Magazinrundschau

Masturboote, das Porndecahedron und ein Planetarium

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
09.08.2011. Erst der Säkularismus gibt uns jene Fülle, die uns die Religionen nur versprechen, behauptet James Wood im New Yorker. Rue89 zeigt tolle Videos mit den Neuen Philosophen aus der Zeit, als sie tatsächlich neu waren. Nein, die Stadt ist kein Sumpf, meinte das TLS, noch kurz vor den Londoner Krawallen. Die New York Times betritt mit Nicholson Baker den Velvet Room.

New Yorker (USA), 22.08.2011

Ein Gegengift zu bin Laden, Breivik und anderen religiösen Traktatautoren? James Wood stellt das von dem Literaturwissenschaftler George Levine herausgegebene Buch "The Joy of Secularism: 11 Essays for How We Live Now" vor. Die Essays versuchen der allgemeinen Klage vom Verschwinden Gottes etwas entgegenzusetzen. Levines Intention: "Das Buch untersucht die Vorstellung, dass Säkularismus eine positive, keine negative Haltung ist, keine Ablehnung der spirituellen und religiösen Welt, sondern eine Bestätigung der Welt, in der wir im Augenblick leben. Die Errichtung unserer Welt auf einem säkularen Fundament ist für unser heutiges Wohlergehen essenziell. Und eine solche Welt ist in der Lage, uns jene 'Fülle' zu geben, die die Religion seit je nur verspricht." Zu den Autoren gehören übrigens der niederländische Zoologe und Verhaltensforscher Frans de Waal, aber auch der Multikulti-Papst Charles Taylor.

Weiteres: Ryan Lizza porträtiert die republikanische Politikerin Michele Bachmann, die derzeit systematisch zur Spitzenkandidatin ihrer Partei aufgebaut wird. Und James Surowiecki erklärt, weshalb die Wall Street die Tea Party-Bewegung unbedingt fürchten sollte.
Archiv: New Yorker

Rue89 (Frankreich), 07.08.2011

Xavier de La Porte und Jade Lindgaard Modells sehen bereits das klassische Modell des französischen Medienintellektuellen in der Krise. Denn drei bisher annähernd sakrosankte französische Vertreter werden derzeit im Internet, dem "Feind Nummer eins der Medienoligarchie" auf den Prüfstand gestellt: Alain Finkielkraut, weil er in den delirierenden Schriften von Anders Breivik zitiert wird (nur: wer wird das nicht?), Bernard-Henri Levy, weil er von syrischen Oppositionellen boykottiert wurde (weil er für Israel ist), und Luc Ferry, weil er einen Minister ohne Beweise der Pädophilie bezichtigt. "Mit dem Internet haben sich die Spielregeln der öffentlichen Sprache verändert ... Weniger Verbeugungen und Einverständniserklärungen zwischen Verbündeten aus den gleichen politischen, finanziellen, verlegerischen oder medialen Machtzirkeln. Ideen verbreiten sich mit einem Klick. Die Zitate sind dann eingraviert in den Marmor des unendlichen Gedächtnisses von Google, das bis in alle Ewigkeit, oder doch fast, bis zur Tortur die von dem einen oder anderen begangenen Irrtümer bewahrt." Das beste an dem Artikel sind allerdings die Videos von Alain Finkielkraut, Andre Glucksmann und Bernard-Henri Levy in jungen Jahren aus dem Archiv der französischen Staatssender: drei Rhetoriklektionen!

Weiteres: Jean-François Julliard moniert die wiederholten Kniefälle, die sich Unternehmen wie Microsoft oder Yahoo gegenüber Netzzensoren leisteten. Unter der Überschrift "Unglaublich, sie haben überhaupt keine Angst" ist eine Reportage von Alice Michaux aus Damaskus zu lesen, wo sich der Alltag seit Beginn der Revolte stark verändert hat.
Archiv: Rue89

