Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
23.01.2007. Im Figaro erklärt der Philosoph Remi Brague Sinn und Unsinn der alle zwanzig Jahre wiederkehrenden Heidegger-Debatte. In al-Sharq al-Awsat fragt Amir Taheri, was Papst Benedikt XVI. meint, wenn er Freiheit einen "mythischen Wert" nennt. Im Guardian fragt sich Nick Cohen, warum die Linke nur noch faschistische Regime unterstützt. Outlook India murmelt angesichts eines Big Brother Skandals: Arme Briten. Der New Yorker erklärt, wie man eine Diagnose stellt. In der Gazeta Wyborcza verteidigt Joseph Stiglitz die Wirtschaftspolitik Hugo Chavez'. In Nepszabadsag spricht der Komponist Ivan Madarasz über Musik und höhere Weltordnung

Figaro (Frankreich), 22.01.2007

Anlässlich eines neuen Buchs über Martin Heidegger, herausgegeben von Francois Fedier ("Heidegger a plus forte raison", Fayard, hier die Besprechung des Buchs), entspinnt sich in Frankreich offenbar erneut eine Debatte über den deutschen Philosophen. Im Zentrum steht dabei meist Heideggers politische Position zum Nationalsozialismus und die Frage, ob er nun zu "verteufeln" oder zu "kanonisieren" sei. In einem beigestellten Interview gibt der Philosoph Remi Brague, Mitautor des 2005 bei Cerf erschienenen Buchs "Heidegger", eine recht interessante Antwort auf die Frage, ob das neue Buch eben jenen Aspekt der Debatten beenden könne: "Das würde mich überraschen. Zum einen, weil es eine zeitraubende Aufgabe ist, den Kontext wieder herzustellen, zu versuchen zu verstehen, die Irrtümer zu ermitteln und die Fehler zu sehen, die Heidegger selbst zugegeben hat. Zum anderen, weil diese Polemiken fast alle 20 Jahre periodisch wiederkehren. Jedermann zieht Nutzen daraus, nicht nur die Verleger und Journalisten. Sie nützen den Autoren: Wenn man unfähig ist, ein Buch zu schreiben, kann man immer noch Heidegger angreifen. Und sie nützen den Lesern: Ist ein Denker erst einmal diskreditiert, kann man sich die Mühe sparen, ihn genau zu lesen und sich den entscheidenden Fragen zu stellen, die er aufwirft."
Archiv: Figaro

al-Sharq al-Awsat (Saudi Arabien / Vereinigtes Königreich), 17.01.2007

Amir Taheri, im Iran geborener und in Europa lebender Publizist, wundert sich (hier auf Englisch) über die Skepsis, die Papst Benedikt XVI. in seinem Buch "Werte in Zeiten des Umbruchs" vermeintlich "mythischen Werten" von heute wie Fortschritt, Wissenschaft und Freiheit entgegenbringt. "Das Problem ist, dass der Papst nicht ausführt, was er mit diesen drei Begriffen meint. (...) Inwiefern kann man Freiheit als einen 'mythischen Wert' beschreiben? Das Buch des Papstes erschien zufällig gerade zu dem Zeitpunkt, als sich die Welt darauf vorbereitete, die Abschaffung der Sklaverei zu feiern - einem Übel, das vom Christentum ebenso wenig wie von anderen Glaubensrichtungen jemals wirklich in Frage gestellt wurde. Für diejenigen, die aus der Sklaverei befreit wurden, war Freiheit etwas sehr reales, und nichts mythisches." Bissig äußert sich Taheri auch über Benedikts Sorge um das Fortbestehen Europas: "Einige europäische Ethnien, insbesondere die Deutschen, die Italiener und die Spanier könnten irgendwann aussterben, da sie nicht genug Kinder bekommen. Aber dies heißt nicht, dass Europa als solches stirbt... Sollten die heutigen Einwohner nicht genug Kinder bekommen, wird es neue Einwanderer geben, die diese demographische Schieflage ausgleichen."

