Magazinrundschau

In Japan wäre ich Catull

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
12.07.2011. Vanity Fair gibt der Inzucht die Schuld am britischen Abhörskandal. Der Economist fordert: Schuldige in den Knast. In Al Ahram klagt der ägyptische Prediger Amr Khaled: Wir haben keinen Traum. Outlook India begutachtet die Autoren-Variante des Amazon-Rezensenten. In Le Monde erklärt Ulrich Beck den Franzosen: Wir sind nicht romantisch. In Eurozine beschreibt Julian Casanova das Dilemma der spanischen Erinnerungspolitik. Das TLS reitet mit dem Soldatenpoeten Sir John Suckling. Open Democracy erklärt, wie man in Russland ein Klassiker wird.

Capital New York (USA), 08.07.2011

Ob Rupert Murdoch den Abhörskandal seines Massenblatts News of the World überleben wird, hängt nach Ansicht von Tom McGeveran davon ab, ob die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom, die darüber entscheidet, ob Murdoch den begehrten Pay-TV-Sender BSkyB übernehmen darf, sich an ihre eigenen Regeln hält: Danach muss der Bewerber "befähigt und geeignet" sein, einen Fernsehsender zu leiten. "Die eigentliche Frage ist, ob die britische Regierung erklären wird, dass Murdoch unfähig und ungeeignet ist und ihm das Fernsehnetzwerk verweigert, und ob seine Reputation, diese harten Kämpfe mit der Regierung immer zu gewinnen, den Bach runtergeht. Das wäre eine Schande, die Murdochs Imperium schwer überleben würde."
Stichwörter: Rupert Murdoch, Pay-Tv

Economist (UK), 09.07.2011

Der Economist hält von diesem Ansatz nichts. Ob Murdoch "befähigt und geeignet" ist, BSkyB zu übernehmen, sei keine Frage der Moral, sondern des Wettbewerbsrechts. Und: "Sie verfehlt den wesentlichen Punkt. Mr. Murdoch ist ein gerissener Geschäftsmann, der den Medien geholfen hat, den tückischen digitalen Wandel durchzustehen. Aber wenn es bewiesen ist, dass Manager seiner News Corporation geduldet haben, dass das Gesetz verletzt wird, dann sollten sie keine Zeitungen oder Fernsehsender leiten, sie sollten im Gefängnis sitzen."

Der Titel und ein großer Sonderteil sind in dieser Woche einem nicht weit entfernt liegenden Thema gewidmet: der Zukunft der Nachrichten nämlich. Unter anderem geht es da um die Diskrepanz zwischen der schwierigen Lage der Zeitung in manchen Märkten (USA!), dem langsamen Niedergang anderswo (Deutschland) und den Erfolgen, die sie in emporkommenden Weltgegenden (Indien) feiert. Vorgestellt werden diverse Versuche, mit Paywalls unterschiedlichen Zuschnitts Geld zu verdienen. Noch einmal erzählt wird vom Aufstieg sozialer und interaktiver Medien im Netz, was sich allerdings als Rückkehr zu den Ursprüngen am Beginn des 19. Jahrhunderts begreifen lässt.
Archiv: Economist

Vanity Fair (USA), 01.06.2011

Will man den News-of-the-World-Redakteuren überhaupt Straftaten nachweisen? Sarah Ellison hat da ihre Zweifel. In dem bislang besten und ausführlichsten Artikel zu dem Thema beschreibt sie, wie verstrickt Murdochs Redakteure mit britischen Politikern - von Blair über Brown bis Cameron - sind. (News of the World hat viele Jahre Labour unterstützt!) Wie verstrickt Scotland Yard ist, das jahrelang trotz Berichten und Klagen nichts unternommen hat. Wie verstrickt andere - auch Nicht-Murdoch-Medien - sind, die selbst Telefone abgehört und deshalb jahrelang auf die Berichterstattung des Guardian kaum reagiert haben, bis die New York Times nachgeschoben hat. Ellisons Fazit: "Der Abhörskandal ist auf manche Weise eine durch und durch britische Affäre, das Produkt einer kleinen und von Inzucht geprägten Gesellschaft, in der die Eliten auf jedem Sektor durch Geschäft, Familie, Politik, Geld und Sex miteinander verbunden sind. Die Verbindungen sind schwer zu entwirren, wenn man am Fadenende zieht, schmerzt es alle. Aber die Lektion geht über Britannien hinaus. Sie lässt sich zum Beispiel auch auf die USA anwenden, wo viele der republikanischen Präsidentschaftskandidaten auf dem Lohnzettel von Murdochs Fox News stehen. Sie lässt sich auf jede Gesellschaft anwenden, in der die Beziehungen zwischen Presse und Staatsdienern eine Intimitätsgrenze überschreiten und die Entscheidung, wo die eigene Loyalität liegt, mehr als einen Augenblick des Nachdenkens bedarf."
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Archiv: Vanity Fair
Stichwörter: Britannien, Geld, Labour

