Magazinrundschau

Und sagen kein Wort

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
24.04.2012. Frauen könnten die Verlierer der Arabellion werden, fürchtet Mona Eltahawy in Foreign Policy.  Der Reporter des Smithsonian Magazine besichtigt nackt das neue Kunstmuseum auf Tasmanien. Der Espresso lacht und weint über Roberto Benigni. In The New Republic wirft Adam Thirlwell Claude Lanzmanns Shoah-Bild Mystizismus vor. Elet es Irodalom würdigt Laszlo Földenyis intellektuelle Empfindsamkeit. In der London Review of Books porträtiert Jacqueline Rose Marilyn Monroe als Feministin. Maisonneuve erklärt am Beispiel von Schneeräumverträgen in Montreal, wie Korruption funktioniert. In Granta erzählt Julie Otsuka eine Geschichte japanischer Katalogbräute.

Smithsonian Magazine (USA), 01.05.2012

In Tasmanien, noch hinter Australien, hat David Walsh, ein Spieler-Millionär, ein Kunstmuseum eröffnet, das der Knaller der Saison für Kunstliebhaber aus der ganzen Welt ist. Tony Perrottet hat sich zu einer Besichtigungstour der besonderen Art aufgemacht: alle Besucher sind nackt. "wenn man sich schon mit Sex und Tod konfrontiert - oder wenigstens mit der jüngsten künstlerischen Beschreibung davon - dann kann man es genauso gut nackt tun. Diese Ansicht wurde mir fröhlich von einer jungen, frischen Mitarbeiterin verkündet, als ich im MONA ankam und feststellte, dass nachmittags eine 'Nudistentour' angeboten wurde. Offenbar sollten die Teilnehmer in einem Zustand, den die Natur vorgesehen hat, durch die unterirdisch gelegenen Ausstellungen eskortiert werden. Der Führer würde auch nackt sein, natürlich. Sogar die Wächter würden nackt sein. Da viele Kunstwerke im MONA sich mit den intimen Arbeiten des menschlichen Körpers auseinandersetzen, würde die Beteilung nackter Besucher ganz sicher auf einem erhöhten Level stattfinden, sagte die Mitarbeiterin. 'Natürlich ist die Tour seit Wochen ausgebucht', meinte die Mitarbeiterin schulterzuckend, 'aber ich kann Ihren Namen auf die Warteliste setzen.'" Es klappte...

Außerdem: Reiseschriftsteller Paul Theroux überlegt, warum ausgerechnet die Menschen auf Hawaii, wo er seit über 20 Jahren lebt, keine Lust haben, mit einem Fremden zu reden.
Stichwörter: Australien, Paul Theroux

Espresso (Italien), 23.04.2012

Seit Berlusconi weg ist, und Mario Monti die Misere verwaltet, so Eugenio Scalfari in seiner Kolumne, ist die Komik in Italien in die Krise geraten. Sein Beispiel: der Komiker und Blogger Beppe Grillo, der sich für Scalfari in leerem Dagegensein erschöpft. Aber dann ist da ja immer noch Roberto Benigni, der Scalfari mit dem Alter noch mehr bewegt als zu Fellini-Zeiten: "Die Tränen, die den Zuschauern in die Augen steigen, sind solche der Rührung und nicht nur der Heiterkeit. Benigni ist immer noch ein großer Komiker und exzellenter Schauspieler, aber er ist auch ein Poet, der Poeten zum Sprechen bringt, und vor allem ist er ein Darsteller all dessen, was es in diesem Land noch an Zivlität und Menschlichkeit gibt. Die Italiener spiegeln sich in ihm. Sie applaudieren ihm nicht nur, weil er sie unterhält, sondern weil er sie belehrt, wachsen lässt, besser macht."
Archiv: Espresso

Foreign Policy (USA), 23.04.2012

Frauen sind für die Arabellion auf die Straße gegangen und haben ihr Leben riskiert. Jetzt könnten sie durch den grassierenden Islamismus die eigentlichen Verliererinnen der Arabellion sein. Der Artikel der ägyptisch-amerikanischen Autorin Mona Eltahawy in Foreign Policy liest sich wie ein wütender Aufschrei: "Welche Hoffnung kann es für Frauen im neuen ägyptischen Parlament geben, wenn es von Männern dominiert wird, die im siebten Jahrhundert stecken geblieben sind? Ein Viertel dieser Parlamentssitze werden jetzt von Salafisten gehalten, die glauben, dass das Nachäffen der Lebensgewohnheiten des Propheten das richtige Rezept für die Moderne ist. Als sie im letzten Herbst auf Wahlplakaten ihre Kandidatinnen vorstellten, setzten sie Rosen an die Stelle ihrer Gesichter. Frauen soll man nicht sehen oder hören - selbst ihre Stimmen sind eine Versuchung -, und so sitzen sie im ägyptischen Parlament, von Kopf bis Fuß in schwarz gehüllt und sagen kein Wort. Und wir stecken mitten in einer Revolution in Ägypten!"
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New Republic (USA), 10.05.2012