Der Umgang mit Minderheiten in der arabischen Welt steht im Mittelpunkt von zwei weiteren Artikeln. So berichtet al-Khayar Shawar aus Algier, der "arabischen Kulturhauptstadt 2007", dass der Beginn der Veranstaltungen ausgerechnet auf den 12. Januar gelegt wurde: Dem Neujahrsfest der Berber. Dass symbolische Gesten, die die kulturelle Vielfalt eines Landes würdigen, nicht selbstverständlich sind, macht ein Artikel von Khalid Sulayman aus Kairo deutlich: "Die ägyptischen Schriftsteller und Intellektuellen sind sich darüber einig, dass der Konfessionalismus - egal in welcher Form und mit welchem Interesse er auftritt - der Kultur und dem Schöpfergeist nicht dienlich ist." Die Konflikte im Irak und im Libanon sind für sie Grund genug, an der nationalen Einheit lieber nicht zu rütteln.

Guardian (UK), 20.01.2007

Abgedruckt ist ein Auszug aus dem Buch "What's Left?" des Observer-Kolumnisten Nick Cohen, den die Frage umtreibt, warum die Linke heute jedes faschistische Regime unterstützt, solange diese nur antiwestlich ist. Beispiel Saddam Hussein. Dessen Regime habe die europäische Linken so lange verteufelt, wie der Westen es unterstützte - und jetzt, nachdem der Krieg zuende ist? "Ich wartete darauf, dass die Mehrheit der liberalen Linke dem neuen Irak substanzielle Unterstützung anbieten würde, ich wartete und ich wartete, doch es passierte nichts - nicht in Großbritannien, in den USA, in Europa, Indien, Südamerika oder einem anderen Teil der Welt mit einer liberalen Linken von Belang. Es kümmerte sie nicht, als Tausende Iraker von Aufständischen der Baath-Partei abgeschlachtet wurden, die die Diktatur wieder errichten wollen, oder von Al-Qaida, die ein globales Gottesimperium wollen, um die Rechte der Demokraten zu unterdrücken, des freien Geists, der Frauen und der Homosexuellen. Es kümmerte sie nicht, dass die Iraker den Todesdrohungen trotzten und über eine neue Verfassung und ihre Regierungen abstimmen gingen. Ich wurde müde auf etwas zu warten, das niemals eintreten würde, und fing, an mir ernsthafte Gedanken darüber zu machen, was aus dem Wohlwollen der Linken geworden ist, das ich immer für gegeben gehalten habe."

Weiteres: Simon Schama empfiehlt, sich den "unhippesten Künstler" anzusehen, der jemals in Londons White Cube gezeigt wurde, diesem "Sanhedrin der Coolness" - Anselm Kiefer: "Er albert nicht herum, er hält sich an den Stoff, der einen richtig in Verlegenheit bringt, auf den es ankommt: das epische Gemetzel der Welt, die Einäscherung des Planeten, Apokalypse damals und immer wieder, die anfällige Dauerhaftigkeit des Heiligen inmitten der ausgebrannten Ruinen der Erde." Hermione Lee schreibt über Edith Wharton und die Schriften ihrer Pariser Zeit.
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Archiv: Guardian

Outlook India (Indien), 29.01.2007

Sanjay Suri hat nicht allzu viel Mitgefühl für die Bollywood-Schauspielerin Shilpa Shetty, die in der britischen Fernsehsendung "Celebrity Big Brother" unter anderem von einer gewissen Jade Goody mit rassistischen Sprüchen belegt worden war. Shilpa habe sich nach der Devise "friss Dreck, mach Geld" zur Teilnahme an der Show entschlossen. Und was den Rassismus angeht, sollten die Inder cool bleiben, findet Suri und resümiert mit dem ganzen Selbstbewusstsein einer aufstrebenden Supermacht: "Diese Show ist nicht Indiens Problem oder das Problem irgendeines Inders. Es ist Britanniens Problem. Haben Sie kein Mitleid mit Shilpa, sondern mit den armen weißen Briten, denn Leute wie Jade gibt es massenhaft ihn ihrem Land."

Außerdem: In der Titelstory berichtet Saikat Datta über den Einfall der Russenmafia in Goa. Sanjaya Baru empfiehlt das Indien-Buch "Inhaling the Mahatma" des australischen Korrespondenten Christopher Kremmer. Madhu Jain wünscht sich einen Folgeband zu Yashodhara Dalmias Aufriss der indischen und pakistanischen Gegenwartskunst ("Memory, Metaphor, Mutations"). Und im Interview äußert die britische Kolumnistin Yasmin Alibhai-Brown ihren Zorn über Blairs Irak-Politik.

