Magazinrundschau

Wir wollten den Süden sehen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
05.07.2011. In The New Republic beobachtet Michael Lewis Mark Twain und Hunter S. Thompson, wie sie ihre Rolle spielen. Outlook India betrachtet gut gebaute Chamar-Jungs mit Attitude. Rue 89 berichtet über einen Boykott BHLs durch einige syrische Autoren. Das New York Magazine porträtiert Bradley Manning. Elet es Irodalom feiert die Berliner Ausstellungen zu Lajos Kassak. Guernica sucht nach den Spuren von Borges in Texas. Im TLS macht Virginia Woolf einen Vorschlag zum Schutz vor zu vielen Büchern.

New Republic (USA), 14.07.2011

Einen eher unsympathischen und doch faszinierenden Mark Twain hat der großartige Michael Lewis in dessen Autobiografie entdeckt: Ruhmsüchtig war er, geldgierig und oft genug ein schlechter Autor. "Aber Twains Sprache ist der Grund, warum die Leute ihn immer noch lesen. Seine Sprache gibt einem das Gefühl, er würde zu einem sprechen. Und die Menge, zu der er in seiner Gier nach Ruhm und Geld sprach, half ihm, diese Sprache zu erschaffen. Andererseits ist es sehr anstrengend, einen solchen Ton aufrechtzuerhalten, ohne irgendwann zu seiner eigenen Geisel zu werden. Kurz bevor er Selbstmord beging, besuchte ich spät nachts Hunter S. Thompson in seinem Haus. Er saß in der Küche und trank Tequila direkt aus der Flasche, umgeben von riesigen Plakaten, die mit den verschiedenen seiner skandalösen Sprüchen beschriftet waren. Er war weniger ein Autor als ein Schauspieler, der versuchte nicht zu vergessen, welche Rolle er spielen sollte." Lewis hat neulich in Vanity Fair auch eine große Reportage über die griechische Schuldenkrise geschrieben.
Archiv: New Republic

Outlook India (Indien), 11.07.2011

Vom exemplarischen Fall der Aneignung und Umwendung einer verpönten Kastenbezeichnung berichtet Chander Suta Dogra. Eigentlich ist "Chamar" (zu deutsch: Haut, der traditionelle Name der wegen der Arbeit mit Leder als unrein verachteten Kaste der Schuster und Gerber) ein Schimpfwort, dessen Verwendung mit Gefängnisstrafe bewehrt ist. Nur nennen die Angehörigen dieser Kaste sich inzwischen selbstbewusst selber so, es ist sogar unter den Jugendlichen eine richtige Musikkultur rund um die Aneignung des Begriffes entstanden: "Was den Jugendlichen an diesen Songs am allermeisten gefällt, sind die Videos mit ihren stattlichen, gutgebauten Chamar-Jungs, die ihren Bizeps präsentieren und mit Schwertern und Gewehren hantieren. Diese Selbstdarstellung als Machos ist ganz klar der Versuch, sich als der höher angesehenen Kaste der Jat Sikhs gleichwertig zu präsentieren, die als stark und kraftvoll gelten. Pamma Sunar, ein Musiker aus Phagwar, hat im Januar diesen Jahres den Song 'Fighter Chamaar' veröffentlicht, mit provokativem Text und gewagten Videobilder. 'Wir kämpfen um Gleichberechtigung und Selbstachtung und schon werden wir deswegen bedroht', erklärt Sumar, der Mitglieder der Jat Sikhs für die Urheber von Drohbriefen und telefonischen Schimpfkanonaden hält."


Hier das Video zu "Fighter Chamaar":


Rue89 (Frankreich), 03.07.2011

Für den gestrigen Montagabend hatte Bernard-Henri Levy gemeinsam mit den Organisationen Change in Syria for democracy und France Syrie democratie zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung in Paris über Tote und Folterungen in Syrien eingeladen. In dem Aufruf "SOS Syrien" in Levys Netz-Zeitschrift La regle du jeu heißt es: "Angesichts dieser syrischen Tragödie und den diplomatischen Gesinnungswandel, kann unsere Empörung nicht länger stumm bleiben - ebenso wenig wie unsere Bewunderung für ein Volk, das Tag für Tag seine Toten beerdigt, aber nicht vor dem Terror zurückweicht."

