Magazinrundschau

Die Zukunft ist jetzt

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.08.2011. Eurozine sucht die Kleinstadt in der Literatur. Im Guardian träumt Nicholson Baker von einem erotischen Themenpark. Vanity Fair analysiert die Deutschen. The Atlantic und der Economist fürchten den Niedergang der USA. Prospect sehnt sich zurück nach dem Narrativ der Kennerschaft. In ADN cultura schätzt Gore Vidal die Boshaftigkeit de Gaulles.

Eurozine (Österreich), 16.08.2011

Aus einer Kleinstadt zu kommen, das ist schwer, schreibt die polnische Literaturwissenschaftlerin und Autorin Malgorzata Litwinowicz. Sie erinnert sich an einen Studenten, der während eines Workshops auf die Frage, wo er herkomme, "Ich bin aus Grodzisk" sagte und in Tränen ausbrach. "Kleine Städte sind schmutzig, vernachlässigt, eng, entsetzlich gleichförmig und 'provinziell' - in der schlimmsten Bedeutung des Wortes. Es sind Orte, in denen man 'aufstrebt'. An solchen Orten erschafft man nicht, man 'sucht'. Man kann dort unmöglich erleuchtet sein, man ist schlicht die Reflektion der Großstadtlichter (die in Polen nicht sehr hell strahlen). Man geht niemals in eine Kleinstadt oder kehrt aus freien Stücken dorthin zurück - man landet dort durch Zufall oder Gewalt. Man sitzt dort fest und dann endet man dort." Nur sehr selten hat die Literatur die Kleinstadt zum Hauptschauplatz gemacht. Eine der wenigen Ausnahmen, so Litwinowicz, war die jiddische Literatur.

Weitere Artikel: Jiri Travnicek singt ein melancholisches Liebeslied auf Brünn, diese Stadt, "in der man immer noch lindernde Poesie genießen und naiv sein kann, während man in Prag trendy, up-to-date, gut informiert und belesen sein muss" und die Milan Kundera, der berühmteste Sohn Brünns, aus seinem Band mit Erzählungen getilgt hat. Und Therese Kaufmann, Ivan Krastev, Claus Offe, Sonja Puntscher-Riekmann und Martin M. Simecka unterhalten sich über die Krise Europas.
Archiv: Eurozine

Guardian (UK), 14.08.2011

Peter Conrad hat Nicholson Baker in Maine besucht und einen Blick in dessen Vorgarten der Lüste geworfen. In seinem neuenglischen Farmhaus erzählt der Meister der Genitalneologismen über sein befriedigendes Verhältnis zum Schreiben, gibt Antwort auf die Frage, ob sein Buch "The House of Holes" mit nur einer Hand geschrieben wurde und spricht über die erotischen Rummelplatzfantasien seiner Jugend: "Eine meiner jugendlichen Sexfantasien war ein erotischer Themenpark, in dem man sich jedes Ticket für eine Fahrt aussuchen kann, egal auf welche Perversion man steht. Solche Träume hatte ich schon als Kind".
Archiv: Guardian

ADN cultura (Argentinien), 12.08.2011

Ingrid Bejerman interviewt einen wie gewohnt ätzend zynischen Gore Vidal: "Im Independent haben Sie erklärt, die USA seien heute irgendwo zwischen Brasilien und Argentinien einzuordnen. Könnten Sie diese Aussage ein wenig erläutern? - Das habe ich bereits: Wir hätten dann eine bessere Fußballnationalmannschaft.Und das wäre ein echter Gewinn: Baseball ist zweifellos das stupideste Spiel, das je von Menschen erdacht worden ist - und diese Menschen waren natürlich wir Nordamerikaner. - Und was halten Sie von Cristina Kirchner und Dilma Rousseff? - Ich bin absolut dafür, dass Länder von Frauen regiert werden. Jungs machen das einfach schlecht, Jungs wollen sich lieber prügeln. - Aber wenn die USA gescheitert sind, was ist dann mit Argentinien? - Die Argentinier arbeiten daran. - Für Brasilien gilt aber wohl das Gegenteil: Obama und alle anderen sagen, Brasilien sei das Land der Zukunft, und die Zukunft ist jetzt. - Mir gefällt besser, was Charles de Gaulle gesagt hat: Brasilien ist das Land der Zukunft und wird das auch immer bleiben. Wir sollten die Boshaftigkeit des guten Generals nicht unterschätzen. - Was hat Sie an Brasilien bei Ihrem letzten Besuch beeindruckt? - Die Energie, es hat mich an die USA in den 30er Jahren erinnert."
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Archiv: ADN cultura