New Yorker (USA), 29.01.2007

In einem klugen und gut recherchierten Essay beschäftigt sich Jerome Groopman mit der Frage, wie Ärzte denken und den daraus resultierenden "Fallgruben" der Diagnostik. Demnach seien Fehldiagnosen häufig das Resultat leicht erkennbarer und oft vermeidbarer "Denkfehler". "Normalerweise beginnen Ärzte ihre Patienten in dem Moment zu diagnostizieren, wenn sie ihnen begegnen. Noch bevor sie eine Untersuchung durchführen, interpretieren sie das Erscheinungsbild: Gesichtsfarbe, Neigungswinkel des Kopfes, Bewegungen von Augen und Mund, die Art, wie der Patient sich hinsetzt und wieder aufsteht, Atemgeräusche. Theorien, was ihm fehlt, entwickeln Ärzte noch immer, indem sie die Herztöne abhören und die Leber abtasten. Forschungen zeigen allerdings, dass die meisten Ärzte schon innerhalb weniger Minuten bereits zwei oder drei mögliche Diagnosen im Kopf haben und dazu neigen, ihre Vermutungen auf der Grundlage sehr weniger Informationen zu entwickeln. Um eine Diagnose zu stellen, verlassen sich die meisten Ärzte auf Verknüpfungen und Faustformeln - eine Methode, die in der Psychologie als 'Heuristik' bekannt ist."

Weiteres: David Sedaris erzählt von einem Ferienerlebnis in der Normandie mit einem seltsamen Vogelpaar. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Cell One" von Chimamanda Ngozi Adichie.

John Updike bespricht den neuen Roman von Jane Smiley, "Ten Days in the Hills" (Knopf). Peter Schjeldahl porträtiert seinen "Lieblingsaußenseiterkünstler", den schizophrenen mexikanischen Maler Martin Ramirez. Sasha Frere-Jones stellt das neue Album des brasilianischen Sängers, Liedermachers und Komponisten Caetano Veloso vor. Und David Denby sah im Kino das Drama "Breaking and Entering" von Anthony Minghella und die Actionkomödie "Smokin' Aces" von Joe Carnahan.

Nur im Print: ein Bericht über Putin und seine Kritiker, ein Porträt des Footballspielers Tiki Barber und Lyrik.
Archiv: New Yorker

Gazeta Wyborcza (Polen), 20.01.2007

Im Interview verwirft der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz neoliberale Wirtschaftsrezepte und verteidigt den venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez gegen Kritiker. "Das neoliberale Rezept wirkt nicht. In den neunziger Jahren, als die meisten lateinamerikanischen Länder die Vorgaben des IWF befolgten, war das Wirtschaftswachstum halb so groß wie in den fünfziger bis siebziger Jahren. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass in den Neunzigern nur die Oberschicht von einem Wachstum profitiert hat." Und weiter heißt es: "Chavez hat politisch und wirtschaftlich Erfolge zu vermelden. Ich sehe da keine großen Gefahren. Man kann ihm zwar vorwerfen, durch seine Politik gewisse demokratische Grundwerte zu gefährden sind, aber genau das gleiche könnte man den USA auch vorwerfen."

Foglio (Italien), 20.01.2007

Sigmund Ginzberg interessiert sich aus gegebenem Anlass für die Exekution durch den Galgen und stößt etwas pikiert auf reichhaltige Literatur, allen voran das Handbuch des Hängens des nordirischen Autors und Zola-Übersetzers Charles Duff. Der Untertitel sagt alles: "Eine kurze Einleitung in die Kunst des Hängens, mit viel nützlicher Information über das Brechen des Genicks, Erdrosseln, Erwürgen, Ersticken, zum Köpfen und den Tod durch Stromschlag; Daten und Kniffe zum Henkerhandwerk, mit der Methode des seligen Mr. Berry und seiner bahnbrechenden Liste der Fallhöhen; zusätzlich mit einem Bericht der großen Exekutionen in Nürnberg; eine Rechentabelle für Henker, und viele andere Gebiete wie die Anatomie des Mordes." Christopher Hitchens hat die Einleitung zu einer Neuauflage in der Klassikerreihe der New York Review of Books geschrieben.