Al Ahram Weekly (Ägypten), 13.07.2011

Der populäre Prediger Amr Khaled - vom Independent einst als "Islam's Billy Graham" beschrieben - will im Interview mit Ingrid Wassmann nicht ausschließen, dass er eines Tages für die Präsidentschaft in Ägypten kandidiert. Immerhin hat der Mann, der Graswurzelpolitik betreibt und sich mehr Frauen in der Politik wünscht, sehr konkrete Vorstellungen davon, was getan werden muss: "Die Ägypter brauchen zweierlei: einen Aktionsplan und einen Führer. Wir haben keins von beidem, aber ohne sie wird sich, was immer wir tun, nichts ändern. Wir brauchen einen starken Führer und einen Wirtschaftsplan für die nächsten fünf, für die nächsten 20 Jahre. Wir haben keinen. Wir brauchen einen Traum. Können Sie sich vorstellen, dass Ägypten seit 30 Jahren keinen Traum hatte? Malaysien hat einen Traum. Die Türkei hat einen Traum. Iran hat einen Traum. Israel hat einen Traum. Wir haben keinen Traum." Amr Khaled hat einen: Das Ägypten "zu den zwanzig führenden Wirtschaftsnationen der Welt" gehört.

Und: Ziemlich enttäuscht war Muqtedar Khan von dem sich gemäßigt gebenden tunesischen Islamisten Al-Ghannoushi auf einer Konferenz in Tunis: "Er hat keinen Kommentar dazu abgegeben, wie er oder seine Partei sich eine künftige Verfassung vorstellen. Und er erklärte keinerlei Bereitschaft, auch die Rechte derjenigen zu verteidigen, die nicht [seine Organisation] Al-Nahda gewählt haben."

Outlook India (Indien), 18.07.2011

Ein recht neues Phänomen stellt die Titelgeschichte vor: Amateur-Autoren bei englischsprachigen indischen Verlagen, die keine literarischen Ambitionen, aber ein in die Millionen zählendes Publikum haben. Also so etwas wie die Autoren-Variante des Amazon-Rezensenten: "Es hilft für ihren Erfolg, dass diese neuen 'Autoren aus Zufall', wie einer von ihnen sich selbst beschreibt, 'nicht von irgendwelchen Vorstellungen von sprachlicher Reinheit' oder dem literarischen Stil, den traditionelle Verlagshäuser von ihren Autoren erwarten, 'belastet sind'. In der Tat lehnen fast alle von ihnen literarische Schriftsteller als zu westlich, zu umständlich, zu weit entfernt vom Wirklichen Indien ab und halten sie für Verfasser von Bücher, die keiner mehr lesen will, in einem Stil, 'der echt anstrengend ist', für den man Wörterbücher beim Lesen benötigt. Ihr Englisch ist, im Gegensatz dazu, eine indische Version eines Englisch, mit dem man sich wohlfühlt, eine 'dil ki bhasha' (Sprache des Herzens) im Unterschied zu einer 'pet ki bhasha' (Sprache des Kommerzes)."
Stichwörter: Amazon

Rue89 (Frankreich), 09.07.2011

Louise Culot berichtet über die rund 15.000 zumeist jungen Israelis, die inzwischen in Berlin leben. Für sie gelte die einzige Ausnahme, die Deutschland mit doppelten Staatsbürgern macht. Nicht Deutschland generell, sondern ausdrücklich die Hauptstadt gilt bei ihnen als cooler und erstrebenswerter Ort zum Leben. Sie lieben die Offenheit der Stadt, der Holocaust ist kein Thema mehr für sie. Der Comiczeichner Gabriel jedenfalls meint: "Wenn ich an die Shoah denke, dann vor allem in anthropologischer Hinsicht: Wie konnte Deutschland nach dem Zusammenbruch der Weimarer Republik so weit kommen? Darüber hinaus denke ich eigentlich nicht darüber nach. Es sind eher die Deutschen, die dazu neigen, das immer wieder zu thematisieren."
Archiv: Rue89
Stichwörter: Rue89, Shoah, Weimarer Republik