Der britische Schriftsteller Adam Thirlwell nimmt Claude Lanzmanns Erinnerungsband "Der patagonische Hase" zum Anlass, über Lanzmanns Vorstellung von Zeugenschaft nachzudenken. Lanzmanns Konzept für seinen Film "Shoah" war es, nicht auf - womöglich noch von der SS gefilmtes - Archivmaterial zurückzugreifen, sondern nur auf mündliche Zeugenaussagen. Wahr ist für Lanzmann, der sich als Seher beschreibt, nur die Vorstellung, das geistige Bild, das aufgrund dieser Aussagen entsteht. Thirlwell misstraut dem Mystizismus, der so entsteht: "Die Shoah war etwas Neues in der Geschichte der Menschheit, das ist wahr. Aber sie ist dennoch Teil dieser Geschichte. Sie mag die Grenzen des Menschlichen überschreiten, oder der Fantasie oder der Worte, aber das heißt nur, dass wir unsere Vorstellung von den Grenzen des Menschlichen, der Fantasie oder der Worte überdenken müssen. Ich denke an die gebrochenen Worte einer Überlebenden namens Grete Salus: 'Nie soll der Mensch so viel aushalten müssen, wie er aushalten kann, und nie soll ein Mensch sehen müssen, wie dieses Leiden höchster Potenz nichts Menschliches mehr hat.' Und doch, möchte ich so leise wie möglich hinzufügen, ist es immer noch menschlich. Es kann es nicht nicht sein. Die Fotografien vor dem Krematorium V verursachen einen tiefen und permanenten Schock - nicht wegen der Art, wie die Körper verstreut und aufgehäuft auf dem Boden liegen, sondern auch wegen der Art, wie die Männer des Sonderkommandos sich bewegen. Sie stehen mit den Händen in den Hüften, wie Mechaniker in einer Autowerkstatt."

Außerdem: Adam Kirsch liest Peter Nadas' "Parallelgeschichten" mit Interesse, aber es ist harte Arbeit, gesteht er: "Wenn ein Roman wenig stilistische Allüre hat und wenig erzählerisches Momentum und keinen Sinn für Humor und von der Geschichte eines unbekannten Landes handelt und über 1100 Seiten lang ist, dann werden seine Vorzüge viele Leser kalt lassen." John Gray bespricht Jonathan Haidts Band "The Righteous Mind: Why Good People are Divided by Politics and Religion" als eins der klügsten zum Thema.
Archiv: New Republic

Elet es Irodalom (Ungarn), 20.04.2012

Der Literaturkritiker Sándor Bazsányi würdigt den Essayisten László F. Földényi zu dessen 60. Geburtstag: "Neben der kultur- und ideengeschichtlichen Beobachtung der aus der schwarzen Galle entspringenden Gemütskrankheit behandelt Földényi in seinen einzelnen Büchern die schwermütigsten Künstler auf ausdrucksvolle und leidenschaftliche Weise - darunter Goya, Blake, Friedrich, Kleist oder Imre Kertész. Außerdem spricht er über sein eigenes Berlin-Erlebnis in der Kindheit sowie seine Museumsbesuche als Erwachsener. Über all das also, was zum Alltag eines in der Kultur existierenden und sich darin verletzenden und heilenden europäischen Menschen dazugehört. Die Kunstgattung der kulturellen Selbsttherapie bei Földényi ist der Essay. Auch wenn er über so manche wissenschaftlichen Talente verfügt - seine wahren Vorzüge, die seiner Schriften, sind die aus der Gattung Essay folgenden Texteigenschaften: die experimentelle Form, die stilisierte Persönlichkeit, die Ausdruckskraft, eine Art intellektuelle Empfindsamkeit; und vor allem: die Betroffenheit. Die Essays von Földényi sprechen den Leser an, weil sie selbst von einer Betroffenheit zeugen. Von den Wahlverwandtschaften des von der Kultur angesprochenen und betroffenen Autors."

New York Review of Books (USA), 10.05.2012

Charles Rosen assoziiert zum Verhältnis von Stil und Bedeutung, Freiheit und Ästhetik, wobei er den Bogen von Cicero über Montaigne zu Freud spannt: "Auch die 'Ode an die Freude' aus Beethovens Neunter muss hier genannt werden, da eine gut begründete These besagt, dass die Freude dieses Finales ganz offensichtlich als Substitut für das zu aufrührerische Wort Freiheit verstanden werden soll. Ein zu enthusiastischer oder hartnäckiger Gebrauch des Worts Freiheit würde all den über ihre Macht recht reizbaren Regierungen signalisieren, dass hier jemand auf Ärger aus ist. Freiheit und Freude sind natürlich nicht unvereinbar, sie passen sogar bemerkenswert gut zusammen."

