Magazinrundschau

Lüpfungsenergien

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
17.10.2011. Mit Toronto geht es langsam den Bach runter, weil seine Bewohner so geizig sind, erzählt The Walrus. Die LRB porträtiert Putins schillernden Chefideologen Vladislav Surkow. In Le Monde erklärt Pierre Nora: Kolonialismus war mal ein linker Diskurs. Sollen Nazis doch Theater spielen, meint Peter Esterhazy in Elet es Irodalom, aber bitte ohne Subventionen. The Smithsonian schickt eine Reportage über die Kopten in Ägypten. Wer schreibt über die Armen, fragt Sibylle Lewitscharoff in Literaturen. Die NYT porträtiert die Medicis von der Chicago Tribune.

London Review of Books (UK), 20.10.2011

Peter Pomerantsven porträtiert mit wenig schmeichelhaften Worten Vladislav Surkov,"Putins Chefideologen und graue Eminenz [...], auch bekannt als 'Strippenzieher, dem es gelungen ist, das politische System Russlands zu privatisieren'". Auch darüber hinaus ist er das, was man in Großbritannien "a peculiar character" nennt: "Er ist der Mann hinter dem Konzept der 'hoheitlichen Demokratie', unter der demokratische Institutionen ohne jegliche demokratische Rechte aufrechterhalten werden, der Mann, der aus dem Fernsehen eine verkitschte Propagandamaschine zur Anbetung Putins gemacht und Pro-Kremlin-Jugendorganisationen gegründet hat, die ihr Glück darin finden, sich mit der Hitlerjugend zu vergleichen, Ausländer und oppositionelle Journalisten zusammenzuschlagen und 'unpatriotische' Bücher auf dem Roten Platz zu verbrennen. Doch das ist nur die halbe Geschichte. In seiner Freizeit schreibt er Essays über Konzeptkunst und Texte für Rockbands. Er ist ein Liebhaber von Gangsta rap: Auf seinem Schreibtisch steht ein Bild von Tupac, gleich neben dem von Putin. Und er ist der mutmaßliche Autor des pseudonym veröffentlichen Bestsellers 'Almost Zero'."

Weiteres: In einer Reportage von geradezu epischem Ausmaß befasst sich Jeremy Harding in aller Ausführlichkeit mit den zahlreichen menschlichen und politischen Dramen, die sich an der Grenze zwischen Mexiko und den USA abspielen, wo sich die Situation zusehends militärisch zuspitzt. Keith Gessen berichtet von den Wall-Street-Protesten im Manhattan, das sich mit einem Mal ziemlich europäisch anfühlt. John Lanchester erklärt, warum die hohen Spielergehälter ihm die Liebe zum Fußball genommen haben. In Großbritannien steht die gesetzliche Grundlage der Prozesskostenhilfe zur Disposition, erklärt Joanna Biggs. Fredric Jameson bespricht den Roman "Lucky Per" von Henrik Pontoppidan. Peter Campbell stellt die Ausstellung "Apocalypse" mit Arbeiten von John Martin in der Tate Britain vor:


Monde (Frankreich), 17.10.2011

Geht es darum, den Kolonialismus in die Geschichte zu integrieren, oder geht es darum, die Geschichte im Zeichen des Kolonialismus ganz neu zu schreiben - und Frankreich und die westlichen Nationen im wesentlichen als erobernde Nationen zu sehen, die am Rest der Welt Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen?, fragt der Doyen der französischen Historiker, Pierre Nora. Die zweite Alternative wird heute von der globalisierungskritischen Linken verfochten - und von Historikern, die mit dem Eurozentrismus brechen wollen. Nora erinnert sie daran, dass der Kolonialismus, gerade in Frankreich, ein "linker" Diskurs war: "Die nachträgliche Identifizierung der Linken mit dem Antikolonialismus ist ein falsches und künstliches Klischee. Im Gegenteil: Die linken Parteien haben sich mit großer Verspätung zum Antikolonialismus bekannt, und das auch deshalb, weil die Kolonisierung im Namen revolutionärer und jakobinischer Ideale vorangetrieben wurde."
Archiv: Monde

