Magazinrundschau

Die sieben Vorhöfe der Produktionshölle

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
27.04.2010. In Eurozine fragt Kenan Malik, was eigentlich ein richtiger Muslim ist. Für Osteuropa fährt Serhij Zadan durch das Totrevier der Ukraine. Wired besucht alte Hacker. Der sturste von ihnen, Richard Stallmann, erklärt in der Boston Review, was cloud computing heißt: Sei ein Trottel. Frontline erklärt am Beispiel einer kleinen Schule im ländlichen Westbengalen, was freie Software leisten kann. In Indien wurde die Handygespräche mehrer Oppositionspolitiker abgehört, berichtet Outlook India. Was macht Äthiopien mit der Entwicklungshilfe, fragt die NYRB angesichts der hungernden Zivilbevölkerung. Im Magazin warnt der Psychoanalytiker Jürg Acklin vor einem Säuberungsenthusiasmus nach den Missbrauchsskandalen. Magyar Naranc beobachtet in Polen eine Sakralisierung des Staates.

Eurozine (Österreich), 22.04.2010

Das Zurückweichen des Westens vor "beleidigten" Muslimen hat fatale Konsequenzen, meint der britische Publizist Kenan Malik. Es stärkt die Fanatiker und erhebt sie zu Repräsentanten aller Muslime. Bei den dänischen Karikaturen konnte man erleben, wie der fundamentalistische Kleriker Ahmed Abu Laban, der lange nur eine Randfigur war, von Journalisten als Vertreter aller dänischen Muslime geradezu installiert wurde: "Der dänische Abgeordnete Naser Khader erzählt von einem Gespräch mit Toger Seidenfaden, Redakteur bei Politiken, einer linken Tageszeitung, die den Karikaturen sehr kritisch gegenüberstand. 'Er sagte mir, dass die Karikaturen alle Muslime beleidigt hätten', erinnert sich Khader. 'Ich sagte, ich sei nicht beleidigt. Er sagte: Aber du bist kein richtiger Muslim.' Mit anderen Worten, in den Augen von Liberalen ist ein richtiger Muslim nur einer, der die Karikaturen beleidigend findet."

Außerdem: Der Autor Zinovy Zinik erzählt, wie er aus Russland auswanderte und über Israel in Großbritannien landete, wo er von einem Haus träumte, das er in Berlin wiederfand. Und Rita Repsiene erinnert an die 1994 gestorbene amerikanisch-litauische Archäologin und feministische Ikone Marija Alseikaite-Gimbutas.
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Naser Khader, Kenan Malik

Osteuropa (Deutschland), 15.04.2010

Das aktuelle Osteuropa-Heft widmet sich gewohnt lehrreich dem "Zwischenland" Ukraine. Online zu lesen ist eine sehr schöne Erzählung des Autors Serhij Zadan, der mit seinem Freund, dem Fotografen Christoph Lingg, durch das östliche Bergbaurevier des Donbass gereist ist. Hier der Anfang: "Sind wohl gerade nicht die besten Zeiten für die Kohleindustrie, der junge ukrainische Kapitalismus verschlingt sich selbst, also muss man Kompromisse machen, eigenes Territorium abtreten, Fremde hineinlassen. Die Industrieriesen sterben wie Dinosaurier und lassen Ruinenanmut und den herben Geschmack von Arbeitslosigkeit zurück. Das Revier durchläuft die sieben Vorhöfe der Produktionshölle und wird zum Totrevier, wenn die alten Fabrikhallen wie katholische Kirchen in Touristenhochburgen zu historischen Stätten und Orten des Showbusiness werden. Das Totrevier muss fixiert, auf Filmen festgehalten, mit Videokameras aufgenommen werden, jedes zerfallene Gebäude und jede zugeschüttete Zeche, an der du vorbeikommst, muss beschrieben und katalogisiert werden."

