Magazinrundschau

Ein Flickenteppich aus Zerstreuung

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
04.05.2010. Das New York Times Magazine informiert über den neuesten Trend: Die Selberstatistik. N+1 bilanziert "The Intellectual Situation", nicht mehr und nicht weniger. In Le point verteidigt BHL Sigmund Freud. In Magyar Narancs erklärt Peter Nadas: Wenn in Ungarn die Demokratie den Bach runtergeht, dann ist der Kapitalismus daran schuld, während vorher der Sozialismus schuld war. In The Nation empfiehlt Tony Judt Umerziehung gegen Autoritarismus. 

n+1 (USA), 28.04.2010

Unter dem leicht hochtrabenden Titel "The Intellectual Situation" legen die sechs Herausgeber der hippen Zeitschrift n+1 - darunter Keith Gessen und Benjamin Kunkel - ein kulturkonservatives Manifest gegen die "Webisten" vor, die in der Digitalisierung nur Gutes sehen wollen - namentlich zitiert werden Clay Shirky und Lawrence Lessig. Trotz seiner Printherkunft entpuppt sich der Artikel aber als reichlich lose Textmasse. Immerhin: Die Autoren vergleichen an mehreren Stellen die digitale Revolution mit der russischen: "Wenn Du sagst, dass das Internet eine Revolution ist, dann musst du es als Revolution auch ernst nehmen. Viele Unterstützer der Bolschewiken machten den Fehler zu glauben, dass nach Schleifung der alten Ordnung, eine neue Ordnung entstehen würde, die ganz genau ihren Wünschen entsprach. Aber die Revolution ist nicht einfach etwas, das du in dir trägst. Das Netz ist nicht dein Traum des Netzes. Es ist eine reale Sache, um deren Schicksal in einer Welt aus Fleisch und Stahl - und Büchern und Pixeln - gespielt wird."
Archiv: n+1

Point (Frankreich), 29.04.2010

In seinen Bloc-notes meldet sich Bernard-Henri Levy in einer Debatte über Sigmund Freud zu Wort, die in Frankreich immer mal wieder aufflammt. Diesmal wurde sie ausgelöst durch ein Buch des Philosophen Michel Onfray, der in "Le Crepuscule d'une idole" ein giftiges Porträt von Freud zeichnet, der geldgierig, zynisch und erfolgsgeil gewesen sei und dessen Theorie nur dank seines Talents zu Propaganda und Einschüchterung zur Religion geworden sei. "Banal, vereinfachend, kindisch, schulmeisterhaft und mitunter an der Grenze zur Lächerlichkeit", urteilt Levy über das Buch. "Das ist sehr betrüblich. Ich hatte Mühe, in diesem Geflecht aus eher törichten als boshaften Plattitüden den Autor einiger Bücher - darunter 'Le ventre des philosophes' - wiederzufinden, die mir vor zwanzig Jahren vielversprechend erschienen. Die Psychoanalyse, die schon anderes erlebt hat, wird sich davon wieder erholen. Was Michel Onfray angeht, bin ich mir da nicht so sicher."
Archiv: Point

Magyar Narancs (Ungarn), 22.04.2010

Der Sieg der Rechtskonservativen, die bei den Wahlen am 11. April 52,7 Prozent der Stimmen errangen, hat die politische Landschaft in Ungarn verändert. Der Schriftsteller Peter Nadas überlegt im Interview, wie es dazu kommen konnte und bekennt, auch er habe sich in vielen Dingen gründlich geirrt: "Ich habe das intime Verhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus nicht erkannt, ich hatte keine Ahnung davon, wie die Kräfte des Marktkapitalismus' ohne jegliche politische Kontrolle entfesselt werden, wozu sie fähig sind, und vor allem, wo sich in den großen Demokratien der reale Platz der Tradition der Aufklärung befindet. Sicher, in der Diktatur blieb mir der so genannte gesunde Menschenverstand als Zuflucht. Doch die auf den gesunden Menschenverstand bezogenen Reserven der großen westlichen Demokratien waren schon damals auf ein Minimum geschrumpft, das hätte ich sehen müssen. Die Maßeinheiten für gesunden Menschenverstand sind in den westlichen Gesellschaften noch vorhanden, deshalb sind sie stabiler. Doch gerade der Fall der Berliner Mauer war das Zeichen dafür, dass sich die Prioritäten ändern würden. Seitdem hat die Wirtschaft nichts mehr zu befürchten. Sie wird nicht mehr von der Politik gesteuert, sondern umgekehrt. Heute bin ich der Meinung, dass der gesunde Menschenverstand als verfassungsgebende Kraft in den großen alten Demokratien zwar noch vorhanden ist, den Alltag dieser Gesellschaften aber nicht mehr bestimmt. Dieser Alltag wird vielmehr von der Anhäufung materieller Güter bestimmt. Nicht einmal von Konsum, der steht nur an zweiter Stelle. Und hinsichtlich der Anhäufung der materiellen Güter sind die Defizite der ungarischen Gesellschaft riesig."
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Salon.eu.sk (Slowakei), 28.04.2010