Walrus Magazine (Kanada), 01.11.2011

John Lorinc hat ein interessantes Städteporträt über Toronto geschrieben. Toronto und seine Umgebung, die Greater Toronto Area, platzen aus allen Nähten. Der Verkehr ist kaum auszuhalten und die unkontrollierte Zersiedlung des Umlands schafft immer neue Verkehrsprobleme. Das wirkt sich inzwischen auf den Wohlstand der Stadt aus, die immerhin ein Fünftel des kanadischen Bruttoinlandprodukts beisteuert. Die Torontoer sind nicht ganz unschuldig an diesen Problemen, denn Investitionen in den öffentlichen Bereich lehnen sie ab. "Die Stadt findet immer Geld für neue Straßen, aber sie vereitelt jede Investition in den öffentlichen Raum. In den größten Städten der Welt verstehen ihre Bewohner, dass ein dynamischer öffentlicher Bereich nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern auch Reichtum und Investitionen anzieht. Doch in Toronto - nun, Torontoer beschweren sich endlos über Staus, aber sie geben ihren politischen Führern nicht die Vollmacht, etwas dagegen zu tun. Sie prahlen mit der ethnischen Vielfalt der Stadt, aber es interessiert sie nicht, wenn Immigranten in vertikale Gettos gesteckt werden. Sie möchten in einer Stadt der kreativen Klasse leben, mit ernsthaften kulturellen Ambitionen, aber nur, wenn sie dafür Walmart-Preise bezahlen können."

Weitere Artikel: Daniel Baird porträtiert den New-Yorker-Autor Adam Gopnik, der in diesem Jahr die Massey-Vorlesungen halten wird (frühere Redner waren Martin Luther King, Claude Levi-Strauss, George Steiner und Doris Lessing). Und Adele Weder träumt von einem modernen minimalistischen Haus, aber als sie endlich mit ihrer Familie in einem lebt, schlägt sie hart auf den Boden der Tatsachen auf.
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Elet es Irodalom (Ungarn), 14.10.2011

Der Budapester Bürgermeister Istvan Tarlos hat den für seine Nähe zur rechtsradikalen Jobbik-Partei bekannten Schauspieler György Dörner zum Direktor des Theaters Uj Szinhaz ernannt - obwohl dessen Konzept von einem nationalistischen Hatorszag-Szinhaz (Hinterland-Theater) mehr als fragwürdig ist. Der Schriftsteller Peter Esterhazy ist empört: "Eigentlich habe ich nichts daran auszusetzen, wenn einer meiner Mitbürger ein Nazi oder ein Neonazi ist, schließlich gibt es kein einziges Land in Europa, in dem es an solchen Leuten mangelt, und auch wir sind Europa. Und wenn er will [und wenn es eine Nachfrage gibt], soll er doch Theater machen. Allerdings sind uns jene, die diese Entscheidung getroffen haben, die Antwort schuldig, weshalb der Staat so etwas unterstützt. Wenn die Radikalen ins Parlament einziehen, müssen sie alles bekommen, was ihnen per Gesetz zusteht: Geld, Dienstwagen, Parteizentrale, was weiß ich - aber freundlich muss man zu ihnen nicht sein. Im Gegenteil: Die Abscheu ist das Mindeste, sie ist eine grundlegende patriotische Pflicht."
Stichwörter: Peter Esterhazy, Geld

Economist (UK), 15.10.2011

Was bedeutet der "arabische Frühling" für die Frauen in Ägypten, Tunesien und Irak, die darin eine zentrale Rolle gespielt haben? Bislang nicht viel Gutes, kann man im Economist lesen: "Am 9. März kehrten Demonstranten, die genug hatten vom langsamen Tempo der Reformen, auf den Tahrirplatz zurück, um ihre Forderungen nach Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit nochmals zu bestärken. Die Armee löste die Demonstration auf und verhaftete zahlreiche Demonstranten, darunter mindestens 18 Frauen. In Gefangenschaft wurden sie geschlagen, mit Anzeigen wegen Prostitution bedroht und zu "Jungfrauentests" gezwungen. Zunächst verleugnete die Armee, dass solche Tests stattgefunden haben. Im Mai jedoch erklärte ein General ein, dass es sie doch gab, damit die Frauen später nicht behaupten könnten, sie seien von Soldaten vergewaltigt worden. 'Die inhaftierten Mädchen sind nicht so wie deine oder meine Tochter', erklärt er, 'das waren Mädchen, die draußen auf dem Tahrirplatz mit männlichen Demonstranten in Zelten übernachtet haben.'"