Nur im Print: Katherina Raabe schreibt über ukrainische Literatur. Andrej Kurkow denkt über Politiker und Pragmatiker nach und hält fest: "Die Naturgesetze werden selbst in der Ukraine zu 100 Prozent eingehalten." Charles King fragt sich, ob die Hafenstadt Sewastopol, in der die Russen bis 2017 militärische Einrichtungen unterhalten dürfen, Europas nächster Krisenherd werden könnte.
Archiv: Osteuropa

Wired (USA), 18.05.2010

Steven Levy besucht einige der Helden seines 1984 erschienenen Buchs "Hackers: Heroes of the Computer Revolution": Bill Gates, Steve Wozniak, Andy Hertzfeld, Richard Greenblatt, Richard Stallman, Lee Felsenstein oder Tim O'Reilly. Die Kommerzialisierung von Software hat den Spaß am Programmieren irgendwie verdorben, klagen die meisten. Die intelligentesten Hacker wenden sich daher anderen Dingen zu: "O'Reilly sagt, die meiste action finde heute in der DIY Biologie statt - man manipuliert genetischen Code wie man früher Computercode manipuliert hat. 'Das ist noch in der Spaßphase', sagt er. Oder fragen Sie Bill Gates. Wenn er heute ein Teenager wäre, sagt er, würde er Biologie hacken. 'Künstliches Leben durch DNA-Synthese kreieren. Das ist gewissermaßen das Äquivalent zum Programmieren von Computersprachen', sagt Gates, dessen Arbeit für die Bill & Melinda Gates Stiftung es ihm erlaubt hat, seine eigene Expertise zu Krankheiten und Immunologie zu entwickeln. 'Wenn du die Welt in großem Stil verändern willst, dann musst du da anfangen - bei organischen Molekülen.'" Da müssen wir dem lieben Gott wohl dankbar sein, dass Microsoft heute keinen proprietären genetischen Code verkauft!

(Einen ersten Eindruck, was "Biologie hacken" bedeutet, bekommt man in diesem BBC-Video. Rob Carlsen, der schon 2005 in Wired das Phänomen beschrieben hat, erzählt 2010 in seinem Blog von einigen Garagenlabors in Silicon Valley. Und hier ein Video des Biologieprofessors (MIT, Stanford) Drew Endy, der erklärt, wie man DNA hackt. Und noch ein Hinweis: Hacken hatte in den 80ern eine andere Bedeutung als heute. Es bedeutete, wie Richard Stallman schreibt, "spielerisch etwas schwieriges zu tun, ob es nun nützlich ist, oder nicht.)
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Archiv: Wired

Boston Review (USA), 18.03.2010

Der Programmierer Richard Stallman, einer der Helden aus Steven Levys Hacker-Buch, ist ein beinharter Verfechter freier Software und Gründer des GNU-Projekts. In diesem sehr anschaulichen Artikel zieht er gegen SaaS zu Felde - Software as a Service. Das bedeutet folgendes: Jemand setzt einen Netzwerkserver auf und bietet verschiedene Dienste an. Zum Beispiel Textverarbeitung, Übersetzungsdienste für Text, Tabellenkalkulationen. Der Nutzer muss nur seine Daten auf dem Server ablegen und kann sie dann bearbeiten. Google.docs ist zum Beispiel so ein Dienst. Es gibt noch andere böse Dinge, aber SaaS ist eins der schlimmsten, das Äquivalent für totale spyware, so Stallman. Um die Grenzen zu verschleiern, wurde der Begriff "cloud computing" erfunden. "Dieser Begriff ist so nebulös, dass er auf beinahe jeden Gebrauch des Internets zutreffen könnte. Er beinhaltet SaaS und fast alles andere auch. Der Begriff eignet sich für nutzlose Allgemeinplätze. In Wahrheit will 'cloud computing' Ihnen eine 'ach, was soll's'-Haltung zu ihrer eigenen Datenverarbeitung nahelegen. Der Begriff sagt: 'Stell keine Fragen, probier alles aus, ohne zu zögern. Mach dir keine Sorgen, wer deine Daten kontrolliert oder speichert. Such nicht den Haken im Service, bevor du ihn schluckst.' Mit anderen Worten: 'Denke wie ein Trottel.'"

