Magazinrundschau - Archiv

ADN cultura

17 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 02.05.2014 - ADN cultura

An einem sehr speziellen, aber umso eindrücklicheren Beispiel illustriert die Historikerin María Oliveira-Cézar den gnadenlosen Zynismus der Geschichte des Holocaust: "Am 26. Januar 1944 sah sich der kurz zuvor durch einen Putsch an die Macht gelangte und dem Faschismus nahestehende General Pedro Pablo Ramírez durch äußere Umstände gezwungen, die bisherige Neutralität Argentiniens aufzugeben. Nur einen Tag nachdem er widerwillig alle diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abgebrochen hatte, ordnete Adolf Eichmann von Berlin aus telegrafisch die sofortige Verhaftung aller im besetzten Frankreich lebenden argentinischen Juden an, die bis dahin, eben weil sie die argentinische Staatsbürgerschaft besaßen, zumindest von den Deportationen ausgenommen worden waren. Die deutschen Beamten vor Ort deportierten daraufhin, ohne Wissen der argentinischen Botschaft, einen Teil der Verhafteten, während sie den Rest, um sich für alle Fälle weiterhin die guten Beziehungen zu den Argentiniern zu sichern, retteten, indem sie ihn offiziell der Fondation Rothschild übergaben. Der einzige, armselige Trost für die Deportierten besteht darin, dass sie sich nicht einmal im Traum hätten ausmalen können, dass der unmittelbar für ihr Martyrium Verantwortliche später ausgerechnet in ihrem Heimatland Zuflucht finden sollte."

Magazinrundschau vom 22.01.2013 - ADN cultura

Auf der südlichen Welthälfte ist gerade Hochsommer und Ferienzeit - die argentinische Schriftstellerin María Sonia Cristoff erklärt, was das für sie bedeutet: "Den Sommer verbringe ich normalerweise im Winterschlaf: Wie manche Tiere suche auch ich, wenn die Zeit kommt, zu der mein Organismus den Bedingungen der Außenwelt nicht gewachsen ist, einen möglichst abgelegenen Rückzugsort auf. Dort zehre ich, in fast völliger Reglosigkeit, von dem, was ich das Jahr über angesammelt habe. Und ich schlafe, schlafe, schlafe. Und stehe ansonsten nur auf, um zu schreiben. Wohl für jeden Schriftsteller ist der Sommer die schlechthin ideale Zeit, um sich ganz auf einen Text zu konzentrieren: Endlich hält einen nichts mehr vom Schreiben ab - vor allem nicht all die Arbeiten, die man sonst ausführen muss, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Deshalb lieben wir Schriftsteller den Sommer so sehr. Reich sein: Unabhängig von der Jahreszeit schreiben können."
Stichwörter: Winterschlaf, Jahreszeiten

Magazinrundschau vom 09.10.2012 - ADN cultura

Krise und Populismus - Luisa Corradini unterhält sich mit dem französischen Philosophen Jacques Rancière: "Die Art, wie heutzutage über 'die Krise' geredet wird, gefällt mir nicht. Der Begriff ist nicht nur zu einem Allround-Konzept verkommen - die Demokratien sind in der Krise, die Kunst ist in der Krise, etc. etc. -, sondern er ist auch verantwortlich dafür, dass alles bloß noch unter einer klinischen Perspektive wahrgenommen wird, als Betätigungsfeld für eine intellektuelle und soziale Ärzteschaft. Es gibt aber keine 'Krise der Demokratie', sondern es gibt demokratische Defizite, was nicht dasselbe ist. Und so sehr ich dagegen bin, jede Art der Forderung nach Macht durch das Volk als 'Populismus' abzutun, teile ich doch nicht automatisch die Begeisterung so vieler für die neuen Regierungen in Südamerika: Wenn ich sehe, dass Hugo Chávez zum dritten Mal hintereinander Präsident werden will, sage ich mir, dass er weit davon entfernt ist, ein Demokrat zu sein: Demokrat ist jemand, der die Voraussetzungen dafür schafft, dass ihm so schnell wie möglich ein anderer nachfolgen kann, beziehungsweise, dass es gar nicht mehr nötig ist, dass es einen Anführer, eine oberste Verkörperung der Nation gibt."
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Magazinrundschau vom 04.09.2012 - ADN cultura

