Magazinrundschau

Spukhaus der Finanzkrise

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
23.08.2011. Der Rolling Stone blickt leicht fassungslos auf die weißen Westen der Banker. Nonfiction bespricht ein Buch über Marine Le Pen. Der New Statesman erklärt, warum westliche Musikkonzerne die chinesische Suchmaschine Baidu lieben. Adbusters klagt die britischen Babyboomer an, die gnadenlos ihre Kinder ausquetschen. Outlook India feiert die Raubkopie als Zensurbrecher. Outside sucht in Nepal den Yarchagumba.

Rolling Stone (USA), 01.09.2011

Darcy Flynn, ein Mitarbeiter der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC, hat als Whistleblower vor dem Kongress ausgesagt, dass die Behörde seit 1993 tausende von Untersuchungsberichten über möglicherweise kriminelle Banker vernichtet hat, berichtet Matt Taibbi in einer langen Reportage im Rolling Stone. Das ist skandalös, aber dann auch wieder nicht sehr überraschend: "Selbst ein oberflächlicher Blick auf die Liste der Direktoren der Vollstreckungsabteilung macht klar, dass die Top-Polizisten der SEC am Ende fast immer in Jobs bei den Banken landen, die sie überwachen sollten. [...] Wenn man sich durch die Liste der toten und begrabenen Fälle liest, die Flynn dem Kongress vorgelegt hat, ist das, als sehe man durch eine Infrarotkamera auf das Spukhaus der Finanzkrise, durch das die Geister der niedergeschlagenen Anklagen huschen. Hier ein kurzer Auszug aus der Liste:
Goldman Sachs: MLA-01909, OPENED/CLOSED 6/99 - 4/00, Issue Market Manipulation
Deutsche Bank: MHO-09356, OPENED/CLOSED 11/01 - 7/02, Issue Insider Trading
Deutsche Bank: MHO-09432, OPENED/CLOSED 2/02 - 8/02, Issue Market Manipulation
Lehman Brothers: MNY-07013, OPENED/CLOSED 3/02 - 7/02, Issue Financial Fraud
Goldman Sachs: MNY-08198, OPENED/CLOSED 11/09 - 12/09, Issue Insider Trading."

nonfiction.fr (Frankreich), 22.08.2011

Marie-Cecile Nave liest für nonfiction.fr ausführlich und informationsreich das neueste Buch von Caroline Fourest (Blog)und Fiammetta Venner, zwei Rechtsextremismusexpertinnen, die allerdings auch einige instruktive Bücher über Islamismus und die Idee der Menschenrechte geschrieben haben. In einem großen Porträt schildern sie, wie Marine Le Pen das Werk ihres Vaters in der Front national fortführt und die Partei modernisieren will. Dabei geht sie vom klassisch rechtsextremen und antisemitischen Kurs der Partei ab in Richtung eines antimuslimischen Populismus. "Allerdings ist die Synthese zwischen den verschiedenen Strömungen der Partei nicht leicht zu haben. Wie soll man
- Muslime angreifen, ohne die Unterstützung der Antisemiten und Antizionisten zu verlieren?
- die angeblich rückwärtsgewandten Werte des Islams geißeln, ohne die homophobe und frauenfeindliche Basis der Partei zu gefährden?
- ein archaisches Bild der Frau propagieren, ohne dass es von Marine Le Pen selbst verkörpert wird?"

New Statesman (UK), 15.08.2011

Die große chinesische Firewall, etliche Zusatzprogramme und 50.000 Techniker kontrollieren die chinesische Suchmaschine Baidu auf unerwünschte Inhalte hin, doch die Chinesen benutzen sie lieber als Google, zu dem sie auch Zugang hätten. Auch die westliche Musikindustrie schätzt Baidu, weiß Jonathan Margolis in einem großen Report zu berichten: "Mit ungefähr 400 Millionen hat Baidu schon fast so viele Nutzer allein in China wie Google mit 425 Millionen weltweit. Die Firma ist in Hinsicht auf künftige Gewinne sogar so zuversichtlich, dass sie freiwillig auf Einnahmen verzichtet: Künftig will sie Nutzer nicht mehr zu Seiten leiten, auf denen man illegal Musik herunterladen kann, was fast schon chinesische Tradition ist. Stattdessen hat Baidu ein bahnbrechendes Abkommen mit Universal, Warner und Sony abgeschlossen, um geschützte Stücke auf der neuen Musikplattform 'Ting!' (Hören! auf Madarin) anzubieten. Baidu ist Chinas Fenster zur Welt und zu sich selbst, ultimativer Schiedsrichter über die Realität, Quelle der Wahrheit für ein Viertel der Menschheit. Sie wird in rasanter Geschwindigkeit so bedeutend wie die KP - vielleicht noch mehr, denn die breite Bevölkerung vertraut ihr vorbehaltlos, während sie unaufhörlich über die herrschende Elite murrt."
Anzeige