(Im Perlentaucher findet man zwei Texte von Stallman, der schon 1997 vor Copyright-Terrorismus gewarnt hat.)

Frontline (Indien), 24.04.2010

Deepa Kurup berichtet über die dritte National Free Software Konferenz in Bangalore, die der praktischen Relevanz von Open Source Software gewidmet war und, wichtiger noch, der Frage, wie diese helfen kann, die digitale Kluft in einem Land wie Indien zu überwinden. "Ashoke Thapar, Vice-Kanzler der West Bengal State University, warb für die Nutzung von FOSS (free and open source software) mit einem einfachen Videoclip über eine wenig bekannte Erfolgsgeschichte im ländlichen Westbengalen. Er erzählte die Geschichte einer kleinen staatlichen Schule in Bijra, einem Dorf nahe Durgapur im Bezirk Burdwan, wo Studenten einer Linux User Gruppe am nahe gelegenen B.C. Roy College für Ingenieurwissenschaften ein Zentrum für Computerbildung einrichteten. Die Studenten setzten Rechner auf, die meisten alt und aus zweiter Hand waren, installierten Linuxbetriebssysteme, Server und LAN - alles auf Bengali eingestellt, erzählte Professor Thapar. Die Gesamtkosten betrugen gerade mal 60.000 Rupien [ca. 1014 Euro) und veränderten das Gesicht der Schule, deren Schüler aus extrem zurückgebliebenen Gemeinden kamen und eine hohe Abbrecherquote hatten."
Archiv: Frontline
Stichwörter: Bangalore, Linux, Open Source, Vice

Outlook India (Indien), 03.05.2010

In Indien wurden die Handygespräche mehrer Minister und oppositioneller Politiker abgehört, berichtet Outlook India in einem Dossier. "'Das ganze System funktioniert wegen der Möglichkeit, alles abstreiten zu können', erklärt ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter gegenüber Outlook. 'Es kann überall eingesetzt werden. Wir brauchen keine Genehmigung, weil wir keine Telefongespräche über das Fernmeldenetz abhören, sondern Signale zwischen dem Telefon und dem Sendemast auffangen und auf eine Festplatte speichern. Wenn zuviele Fragen gestellt werden, können wir die Festplatte entfernen und das Gespräch löschen. Niemand erfährt etwas."

Außerdem: Vir Sanghvi warnt am Beispiel von Shashi Tharoor, der 700.000 Follower bei Twitter hatte und trotzdem nach Korruptionsvorwürfen von seinem Amt als Außenminister zurücktreten musste, vor den wankelmütigen Twitter-Followern, die sich einfach nicht als Loyalisten vereinnahmen ließen. Und Pushpa Iyengar berichtet über seltsame religiöse Bräuche im aufstrebenden indischen Bundesstaat Tamil Nadu: dazu gehört die Heirat mit einem Frosch und das Zerbrechen von Kokosnüssen auf einheimischen Köpfen.
Stichwörter: Heirat