Edoardo Camurri beendet die auch in Italien mit Leidenschaft geführte Wertedebatte mit einer subtilen Anmerkung. "Wer den Verlust der Werte in der gegenwärtigen Gesellschaft beklagt, tut das in der Annahme, selbst noch welche zu besitzen. Und weil alle den Verlust der Werte beklagen, heißt das, dass wir alle noch mehr als genug Werte haben und dass das Problem vielleicht nicht deren Abwesenheit, sonderen deren ständige Präsenz ist."

Weiteres: Claudio Cerasa bricht eine Lanze für die Fettleibigkeit. Alfonso Berardinelli erinnert an den vor vierzig Jahren gestorbenen Literaturtheoretiker Giacomo Debenedetti, dem Italien seine geheimnisvollsten und erhellendsten Texte zur Interpretation des Romans verdankt. Giulio Meotti liest Michael Kazins Biografie über den dreifach erfolglosen Präsidentschaftskandidaten William Bryan und ist erst hier und dann hier überzeugt, dass dessen Infusion von biblischer Vorhersehung ins politische Geschäft alle Präsidenten nach ihm geprägt hat.
Archiv: Foglio

Al Ahram Weekly (Ägypten), 18.01.2007

Nehad Selaiha hat eine Inszenierung von Yusri El-Guindis "Al-Yahudi Al-Ta'eh" (Der ewige Jude) gesehen. Die Inszenierung hat ihr nicht gefallen, aber das Stück hat es in sich. El-Guindi, "glühender Sozialist und Verfechter eines arabischen Nationalismus" schrieb es 1968 unter dem Eindruck der Ermordung Robert Kennedys durch den Palästinenser Sirhan. Er "identifizierte Sirhan mit allen Unterdrückten dieser Erde, die Juden eingeschlossen, und machte aus ihm ein Symbol aller Opfer des westlichen Kapitalismus. Die tragische Geschichte des palästinensischen Volkes sah El-Guindi aus einer erweiterten historischen Perspektive, die die tragische Geschichte der Juden umfasste. Die Schicksale dieser beiden Völker schien ihm auf tragische Weise verknüpft. Man könne, so sein Argument, nicht von dem einen Volk sprechen ohne das andere zu erwähnen. Um diese imaginäre Verflechtung zu erreichen, grub El-Guindi eine populäre Figur aus der christlichen Folklore aus, den Ewigen Juden, der nach der Legende Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung verhöhnt haben soll und deshalb zur ewigen Wanderschaft durch die Zeit verdammt worden sei."

London Review of Books (UK), 25.01.2007

Perry Anderson liefert eine umfangreiche Analyse der Putin-Ära und lüftet nebenbei das Geheimnis von Putins Popularität (der sich dauerhaft Zustimmungsraten von über 70 Prozent erfreut). Positiv aufgenommen werde zum einen sein Image als Mann von strenger und wenn nötig rücksichtsloser Autorität. Zum anderen sei "ein Teil seines kühlen Charismas tatsächlich kultureller Natur. Seine Sprachbeherrschung bringt ihm viel Bewunderung ein. Eine Bewunderung, die allerdings vom Vergleich lebt. Lenin war der letzte russische Staatschef, der in kultiviertem Russisch sprechen konnte. (...) Nun wieder einem Staatschef zu lauschen, der über eine klare, treffende und fließende Ausdrucksweise in einer mehr oder weniger korrekten Sprache verfügt, ist Musik in den Ohren vieler Russen."

Weitere Artikel: Für Michael Wood beweist Alejandro Gonzalez Inarritus Film "Babel", dass auch ein Film, der einem Rezept folgt, schlicht großartig sein kann. Und schließlich wittert John Lanchester den Tod der E-mail.

Weltwoche (Schweiz), 18.01.2007

Noch können Joost nur einige hundert Testseher verfolgen, aber Ralph Pöhner ist sich sicher, dass dies der Durchbruch fürs Fernsehen übers Internet ist. "Das Bild zeigt tatsächlich: So könnte das Fernsehen der Zukunft funktionieren. Joost bündelt Fernsehsender aus aller Welt und bringt ihre Programme bildschirmfüllend auf den Computer. Die Bilder laufen ohne Ruckeln a la Youtube, und auch im Großformat stöckelt Paris Hilton so scharf durchs Blitzlichtgewitter wie im guten alten Wohnzimmergerät."

