nach, die seit etwa zwanzig Jahren Übergewicht auf die politische Agenda setzen. Und sie erinnert daran, wie der Diskurs über 'die Seuche Fettsucht' zwischen moralischem Kreuzzug oder politischer Zweckentfremdung von zahlreichen Akteuren dazu genutzt wurde, Finanzmittel, Anerkennung oder Medienpräsenz zu erhalten. Übergewichtige ihrerseits versuchten, gegen dieses Machtverhältnis durch eine konkretere, ja sogar forderndere Sichtweise anzukämpfen, indem sie sich nicht zuletzt an Bürgerrechtsbewegungen orientieren."
Stichwörter: Kreuzzüge, Übergewicht

New Republic (USA), 03.03.2014

Wie ein Ausruf der Verzweiflung liest sich, was die Autorin Nilanjana Roy zum Fall Wendy Doniger schreibt (deren alternative Geschichte des Hinduismus der Penguin Verlag zurückgezogen hatte, nachdem er jahrelang von orthodoxen Hindus unter Druck gesetzt worden war, mehr hier): "Manchmal wird das 'Nie wieder' zu einer geladenen Waffe an den Schläfen der Kreativen. Wir leben nun seit über zwanzig Jahren (seit der Fatwa gege Salman Rushdie, d.Red.) unter der ständigen Drohung von Gewalt, der wir uns beugen müssen. Und Künstler, Autoren, Historiker, die in irgendeiner Weise als provokativ gelten, werden für die Drohungen gegen sich selbst verantwortlich gemacht. Sie sollen schuld sein an dem Schwert, das andere über ihre Köpfe halten. Seit vielen Jahren sind die beiden Mantras der liberalen Klassen in Indien, besonders bei den Kreativen, schizophren: Immer mehr steigt der Ärger über das Mobbing, dem wir ausgesetzt sind, und immer dringender wird im Gegenzug darauf beharrt, dass wir jede Gefahr eines Aufstands meiden sollen."

"Das Problem mit dem Futurismus ist, dass wir die Zukunft gesehen haben", schreibt Jed Perl angesichts der großen Ausstellung "Italian Futurism: 1909-1944: Reconstructing the Universe" im New Yorker Guggenheim, die ihm die heikle Rolle der Futuristen in der Geschichte der modernen Kunst verdeutlicht: "Ein Ästhet mit einem politischen Programm ist grundsätzlich eine beunruhigende Erscheinung, und es lässt sich nicht leugnen, wie widerlich die avantgardistischen Exkapaden der Futuristen werden können, wenn sich ihr polemischer Überschwang nicht mehr von antidemokratischer Demagogie unterscheiden lässt... Im Großen und Ganzen fühlen sich diejenigen, die mit der Kunstgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts betraut sind, mit linken Exzessen wohler als mit rechten, sodass (um nur ein Beispiel zu nennen) El Lissitzkys Arbeit als Propaganist für Stalin und die Sowjetunion mehr Verständnis entgegengebracht wird als der Propaganda für Faschisten."
Archiv: New Republic

Eurozine (Österreich), 24.02.2014

Michael Wiederstein interviewt für den Schweizer Monat (online in Eurozine) den britischen Politologen David Runciman, für den die Begriffe Demokratie und Krise geradezu Synonyme sind. Für Europa empfiehlt er eine Koordination der nationalen Wahlen: "Bezüglich der EU sprechen immer mehr Kollegen von der Notwendigkeit eines 'europäischen Moments' - also einer gleichzeitigen Wahl in allen Nationalstaaten des Kontinents. Die Idee ist reizvoll - vor allem auch, weil das dafür sorgen würde, dass sich nationale Parteien international abstimmen und gemeinsam Politik machen. So wären Allianzen denkbar, die beispielsweise stumpfem Nationalismus, der billigsten Form des etatistischen Populismus, den Riegel vorschieben könnten. Nationale Ausrufezeichen des Protests würden dann bestenfalls durch diplomatische Anstrengungen ersetzt."
Archiv: Eurozine

Forbes (USA), 19.02.2014

Parmy Olson erzählt in Forbes die Rags-to-Riches-Story des Ukrainers Jan Koum und seiner 19-Milliarden-Dollar-Erfindung WhatsApp. Obwohl der Dienst, der ursprünglich zur Übermittlung von Statusmeldungen - nicht Nachrichten - konzipiert war, sich nach der Gründung im Jahr 2009 rasant verbreitete, waren die Anfänge doch so hart, wie es sich für ein Startup gehört: "Durch Beziehungen, die sie noch aus ihrer Zeit bei Yahoo hatten, kamen sie an ein paar Büroräume, die das IT-Unternehmen Evernote in einer umgebauten Lagerhalle untervermietete. Sie arbeiteten an billigen Ikea-Tischen und wickelten sich gegen die Kälte in Decken ein. Ein WhatsApp-Schild an der Tür gab es nicht. 'Ihre Anweisungen lautete: Finde das Evernote-Gebäude. Gehe ums Gebäude herum. Finde eine ungekennzeichnete Tür. Klopfe.', erinnert sich Michael Donohue, einer von WhatsApps ersten Programmierern, an sein Vorstellungsgespräch."
Archiv: Forbes
Stichwörter: Ikea, Jan Koum, WhatsApp, Yahoo