New York Review of Books (USA), 13.05.2010

Die ausländische Entwicklungshilfe für Äthiopien hat sich seit 2000 verdreifacht - mit freundlicher Unterstützung von Bill Clinton, Tony Blair, Bob Geldorf und Bono, berichtet Helen Epstein. Insgesamt hat Äthiopien seit 1991, dem Amtsantritt des Premierministers Meles Zenawi, 26 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe kassiert. Und was ist das Ergebnis? Hunger. Dabei hätte man es kommen sehen können. 1984, als Meles Zenawi noch mit seiner Tigrayan People's Liberation Front (TPLF) gegen Diktator Mengistu Haile Mariam kämpfte, brach in der Provinz Tigray eine große Hungersnot aus. "Weil Tigray unter Beschuss war, gründeten die Hilfswerke Stützpunkte im benachbarten Sudan. Sie übergaben der TPLF Nahrungsmittel, die an die hungernde Zivilbevölkerung verteilt werden sollten. Aber nun scheint es, als ob die TPLF einen Teil dieser Hilfe für die eigenen Truppen verbraucht und für Waffen verkauft hat. In einer BBC-Reportage vom März 2010 beschrieb ein ehemaliger Kämpfer der TPLF, wie er sich als sudanesischer Händler verkleidet hatte und Säcke mit 'Korn' - von denen viele nur Sand enthielten - an die Helfer verkaufte, die sie dann an andere TPLF-Kader weiterreichten, die sie wieder an die 'sudanesischen Händler' zurückgaben, die sie dann wieder an die Helfer verkauften usw. Auf diese Weise reisten Säcke mit Korn/Sand über die Grenze hin und her, während das Geld in die Taschen der TPLF floss."

Außerdem: Michael Wood bespricht Ian McEwans Roman "Solar". Joseph Lelyveld rezensiert - ziemlich kritisch - über David Remnicks Obama-Biografie. Und Hugh Eakin und Alisa Roth beschreiben die dramatische Situation irakischer Flüchtlinge.

Literaturen (Deutschland), 01.05.2010

Auf dem Titel geht es um die Apokalypse, das große Gespräch zwischen der Schriftstellerin Katrin Röggla und dem Kulturwissenschaftler Thomas Macho zum Thema ist aber so wenig online wie Jan Böttchers Reise durch London-Hackney auf den Spuren von Harold Pinter. Zu lesen gibt es nur kürzere Texte, etwa die Vorstellung des für deutsche Verhältnisse ziemlich revolutionären "Berlin Academic"-Programms des Berlin Verlags: "Auf einer neu errichteten Plattform veröffentlicht Berlin Academic sein geistes- und sozialwissenschaftliches Programm nach Open-Access-Prinzipien und unter Creative Commons-Lizenzen. Gleichzeitig werden sämtliche Titel über Print on Demand sowie in verschiedenen E-Book-Formaten vertrieben... Open Access und Creative Commons-Lizenzen versteht [Catharina] Maracke [Global Strategist bei Berlin Academic, PT] als Ergänzung der herkömmlichen verlegerischen Arbeit, die digitale Revolution wird als Chance für neue Geschäftsmodelle begriffen: 'Wir sehen im Medienwandel keineswegs einen Poe'schen Malstrom, der uns in die Tiefe reißen wird, sondern einen weiten Ozean, auf dem wir auf neue Art navigieren können.'"

Die Schriftstellerin Terezia Mora reagiert in ihrer Kolumne auf einen Leser, der ihr vorwirft, ein "vaterlandsloser Mensch" zu sein. Aram Lintzel schreibt über die auf Twitter basierende Triumph-Kurzmeldungsseite http://itmademyday.com. Über seine "Todesängste" berichtet Jochen Schmidt, etwa diejenige davor, "kopfüber in einem Gully steckenzubleiben". Und Michael Naumann beantwortet den Fragebogen.
Archiv: Literaturen