Elet es Irodalom (Ungarn), 19.08.2011

Seit einigen Wochen findet in den ungarischen Zeitungen (des liberalen Spektrums) eine Debatte darüber statt, mit welchen Chancen eine neue Regierung nach der Orban-Regierung (nach 2014 oder - gar viel - später, unter außergewöhnlichen Umständen früher) die Rückkehr zur demokratischen Normalität wird meistern können bzw. inwieweit ihre Hände durch die jetzigen Weichenstellungen der Orban-Regierung gebunden sein werden. Mehrere Teilnehmer der Debatte betrachteten die Existenz eines "anderen Ungarns" (das der Orban-Anhänger), das über eigene Symbole, Tabus und Ikonen verfügt, als Gegebenheit, weshalb eine neue Regierung ihre Macht allein durch einen Konsens mit diesem Teil der Gesellschaft sichern könne. Die Journalistin Julia Levai meint jedoch, dass es solch ein anderes Ungarn, solch eine grundsätzlich andere Kultur innerhalb des Landes gar nicht gibt: "Jenes 'andere Ungarn', auf das sich die Fidesz-Partei - und nun auch ihre Kritiker - als eine homogene, isolierte Welt berufen, ist aus soziologischer Sicht nur ein künstliches Gebilde. Es ist das dramatische Ergebnis eines Prozesses, in dessen Verlauf ein lockeres Konglomerat üblicher, schotterartiger Denkweisen durch einen politischen Willen (im Sinne seiner egoistischen Ziele) zwar zu einer politischen Einheit strukturiert wurde und diesem nun dient, ohne aber dabei wahrhaftig homogen und kulturell (also durch humanisierende Kraft) eingebettet zu sein oder irgendwelche Bindemittel aufzuweisen. Die Existenz solch eines ideologischen Gebildes muss nicht zwangsläufig zu seiner Anerkennung führen, wie manche Fidesz-Kritiker meinen - vielmehr weist dies auf einen ganz anderen Zwang hin: Darauf, dass das Land eine durch eine falsche Trennlinie aufgezwungene, unnatürliche Dualität ertragen muss. Warum sollte dieser Zwang auch noch durch einen politischen Kompromiss verstärkt werden?"
Stichwörter: Normalität

Adbusters (Kanada), 11.08.2011

Britische Kinder und Jugendliche stehen in der westlichen Welt so schlecht da, wie niemand sonst. Das betrifft ganz besonders ihre von Schulden, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bedrohten Zukunftsaussichten. Schuld ist die Elterngeneration, schreibt Maria Hampton in einer überarbeiteten Version eines Artikels, der schon 2007 erschienen ist. "Wie der Wirtschaftskorrespondent von Channel 4, Faisal Islam, beobachtet hat: 'Als sie [die Eltern] Teenager waren, waren sie für den sozialen Liberalismus, Flower Power und einen starken Staat. Als sie dann gut verdienten, waren sie für niedrige Steuern, einen schlanken Staat und sündhaft teuren Individualismus. Als ihnen dann ihre Sterblichkeit bewusst wurde, schossen die Ausgaben für Gesundheit und Renten nach oben. Die 50- bis 64-Jährigen haben außerdem die höchste CO2-Bilanz - 20 Prozent höher als jede andere Altersgruppe - doch wird der Klimawandel sie nicht mehr betreffen. Vielleicht sehen wir hier das eher erschreckende Bild einer Generation, die zum eigenen Vorteil so viel wie möglich aus ihren Kindern herausgequetscht hat.'"
Archiv: Adbusters

Outlook India (Indien), 29.08.2011

Nicht nur die Zensur ist im indischen Kino ein Problem. Immer wieder kommt es in einzelnen Staaten zu Protesten, Boykotten und Störungen, weil einzelne Gruppen sich beleidigt fühlen. Die Regierungen der Einzelstaaten erlassen dann oft präventive Verbote. Aktueller Anlass des Berichts von Namrata Joshi ist die Zensur gegen Jakash Pras Film "Aarakshan" in Uttar Pradesh (weil sich angeblich die Dalits in schlechtem Licht dargestellt sehen). Der unabhängige Filmemacher Rakesh Sharma griff zuletzt zu Guerilla-Methoden, um seinen - übrigens auch auf der Berlinale gezeigten - Dokumentarfilm "Final Solution" über die Aufstände in Gudscharat unter die Leute zu bringen: "Er startete eine 'raubkopiert und verteilt'-Bewegung und bot jedem, der zehn weitere Kopien zu erstellen und weiterzubreiten versprach, eine Gratis-Kopie seines Films. Für ihn ging es vor allem darum, dass sein Werk überhaupt sichtbar bleibt. 'Je stärker diese außerhalb der Gesetze agierenden Zensoren den Film zu begraben suchen, desto mehr sollte er gesehen werden', erklärt er seinen Aufruf zum zivilen Kino-Ungehorsam."
Stichwörter: Indisches Kino