London Review of Books (UK), 14.07.2011

In typischer London-Review-Manier nimmt Christopher Tayler das Erscheinen des jüngsten Buchs "To a Mountain in Tibet" des britischen Reiseschriftstellers Colin Thubron zum Anlass, den Mann und sein bisheriges Werk einmal gründlich zu porträtieren: "Er ist ein englischer Reiseschriftsteller, gehört also zu jener aussterbenden Sorte von Schriftstellern mit einer Lizenz für die offene Darstellung des Fremden und Schönen; eine schlüssige Unschlüssigkeit, darum geht es. Er hat im Vergleich mit früheren Büchern sein narratives Repertoire erweitert und die emotional aufgeladenen Erinnerungen in 'To a Mountain in Tibet' brechen die sonst so homogene Oberfläche seines Schreibens mit einzeiligen Absätzen, Wechseln vom Präteritum in die Gegenwart und zurück sowie an seine Schwester adressierten Worten auf. Hat man die früheren Büchern noch frisch im Gedächtnis, kann einem scheinen, dass man von diesen Momenten auf Privateres schließen darf... 'Sie erlösen die Welt mit mystischen Worten', schreibt er über tibetische Gebetsfahnen und etwas von dieser Mystik ist auch in Thubron selbst am Werk. Als Quintessenz seiner Interessen und Anliegen, vielleicht sogar als die der ganzen seltsamen Tradition, deren Erbe er ist, ist mir seine Antwort auf den Vorwurf eines Apostels kosmischer Wellen in Sibirien lieber: 'Ich bin nicht kosmophobisch', dachte ich missgelaunt, 'ich bin einfach nur englisch.'"

Weitere Artikel: Adam Shatz ist nach Palästina gereist mit der Frage, ob die arabischen Revolutionen dorthin überspringen können und werden. Er bringt eine sehr, sehr lange, an Stimmen und Informationen reiche Reportage mit und die Einschätzung, dass derzeit keine Revolutionsstimmung herrscht, die nächste Intifada dennoch kommen und im wesentlichen friedlich sein wird. John Lanchester fragt nach den Folgen der von ihm als gewiss vorausgesetzten Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. Über sich großflächig durchsetzendes Ökonomie- und Wettbewerbsdenken auch in Universität und Kultur Großbritanniens schimpft Thomas Jones. Michael Wood schreibt über Asif Kapadias rasante "Senna"-Doku.

Monde (Frankreich), 08.07.2011

Es sei ein schwerer Fehler zu glauben, Deutschland mache einen Schritt rückwärts mit seiner Entscheidung zum Atomausstieg, genau das Gegenteil sei der Fall, erklärt der Soziologe Ulrich Beck französischen Skeptikern. "Es ist ein Irrtum zu denken, Deutschland bräche durch seine politische Entscheidung zu einer Energiewende mit dem europäischen Konzept der Moderne und wende sich wieder obskuren Wurzeln und Wäldern zu, die man der deutschen Geistesgeschichte unterstellt. Das, was gerade die Macht übernimmt, ist keineswegs diese legendäre deutsche Irrationalität, sondern der Glaube in die Lernfähigkeit und in die Kreativität der Moderne angesichts der Risiken, die sie selbst geschaffen hat."

Weiteres: "Eine echte Neuschöpfung ist frech", meint der Schriftsteller Stephane Hessel in einem Gespräch über die Rolle von Kunst und Kultur vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Konsumrauschs; Hintergrund ist sein Buch "Engagez-vous!" (L?Aube).
Archiv: Monde

Eurozine (Österreich), 07.07.2011

Selbst bald vierzig Jahre nach Francos Tod gibt es in der spanischen Gedächtnispolitik noch manche No go areas. Nach wie vor haben die Opfer der franquistischen Seite ihre Ehrenmale, während die Opfer der republikanischen Seite nicht mal benannt sind, schreibt der Historiker Julian Casanova in einem Originalbeitrag für Eurozine. Eine der am stärksten beharrenden Kräfte ist die Katholische Kirche: "Sie schaffte es, ihre privilegierte Situation der Franco-Zeit in die neue Ära zu retten. Eifersüchtig wacht sie über ihre Finanzquellen und das Monopol, das sie in der Schulerziehung errungen hatte. Mit Unterstützung des Vatikans verteidigt sie jeden Quadratmeter des Territoriums, das der Staat in moralischen Fragen beanspruchen könnte. 35 Jahre nach Franco fehlt Spanien eine Religionsfreiheit, die dem Wandel des Landes durch die Immigration angemessen wäre."

In der gleichen Eurozine-Reihe über Vergangenheitspolitik in Europa findet sich ein interessantes Interview mit dem türkisch-holländischen Genozid-Forscher Ugur Ümit Üngör, der dafür plädiert, auch Verbrechen gegen soziale oder politische Gruppen unter den Begriff des Genozids zu fassen.

Wieder nach oben stellt Eurozine Julian Petleys kritischen Überblick über den Zustand der britischen Presse vom Ende letzten Jahres. Petles spricht hier bereits über den Abhörskandal der News of the World und verheißt den britischeMedien keine gute Zukunft, wenn Murdoch die Übernahme des Pay-TV-Senders BSkyB gelingt.