Gazeta Wyborcza (Polen), 25.04.2010

Nach den Trauerfeiern um die Opfer des Flugzeugabsturzes von Smolensk ist in Polen eine Diskussion über den Umgang mit diesem Ereignis entbrannt. Der Historiker Jerzy Jedlicki schreibt dazu: "Unsere Politiker sind nicht nach Smolensk geflogen, um heldenhaft zu sterben; es war einfach eine Katastrophe. Und trotzdem wurde diese sakral-romantische Sprache aktiviert. Nebenbei gesagt, hat sich dieses Ritual diesmal bewährt - die Feierlichkeiten waren würdevoll und perfekt organisiert. Darin hat die katholische Kirche Routine." Allerdings wäre es an der Zeit, den Kult des nationalen Märtyriums zu ersetzen: "Die letzten zwanzig Jahre waren wir mit der technologischen und wirtschaftlichen Modernisierung beschäftigt, nicht mit der mentalen." Was Polen brauche, sei ein "zivilisatorischer Patriotismus", der niemanden ausschließe und Grundlage des Fortschritts werden könnte, so Jedlicki.
Auch Marek Beylin sieht eine Diskrepanz zwischen der Trauer der Menschen auf der Straße, die ihre politischen Vetreter verabschiedeten, und den Ritualen der Medien. Und die Publizistin Agnieszka Graff meint: "Es gibt das Bedürfnis nach Abstand vom Kult des Nationalen, des Martyriums, Marias. Was bleibt, ist die langsame Neuverhandlung der Symbole, der Aufbau alternativer Gemeinschaften."

Außerdem: Nikita Michalkows neuer Film wird als russischer "Soldat James Ryan" beworben und von Seiten jüngerer russischer Filmemacher kritisiert. Anna Zebrowska sieht in diesem "patriotischen Blockbuster" aber einen wichtigen Beitrag zur Abrechnung mit dem Stalinismus: "Der Mythos des siegreichen Imperiums wurde im Vorfeld des 65. Jahrestags des Kriegsendes hinterfragt, und dazu noch vom Sohn des Schöpfers der Stalinschen Hymne der Sowjetunion".

Das Magazin (Schweiz), 24.04.2010

"Grundsätzlich scheint mir, dass im Zusammenleben eine natürliche Selbstverständlichkeit verloren gegangen ist", meint der Psychoanalytiker Jürg Acklin in einem Interview über Pädophilie, Zölibat und die Veränderung der Sexualmoral seit 1968: "In Sachen Sexualität kommt mir die heutige Gesellschaft vor wie eine 4-Zimmer-Wohnung. In zwei Zimmern sitzen die Evangelikalen, in den anderen zwei wird ein Pornofilm gedreht. Oder anders gesagt: Heute darf man seinen Hund heiraten, aber keine Kinder streicheln. In dieser Situation kommt es immer wieder zu Überreaktionen, wo ein Säuberungsenthusiasmus entsteht. Im Verbietendürfen ist etwas Triebhaftes, und der Genuss liegt dann im Bestrafen."
Archiv: Das Magazin

Spectator (UK), 23.04.2010

Für den Spectator läuft gerade etwas ziemlich schief im Staate Großbritannien. Noch zwei Wochen bis zur Wahl, und Nick Clegg von den Liberaldemokraten hat David Cameron überholt. Cameron hätte nie diesem neumodischen TV-Duell zustimmen sollen, seufzt Toby Young. Clegg sei da schwer zu schlagen. "Clegg hat Neuigkeitswert. Er ist der Überraschungskandidat, hinter den sich die Öffentlichkeit stellen kann, um den Gang der Dinge zu stören. Ihn zu unterstützen ist eine Art, den Wettbewerb in Besitz zu nehmen. Dieses Modell ist altbekannt, aber es ist kein Modell einer Parlamentswahl. Wir kennen das von X Factor. Simon Cowell hat vor ein paar Monaten gesagt, dass es wohl einen Weg geben müsste, um eine Realityshow über Politik zu machen, und die Premierminister-Debatten sind genau das, wie sich herausgestellt hat. In Amerika, wo die Präsidentendebatten aufkamen, bevor Reality das Fernsehen dominiert hat, werden sie von den Zuschauern nicht so aufgefasst. Aber in Großbritannien sind die Debatten neu, und sie werden durch die Linse der Realityshow betrachtet." Was sagt der Spectator erst, wenn er den Internet-Wahlkampf entdeckt?
Archiv: Spectator
Stichwörter: David Cameron, Wahlkampf