Vanity Fair (USA), 15.08.2011

Die Deutschen lieben das Wort Scheiße und sind Spießer, die vergeblich den Nazi in sich zu übertünchen suchen, analysiert Michael Lewis. Kein Wunder, dass ihre Banker die dümmsten der Welt sind: "Während des Booms haben deutsche Banker alles getan, um sich dreckig zu machen. Sie verliehen Geld an amerikanische Subprime-Schuldner, an irische Immobilienbarone, an isländische Banktycoons, um Dinge zu machen, die kein Deutscher jemals tun würde. Die deutschen Verluste sind noch nicht ausgezählt, bei der letzten Rechnung beliefen sie sich auf 21 Milliarden bei den isländischen Banken, 100 Milliarden bei irischen Banken, 60 Milliarden bei amerikanischen Subprime-Bonds und ein noch unbestimmter Betrag in griechischen Bonds. Das einzige Finanzdesaster der letzten Dekade, das deutsche Banker ausgelassen haben, waren Investitionen mit Bernie Madoff (vielleicht der einzige Vorteil am deutschen Finanzsystem ohne Juden). Im eigenen Land verhielten sich die verrückt gewordenen Banker zurückhaltender. Die Deutschen erlaubten es nicht anders. Ein weiterer Fall von außen hui, innen pfui." (Hier Lewis' Reportagen aus Griechenland und Irland)
Archiv: Vanity Fair

HVG (Ungarn), 06.08.2011

Der ungarische Ministerpräsident Victor Orban hat vor kurzem behauptet, der Westen liege im Sterben, weshalb Ungarn sein Glück andernorts, einem anderen Modell folgend suchen solle. Bela Weyer, Deutschland-Korrespondent der Wochenzeitung HVG, fürchtet, dass es eher anders herum sein könnte: "Es könnte beispielsweise nützlicher sein, jetzt, wo wir nach jahrhundertelanger Sehnsucht, dem Westen anzugehören, formal endlich dazugehören, auch den mentalen Aufschluss zu versuchen. Zum Beispiel hinsichtlich der Toleranz, der Berechenbarkeit der Gesellschaft oder der Lastenteilung - was in diesem Teil der Welt als selbstverständlich erscheint. Denn wenn der Westen im Sterben liegt, dann ist das aus der Nähe betrachtet ein ziemlich schöner Tod. Die Frage ist scheinbar, ob wir diesem Westen den Rücken kehren. Die eigentliche Frage ist aber, ob, wenn das alles so weiter geht, man nicht befürchten muss, dass der Westen uns den Rücken kehrt."
Archiv: HVG
Stichwörter: Viktor Orban

Telerama (Frankreich), 12.08.2011

Die mediale Verbreitung von Gerüchten rund um Politiker beschäftigt Frankreich derzeit: DSK und seine Affären, der - nicht belegte - Pädophilievorwurf gegen einen Minister und jetzt der angebliche Alkoholismus von Martine Aubry. Heute, erklärt der Soziologe Philippe Aldrin, beherrsche in den Medien ein pyschologisch-privater Ansatz die Politikerbetrachtung. Wie kam es dazu? "Weil es eine Personalisierung und Personifikation der Macht gibt. In den USA, in Europa, überall passt sich die politische Kommunikation jener der Wirtschaft an. Man verkauft seinen Kandidaten wie eine Ware. Deshalb besteht eine sehr starke Nachfrage nach Informationen über die Privatsphäre der Politiker."

Google, illustriert Telerama begleitend mit kurzen Screenshots und Auflistungen, verstärkt und befeuert die Gerüchteküchen noch, indem es nach dem Namensaufruf zweckdienliche Verknüpfungsvorschläge macht. Also etwa Nicholas Sarkozy - Größe, Francois Hollande - Jude, Segolene Royal - Schönheitschirurgie oder eben Martine Aubry - Alkoholismus.
Archiv: Telerama

The Atlantic (USA), 01.09.2011

Die amerikanische Mittelklasse verschwindet. In einem großen Report stellt Don Peck fest, dass die Ungleichheit in den USA mit der Wirtschaftskrise noch größer geworden sei. Und schon vorher hatte die Citibank in einer Studie bereits den Durchschnittskonsumenten verabschiedet: "Tatsächlich, sagen sie, bestehe Amerika aus zwei klar unterscheidbaren Gruppen: den Reichen und dem Rest. Und für geschäftliche Entscheidungen spiele die zweite Gruppe keine Rolle; ihr Ausgabeverhalten oder ihre Sparraten zu verfolgen, sei reine Zeitverschwendung. Alles in der amerikanischen Wirtschaft passiere oben: Das reichste eine Prozent der Haushalte verdient so viel wie die unteren 60 Prozent zusammen; sie besitzen so viel Vermögen wie die unteren 90 Prozent; und mit jedem Jahr wird der Anteil am Reichtum der Nation größer, der durch ihre Hände und in ihre Taschen fließt."