Die kommunistische Partei sprach gern vom "Volk", heute dagegen sorgen sich slovakische Politiker in den Kampagnen für die anstehenden Wahlen um "die Menschen". Diese Kategorie umfasst alles - von Familien bis zu Obdachlosen - nur der "Bürger", der Citoyen fehlt, schreibt Miroslav Kusy in einem Artikel für Sme, den Salon ins Englische übersetzt hat. "Niemand scheint zur Zeit Gebrauch machen zu wollen von dem verborgenen Potential der engagierten slovakischen Bürger. Keine politische Partei interessiert sich dafür, ihre Beteiligung, ihr politisches Erwachen, ihren Einzug in die politische Arena zu fördern. Es scheint fast, als hätten die Parteien Angst vor den Folgen. Dies ist unsere Arena, sagen sie sich, die Arena der roten, blauen, grünen und schwarzen Parteien. Eine Invasion ideologisch unbestimmter Bürger würde unser Spiel verderben. Wir können ohne sie gewinnen. Sie müssen nur für uns stimmen. Und so kämpfen die Parteien um die Zuneigung von Müttern und Kindern, Senioren, Arbeitslosen, um jeden, der das Label 'Mensch' trägt, nur nicht um die Bürger als politisch engagierte Wesen, die mit Forderungen nach politischen Rechten, Bürgerrechten und dem ganzen Paket der Menschenrechte, das in den politischen Programmen der Parteien nicht auftaucht, alles durcheinander bringen können.
Archiv: Salon.eu.sk
Stichwörter: Bürgerrechte

Spectator (UK), 01.05.2010

Am 6. Mai ist Wahl in Großbritannien. Durch die unerwartet starken Liberaldemokraten könnte es zu Koalitionen kommen, die an zwei große Parteien gewöhnten Briten sind verwirrt, und auf Partys kommt man mit jeder Theorie zur Wahl weg, so abwegig sie auch sein mag, behauptet Hugo Rifkind. "Eine Strategie ist, irgendetwas zu behaupten und sich dann zu überlegen, wie man es begründen könnte. 'Die BNP (British National Party) werden die wahren Gewinner sein', erzählte ich einer Freundin meiner Frau. Ich wollte mal gucken, ob sie mich damit durchkommen lässt. 'Wirklich?', sagte sie, 'aber Nick Robinson (hier sein Wahlblog auf BBC) sagt, die anderen kleineren Parteien leiden unter dem Aufschwung der LibDems'. 'Ach was', sagte ich. 'Hör nicht auf den alten Schwindler. Er hat natürlich unrecht. Ein Parlament ohne absolute Merheit führt nämlich zu Wahlreform, und das führt zum Verhältniswahlrecht, und dann werden Großbritanniens extremistische Parteien das Zünglein an der Waage sein genauso wie die ultra-orthodoxen im isrealischen System.' 'Oh', sagte sie, und klang tatsächlich beeindruckt. Es könnte sogar stimmen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung."
Archiv: Spectator

The Nation (USA), 17.05.2010

Christine Smallwood unterhält sich mit dem trotz seiner schweren ALS-Erkrankung hoch produktiven Tony Judt über sein neuestes Buch "Ill Fares the Land" (Auszug), ein flammendes Plädoyer für eine Sozialdemokratisierung der westlichen Gesellschaften. Er erklärt, warum er nicht an eine Demokratie ohne staatliche Kontrolle glaubt. "Die Frage ist: Wie sollen wir in einer Welt ohne liberale Aristokratien oder sozialdemokratische Eliten leben, deren Autorität akzeptiert wird. In Abwesenheit dieser Eliten glauben die Menschen mehrheitlich, dass ihr Interesse in der Steigerung des Eigenwohls auf Kosten anderer besteht. Die Antwort lautet: Entweder du kannst sie in einer Art von öffentlichen Auseinandersetzung umerziehen, oder wir bewegen uns in eine Richtung, die die alten Griechen gut kannten, nämlich autoritären Populismus. Das ist die Gefahr, in der wir leben, nicht übersteigerter Individualismus in einer fragmentierten Gesellschaft, sondern Autoritarismus."
Archiv: The Nation