Economist (UK), 22.04.2010

Aktuell gibt es Pläne - in einem ersten Schritt sind sie sogar schon durchgewinkt - einen Termingeschäft-Markt zur Voraussage des Erfolgs von Hollywoodfilmen zu eröffnen, vulgo ein Börsen-Wettbüro fürs Box Office. Die Hollywoodstudios sind strikt dagegen, der Economist erklärt, warum das ganze in der Tat höchst problematisch wäre: "Das erste Problem ist das Informationsungleichgewicht im Filmgeschäft. Der geplante Markt basiert auf einem existierenden Vorraussagemarkt, der Hollywood Stock Exchange, der auf Spielgeld basiert. Eine Untersuchung dieses Markts hat ergeben, dass er um ca. 31 Prozent danebenliegt, wenn es um die korrekte Prognose geht. Dabei wissen aber die Studios viel mehr als ihre Mitspieler. Sie wissen bereits, wie die Zuschauer bei Testvorführungen reagiert haben, auf wievielen Leinwänden der Film laufen wird und wieviel Geld sie fürs Marketing ausgeben wollen. Obwohl solche Informationen gelegentlich nach außen dringen, tun sie dies doch ins sehr ungleichem und unberechenbarem Maß. Deshalb würde es sich bei fast jedem Studio-Einsatz um eine Insiderwette handeln."
Archiv: Economist
Stichwörter: Geld

Wilson Quarterly (USA), 01.04.2010

In einem kaum eine Frage offen lassenden Artikel analysiert David B. Ottaway die Lage der arabischen Welt, die, seit Ägypten seine Führungsrolle eingebüßt hat, noch uneiniger und uneinheitlicher sei als je zuvor: "Es gibt kein ägyptisches Modell für Entwicklung - weder politisch noch ökonomisch. Neues Denken, Visionen und Initiativen kommen eher von den Golfstaaten und ihren freidrehenden, konkurrierenden Herrschern, während Ägyptens pharaonisches Wesen es daran hindert, einen radikalen Wandel in Angriff zu nehmen. Im Ganzen hat die arabische Welt mit Ägyptens Niedergang an Vitalität gewonnen. Diese Welt blickt nun auf zwei scharf kontrastierende Modelle für ihre Zukunft: der ausgepägt materialistische Emirat-Staat mit seiner Obsession für die westliche Moderne und der strikt islamische, der auf die Wiederherstellung der Herrschaft des Korans fixiert ist und von Fundamentalisten und al-Qaida verfochten wird. Der Kampf zwischen diesen beiden Modellen um die Herzen und Köpfe der Araber, besonders der kritischen und ruhelosen Jugend, ist heftig. Die Verlockungen der neuen, strahlenden Emiratstädte bleiben stark, aber sie haben auch etwas Seelenloses an sich, was in Bezug auf die Dauerhaftigkeit ihres Reizes Fragen aufwirft. Auf der anderen Seite hat der gegen Muslime gerichtete muslimische Terrorismus nicht zu einer Verbreitung des Rufs nach einem islamischen Staat beigetragen."

Magyar Narancs (Ungarn), 26.04.2010

Die liberale Wochenzeitung Magyar Narancs findet die Entscheidung, Lech Kaczynski in der Kathedrale der Krakauer Wawel-Burg beizusetzen, falsch: "Die in der Krypta der Wawel-Burg ruhenden Personen waren sicherlich aufrechte Könige und Fürsten. Doch das waren andere, feudale Zeiten. Da wurde nicht zwischen wahlberechtigten Bürgern und gewählten Amtsträgern unterschieden, sondern die Bevölkerung war in Untertanen und Herren aufgeteilt. Das Staatsoberhaupt wurde nicht vom Volk legitimiert, sondern von Gott. Die Symbolik der Republik zieht - zumindest war es bis jetzt so - eine klare Grenze zwischen diesen beiden Ordnungen, Staatsideen und Philosophien. Und das ist kein Zufall: Denn diese Grenze kann nicht überschritten werden, ohne dass die Republik beschädigt wird. Durch die Wahl der letzten Ruhestätte Lech Kaczynskis und die spektakuläre Sakralisierung des Staates bei der Beerdigung wurde gerade diese Grenze verwischt. Damit wurden der Präsident und sein Lebenswerk, sein ideologisches und praktisches Erbe der Politik enthoben und über den Kreis jener Angelegenheiten gestellt, die im Tagesgeschäft und während der täglichen Arbeit besprochen werden können. Oder zumindest wurde dies versucht. Mit welchem Ergebnis, werden wir nach der Präsidentenwahl wissen."
Stichwörter: Lech Kaczynski, Krakau