Es brodelt in China, berichtet James Fallows, der im ganzen Land politische Proteste, ethnische Unruhen und Anschläge erlebte, und natürlich ihre Niederschlagung. Wirtschaftlich herrsche aber business as usual, weshalb er keine Voraussage darüber wagt, wie weitreichend der Unmut sein wird.
Archiv: The Atlantic
Stichwörter: Ungleichheit

Economist (UK), 13.08.2011

Sehr düster fällt der Blick des Economist auf die Gegenwart des Wirtschaftsgiganten USA aus. Bitterer noch ist der in die Zukunft: "Die Einwanderungsgesetzen sorgen dafür, dass 11 Millionen Menschen im Schatten leben und sie verurteilen viele der klügsten Absolventen der amerikanischen Universitäten dazu, jahrelang vor Bürokraten zu kriechen, wenn sie in den USA bleiben wollen. Viele geben auf und kehren mit ihren erworbenen Fähigkeiten zurück nach Indien oder China. Amerikanische Konzerne sitzen auf gewaltigen Cash-Haufen; Apple allein hat 76 Milliarden Dollar auf der Bank. Warum investieren diese Firmen nicht in den USA? Es hilft nicht, dass die Nachfrage gering und die Weltwirtschaft in Aufruhr ist. Aber amerikanische Politiker sind nicht frei von Schuld. Ihre Unberechenbarkeit zerstört die Zuversicht. Der Abgrund zwischen der US-Wirtschaft und dem Weißen Haus wächst, wenn wirtschaftsfreundliche Insider (wie Larry Summers, ein Wirtschaftsberater) die Regierung verlassen. Noch gefährlicher: Der Abgrund zwischen der Wirtschaft und dem Rest des Landes wächst: Umfragen zeigen, dass amerikanische Geschäftsleute den Glauben in ihr Land verlieren, während umgekehrt der normale Amerikaner seinen Glauben an die Wirtschaft verliert."
Archiv: Economist

Il Sole 24 Ore (Italien), 14.08.2011

Gilberto Corbellini leidet mit den USA, nachdem ihnen ihr AAA-Status von der Ratingagentur Standard&Poor's aberkannt wurde. Was bleibt von der Supermacht, fragt er, und verortet die letzte Frontlinie in den Hörsälen. "Es ist schwer für Obama, nicht stolz zu sein ob der Anerkennung, die die Universitäten seines Landes genießen. Die ganze Welt schätzt sie als die besten, sie sind die Vorbilder, denn sie werden fast ausschließlich von einem objektiven und funktionierenden meritokratischen Prinzip geleitet. Wenn schon Amerika nicht die Demokratie exportiert hat, quasi ab Fabrik, wie es wirklich mal jemand glaubte, und wenn es zusehen musste, wie ein Land mit einer Planwirtschaft namens China sie ökonomisch überholte, dann hat es doch zumindest der Welt die Kriterien vermittelt, nach denen um wissenschaftliche und kulturelle Exzellenz gefochten wird."

Prospect (UK), 20.07.2011

Jetzt endlich bewiesen: Die Postmoderne ist vorbei. Muss so sein, denn das Victoria & Albert Museum veranstaltet eine große Retrospektive: "Postmodernism: Style and Subversion 1970-1990". Zwar eröffnet die Ausstellung erst im September ihre Pforten. Der Schriftsteller Edward Docx ergreift jedoch gerne die Gelegenheit zu äußerst ausführlichem Abgesang und Ausblick - auf ein neues Zeitalter der Authentizität. "Wir wünschen uns, erlöst zu werden von der Rohheit unseres Konsums, dem Schwindel unserer Rechthaberei, dem Gewimmel der Unsicherheiten, auf denen die sozialen Netzwerke gebaut sind und von denen sie leben. Wir sehnen uns nach der Rückkehr zum faszinierenden Narrativ der Kennerschaft. Wenn das Problem der Postmoderne darin bestand, dass ihr die Moderne gesagt hatte, was sie tun soll, dann ist das Problem der aktuellen Generation das entgegengesetzte: Niemand hat uns gesagt, was wir tun sollen."
Archiv: Prospect

Daily Beast (USA), 15.08.2011

Coco Chanel war noch tiefer in deutsche Geheimdienstaktivitäten verstrickt als bisher bekannt, hat Hal Vaughan in seiner neuen Biografie "Sleeping with the Enemy: Coco Chanel's Secret War" (Auszug) herausgefunden, die Michael Korda für The Daily Beast bespricht. Aber Korda will sie dennoch nicht in Bausch und Bogen verurteilen und liefert eine kleine Etüde in kontrafaktischer Geschichte: "Die Engländer unter uns mögen sich fragen, wie das Leben in einem besetzten Britannien gelaufen wäre, gesetzt den Fall, dass die Deutschen uns im Sommer 1940 geschlagen hätten. Hätte Lord Halifax in einer kollaborierenden Regierung die Rolle des Marschalls Petain gespielt, mit dem britischen Faschisten Sir Oswald Mosley als Premierminister? Hätten die Deutschen den König George V. durch seinen Bruder, den ausgesprochen prodeutschen und antisemitischen Herzog von Windsor ersetzt - mit der Herzogin als 'Queen Wallis'?"
Archiv: Daily Beast