Merkur (Deutschland), 01.05.2010

In ihrer Internetkolume beschäftigt sich Kathrin Passig mit den automatisierten Filtersystemen von Twitter, Facebook, Amazon, Netflix und Co., die - allerdings unterschiedlich durchdacht - die überholten Bestenlisten hinter sich lassen wollen zugunsten personalisierter Empfehlungen. Aber auch die funktionieren nicht zuverlässig, meint Passig: "Für den Einzelnen ist das Verallgemeinern des eigenen Geschmacks verlockend. Der Song, der mich so glücklich macht, muss diesen Effekt doch sicher auch für alle anderen haben. Selbst erfahrene Nutzer von Empfehlungssystemen, die genau wissen müssten, dass es zwischen ihren Geschmacksnachbarn und Freunden keine nennenswerten Überschneidungen gibt, sitzen dieser Illusion immer wieder auf und lassen sich zum Aussprechen von Kauf-, Lese- oder Anhörbefehlen 'an alle' hinreißen. Schließlich geht ein Teil des Problems auch schlicht auf das Festhalten an vertrauten Modellen zurück. 'Das Netz quillt über mit Informationen - wir organisieren die Rangreihenfolge. Das ist die Leistung, die wir bringen', erklärte Christoph Keese, Journalist und Lobbyist der Axel Springer AG, im März 2010. Es gibt diese allgemeingültige Rangreihenfolge nicht, und dass Redaktionen eine Weile so tun durften, als gebe es sie, beruhte auf einem Mangel an besseren Lösungen, der mittlerweile behoben ist."

Weiteres: Henning Ritter schreibt über Schopenhauers Ethik des Mitleids. Markus Knell liest die Autobiografien der beiden libertären Ökonomen Janos Kornai und Vernon Smith. Karl Heinz Bohrer widmet sich Kurt Flasch.
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 10.05.2010

Funktioniert Spionage eigentlich? Zur Beantwortung dieser Frage empfiehlt Malcolm Gladwell das brillante und "fast absurd unterhaltsame" Buch "Operation Mincemeat" des britischen Journalisten Ben Macintyre. Dieser rekonstruiert darin das bemerkenswerteste Täuschungsmanöver der Militärgeschichte, als britische Spione 1943 einige Monate vor der Invasion in Sizilien die Deutschen mit einem Streich austricksten, der von einem Kriminalroman Basil Thomsons inspiriert war. Gladwell schließt seine ebenfalls spannende und unterhaltsame Besprechung so: "Die eigentliche Funktion eines Spions besteht darin, jene, die auf Spione bauen, daran zu erinnern, dass man den Dingen, die man bei einem Spion findet, nicht trauen kann. Wenn das zu kompliziert klingt, gibt es noch eine einfachere Alternative: Wenn nächstes Mal eine Brieftasche an Land geschwemmt wird, nicht öffnen."

Weiteres: Connie Bruck porträtiert den Medienmogul Haim Saban. (Laut Gawker und The Wrap soll Saban auf den New Yorker einigen Druck ausgeübt haben, bevor das Porträt veröffentlicht wurde.)

Anthony Lane sah im Kino Jon Favreaus Comicverfilmung "Iron Man 2" mit Robert Downey Jr. und Scarlett Johansson und Dover Koshashvilis Tschechow-Verfilmung "The Duel". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Uncle Rock" von Dagoberto Gilb und Lyrik von Lucia Perillo und Charles Wright.
Archiv: New Yorker

El Pais Semanal (Spanien), 02.05.2010

Javier Marias kommentiert gewohnt sarkastisch den Versuch, den Richter Baltasar Garzon mittels Anklage wegen "Rechtsbeugung" aus dem Amt zu drängen, weil er ein Amnestiegesetz von 1977 für Verbrechen während der Franco-Diktatur missachtet haben soll. "Ein Gutteil Spaniens, auch der Linken, Nationalisten und der allgemein 'gegen das System' Eingestellten, befindet sich soziologisch gesehen und ihrer Gefühlslage nach weiterhin in der Welt des Franquismus - diese Leute haben nie etwas anderes beigebracht bekommen. Dass der Oberste Gerichtshof der Klage gegen Garzon unter anderem durch Falange Espanola (!) stattgegeben hat, scheint mir bedauerlich, aber keine Überraschung, schließlich sind auch einige der Richter Franquisten. Die Annahme, der Franquismus könne eines Tages durch die Gesamtheit unserer Gesellschaft grundsätzlich verurteilt werden, war und ist eine Illusion. Ein derartiger Konsens, ähnlich dem in Europa nach dem Ende der Faschismen erreichten, mag er auch noch so künstlich oder falsch sein, ist hier niemals zustande gekommen. Das hier ist und war immer schon ein anormales Land, ich weiß nicht, worüber wir uns wundern. Hier hat noch nie jemand die Gegenseite von irgendetwas überzeugt."
Stichwörter: Javier Marias