Times Literary Supplement (UK), 05.08.2011

Anson Rabinbach hat sich von Leif Jerram auf einen Parforceritt durch die Geschichte der europäischen Stadt im 20. Jahrhundert mitnehmen lassen und strahlt! Denn "Streetlife" spielt sich nicht nicht in Rathäusern und Studierstuben ab, sondern auf den Straßen, in Fabriken, Kinos, Nachtklubs, Parks und Neubausiedlungen. "Die Pathologisierung des urbanes Lebens, betont Jerram, ist das Ergebnis einer abgehobenen, von Angst getriebenen Mittelklasse-Perspektive, die kulturellen Reichtum, Intimität und nachbarschaftliche Integration ignoriert. 'Streetlife' läuft diesem Kulturpessismismus zuwider, der historisch das Schreiben über Städte so oft geprägt hat wie auch das seiner utopischen Antipoden. So endet das Buch mit einer euphorischen, sogar hoffnungsvollen Note: 'Anstatt unsere Städte als gefährliche Sümpfe zu betrachten, in denen die Fundamente unserer Gesellschaft versinken könnten, sollten wir ihre atemberaubende Fähigkeit feiern, zu absorbieren, sich zu verändern und weiterzumachen.'"
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La regle du jeu (Frankreich), 07.08.2011

In einem Interview, das er ursprünglich mit Le Parisien führte, erklärt Bernard-Henri Levy, weshalb der Bürgerkrieg in Libyen das Gegenteil vom Krieg im Irak sei. "Gaddafi wird stürzen. Die Welt wird an diesem Tag einen ihrer schlimmsten Tyrannen los sein. Und Frankreich wird am Ursprung dieses Sturzes gestanden haben, dieses, wenn man es so nennen kann, Gegenstücks zum Krieg im Irak. Ich sehe hier ausschließlich Gründe zur Freude. Ich spreche vom Gegenstück, weil es diesmal keine Bodentruppen gibt. Dafür internationale Rechtmäßigkeit sowie ein Mandat der arabischen Liga. Und schließlich die Existenz eines Nationalen Übergangsrates (CNT), also einer alternativen legitimen Instanz, die im Irak fehlte."

Gentlemen's Quarterly (USA), 01.08.2011

Stundenlang hat sich Amy Wallace mit dem inzwischen 85-jährigen Jerry Lewis unterhalten. Heraus kamen Erkenntnisse wie diese: Lewis ging einmal zum Analytiker. "Nachdem er seine ganze Geschichte ausgebreitet hatte, Einzelkind, abwesender Vater, stratosphärischer Erfolg, schmerzhafte Trennung von der Ehefrau, der ganze Kram, war Lewis sehr erstaunt, den Doktor sasgen zu hören, dass es ein Fehler wäre, sich analysieren zu lassen. 'Wie meinen Sie das?', fragte der Komiker. 'Nun, wenn wir all diese Schichten wegräumen, mag ihr Schmerz schwinden, aber dann haben Sie keinen Grund mehr, komisch zu sein." Also ist die Quelle des Humors... 'Schmerz', unterbrach er mich. Unanalysierter Schmerz natürlich."
Stichwörter: Jerry Lewis

Polityka (Polen), 29.07.2011

In Polen wird gerade die in den sechziger Jahren enorme erfolgreiche Fernsehserie über den Agenten J-23 als Spielfilm verfilmt. J-23 war ein polnischer Agent im Zweiten Weltkrieg, Stanislaw Kolicki, der dem deutschen Oberleutnant Hans Kloss zum Verwechseln ähnlich sah und darum in der Abwehr dessen Platz einnehmen konnte. Die Polen liebten diese Serie, sogar die Zensur hatte nur wenig daran auszusetzen, erzählt Wojciech Markiewicz (hier auf Deutsch): "Generell erfülle die Serie ihre Aufgabe, halten die Kommissionsmitglieder fest. Doch die Deutschen beispielsweise sähen darin zu adrett aus. 'Das ist unter psychologischem Gesichtspunkt eine wichtige Frage, denn auf diese Art und Weise halten wir den Ruf von der guten deutschen Organisation und Effizienz aufrecht', sagte Minister Tadeusz Zaorski. 'In den nächsten Folgen müsste man erreichen, dass die deutschen Uniformen irgendwie grauer werden.'"
Archiv: Polityka
Stichwörter: Fernsehserien

New York Times (USA), 07.08.2011

Charles McGrath schreibt im Sunday Magazine ein ausführliches Porträt Nicholson Bakers. Anlass gibt es genug: "Bakers neuer Roman 'House of Holes', der in diesem Monat herauskommt, trägt den passenden Titel 'Buch der Versautheit' und ist schmutziger als 'Vox' und 'Die Fermate' zusammen. Es ist eine Serie lose verbundener Vignetten aus einem sexuellen Themenpark, zu dessen Attraktionen Masturboote, das Porndecahedron und ein Planetarium gehören, auf dessen zwölf Bildschirmen Pornos laufen. Und dann ist da Velvet Room, in dem die Komponisten Borodin und Rimsky-Korsakow mit ihren Genitalien Fußmassagen verabreichen."