"Als erstaunlich optimistischer Pessimist erweist sich im Interview der französische Anthropologe Marc Augé: "Die Menschen leben heute in einer völlig übersteigerten Gegenwart, ein Zustand, der durch die Medien noch verstärkt wird. Wie in primitiven Gesellschaften oder in der bäuerlichen Welt verläuft die Zeit nicht mehr linear, sondern kreisförmig: Sie wird bestimmt von den aufeinanderfolgenden Spielzeiten der Sportarten, den Zyklen der Schuljahre, den Wahlperioden, etc. Trotzdem bin ich optimistisch und glaube nicht, dass alles verloren ist: Wissenschaft und Technik machen heutzutage außerordentliche Fortschritte. Die Leute denken immer, dass man sich eine neue Welt erst vorstellen muss, um sie schaffen zu können. Aber so ist das gar nicht: Revolutionäre Erfindungen wie die Anti-Baby-Pille oder das Internet sind keineswegs die Frucht politischer Imagination oder sonst irgendeiner Art von Utopie. Sie brauchen keine großen Erzählungen. Hoch lebe die Erbsünde: Eva ist es zu verdanken, dass der Mensch die Frucht vom Baum der Erkenntnis aß und zum Menschen wurde.Wenn wir wieder eine Zukunft haben möchten, müssen wir weiter von dieser Frucht essen, den Apfel dabei allerdings in gleich große Hälften teilen."
Stichwörter: Pille, Wissenschaft

Magazinrundschau vom 16.08.2011 - ADN cultura

Ingrid Bejerman interviewt einen wie gewohnt ätzend zynischen Gore Vidal: "Im Independent haben Sie erklärt, die USA seien heute irgendwo zwischen Brasilien und Argentinien einzuordnen. Könnten Sie diese Aussage ein wenig erläutern? - Das habe ich bereits: Wir hätten dann eine bessere Fußballnationalmannschaft.Und das wäre ein echter Gewinn: Baseball ist zweifellos das stupideste Spiel, das je von Menschen erdacht worden ist - und diese Menschen waren natürlich wir Nordamerikaner. - Und was halten Sie von Cristina Kirchner und Dilma Rousseff? - Ich bin absolut dafür, dass Länder von Frauen regiert werden. Jungs machen das einfach schlecht, Jungs wollen sich lieber prügeln. - Aber wenn die USA gescheitert sind, was ist dann mit Argentinien? - Die Argentinier arbeiten daran. - Für Brasilien gilt aber wohl das Gegenteil: Obama und alle anderen sagen, Brasilien sei das Land der Zukunft, und die Zukunft ist jetzt. - Mir gefällt besser, was Charles de Gaulle gesagt hat: Brasilien ist das Land der Zukunft und wird das auch immer bleiben. Wir sollten die Boshaftigkeit des guten Generals nicht unterschätzen. - Was hat Sie an Brasilien bei Ihrem letzten Besuch beeindruckt? - Die Energie, es hat mich an die USA in den 30er Jahren erinnert."

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - ADN cultura

Der Schriftsteller Juan Villoro gibt sich Zukunftsträumen hin: "Was, wenn soeben das gedruckte und gebundene Buch erfunden worden wäre, in einer hochtechnisierten Welt, in der man bislang nur an Bildschirmen lesen konnte? Die unverzichtbaren Vorteile des Computers wären durch das neue Produkt nicht gefährdet, aber die Menschen, die immer so gerne Äpfel mit Birnen vergleichen, wären von dieser supermodernen Erfindung begeistert: Nach Jahren vor dem Bildschirm hätte man auf einmal etwas vor sich, das man wie ein Fenster oder eine Tür aufmachen kann - eine Maschine, in die man hineingehen kann! Zum erstenmal verbände sich das Wissen mit dem Tastsinn und der Schwerkraft - die neue Erfindung ließe einen die unglaublichsten Empfindungen durchleben, Lesen würde zu einer körperlichen Erfahrung. Und nachdem man Wissen immer nur als Bündel von Verknüpfungen begriffen hatte, als System interagierender Netze, entdeckte man unversehens die Individualität: Jedes Buch ist eine eigenständige Persönlichkeit, der man nicht nach Belieben Teile entnehmen oder hinzufügen kann. Und wie entspannend diese neuen Lesegeräte mit ihrer abgeschlossenen Technologie sind: Ihr Betriebssystem braucht niemals ein Update - das Einzige, was sich im Lauf der Zeit verändert, ist die Botschaft, die sie enthalten, die offen ist für immer neue Interpretationen."
Stichwörter: Villoro, Juan