New Statesman (UK), 20.02.2014

Wo ist die obszöne Dichtung des 17. Jahrhunderts? Wo Nashe und Wilmot? Wo Philipp Larkins Ode auf die Masturbation "Annus Mirabilis"? Sehr lückenhaft findet Germaine Greer New Statesman Sophie Hannahs Anthologie "The Poetry of Sex". Überhaupt ist Poesie immer sexuell, meint Greer: "Dichtung ist ebenso ein sexuelles Phänomen wie Vogelgezwitscher. Typischerweise ist sie eine männliche Darstellung, deren Kunst eher darauf zielt, andere Männchen zu entmutigen und aus dem Feld zu schlagen als das selbstvergessene Weibchen zu verführen, sei es nun ein ungebildeter Mensch oder eine Futter suchende Henne. Die männliche Zurschaustellung ist sexuell, aber es geht ihr nicht um den Sex, sie möchte eine fundamental alltägliche und vorübergehende Interaktion durch Kunstfertigkeit und Erfindungsgabe verfeinern. Wenn sie durchgedrungen ist, fällt Schweigen - über den Vogel und den Dichter."

MicroMega (Italien), 18.02.2014

Maria Antonietta Calabrò hat ihr klassisches Buch "Le mani della Mafia", das die Kapillarverbindungen zwischen Mafia, Vatikan und der P2-Loge untersuchte, nach zwanzig Jahren neu veröffentlicht, auch weil einige Prozesse aus der Zeit der Achtziger erst jetzt zum Abschluss gekommen sind, so etwa der Prozess gegen die Mörder Roberto Calvis. Calvi spielte in diesem italienischen Bermuda-Dreieck eine wichtige Rolle, bis er 1982 ermordet unter eine Londoner Brücke gefunden wurde. In einem langen Interview mit Micromega spricht Calabrò unter anderem über die lateinamerikanische Connection der Vatikanmafiosi und Verschwörer: "Wir müssen nur an den Präsidenten der (mit dem Vatikan verbundenen) Banco Ambrosiano denken, Carlos Guido Natal Coda, ein ehemaliger argentinischer Admiral, der mit der P2 verbunden war und ein Vertrauensmann des berüchtigten Ex-Diktators und Generals Emilio Eduardo Massera war. Generaldirektor war damals der Patriarch einer Bankiersfamilie, der Trusso, der die Diözese von Buenos Aires in den Bankrott führte. Eine höchst komplizierte Situation, die mit großem Geschick vom heutigen Papst Bergoglio bewältigt wurde, als er Kardinal von Buenos Aires geworden war. Vergessen wir nicht, dass dafür der Privatsekretär des Kardinals Quarracino, des Vorgängers von Bergoglio, ins Gefängnis gehen musste."
Archiv: MicroMega

Longreads (USA), 28.02.2014

Josh Roiland sieht sich für einen sehr schönen und lehrreichen Artikel für Literary Journalism Studies, den er bei Longreads online stellte, die nicht-fiktionalen Texte von David Foster Wallace an, die man dennoch nicht als journalistisch definieren kann. Eines seiner Beispiele ist ein Text ("Roger Federer as Religious Experience"), den Wallace für die New York Times über Roger Federer schrieb und für den er Federer in Wimbledon traf. Tennis war bekanntlich eine wichtige Sache für Wallace. Roiland liest sich Wallace' Notizen zum Interview durch: "Wahrnehmung war wie immer sein großes Thema. Seine spezielle Herangehensweise war Wallace bewusst. Deutlich machte er sie, indem er seine neun Fragen mit einer gedruckten Überschrift versah: 'Nicht-journalistische Fragen'. Jede Frage ist einen Absatz lang, voller Abschweifungen, Nebenbemerkungen und Definitionen; manche haben handgeschriebene Zusätze. Kurz, sie lesen sich wie David Foster Wallace. Er fragt Roger Federer, ob er sich seiner Größe bewusst sei, ob ihm das Medienmikroskop bewusst sei, unter dem er operiert, ob er wisse, zu welchem Grad von Schönheit sein Athletismus imstande sei und wie großartig seine Bälle wirkten. Er schrieb sogar: 'Wieviel kriegen Sie von den Balljungen mit?', strich diese Frage aber durch."
Archiv: Longreads