Rue89 berichtet nun, dass einige zu dieser Veranstaltung eingeladene syrische Oppositionelle ihre Teilnahme verweigerten, weil sie befürchteten, Damaskus könne diese "Vereinnahmung" ausnützen. Sie rufen nun stattdessen ihrerseits zum Boykott des französischen Philosophen auf, der aufgrund seiner Äußerungen zur israelischen Armee ("eine der humansten der modernen Geschichte") "ein Feind der Rechte der Palästinenser" sei. Einige von ihnen - darunter der Soziologe Burhan Ghalioun, der Autor und Journalist Subhi Hadidi und der Verleger Farouk Mardam Bey - bezeichneten BHLs Initiative als "erbärmliches Manöver, das darauf abziele, die demokratische syrische Opposition von ihren Zielen abzubringen und ihre Glaubwürdigkeit bei ihrem Volk zu gefährden". Ihr schon im Mai veröffentlichter Appell gegen BHL trägt die Überschrift: "Bernard-Henri Levy, ersparen Sie den Syrern Ihre Unterstützung."
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Archiv: Rue89

New York Magazine (USA), 03.07.2011

Steve Fishman schreibt fürs New York Magazine das traurige Porträt des Bradley Manning, eines jungen, einsamen, seines Geschlechts unsicheren Soldaten und begabten Hackers, der angeklagt ist, Wikileaks mit Zehntausenden amerikanischen Geheimdokumenten beliefert zu haben. Manning war fasziniert von Julian Assanges Nimbus unter Hackern, meint Fishman: "Hacker liebten ihn. Für sie verkörperte er all ihre besten Motive. Sie sahen sich selbst als 'hochkritische Geister, die Autoritäten infragestellen und bürgerliche Freiheiten schätzen', erklärte mir ein Hacker. Und Assange tat den ganzen Tag lang nichts anderes. But Assange war kein typischer Hacker... Assange war ein Denker. Eine seiner Hauptideen war, dass Geheimnisse Korruption züchten. Darum schuf er Wikileaks, das es teuflisch einfach machte, Geheimnsse zu verraten. Einfach SEND klicken und ab gingen sie zu Wikileaks." Manning drohen jetzt 52 Jahre Gefängnis oder gar die Todesstrafe - und Assanges Nimbus ist sogar noch größer: "Vor Manning war er ein Störenfried, mit Verdiensten, aber kaum gewürdigt. Nach Manning war er für die Linke ein Held, 'die wichtigste Person, die je lebte' wie es in seinem Umkreis hieß."

Elet es Irodalom (Ungarn), 01.07.2011

"Die ungarische Kultur scheint eine Exportware von hoher Qualität zu sein", freut sich die Philosophiewissenschaftlerin Sarolta Deczki in ihrer Kritik über die Doppelausstellung zum Leben und Werk des ungarischen Avantgarde-Künstlers Lajos Kassak in der Berlinischen Galerie und der Moholy-Nagy-Galerie des Collegium Hungaricum Berlin (CHB). Die Ausstellung sogar Besuchern aus Ungarn Neues über eine zentrale Figur der ungarischen Avantgarde: "Das Ziel der beiden Ausstellungen ist es, eine bestimmte Schaffensperiode Kassaks im Kontext der zeitgenössischen internationalen Bestrebungen vorzustellen. Diese Periode ist aber (wie auch das ganze Leben Kassaks) von markanten und konsequenten politischen und gesellschaftlichen Stellungnahmen gekennzeichnet, die dem künstlerischen, redaktionellen und organisatorischen Schaffen ihren Stempel aufdrücken. Es ist nicht einfach, diese Komplexität ohne ein Gefühl des Überflusses darzustellen, allerdings setzten die Kuratoren ihr Konzept auf eine sehr elegante Weise um."
Stichwörter: Berlinische Galerie

Guernica (USA), 01.07.2011

In einem sehr schön mäandernden Text erzählt Eric Benson von einem wenig bekannten Liebesverhältnis - demjenigen von Jorge Luis Borges nämlich zu Austin, der Hauptstadt von Texas. Kurz bevor er Weltruhm erlangte, im Jahr 1961, war Borges das erste Mal auf Einladung der Universität für ein Semester in der Stadt und kehrte im Lauf der nächsten Jahrzehnte regelmäßig wieder. Benson sucht zum fünfzigsten Jahrestag der Erstbegegnung Zeitzeugen von damals und wird zunächst nicht fündig. Dann aber trifft er Carter Wheelock, der 1961 in Borges' Seminar saß: "September 1961: Borges kommt in Miami an und entscheidet, dass er und seine Mutter, statt nach Austin zu fliegen, lieber mit dem Bus durch Florida, Alabama, Mississippi und Louisiana anreisen. Drei Tage nach der geplanten Ankunft ruft der Professor, der ihn eingeladen hat, bei der Fluglinie an und fragt, ob ein gewisser Jorge Luis Borges im Flugzeug war und sicher durch die Zollkontrolle gelangt ist. Ist er. Am nächsten Tag ist Borges noch immer nicht da. Die Fakultät für Romanische Sprachen ist kurz davor, die Polizei zu unterrichten, dass ein blinder argentinischer Autor und seine ältliche Mutter irgendwo hinter den sieben Bergen des Bible Belt verloren gegangen sind, als Borges allerbester Stimmung in Austin eintrifft. 'Sie waren in Miami angekommen und beschlossen, 'Was soll's, wir nehmen diese Fahrt durch die Südstaaten mit', erzählt mir Carter Wheelock. 'Er sagte, 'Wir wollten den Süden sehen'. Borges redete immer so, als könnte er sehen; dabei war er blind'."