Magazinrundschau vom 04.08.2009 - ADN cultura

Gerardo Garcia unterhält sich mit Javier Cercas über dessen neues Buch "Anatomia de un instante". Es behandelt das Cercas zufolge "wichtigste Ereignis der spanischen Geschichte der letzten fünfzig Jahre", den Putschversuch gegen die junge Demokratie vom 23. Februar 1981: "Beim Schreiben dieses Buches habe ich viel gelernt, zum Beispiel, dass die Gewalt nicht die 'Hebamme' der Geschichte ist, wie Marx glaubte, sondern ihr Steinbruch: das Material, aus dem die Geschichte besteht. Auch mein Blick auf die Politik und die Politiker hat sich geändert: Früher hielt ich den spanischen Übergang von der Diktatur zur Demokratie für mehr oder weniger katastrophal gescheitert, heute erscheint er mir geradezu als Erfolgsgeschichte. Früher fand ich Politiker vor allem seltsam, eigentlich aber uninteressant, manchmal verachtenswert; beim Schreiben an dem Buch dagegen fand ich sie sehr, sehr interessant und jetzt finde ich sie immer noch seltsam, vor allem aber tun sie mir Leid."
Stichwörter: Cercas, Javier

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - ADN cultura

"Das Internet ist eine tickende Zeitbombe." Juan Cruz, Schriftsteller, Journalist, Blogger und Mitherausgeber der spanischen Tageszeitung El Pais, sieht "den Journalismus in Flammen stehen, weil fast alle glauben, das Internet sei ein Medium und nicht bloß ein Material - aber das Internet ist das Gleiche wie ein Kugelschreiber: Man muss damit umgehen können. Im Internet herrscht ein grauenvolles Durcheinander, in dem wir Journalisten für Ordnung sorgen müssen. Nach der Verleihung des Nobelpreises an Jean-Marie Gustave Le Clezio, hieß es im Internet, Le Clezio sei gestorben. Eines Tages werden wir feststellen, dass es den Journalismus, der seine Informationen stets mit drei Quellen abglich, nicht mehr gibt, und dass das Internet ihn zerstört hat. Bis heute weiß niemand, wie man Nachrichten, die im Internet kursieren, verifizieren soll. Manche Leute machen sich deshalb ernsthafte Sorgen."

Magazinrundschau vom 21.10.2008 - ADN cultura

Susana Reinoso führt ein Interview mit dem brasilianischen Autor Paolo Coelho, der sich auf der Frankfurter Buchmesse für die ersten 100 Millionen verkauften Exemplare seiner Werke feiern ließ: "Keine Ahnung, was ein Argentinier, ein Norweger und ein Chinese gemeinsam haben, aber sie alle lesen mich. Das lässt hoffen: Es gibt immer noch die Brücke der Kultur. Während alles zugrunde geht - die Wirtschaft und die Politik -, sind die Leute trotzdem imstande, sich mit Hilfe der Geschichten, der Literatur, der Malerei, der Musik zu verständigen. Was die Internetpiraterie betrifft: Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Aber keine Angst: Wenn alle Piraten sind, muss man eben ein neues System schaffen. Das Illegale wird legal. Sehen Sie, wie es mit den Engländern war: Zuerst waren sie Piraten, dann Lords, und so schufen sie ein Weltreich. Internet ist ein sehr positives und starkes Instrument sozialer Aktivität. Ich bin täglich drei Stunden im Internet. Die einzige Gefahr sehe ich in den Suchmaschinen, da kann man manipulieren. Das Buch hat trotzdem weiterhin einen besonderen Wert im Internet: Was man auf dem Markt nicht findet, findet man dort."

Magazinrundschau vom 23.09.2008 - ADN cultura

Anlässlich der Veröffentlichung von Eduardo Galeanos neuestem Essayband "Espejos" - "fast eine Universalgeschichte", wie der Untertitel ironisch verspricht - der binnen kurzem die lateinamerikanischen Bestenlisten erklommen hat, unterhält sich Jorge Urien Berri mit dem bekannten uruguayischen Journalisten und Schriftsteller, dessen vor mehr als dreißig Jahren erschienenes Buch "Die offenen Adern Lateinamerikas" - und sei es bloß aufgrund der Suggestionskraft des Titels - das Bild von eben diesem Teil der Erde so nachhaltig geprägt hat wie kaum ein zweites: "Die Bedeutung der Wörter ist heilig, dahin müssen wir wieder zurück. Gerade war ich in Paraguay: Dort sprechen heute - ein geradezu einzigartiger Fall - die Sieger die Sprache der Besiegten. Und in dieser Indianersprache Guarani, einer der beiden offiziellen Landessprachen Paraguays, bedeutet einundderselbe Ausdruck 'Seele' und 'Wort'. Das heißt, wer lügt, vergeht sich an der Seele. Die Politiker, Schriftsteller, alle, die mit der Sprache arbeiten, sollten diesen heiligen Charakter der Sprache im Bewusstsein haben. Die große Aufgabe der Politiker müsste es sein, zu erreichen, dass man ihnen glauben kann. Davon sind wir natürlich weit entfernt."
Stichwörter: Lateinamerika