Außerdem: Ein Artikel meldet erhebliche Zweifel an den Zahlen an, mit denen im Kampf gegen Cyberkriminalität hantiert wird. Hier wird ein Blick in neue Homer-Übersetzungen ins Englische geworfen.
Archiv: Economist

Il Sole 24 Ore (Italien), 16.10.2011

Anna Li Vigni empfiehlt Maurizio Ferraris Buch über "Seele und iPad". Ja, Ferrari ist für seine augenzwinkernde Schreibweise bekannt. Doch das Buch ist ein ernstzunehmender Beitrag zu einem uralten Problem, meint Vigni. "'Oh du wechselhafte und anmutige Seele, Gast und Gefährtin des Körpers, wohin gehst du jetzt?'. Diese Verse soll Kaiser Hadrian auf dem Sterbebett ausgerufen haben. Nirgendwo geht sie hin, die Seele. Sie bleibt in der Welt, in der wir gelebt haben, in Form von Dokumenten und Geschriebenem (...) Die Absicht von Ferrari, diesem Autor der Ontologie des Mobiltelefons, besteht nicht darin, eine überschwängliche Eloge auf die Technik zu halten. Anhand des iPads will er belegen, dass der Gedanke im Geschriebenem steckt. Der Humanismus dieser Abhandlung liegt im Mut zum Materialismus, der sich abhebt von der immer verschwommener werdenden Kultur des Dualismus der Gegenwart. Die Seele steckt im Körper, in dem, was wir ihm im Laufe des Lebens eingeschrieben haben. Und wenn das Leben endet, dann bleibt von der Seele nicht mehr übrig als die Spuren in unserem Notizbuch, oder eben dem iPad. Deshalb hat sich Tony Curtis mit seinem iPhone begraben lassen, sozusagen mit dem gesamten Archiv seines Lebens."

Outlook India (Indien), 24.10.2011

Viel hängt für Shahrukh Khan von seinem neuen, massiv beworbenen Film "Ra.One" ab, in dem der Bollywood-Star einen Superhelden nach amerikanischem Vorbild spielt: Zwar ist Khan für den Exportmarkt noch immer das Synonym für Bollywood, doch ist sein Stern im Heimatland empfindlich im Sinken begriffen. Ob nun ausgerechnet ein Superheldenfilm in der Lage ist, generationsumfassend ein Publikum zu binden, fragt sich Namrata Joshi: "'Ra.One' steht an einem wichtigen Punkt in Shahrukhs Leben als Star. Als Produkt seiner Zeit personifizierte er den rastlosen Geist Indiens nach der Liberalisierung - ambitioniert, durchsetzungsfähig und dennoch gutgelaunt -, genau wie zuvor Amithabh Bachchan das angstbeherrschte Indien der 70er und 80er repräsentierte. Doch benötigt die Gesellschaft keinen herausstechenden Botschafter des Konsums mehr, da diese Haltung im urbanen Indien mittlerweile fest als Lebensstil verankert ist."

Magyar Narancs (Ungarn), 06.10.2011

Der ungarische Schriftsteller und Holocaust-Überlebender Akos Kertesz hat im September in einem verzweifelten offenen Brief über die Lage seines Landes (veröffentlicht in der linksgerichteten Tageszeitung Amerikai Nepszava) das ungarische Volk als "genetisch zum Untertan bestimmt" verunglimpft (mehr dazu hier). Es folgte ein Sturm der Empörung, und die erhitzte Debatte endete mit der Aberkennung der Budapester Ehrenbürgerschaft des Schriftstellers. Nach Meinung des Publizisten György Vari wurde hier wieder einmal die Chance vertan, sich aufeinander zuzubewegen. Denn die Worte Akos Kertesz', auch wenn sie noch so ungerecht seien, zeugen für ihn vor allem von der bitteren Erfahrung, als Jude von den Ungarn immer noch nicht akzeptiert zu werden, meint Vari: "Wir, jüdische und nichtjüdische Ungarn, denen durch die Gnade der späten Geburt unsere ungarische Identität selbstverständlich ist, sind glücklicher und stärker als Akos Kertesz (und als die noch unter uns lebenden alten, verängstigten und zermürbten Überlebenden). Wir also müssten beweisen, wie sehr er sich geirrt hat, als er über uns gesprochen hat. [...] Natürlich können wir uns auch wegen der schlechten Wortwahl eines verbitterten alten Mannes wochenlang selbst bemitleiden und uns nach der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft weitere dumme Strafen für ihn ausdenken. Oder den Fall immer wieder aus der Mottenkiste holen, um unsere Frustrationen in Schuss zu halten. Auch in so einem Land kann man leben."