In einem weiteren Artikel unterhält sich Jim Moore mit Rebecca Hamilton, Korrespondentin der Washington Post für den Sudan, über die Lage des Landes.
Archiv: Guernica

Eurozine (Österreich), 01.07.2011

Eurozine stellt die Texte eines Kongresses, den das Netzwerk vor kurzem veranstaltet hat, über den Medienwandel online. Interessant die Forschungsergebnisse des Medienwissenschaftlers Leonhard Dobusch, der herausgefunden hat, dass nicht immer neue Urheberrechtsgesetze für de Kreativen wichtig sind, sondern Verhandlungsmacht gegenüber Verwertern: Wer es schafft, seine Verträge neu zu verhandeln, verdient auch besser. "Stärkere Urheberrechte können die Einkommensunterschiede zwischen Künstlern sogar noch verschärfen. In ihrer aktuellen Form sind Urheberrechte nur eine Lösung für eine kleine Minderheit der Kreativen und Verleger."

Außerdem erzählt Iryna Vidanava Schlimmes über die Situation der Journalisten in Weißrussland. Einige müssen jahrelange Strafen in Hochsicherheitsgefängnissen absitzen. Dennoch ist sie optimistisch: Immer mehr Weißrussen haben Breitbandinternet, und immer weniger Zeitungen lassen sich einschüchtern.
Archiv: Eurozine

Monde (Frankreich), 02.07.2011

Der Euro bringt Europa zum Einsturz meint der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen. Denn die nicht-demokratische Macht von Bankiers und Rating-Agenturen bürde Griechenland oder Portugal eine Politik der Strenge zur Effizienz auf, die ungewiss und sogar gefährlich sei. "Da von nun an ein Großteil Europas bestrebt ist, die öffentlichen Defizite über den Ausweg klarer Einschnitte bei öffentlichen Ausgaben schnellstmöglich einzudämmen, ist es unerlässlich, realistisch zu untersuchen, was die Auswirkungen dieser Maßnahmen sein werden, sowohl auf den Alltag der Menschen als auch auf die Generierung öffentlicher Einnahmen durch wirtschaftliches Wachstum. Was zur Stunde fehlt - neben einem politisch ambitionierteren Projekt - ist eine ökonomisch entwickeltere Reflektion über die Ergebnisse und die Auswirkungen solcher Strategie einer maximalen Reduzierung der Defizite unter 'Blut, Schweiß und Tränen'."
Archiv: Monde

Perfil (Argentinien), 03.07.2011

Der Dramatiker Rafael Spregelburd wünscht sich in seiner Kolumne mehr radikales Theater von Wutbürgern: "Wie klug und umsichtig - wie traurig aber auch: Die aufrührerischen Mittelschichtler hier wie dort rackern sich für Änderungen ab, die die Struktur des Systems bloß reparieren, sprich: konservieren. Hm? Sollte das tatsächlich die einzige Veränderungsmöglichkeit sein, die bleibt? Die Empörten etwa, die sich an der Puerta del Sol niederlassen, ohne Dreck zu machen (damit man sie bloß nicht für subversiv hält), die die Politiker aus dem Verkehr ziehen wollen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen, die auf einen Sozialismus mit allen Vorteilen der Konsumgesellschaft aus sind: Überall die gleiche Wandlung, hin zu neuen, aber weiterhin kapitalistischen Gesellschaften. So sehen die eleganten Sprünge und Hüpfer von Gemeinschaften aus, die keine Revolutionen machen. Bei ihrem Umsturz wenden sie sich gegen die symbolische Ordnung, statt zu den Waffen zu greifen und den Schuldigen den Bauch aufzuschlitzen."
Archiv: Perfil
Stichwörter: Wutbürger

Times Literary Supplement (UK), 22.06.2011

Tev Broughton schreibt voll Begeisterung über den letzten Band der gesammelten Essays von Virginia Woolf. In einer Radiodiskussion mit Ehemann Leonard 1927 machte sich Woolf Gedanken darüber, ob nicht vielleicht zu viele Bücher veröffentlicht werden: "Warum nicht die erste Ausgabe auf begrenzt haltbarem Material drucken, das in etwa sechs Monaten in einem kleinen Haufen perfekt sauberen Staubs zerbröselt? Wenn eine zweite Ausgabe verlangt wird könnte diese auf gutem Papier gedruckt und gut gebunden werden ... Es würde kein Platz verschwendet und kein Staub sich ansammeln."

In der aktuellen Ausgabe schreibt Mark Bostridge einen sehr freundlichen Verriss von Adam Hochschilds Geschichte des Ersten Weltkriegs. Peter Parker (aus Oxford, nicht aus Queens) bespricht Alan Hollinghursts neuen Roman "The Stranger's Child". Brenda Maddox sieht überhaupt keinen Grund dafür, James Joyces Gebeine nach Irland zu bringen: Der Schriftsteller habe sich eher britisch als irisch gefühlt.