Der Altamerikanist Nikolai Grube nimmt im Interview mit Mathias Plüss die Maya gegen Mel Gibson in Schutz, der diese in seinem Film "Apocalypto" als dekadente Opfermörder darstellt. "Wir haben überhaupt keine Belege für diese Blutopfer. Es gab die Tötung von Gefangenen als Folge von Kriegszügen. Aber es ging nie darum, möglichst viele Menschen zu fangen, damit man sie opfern konnte. Es gab keine Opfersteine. In keiner einzigen Maya-Stätte haben wir einen Opferstein gefunden, über den man einen Gefangenen hätte legen können, um ihm das Herz herauszureißen."
Archiv: Weltwoche
Stichwörter: Mel Gibson, Maya, Youtube

Point (Frankreich), 18.01.2007

Der englischer Historiker Anthony Beevor (Homepage) hat Notizen aus dem Zweiten Weltkrieg des russischen Schriftstellers, damaligen Kriegskorrespondenten der Roten Armee und späteren Dissidenten Wassilij Grossman wiedergefunden. Sie erscheinen nun in Frankreich unter dem Titel "Carnets de guerre - De Moscou a Berlin, 1941-1945" (Editions Calmann-Levy). Le Point bringt einen Vorabdruck einiger der "eindringlichsten" Passagen. Unter anderem diese Szene von Ende 1941, nachdem die Wehrmachtsoffensive vor Moskau durch sowjetischen Widerstand und "General Winter" gestoppt worden war. "Auf der Route unseres Vormarschs liegen erfrorene Deutsche. Die Körper sind vollkommen unversehrt. Nicht wir haben sie getötet, sondern die Kälte. Kleine Fieslinge stellen die steifgefrorenen Deutschen auf die Beine oder auf alle Viere, arrangieren sie gekonnt zu fantastischen Skulpturengruppen. Die gefrorenen Körper stehen aufrecht, mit erhoben Fäusten, abgespreizten Fingern, manche machen den Eindruck, als wollten sie den Kopf einziehen. Sie tragen Schuhe und kurze, dünne Mäntel wie aus Papier und Strickjacken, die die Wärme nicht halten können." Hier Informationen zu dem Buch auf Englisch - hoffen wir, dass es auch auf Deutsch erscheint!

Weiteres: Bernard-Henri Levy kommentiert in seinen Bloc-Notes das Treffen und die neue "revolutionäre Freundschaft" zwischen Ahmadinejad und Chavez. Zu lesen ist außerdem ein Bericht über die Beteiligung des Louvre an einem ehrgeizigen Museumsprojekt in Abu Dhabi, die in Frankreich eine heftige Debatte ausgelöst hat.
Archiv: Point

Times Literary Supplement (UK), 19.01.2007

Steven Weinberg verteidigt Richard Dawkins gegen die Kritiker seines Buchs "The God Delusion" (Auszug), in dem der Biologe Religion zu einer anthropologischen Konstante erklärt, die sich vor allem aus der Angst vor den angedrohten Höllenqualen bei einem Abfall vom Glauben nährt. In einem Punkt ist Weinberg allerdings nicht mit Dawkins einverstanden. "Dawkins behandelt den Islam einfach als eine weitere beklagenswerte Religion, doch es gibt einen Unterschied, und der liegt in dem Ausmaß, in dem religiöse Gewissheit in der islamischen Welt fortdauert, und in dem Schaden, die diese anrichtet. Richard Dawkins Äquidistanz ist gut gemeint, doch fehl am Platze. Ich teile seinen mangelnden Respekt für alle Religionen, doch in unserer Zeiten ist es aberwitzig, sie alle gleich gering zu schätzen."

Weiteres: Auch Bernard Williams weiß in seinem Buch "On Opera" nicht zu sagen, "wie etwas, dass in vielerlei Hinsicht so grotesk ist, so enorm bewegend sein kann", aber Jerry Fodor konzediert, dass man mit dem Buch der Erklärung ein ganzes Stück näherkommt. Michael Holroyd stellt schockiert fest, dass heutzutage kaum jemand den Schriftsteller Hugh Kingsmill kennt. Gavin Stamp liest Ian Gows Architektur-Band "Scotland's Lost Houses". Bharat Tandon hat sich Kevin Macdonalds Idi-Amin-Film "The Last King of Scotland" angesehen. Und schließlich gibt es als Gedicht der Woche Sylvia Plaths "An Appearance".