Weiteres: Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg fürchtet eine Krise der Wissenschaft, da die amerikanische Politik immer weniger bereit ist, große Projekte wie die Teilchenbeschleuniger zu finanzieren: "In den nächsten Jahrzehnten werden wir vielleicht erleben, dass die Erforschung der Naturgesetze zum Erliegen kommt." Ronald Dworkin beobachtet bang das Verfahren über Barack Obamas Gesundheitsreform vor dem Obersten Gericht: "Die Aussicht der Aufhebung ist furchteinflößend." Andrew Hacker liest schaudernd Charles Murrays Buch "Coming Apart", eine Klage über den moralischen Verfall des weißen Manns. Tim Judah ruft die unangenehme Lage des zwischen Russland und der Türkei eingekesselten Armeniens in Erinnerung. Martin Filler schreibt über Rem Koolhaas.

HVG (Ungarn), 14.04.2012

Die Probleme der ungarischen Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán, die im Zuge der Plagiatsaffäre des Staatspräsidenten und Orbán-Getreuen Pál Schmitt an die Oberfläche getreten sind, bleiben auch nach dem Rücktritt Schmitts vorhanden, meint der Politologe Péter Krékó; diese Probleme sind vor allem: die Loyalität als oberste Priorität und der Hang zu Verschwörungstheorien: "Wenn die Regierungspartei Fidesz von der Annahme ausgeht, dass die Entfernung Schmitts aus dem Amt Teil eines umfassenden Feldzugs gegen die Regierung ist, der auf die Untergrabung der von ihr ausgebauten konstitutionellen Ordnung abzielt, wird dies auch die Findung eines neuen Staatspräsidenten bestimmen, bei dem Loyalität und Parteitreue erneut als wichtigste Auswahlkriterien gelten werden. Zudem wird dies Auswirkungen auf die künftige Regierungsarbeit haben und jede noch so leichte Hoffnung zerstreuen, dass die angekündigte 'Konsolidierung' tatsächlich einen Wechsel in Stil und Inhalt nach sich ziehen würde."
Archiv: HVG

London Review of Books (UK), 26.04.2012

Dokumentiert ist ein (auch nachhörbarer) Vortrag der Kulturwissenschaftlerin Jacqueline Rose, für den sie das weite Archiv von Tagebuchnotizen, Interviews, Zeitzeugenberichten und nicht zuletzt Kinofilmen gesichtet hat, um mit psychoanalytischer Methode dem Mythos von Marilyn Monroes als geschubstes Opfer gerade zu rücken: "Monroes Leid wird zu der Geschichte, die Amerika von sich selbst nicht erzählen will: 'Amerika verleugnete seinen Schmerz, sich zu erinnern war nicht angesagt.' (Indem er Tony Judt vorweg nimmt, begreift Arthur Miller die Gedächtnisverweigerung einer Nation als profund mit deren reaktionären Politik verknüpft). Nur in "Versuchung auf 809" (1952) und "Niagara" (1953) war es Monroe gestattet, eine Rolle zu spielen, die die dunkleren Seiten Amerikas, den Schmerz, den das Land vergessen wollte, beleuchten ... Es ist gerade so, als ob Amerika in diesen frühen Filmen all die Gewalt, mit der es in sich selbst nicht rechnete, auf die Sexualität einer verrückten und/oder mörderischen Frau abschieben konnte."

Eric Hobsbawm erinnert sich recht versöhnlich an seinen "brillianten Feind", den 2010 verstorbenen Historiker Tony Judt, dessen letztes Buch, der Gesprächsband "Thinking the 20th Century", kürzlich posthum erschienen ist. Perry Anderson würdigt den Kulturhistoriker Carlo Ginzburg anlässlich einer neuveröffentlichen Essaysammlung. Charles Nicholl schreibt über Leonardo da Vincis bislang verloren geglaubtes Wandgemälde "Der Kampf von Anghiari", das Maurizio Seracini nun nach 35 Jahren Suche im Palazzo Vecchio wiederentdeckt zu haben glaubt. Im YouTube-Kanal von TEDx finden wir einen passenden, englisch untertitelten Vortrag Seracinis über seine Arbeitsmethoden und -techniken:



Anlässlich von "Avatar"-Regisseur James Camerons Tiefsee-Expedition zum Grund des Marianengrabens Ende März 2012, erinnert John Lanchester an Joseph Kittinger, der 1960 einen Fallschirmsprung aus knapp 31 Kilometer Höhe unternahm, und fragt sich, warum Menschen solche Herausforderungen suchen. Andrew O'Hagan besucht die große Ausstellung mit Bildern von Lucian Freud in der National Portrait Gallery in London. Mary Beard bespricht eine neue Biografie über Caligula.