Polityka (Polen), 19.08.2011

Jan Dziadul berichtet (hier auf Deutsch) von den Bemühungen der Schlesier, aus ihren Dialekte und Mundarten eine Literatursprache zu erschaffen, die dann als eigene Sprache anerkannt wird. "Vorbild ist wieder das Kaschubische. 'Die kaschubische Literatursprache ist ein bisschen anders als alle regionalen Varianten des Kaschubischen', sagt Prof. Tambor. Nach ihrer Einschätzung hatten die Kaschuben einen leichteren Weg, weil der Kodifizierungsprozess dort schon im 19. Jahrhundert begann. 'Außerdem haben die Kaschuben eine sehr reiche, sogar Jahrhunderte zurückreichende Literatur in ihrer eigenen Sprache, während bei uns im Prinzip erst an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert literarische Werke auf Schlesisch entstanden.'"
Archiv: Polityka

Fast Company (USA), 08.08.2011

April Rabkin hat ein Jahr lang Schüler von Beijings Second High School begleitet, die sich auf ihre dem Abitur vergleichbare Abschlussprüfung vorbereiten, das Gaokao. Ohne Gaokao keine Zulassung zur Universität. Das Lernprogramm ist mörderisch und fördert vor allem die Auswendiglerner, erfährt Rabkin: "'Das Gaokao belohnt einen bestimmten Studententypus: sehr gutes Gedächtnis, starke logische und analytische Fähigkeiten, wenig Vorstellungskraft, keine Sehnsucht, Autoritäten zu hinterfragen', sagt Jiang Xueqin, ein in Yale ausgebildeter Schulverwalter in Peking. [...] 'Die besten und intelligentesten Schüler werden auf eine Art und Weise erzogen, die es ihnen nicht erlaubt, etwas zur Gesellschaft beizutragen.' Zhang Xiaolu, ein Lehrer in Nanjing, fügt hinzu: 'Viele Lehrer sagen ihren Schülern nach dem Abschluss: Vergesst bitte alles, was ihr hier gelernt habt. Denn die Lehrer wissen, dass es alles sinnlos war. Ein standardisierter Test bedeutet standardisiertes Denken. Ich sage zu den Schülern: Es verstopft eure Köpfe, so dass ihr keine Zeit habt, etwas anderes zu denken. Das ist eine Politik, die Leute dumm zu halten.'"

Außerdem: Joshua Hammer erklärt, warum Ölfunde in Israel nicht unbedingt als Segen zu betrachten sind.
Archiv: Fast Company

London Review of Books (UK), 25.08.2011

Bekanntlich bauen Physiker Riesenbeschleunigungsmaschinen, um winzigste Teilchen zu finden. David Kaiser gibt sich - und nicht ohne Erfolg - Mühe, zu erklären, warum, wer das Higgs Boson sucht, es noch lange nicht einfach so findet: "Die Grundidee liegt darin, Protonen in einem riesigen Teilchenbeschleuniger bei so hoher Geschwindigkeit gegeneinander knallen zu lassen, dass Higgs Bosonen (und eine ganze Menge anderes Zeug) aus der Restenergie koagulieren. Im Prinzip müssten die Energien, mit denen Protonenstrahlen im LHC in Genf kollidieren, hoch genug sein, um Higgs-Partikel zu erzeugen. Nur finden wird man sie so schnell nicht. Man geht davon aus, dass ein einzelnes Higgs-Partikel ein wenig schmaler sein wird als ein Goldatom... Anders als Goldatome dürften Higgs-Partikel jedoch bemerkenswert flüchtig sein, mit einer Lebenszeit von etwa dem Billionen-Billionstel einer Sekunde: Sie werden einfach nicht lange genug stillsitzen für ein Foto. Und leider auch kaum eine Spur hinterlassen. Allerhöchstens schaffen sie es, bevor sie in andere Partikel zerfallen, so ungefähr ein Billionstel eines Zentimeters voran."

In weiteren Artikel wird über die Gründe für Barack Obamas zögerliches Verhalten in der Finanzkrise gemutmaßt, über die Zukunft des BBC World Service nachgedacht, die Tracey-Emin-Ausstellung "Love is What You Want" in der Londoner Hayward Gallery und die "Cy Twombly and Poussin"-Ausstellung in der Dulwich Picture Gallery besucht.Thomas Powers liest Manning Marables "Malcolm X"-Biografie. Exklusiv online kommentiert Slavoj Zizek mit Verweisen auf seine Leib- und Magenautoren Hegel und Badiou die Londoner Riots aus kapitalismuskritischer Perspektive.

