Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
30.11.2004. Im Merkur besteht Hubert Markl auf seinen freien Willen. Im Nouvel Obs schießen Toni Morrison und Wole Soyinka alle Fundamentalisten auf den Mond. Im ägyptischen Al-Ahram rühmt der Musiksammler Mustafa Abul-Oyun die Vorzüge von Religion, Sex und Narkotika. In Outlook India versöhnt Bollywood Indien mit Pakistan. Der New Yorker macht Vorschläge für die Schaffung ekstatischer Normalität im Irak. Reportajes wundert sich, dass China mehr für Lateinamerika tun will als die USA. Die New York Times Book Review verreißt Tom Wolfe und V.S. Naipaul.

Merkur (Deutschland), 01.12.2004

Der ehemalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, erklärt in einem großangelegten Essay, was es mit Geist, Gehirn und Bewusstsein auf sich hat, was den Menschen vom Affen unterscheidet (Er kann lügen!) und welche Rolle die Spieltheorie in der Evolution spielt ("Ob ich angreifen oder fliehen oder vielleicht auch nur drohen oder bluffen soll, hängt außer von meinem Handlungspotenzial auch von dem Gegenhandlungspotenzial des Partners ab.") Und schließlich bescheidet er seinen Kollegen Wolf Singer und Gerhard Roth, die gezwungen sind, den freien Willen zu bestreiten: "Das wäre doch ein Scheißspiel, bei dem man selber keinen Zug machen dürfte."

Burkhard Müller besingt die juwelenartige Schönheit der Käfer, insbesondere des Carabus, wobei er auch Leben und Leistung des Biologen John Burdon Sanderson Haldane streift. Von dem berichtet Müller ungerührt: "Er führt, gemäß seiner Überzeugung, dass in jeder schwierigen Frage eine Unze Algebra mehr wert sei als eine Tonne Wortschwall, in die Biologie die Statistik ein. Falls das Universum heute zusammenbräche, rechnet er aus, so läge die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein neues bildet, bei 10 hoch 10 hoch 100."

Weiteres: Stefan Willer erinnert in der Sache Friedrich Christian Flick daran, dass "eine Kunstsammlung nicht nur eine Kollektion von Artefakten" ist, "sondern auch eine Akkumulation von Kapital - ein Zusammenhang, der konsequent beiseite geschoben wird, wenn Flick, der Ausstellungskurator Eugen Blume oder der Direktor der Berliner Staatlichen Museen Peter-Klaus Schuster als letztlich alleinentscheidend die künstlerische Qualität der Sammlung oder ihren 'unbezahlbaren geistigen Mehrwert' herausstreichen". John Bender schildert, wie aus den Romanfiguren Robinson Crusoe, Frankenstein und Dracula moderne Mythen wurden. Und Annegret Mahler-Bungers sieht sich Roman Polanskis Filme genauer an.
Archiv: Merkur

Nouvel Observateur (Frankreich), 25.11.2004

In einem Gespräch unterhalten sich die Literaturnobelpreisträger Toni Morrison (mehr) und Wole Soyinka (mehr) über Literatur, die beunruhigende Wiederwahl von Bush und das Problem des Fundamentalismus. Letzteres sei unleugbar, meint Soyinka, "ob es sich dabei um religiösen oder politischen Fundamentalismus handelt. Ich wollte, man würde die Fundamentalisten jeglicher Couleur mit einer Rakete auf einen unbewohnten, möglichst weit entfernten Planeten schießen, wo sie dann ihre monolithische Gesellschaftsvision verwirklichen können. Alle gemeinsam. Man wäre über die geringe Anzahl der Freiwilligen überrascht. Denn es handelt sich um nichts weiter als eine Randgruppe von Fanatikern." Toni Morrison wundert sich dagegen über die ausgesprochen "phantasielose und wörtlich verstandene Weltsicht" von Fundamentalisten, insbesondere über die christliche "Besessenheit von der Apokalypse". "Ich habe eine Bush-Wählerin, eine wiedergeborene Christin, sprechen hören, die sich nicht nur darüber freute, dass Gott nun im Weißen Haus wohnt, sondern darauf hofft, dass sich die Apokalypse noch zu Lebzeiten ihrer Kinder ereignet. Ihre Vorstellung davon sieht einer Atombombenexplosion zum Verwechseln ähnlich: der Himmel reißt auf und so weiter. Alle Fundamentalisten sind von einem Todestrieb beherrscht, den sie heilig halten, um ihre Angst zu vergessen."