New Yorker (USA), 23.04.2012

Jeder Amerikaner kann sein eigener Polizist sein und es gibt im Land fast so viele Schusswaffen wie Einwohner - dies ist die Ausgangslage von Jill Lepores Essay über die amerikanischen Waffengesetze, die schon in der Verfassung festgeschrieben sind, und den zunehmenden Einsatz von Schusswaffen gerade bei jungen Leuten. Für ihre Recherche besuchte sie eine öffentlich zugängliche Waffenschule, Anfängerkurs inklusive Einweisung, Waffe und Munition zu 40 Dollar für 90 Minuten. "In der American Firearms School kann man eine Waffe leihen und oder die eigene mitbringen. So gesehen ist es wie auf der Eislaufbahn, mal abgesehen davon, dass Schlittschuhe leihen, wenn man nicht fahren kann, etwas anderes ist, als eine Waffe zu leihen, wenn man nicht schießen kann. Das Personal in der Schule geht keinerlei Risiken ein. In den zwölf Jahren ihres Bestehens hat es keinen einzigen Unfall gegeben. 'Sie können hier nichts tun, ohne dass wie Sie dabei beobachten', erklärte mir [der Ausbilder] Tom Dietzel. 'In einem Schwimmbad gibt's Rettungsschwimmer. Und dieser Ort hier ist weit gefährlicher als ein Schwimmbad.'"

Weiteres: In der aktuellen Ausgabe staunt Sasha-Frere Jones über die deutsche Gruppe Kraftwerk, die es jetzt sogar ins MoMA geschafft hat, ihr als "Retrospektive" bezeichneter Auftritt war binnen Minuten ausverkauft. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Hand in the Shoulder" von Ian McEwan.
Archiv: New Yorker

maisonneuve (Kanada), 18.04.2012

Kaum zu glauben, dass sich Korruption und mafiöse Strukturen in einer als zivilisiert geltenden Stadt so festsetzen können, dass man sie nicht mehr los wird. Wie das funktioniert, kann man anhand dieser Reportage über die Schneeräumverträge in Montreal überprüfen: Über ein Jahr lang hat Maisonneuve die 250 Verträge geprüft, die die Stadt Montreal mit privaten Räumungsfirmen geschlossen hat, hat mit Inhabern gesprochen, ihren Angestellten und Staatsdienern, die die Arbeit der beauftragten Firmen überprüfen sollen, erzählt Selena Ross. "Diese Quellen beschreiben Absprachen bei Ausschreibungen als Tatsache in dieser Industrie. Noch entscheidender sei, dass die Montrealer nicht verstehen, wie heftig das System durch Gewalt und Nötigung geprägt ist. Diejenigen, die gehorchen, werden mit einem Sündengeld belohnt. Die, die nicht mitspielen, werden bestraft. Ein früherer Angestellter von Montreals Schneeräum-Giganten erklärt es kurz und bündig: 'Schneeräumung', sagt er, 'ist eine der größten Betrügereien, die es gibt.'"
Archiv: maisonneuve

Granta (UK), 24.04.2012

Bei Granta darf man jetzt eine sehr schöne Geschichte von Julie Otsuka aus dem Alien-Heft lesen. "Come, Japanese!" erzählt von japanischen Katalogbräuten vor dem Zweiten Weltkrieg, die zu ihren unbekannten Ehemännern nach Amerika fahren. So beginnt es: "Auf dem Boot waren wir fast nur Jungfrauen. Wir hatten lange schwarze Haare und platte breite Füße und wir waren nicht sehr groß. Einige von uns hatten als junge Mädchen nie etwas anderes als Reisbrei gegessen und hatten leicht krumme Beine, einige von uns waren erst vierzehn Jahre alt und selbst junge Mädchen. Einige von uns kamen aus der Stadt und trugen modische Stadtkleider, aber viele von uns kamen vom Land, und auf dem Schiff trugen wir die selben alten Kimonos, die wir seit Jahren getragen hatten [...] Vielleicht hatten wir einen Bruder oder einen Vater an die See verloren, oder einen Verlobten, oder jemand, den wir liebten, war an einem unglücklichen Morgen ins Wasser gesprungen und einfach weggeschwommen, und jetzt war es auch für uns Zeit, uns weiterzubewegen."
Archiv: Granta
Stichwörter: Wasser