Archiv: Eurozine

Times Literary Supplement (UK), 08.07.2011

Norma Clarke hat mit großem Vergnügen John Stubbs' Geschichte der Kavalierdichter gelesen, die - bei allem Glamour, Witz und Sex - mit ihrer Königstreue literaturgeschichtliche Opfer des englischen Bürgerkriegs wurden. "In den Augen der militanten Parlamentarier waren diese eleganten Höflinge, die von Wein und Weib sangen, Seide trugen und hochmütig von der Taverne zum Theater stolzierten, degenerierte, verkommene 'wilde Jungs'. Das Theater barg immer ein Potenzial von Krawall, aber manchmal war auch das Theatralische das Problem: Als der Soldatenpoet Sir John Suckling 1638 berittene Truppen für eine Militärexpedition des Königs aushob, veranstaltete er ein Spektakel: Er wählte 'sehr hübsche, junge, ordentliche Männer' aus und kleidete sie großzügig in weiße Wämser und scharlachroten Reithosen, mit passenden Mänteln, Hüten und Federn; und er stellte sicher, dass sie die besten Pferde bekamen und voll bewaffnet wurden. Es kostete ihn geschätzte 12.000 Pfund. Die Episode endete schmählich, und die Balladensänger spotteten über Sucklings 'Hundert Pferde'."
Stichwörter: Norma, Glamour

Salon.eu.sk (Slowakei), 04.07.2011

In der slowakischen Zeitung Sme (ins Englische übersetzt von Salon.eu.sk) erinnert sich die Journalistin und Filmemacherin L'uba Lesna an ihre Verwandten, die unter fleißiger Mithilfe von Slowaken in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Ausgerechnet dem größten slowakischen Nazi-Symphatisanten, Ferdinand Durcansky, hat man jetzt in der Stadt Rajec ein Denkmal errichtet: "Im Oktober 1938 repräsentierte er Tisos Regierung in einem Treffen mit dem Gestapogründer Hermann Göring. Laut Aussage überlebender deutscher Quellen versprach er Göring: 'Das jüdische Problem wird in einer ähnlichen Art und Weise gelöst werden wie in Deutschland.'" Lesna bittet freundlich um Abriss des Denkmals.
Archiv: Salon.eu.sk

Open Democracy (UK), 08.07.2011

Yelena Fedotova stellt den russischen Dichter Dmitrij Prigow (1940-2007) vor, dem gerade eine Ausstellung in Venedig gewidmet ist. Prigow war ein postmoderner Künstler und ein Renaissance-Mann, mit jeder Menge Sprezzatura: "Die Ausstellung heißt 'Dmitrij Prigow: Dmitrij Prigow', was sich erstmal verwirrend anhört, aber die Tatsache einfängt, dass der Künstler Dmitrij Prigow sein ganzes Leben 'Dmitrij Alexandrowitsch Prigow' gewidmet hat. Als Zugeständnis an das westliche Publikum wurde das schwierige Patronym Alexandrowitsch aus dem Titel gelöscht, was irgendwie die Essenz des Charakters, den Prigow erfunden hatte, zerstörte. In der russischen Sprache bedeutet die Verwendung des vollen Namens, dass der Betreffende ein 'Klassiker' ist. Prigow hat sehr bewusst für die Ewigkeit gearbeitet, seine CV dem Bild eines bestimmten Charakters nachgebildet - dem großen russischen Poeten. In einem seiner Artikel, die als Teil seiner Performance angesehen werden kann, forderte er sogar, als Alexander Sergejewitsch Puschkin anerkannt zu werden. Weil für die Russen 'Puschkin unser Alles ist' und 'Dmitrij Alexandrowitsch Prigow' auch hofft, 'unser Alles' zu werden." Fedotova zitiert den Dichter:
"In Japan I would be Catullus
And in Rome I would be Hokusai
And in Russia I am the same guy
Who would have been
Catullus in Japan
And in Rome, Hokusai."

Brink Magazine (USA), 12.07.2011

Shannon Service, noch ganz im Bann einer verlorenen Liebe, sitzt im Flugzeug nach Zagreb, die Jongleurbälle im Gepäck, die ihr ihre Ex geschenkt hatte. "Manche Trennungen sind laut und öffentlich, während andere in erstickendem Schweigen stattfinden. Paul Simon sang von '50 Ways to Leave Your Lover', aber tatsächlich gibt es viel, viel mehr. Mindestens 400, gesammelt im neu eröffneten Museum of Broken Relationships in Kroatien. Genau dahin bin ich unterwegs."
Stichwörter: Kroatien, Paul Simon