Nouvel Observateur (Frankreich), 18.01.2007

Vollkommen aus dem Häuschen ist der Schriftsteller Philippe Sollers über ein "großartiges und vollkommen verkanntes Buch des 19. Jahrhunderts", ein "unentbehrliches Werk", das man an die Seite von Balzac, Flaubert, Zola, Maupassant und Proust stellen müsse. Gemeint ist damit eine Sammlung von Berichten und Aufzeichnungen der Pariser Sittenpolizei aus den Salons und Bordellen der Stadt: "Le Livre des courtisanes - Archives secretes de la police des moeurs (1861-1876)". "Schlagen Sie es auf, und Sie sind auf der Stelle überall in Paris, beobachten alles, wissen alles. Schön, die Polizeibeamten liefern ihnen nur Grundelemente der Vorgänge, aber: ein bisschen Phantasie, bitte sehr. Da räkelt sich die begehrt Göttin im rosa Neglige. Auf ihren Strümpfen stehen die Wochentage: 'Donnerstag' am Donnerstag und 'Sonntag' am Sonntag. Ein Mentor kommt vorbei, dann ein anderer, Minister, Abgeordnete, Generäle, Bankiers. Manchmal kommen sie aus verfeindeten Kreisen, was soll's. Bei Leonide Leblanc beispielsweise treffen Sie sowohl den Duc d'Aumale, den Prinzen Napoleon und Clemenceau."

Nepszabadsag (Ungarn), 19.01.2007

Auf die Frage, ob sich die modernen gesellschaftlichen Strukturen, der Sieg des Individuums über das Kollektiv, auch in der zeitgenössischen Musik widerspiegeln, antwortet der Komponist Ivan Madarasz: "Die Verbindung zwischen musikalischer Ordnung und den Systemen der Außenwelt ist so kompliziert, dass man diese Frage nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten kann. Bis zum 19. Jahrhundert existierte ein musikalisches Ideal, an dem sich die Komponisten gleichermaßen orientierten und das sie nach ihrem Geschmack und ihrer Phantasie variierten. Doch wie fern ist dieser ideale Zustand, als ein Choral Bachs erklang und jedem seiner Zuhörer fast das gleiche bedeutete - diese Musik fungierte auch als Volkslied. Der Mensch des Mittelalters formte die Gesetze der ihn umgebenden höheren Weltordnung zu einer musikalischen Ordnung. Im 20. Jahrhundert existieren bereits mehrere musikalische Ideale, die einander ausschließen, die aber auch unterschiedliche Funktionen haben. Die Musik von heute wurde - durch die gesellschaftlichen Veränderungen - zu einer individuellen Kunst, deren Funktion nicht die Schaffung einer Gemeinschaft ist."
Archiv: Nepszabadsag

New York Times (USA), 21.01.2007

Zehn Jahre nach "Das Jesus-Evangelium" liefert der 83-jährige Norman Mailer mit "The Castle in the Forest" (Auszug) einen neuen Roman ab. Eine Phänomenologie des Bösen am Beispiel des jungen Adolf Hitler und seiner Familie. Der Erzähler ist der Teufel persönlich in Gestalt eines SS-Mannes namens Dieter. Lee Siegel beschreibt das tollkühne Buch so: "Eine Geschichte über das einfache Volk, gutmütige Bauern, erzählt von einem Teufel mit samtweicher Stimme, geschrieben im Geist heilsamer Ironie. Wir sehen Hitler und die Seinen im Schweinestall ihrer Instinkte, hastig erfüllten Bedürfnisse und primitiven Ängste, ein jeder überzeugt von der Vornehmheit und Ehrenhaftigkeit seines Existenz. Mailer, der Meister des menschlichen Egos, zeigt diese Illusionen in klarem Licht - als das, was sie sind: die trügerisch heimeligen Ursprünge des Bösen."

Weiteres: Liesl Schillinger findet die Heldin in Roddy Doyles neuem Roman "Paula Spencer" authentisch unglücklich. Alan Wolfe hält Dinesh D'Souzas Appell, christliche und islamische Konservative gegen die kulturelle Linke in Stellung zu bringen, für heiße Luft (Auszug "The Enemy at Home"). Und in einem Essay verrät Joe Queenan sein oberstes Lektürekriterium: das Buch muss "erstaunlich" sein.