Newsweek (USA), 29.04.2010

"3D ist die Verschwendung einer perfekten Dimension", schreibt der Filmkritiker Roger Ebert in einer detaillierten Punkt-für-Punkt-Abrechnung mit Hollywoods neuestem Hype, der seiner Ansicht nach selbstmörderisch ist. "3D fügt der Kinoerfahrung nichts wesentliches hinzu. Für manche ist es eine nervende Ablenkung. Anderen wird übel oder sie bekommen Kopfschmerzen. Es wird vor allem angetrieben von dem Wunsch, teure Projektionsapparate zu verkaufen und auf die eh schon teuren Kinotickets noch mal 5 bis 7,50 Dollar aufzuschlagen. Die Bilder sind deutlich dunkler als bei 2D. Es ist unpassend für seriöse Erwachsenenfilme. Es schränkt die Freiheit der Regisseure ein, die Filme zu machen, die sie machen wollen."
Archiv: Newsweek
Stichwörter: Hypes

Open Democracy (UK), 29.04.2010

Es gibt auch kleine Kriege, die die Welt verändern, schreibt der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev im Anschluss an Ronald Asmus' Buch "A Little War that Shook the World" (Auszug). "Der russisch-georgische Krieg von 2008 war so ein kleiner Krieg. Er dauerte gerade fünf Tage, aber er erschütterte den Glauben der Europäer, dass Krieg auf dem alten Kontinent eine Sache der Vergangenheit sei. Er hat nicht nur Staatsgrenzen im Kaukasus neu gezeichnet, sondern die Voraussetzungen der gesamten europäischen Sicherheitsdebatte verändert."
Stichwörter: Ivan Krastev

New York Times (USA), 02.05.2010

Es gibt einen neuen Trend: Self tracking. Man zeichnet alle mögliche Daten über sich auf, vom Kalorien-Verbrauch bis zu den Themen bei Kneipengesprächen und sucht nach Korrelationen und Querverweisen. Längst gibt es Geräte wie Tachometer in Sportschuhen und Websites wie CureTogether, die die Datenaufzeichnung unterstützen. Und die Methoden verfeinern sich. Er selbst habe lange Zeit seine Arbeitstunden gezählt und sich wie ein böser Boss aufgeführt, schreibt Gary Wolf in einem epischen Artikel für das New York Times Magazine, dann habe er im Netz verfeinerte Methoden gefunden: "Nach ein paar Wochen guckte ich auf die Daten und war verblüfft. Mein Tag war ein Flickenteppich aus Zerstreuung, unterbrochen von kostbaren, aber zu seltenen Inseln der Konzentration. Insgesamt betrug die Zeit ungeteilter Aufmerksamkeit weniger als drei Stunden. Nachdem ich die Demütigung überstanden hatte, sah ich ein, wie wertvoll diese Erkenntnis war. Die Effizienzlektion war, dass ich viel gewinnen konnte, wenn ich meinen Arbeitstag nur um einige wenige Minuten verlängerte, solange diese Minuten gut nutzbar gemacht wurden."

Und in der Sunday Book Review: "If the Oxford English Dictionary had a listing for 'all over the place,' Vollmann would take up the entire entry. And the next one", erklärt ein erschöpfter Pico Iyer nach Lektüre von William T. Vollmans neues Werk "Kissing the mask. Beauty, Understatement and Femininity in Japanese Noh Theater With Some Thoughts on Muses (Especially Helga Testorf), Transgender Women, Kabuki Goddesses, Porn Queens, Poets, Housewives, Makeup Artists, Geishas, Valkyries and Venus Figurines" (Leseprobe), Josef Joffe nimmt Tony Judts Buch über den Zustand der Sozialdemokratie "Ill fares the land" (Leseprobe) auseinander und David Gates liest Tom Nolans Biografie des Jazzklarinettisten Artie Shaw.

Hören Sie hier - zusammen mit Paulette Godard und Fred Astaire - Artie Shaws "Concerto for Clarinet":