New Yorker (USA), 24.10.2011

Jill Abramson ist neue Chefredakteurin der New York Times. Wohin will sie die Redaktion führen und wie? Über das Wohin kann man noch nicht viel sagen, aber das Wie lässt einige Zweifel aufkommen, liest man Ken Aulettas Porträt: Abramson, die gerade mit "The Puppy Diaries" ein Buch über ihren Hund Scout veröffentlicht hat, will "im Newsroom das 'positive Training' anwenden, das sie Scout angedeihen ließ. Sie und ihr Ehemann, schreibt sie in ihrem Buch, hätten Scout mit 'Ermutigung, nicht Strafen' erzogen, und sie für gutes Benehmen mit einem Häppchen belohnt. 'In der Beziehung zu Hunden und dem Newsroom funktionieren großzügig bemessenes Lob und Ermutigung viel besser als Kritik', sagt sie. Man fragt sich, ob es nicht vielleicht doch einige Redakteure gibt, die schwerer zufriedenzustellen sind als Scout." Abramsons Buch wurde am Sonntag in der New York Times Book Review gelobt.

Weitere Artikel: Lizzie Widdicombe macht einen kurzen Besuch bei den Occupy-Wall-Street-Demonstranten. Nathan Heller bespricht das Buch "The Age of Movies", das Texte der amerikanischen Filmkritikerin Pauline Kael versammelt, sowie eine Kael-Biografie von Sanford Schwartz: "Pauline Kael: A Life in the Dark". Und Anthony Lane sah im Kino Sean Durkins Thriller "Martha Marcy May Marlene", der für ihn nicht - wie behauptet - ein Kultfilm, sondern ein Film über einen Kult ist.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Jill Abramson

La regle du jeu (Frankreich), 14.10.2011

Und weiter geht?s mit dem Projekt der auf fünf Wochen angelegten täglichen Fleischverherrlichung in Bernard-Henri Levys Webmagazin. Unter anderem huldigt der Schriftsteller und Kritiker Marc Lambron dem Tartar, und findet ebenso überraschende wie starke Worte dafür: "Tartar ist beim Fleisch, was der Hardrock in der Musik ist. Eine rohe Gewalt, anregend, fast wild - jedoch gesteuert. Ich würde nicht sagen, dass ich jedes Mal innerlich Led Zeppelin oder AC/DC höre, wenn ich meine Gabel in Tartar stoße, aber dieses Fleisch hat eine musikalische Färbung, die den Riffs von Jimmy Page ähnelt."Zu lesen ist außerdem die Liebeserklärung des Metzgers Claude Bocqet an seinen Beruf, und der Filmemacher Gilles Hertzog steuert ein "Requiem für ein Steak" bei.

Außerdem: Die marokkanisch-stämmige Psychologin Fouzia Liget begründet in einem Beitrag, der im Kontext der Bemühungen um die Freilassung von Rafah, der ersten Psychoanalytikern, die in Syrien praktizierte, steht, weshalb Psychoanalyse und Islam keineswegs unvereinbar seien.

Literaturen (Deutschland), 17.10.2011

Früher, als die Armen noch Würde hatten, gab es auch Schriftsteller, die von ihnen erzählten, notiert Sibylle Lewitscharoff. Heute interessiere sich nur das Fernsehen für sie: "Die Nöte der Armen heute zu erhellen, die naturgemäß in einer reichen Gesellschaft grundverschieden sind vom Elend der Armen im 19. Jahrhundert, das wäre eine ehrenvolle Aufgabe für die Literatur. Doch was für eine Literatur könnte das sein? Dem zementierenden Realismus sollte sie jedenfalls nicht frönen, diesem menschenverachtenden So und nicht Anders. Vielmehr sollte sie sich von Lüpfungsenergien tragen lassen und fest am Möglichkeitssinn hangen, damit sich der Leser hinter einem verschütteten, elenden Leben sehr wohl ein anderes vorstellen kann."