New York Times (USA), 24.04.2010

Im New York Times Magazin schreibt Mark Leibovich über das 2007 gegründete und seitdem enorm einflussreiche politische Internetmagazin Politico und den Mann, der niemals schläft: Politico-Reporter Mike Allen, dessen Newsletter Playbook zwischen 5.30 und 8.30 Uhr morgens etwa 30.000 Leute täglich lesen. Die meisten sind Journalisten, Politiker, Lobbyisten - Washingtonleute eben. "Die Leute in dieser Community wollen alle dieselben 10 Geschichten lesen', sagt er. 'Um die zu finden, muss ich 1000 Geschichten lesen.' ... Allen ist ein Meisteragreggator. Das führt dazu, das einige Playbook als copy-und-paste-Übung abqualifizieren. Aber dieser Vorwurf ignoriert Allens Fähigkeit, Neuigkeiten als erster zu lancieren (und sei es auch nur für 15 Minuten), aus Emails auszuwählen, die nur er erhält, Vorabexemplare von Büchern und Magazinen zu bekommen und die Hauptnachricht vom Grund des Reporterpools zu bergen. Er hat eine Gabe, genau die Informationen herauszufiltern, die eine informationsgesättigte Meute am meisten interessieren und von denen sie nichts wusste, als zu Bett ging. Playbooks Politik ist 'agressiv neutral', und Allen sagt, seine sei es auch - er weigert sich zu wählen. So wie viele Quellen mit [Bob] Woodward reden, weil sie glauben, dass alle anderen es auch tun, flüstert das Weiße Haus Allen früh Themen zu, weil sie wissen, dass zum Beispiel Dick Cheney Allen mit seiner Kritik an der jetzigen Regierung füttert." Kritik an Politico? Gibt es auch, zum Beispiel von Mark Salter, einem Wahlkampfhelfer von John McCain. "'Es ist die Verkürzung des Nachrichtenzykluses. Es ist die Trivialisierung von Neuigkeiten. Es ist die Klatschnatur der Nachrichten. Es ist die Eigenwerbung.' Er bittet mich, wenn ich das zitiere, auch zu erwähnen, dass er viele Politico-Reporter mag und respektiert, allen voran Mike Allen."

In der Book Review rezensiert NYT-Chefredakteur Bill Keller höchstpersönlich Alan Brinkleys Biografie des Time- und Life-Gründers Henry Luce. Keller schätzt Luce als Journalisten alter Schule, obwohl das Time Magazin wie ein Blog begann - als Aggretator von Meldungen aus verschiedenen Zeitungen. Luces "erklärte Mission war es, 'die ungebildete Oberschicht, den geschäftigen Geschäftsmann, die müde Debütantin zu bedienen und sie wenigstens einmal die Woche auf ein Tischgespräch vorzubereiten'". Luce selbst wurde, so Keller, in einer anderen Biografie von David Halberstam als "zum Teil hinterwäldlerisch beschrieben, und er hielt fest, dass 'unsere besten Redakteure immer schon wenigstens zum Teil hinterwäldlerisch waren. Alles war neu und frisch und möglich für sie, sie hielten nichts für garantiert.'" Vielleicht genau das, was Keller abgeht?