Economist (UK), 20.08.2011

In Asien steigt nicht nur das Heiratsalter rapide, auch die Heiratsraten als solche sinken drastisch. Es gibt inzwischen mehr Frauen, die Singles sind, als in westlichen Ländern. Die Gründe sind, wie der Economist darlegt, nicht so schwer zu begreifen: "Frauen heiraten seltener, sobald sie in den Arbeitsmarkt eintreten. Das liegt zum Teil daran, dass es für eine Frau in Asien hart ist, zugleich einen Job zu haben und verheiratet zu sein. Frauen sind die primär Zuständigen für Ehemänner, Kinder und oft auch die alternden Eltern; und auch bei Vollzeitjobs wird von ihnen erwartet, dass sie diese Rolle weiterhin spielen. Das gilt natürlich für den Rest der Welt in ähnlicher Weise, aber die Last, die asiatische Frauen tragen, ist besonders heftig. Japanische Frauen, die normalerweise vierzig Stunden die Woche im Büro arbeiten, haben dann zusätzlich im Schnitt noch dreißig Stunden Hausarbeit vor sich. Zum Vergleich: Bei Männern sind es ziemlich genau drei."

In gleich zwei Artikel wird ausführlich erklärt, wie der US-Bezahlsender HBO funktioniert und warum der Markt seit den ersten großen Erfolgen wie den "Sopranos" vor mehr als zehn Jahren heute sehr viel kompetitiver ist - und warum sogar das Pay-TV-Modell als ganzes nun in Frage gestellt ist.
Archiv: Economist
Stichwörter: HBO, Pay-Tv, Heirat

Times Literary Supplement (UK), 22.08.2011

Auf eine literarische Reise ins "Reich des Bösen" begibt sich Robert Irwin mit Reeva Spector Simons investigativer Literaturgeschichte "Spies and Holy Wars" über anti-islamische Feindbilder in der englischsprachigen Thrillerliteratur des 20. Jahrhunderts. Vor allem hier erfährt man, mit welchen Vorurteilen der Westen dem Osten begegnet, meint Irwin: "Es gab eine Menge Rassismus gegenüber Arabern und Muslimen in der westlichen Kultur und die besten Orte, um danach zu suchen, sind Armeekasernen, Polizeistationen, Hollywood-Filmstudios und die Büros der Boulevardzeitungen. Orientalismus, im pejorativen Sinne, kommt von unten - aus Pulp novels, Music hall songs, Cartoons, der gewalttätigen Rhetorik der Straßengangs, Kämpfen auf Fußballplätzen und Filmen über fanatische, korrupte Terroristen. Es ist dummer akademischer Snobismus, in den Klassikern der englischen und französischen Literatur nach Hinweisen für Orientalismus-Klischees zu suchen, während man Populärliteratur und Bücher von Sax Rohmer, Dennis Wheatley und Daniel Easterman einfach übersieht."

Outside (USA), 01.09.2011

Eric Hansen ist nach Nepal gereist, um einen Mordfall zu untersuchen. Im Tal von Nar hat man die Leichen von zwei ortsfremden jungen Männern gefunden, weitere fünf sind ganz verschwunden und sollen zerstückelt worden sein. Offenbar wollten sie Pilze sammeln. In Nar wächst nämlich Yarchagumba, ein Pilz, der aus den Köpfen von Raupen wächst. In den letzten Jahren hat dieser Pilz, dem allerlei Wunderwirkungen zugesprochen werden, eine solche Nachfrage erfahren, dass ein Pfund heute 50.000 Dollar wert ist. "Im Himalaya hat die Nachfrage einen Goldrausch ausgelöst. Dorfbewohner in Tibet, Indien, Bhutan und Nepal können ihre Kinder plötzlich auf ordentliche Schulen schicken, ihre Schulden bezahlen und sogar Geschäfte gründen. In Tibet, wo der größte Teil des Yarchagumbas geerntet wird, sorgt er in den ländlichen Gebieten inzwischen für 40 Prozent des jährlichen Bar-Einkommens. Das sind 225 Millionen Dollar. Die nepalesische Ernte beträgt davon nur einen Bruchteil, aber die Auswirkungen sind genauso dramatisch: während der sechswöchigen Pflücksaison kann ein Nepalese mehr als 1.500 Dollar verdienen, das ist mehr als seine Eltern in ihrem ganzen Leben erwarten konnten."
Archiv: Outside
Stichwörter: Nepal, Tibet