Boston Review (USA), 17.02.2014

Jessica Sequeira führt für die Boston Review ein faszinierendes Gespräch über die jüngere argentinische Geschichte mit dem Journalisten Uki Goñi, der nur seine Lebensgeschichte erzählen muss, um uns in die Abgründe, die da gähnen, hineinzuversetzen. Um 1980 arbeitete er beim englischsprachigen Buenos Aires Herald, der einzigen argentinischen Zeitung, die überhaupt über die Mütter von der Plaza de Mayo berichtete - unter großer Gefahr und zum allgemeinen Desinteresse der Argentinier. Dank eines seiner Bücher ist der Foltergeneral Alfredo Astiz verurteilt worden. In einer Szene schildert Goñi die Atmosphäre in Argentinien zur Zeit der Diktatur: "Wir waren damals zufällig zusammen auf einer Party und tanzten zu 'The Last Train to London' von ELO. Ich zog den Hausherren zur Seite und fragte ihn: 'Weiß du, wer hier ist?' Er sagte: 'Ja, Alfredo Astiz'. Ich sagte: 'Der Mörder der französischen Nonnen und des schwedischen Mädchens.' Und er: 'Nein, der Held der Falklands'. Darauf ich: 'Sag ihm nicht, dass ich für den Herald schreibe.' Ich fragte mich, ob ich auf der Party bleiben soll, und ich blieb und tanzte mit Astiz Seite an Seite."

HVG (Ungarn), 12.02.2014

Der Soziologe und Korruptionsforscher Dávid Jancsics beschreibt in einem Essay, wie informelle Strukturen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Sphären die transparente Implementierung der Verteilungssysteme der EU erschweren: "Zur großen Überraschung der EU-Technokraten ist unser System von Institutionen - und das anderer postsozialistischer Länder - formal identisch mit dem der westlichen Nachbarn, produziert aber erstaunlich schwache Ergebnisse, weil die Leistung des Landes stark von tief in die Textur der Gesellschaft eingekerbten, eigenartig mitteleuropäischen informellen Institutionen wie Klientelstrukturen, Geschäftskartellen, korrupten Netzwerken, niedrigem gesellschaftlichen Vertrauen und weiteren regionalen Exotika beeinflusst wird. (...) Ungarn ähnelt zunehmend den neopatrimonialen Systemen (Macht des Fürsten in den frühen Feudalismen), dessen typisches Beispiel Putins Russland ist."
Archiv: HVG
Stichwörter: Putins Russland

New York Times (USA), 28.02.2014

Für die Reiseausgabe des New York Times Magazine besucht Jon Mooallem den Mittelpunkt der Erde. Der liegt auf halber Strecke zwischen San Diego und Phoenix, Arizona, und ist Teil des steingewordenen Wolkenkuckucksheims des Milliardärs Jacques-André Istel. Istels Wüstenstadt "Felicity" ist eine Ansammlung monumentaler Gebäude und erdbebensicher verankerter Granitblöcke, in die ein Künstler seit 13 Jahren die Geschichte der Menschheit einmeißelt: "Ein Verzeichnis menschlicher Erfolge, Verrücktheiten und Gewalt. Van Goghs 'Sternennacht', das erste Polospiel 600 vor Christus, die Ausbreitung des Islam, H. G. Wells, Laotse, der Hamburger... Und weil Istel nicht vorhersehen kann, wie der künftige Besucher all dessen aussehen wird, vermittelt er fundamentale Wahrheiten, als wären sie eben erst entdeckt worden: 'Schön und romantisch anzuschauen, beeinflusst der Mond die Menschen aufs Tiefste.'" Istel hat Millionen in sein Lebensprojekt gesteckt, erhält aber bislang nur wenig Aufmerksamkeit. Werbung macht er keine, er hat ja Zeit. Seine "Felszeichnungen" sollen mindestens 4000 Jahre überdauern.

Mac McClelland liefert einen interessanten Bericht aus dem von der türkischen Regierung in Eigenregie betriebenen Flüchtlingslager in Kilis an der Grenze zu Syrien. Das Camp mit 14.000 "Gästen", wie es laut des von der Türkei unterzeichneten Flüchtlingsabkommens von 1951 heißt, ist sauber und ordentlich wie eine Vorortsiedlung. Es verfügt über reichlich Straßenlaternen, Supermarkt, Satellitenfernsehen, Internet, Kindergarten und Spielplätze, die wie von McDonald's hingestellt aussehen. Ein Ort zum Glücklichsein? Die ideale Lösung? Weder noch. Eher noch erleichtern solche Camps die staatliche Kontrolle: "Massive Integrationsprobleme sind der wahre Grund, warum viele Flüchtlinge in den Camps bleiben. Hier wird ihnen geholfen. Allerdings können sie auf andere Weise 'verloren gehen'; sie leben in einem dauernden Zustand der Unsicherheit … Je länger ein Flüchtling in einem Camp bleibt, desto prekärer die psychologische Situation … Andererseits lässt der relative Komfort es weniger dringend erscheinen, nach sinnvollen und nachhaltigen Lösungen zu suchen." Laut besagtem Abkommen soll eine solche Lösung u. a. das Recht auf Arbeit, Obdach, Reisefreiheit und staatliche Fürsorge beinhalten.

Und: In Venezuela toben seit Tagen Massenproteste. Sie nahmen ihren Ausgang in Universitäten und wenden sich gegen das von Hugo Chavez installierte und seinem Nachfolger Nicolás Maduro fortgesetzte linkspopulistische Regime. Die Proteste werden gewaltsam niedergeschlagen, die staatlichen Medien schweigen sie unterdessen tot, schreibt Franicsco Toto in einem längeren Denkstück.