Besprochen werden Lewitscharoffs Roman "Blumenberg" und Eugen Ruges Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts".
Archiv: Literaturen
Stichwörter: Sibylle Lewitscharoff

Smithsonian Magazine (USA), 01.11.2011

Joshua Hammer beschreibt in einer Reportage die wachsende Gewalt gegen Kopten in Ägypten. "Bei einer gut besuchten politischen Konferenz der Al-Azhar-Universität in Kairo traf ich Abdel Moneim Al-Shahat, den stämmigen, bärtigen Kopf der Salafisten in Alexandria. Die Sekte hatte eine politische Partei gegründet und rief nach einem islamischen Staat. Dennoch bestand Al Shahat darauf, dass die Salafisten für eine pluralistische Gesellschaft seien. 'Salafisten haben während der Revolution in Alexandria und überall sonst Kirchen beschützt', sagte er und bestand darauf, dass die Brandanschläge auf Kirchen im Mai von Christen angestiftet worden seien, 'die Angst haben, sie würden [unter dem neuen Regime] an Macht verlieren.' Er erklärte das nicht näher."

(Als Ergänzung dazu: In der NYRB berichtet Yasmine el Rashidi, die bei der jüngsten Demonstration in Kairo dabei war, bei der 25 Menschen - zumeist Kopten - getötet wurden, wie wenig Staat und Presse an einer Aufklärung des Vorfalls interessiert sind.)

Eurozine (Österreich), 07.10.2011

Ola Larsmo antwortet in Eurozine auf einen Artikel Kenan Maliks über Parallelen zwischen dem norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik und dem jungen Schweden Taimour Abdulwahab, der sich in der Stockholmer Innenstadt in die Luft sprengte. Eine Gemeinsamkeit hat Malik übersehen, findet er: "Der offensichtliche Link zwischen den beiden ist der Hass auf die Moderne. Beide wollen die Gesellschaft in eine vordemokratische Ära zurückbombem. Es ist die gleiche Angst vor der Moderne, die wir von schwedischen Nationalisten der zehner bis dreißiger Jahre kennen: Demokratie spaltet, sie reißt Grenzen ein und bringt die 'Falschen' an die Macht. Sie erlaubt anderen, die Bühne zu betreten. Sie vermischt, was getrennt bleiben sollte. Das Gegenteil von Demokratie ist Reinheit."
Archiv: Eurozine

New York Times (USA), 16.10.2011

Joseph Medill, liberaler Politiker, glühender Abolitionist und Mitstreiter Abraham Lincolns, begründete mit der Chicago Tribune auch eines der mächtigsten und reichsten Zeitungsimperien der USA. Gleich zwei Biografien - Megan McKinneys "The Magnificent Medills" und Amanda Smith' "Newspaper Titan" - widmen sich der schillernden Dynastie, werden ihr aber leid nicht gerecht, bedauert Joseph Epstein: "Die Medills waren nicht großartig, sondern neurotische Alkoholiker und Megalomanen und ganz generell ausgesprochen unangenehm. Cissy Patterson war weder eine Presse- noch eine sonstige Titanin, wie Smith selbst zeigt, sondern kapriziös, verwöhnt, starrköpfig, snobistisch, streitsüchtig, antisemitisch, eine gemeine Trinkerin und rachsüchtig. Joseph Medills Nachkommen waren keine nette Familie, würden wir heute sagen. Sie gaben viel, sich selbst am meisten, eher wie Medicis als Medills."

Mit mäßiger Begeisterung hat William Deresiewicz Jeffery Eugenides' neuen Roman "The Marriage Plot" gelesen, den er immerhin besser als "Middlesex", aber längst nicht so gut wie "Die Selbstmordschwestern" fand: "In dem Roman geht es nicht wirklich um Liebe, höchstens in zweiter Linie. Es geht um das, worum es in Eugenides' Büchern immer geht, egal wie unterschiedlich sie erscheinen: Das Drama des Erwachsenwerdens. Hier zeigt sich Eugenides viel geduldiger und näher an seinem Material als in 'Middlesex'. 'The Marriage Plot' ist seinen Mitbewohnern gewidmet, er besitzt die Webart und den Schmerz gelebter Erfahrung."