Heute in den Feuilletons

Ich lese und werde gelesen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.09.2013. In der FAZ  will Frank Schirrmacher die SPD wachrütteln, die die kommende industrielle Revolution zu verschlafen droht. In der NZZ beobachtet Otto Kallscheuer, wie sich Papst Franziskus von der Dogmatik zur Pragmatik wendet. Die Welt erschauert vor den einstigen Planungsfantasien deutscher Architekten. In der SZ fragt der vom Verfassungsschutz unerlaubt observierte Journalist Ronny Blaschke, warum er sich jetzt eigentlich rechtfertigen muss. Die Zeit zeigt am Beispiel Brasiliens, was eine Regierung gegen die flächendeckende NSA-Überwachung tun kann.

NZZ, 26.09.2013

Der Philosoph Otto Kallscheuer versucht, die persönliche Theologie des neuen Papst Franziskus zu umreißen, der den Menschen - ob homo- oder heterosexuell, geschieden, sündig oder gefallen - vor der "spirituellen Einmischung der Amtskirche" schützen wolle: "Hier - in der Tat - hat Bergoglio, allein durch seine Sprache, eine Kehrtwendung vollzogen: eine Kehre, die nicht die Dogmatik, sondern die Pragmatik der Verkündigung betrifft. Theologisch konventioneller, aber politisch nicht minder prägnant sind Franziskus' Stellungnahmen zugunsten der Armen, der Kriegsflüchtlinge und Boat-People an Europas Grenzen im Mittelmeer - und wider die weltweite Verehrung des Götzen Geld im globalisierten Kapitalismus. Dass jahrelange Arbeitslosigkeit mit einer Verletzung der menschlichen Würde einhergeht - wie Papst Franziskus am vergangenen Wochenende in Sardinien den dort arbeitslos gewordenen Bergarbeitern aus Sulcis zurief -, ist keine neue soziologische oder theologische Erkenntnis, sondern handfeste Erfahrung."

Weiteres: Eine Hexenversammlung mächtiger Frauen hat Geri Krebs auf dem Filmfestival San Sebastián erlebt. Besprochen werden York Höllers Oper "Der Meister und Margarita" in Hamburg und Elfriede Jelineks Bühnenessay "Rein Gold" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 26.09.2013

Lukas Foerster berichtet vom Todd-AO-Festival in Karlsruhe, das ausschließlich 70mm-Kopien vorführt und dessen Programm damit einem rein technischen Kriterium folgt. Deshalb „"steht in Karlsruhe ein anerkannter Klassiker wie Stanley Kubricks in 70mm gleich noch einmal deutlich wuchtigerer Sandalenfilm 'Spartacus’' neben einer Obskurität wie 'Du bist min'’, einem komplett vergessenen singulär-megalomanischen Dokumentar-Prestigefilm aus der DDR, der mit einigem Pathos die Vorzüge des kleineren der beiden deutschen Staaten entlang der Biografie einer Deutschlehrerin nacherzählt: als Film nur bedingt erträglich, als ideologiehistorisches Dokument einzigartig. Solche Konfrontationen finden sich im Programm nicht, weil jemand sie besonders interessant gefunden hätte, sondern einfach nur, weil von beiden Filmen im selben Jahr 70mm-Kopien auffindbar waren.“"

Weiteres: Barbara Bollwahn unterhält sich mit der amerikanischen Künstlerin Monica Sheets, die in Leipzig ein „Fundbüro“, betreibt in dem sie Erinnerungen aus der DDR sammelt. Knut Henkel berichtet über ein Konzert in der Tribuna Antimperalisita, die der kubanische Jazzsänger Roberto Carcassés dazu nutzte, Meinungsfreiheit einzufordern und „Präsidenten in direkten Wahlen und nicht auf anderem Wege zu wählen“. In seiner Kolumne denkt Daniel Schreiber über trinkende Hochkaräter in der Literatur und zwei neue Bücher von Nicola Karlsson und Paul Auster nach, in denen es um Alkohol geht.

Besprochen werden das Kino-Debüt „Not Fade Away“ von Sopranos-Autor David Chase, das Roadmovie „Prince Avalanche“ von David Gordon Green und Nadav Schirmans Dokumentarfilm „In the Darkroom“ über Magdalena Kopp, die Ehefrau des Terroristen Carlos.

Und Tom.

Weitere Medien, 26.09.2013

Der beliebte Gloabalisierungskritiker Jean Ziegler soll heute in den Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrat der UNO gewählt werden. Seine Nähe zu Oberst Gaddafi bleibt allerdings weiterhin umstritten. Nun präsentiert die proisraelische NGO UN-Watch ein offizielles Video des verblichenen Gaddafi-Regimes, das zeigt, wie Jean Ziegler den Gaddafi-Menschenrechtspreis offenbar doch persönlich entgegengenommen hat - bisher hatte Ziegler dies stets bestritten. Mehr auch in einem Perlentaucher-Artikel aus dem Jahr 2011.
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Stichwörter: UNO, Jean Ziegler

Welt, 26.09.2013

Schaudernd kommt Dankwart Guratzsch aus der Hamburger Ausstellung "Die erwartete Katastrophe", die zeigt, mit welch schrecklichen Fantasien sich Architekten und Stadtplanern an den Wiederaufbau deutscher Städte nach dem Zweiten Weltkrieg machten: "Aus Stadt sollte 'Stadtlandschaft' werden - eine Wortschöpfung, die sich in alle Nachkriegsplanungen bis hin zu Scharoun und den Prophetien und Beschwörungen eines Sigfried Giedion verfolgen lässt. Den Primat wollten die Planer dem Verkehr einräumen, der mit sechsspurigen 'Parkways' die Siedlungen durchpflügen sollte. Auch wenn die Planungskonstrukte später nur bruchstückhaft realisiert wurden - sie ziehen bis heute eine brachiale Spur der Gewalt durch die Städtebaukultur."

Weiteres: Einen "sympathischen Schattenmann" nennt Kai Luehrs-Kaiser den neuen Intendanten der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser. Besprochen werden unter anderem David Chase' Kinodebüt "Not Fade Away" (das offenbar auch James Gandolfini nicht vor dem Flop bewahren konnte), die Actionkomödie "2 Guns", die Verfilmung von Katharina Hagenas Roman "Der Geschmack von Apfelkernen" und Mark Leibovichs Washington-Bestseller "This Town".

Freitag, 26.09.2013

Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch liefert einige grundlegende Kenntnisse zum Thema Pädosexualität: "Die Pädosexualität - so sollte die alte Pädophilie genannt werden, da es tatsächlich um das bewusste sexuelle Interesse an Kindern geht - ist einseitig, weil das Kind strukturell nicht adultosexuell ist, das heißt Erwachsene sexuell begehrt; sie ist zeitlich grundsätzlich auf wenige Jahre begrenzt; sie ist wegen der unterschiedlichen Bedürfnisse, Wünsche und Möglichkeiten des Erwachsenen und des Kindes im emphatischen Sinne nicht beziehungsfähig, und sie ist insofern paradoxal, als der Pädosexuelle das begehrte Kind behandelt, als hätte es die Sexualstruktur eines Erwachsenen, obgleich er nur das unreife, unerwachsene Kind zu lieben vermag."

SZ, 26.09.2013

Auf der Medienseite berichtet der aus allen Wolken gefallene Journalist Ronny Blaschke (Schwerpunkt: Rechtsextremismus und Diskriminierung im Sport!), dass ihm die neue Präsidentin des niedersächsischen Verfassungsschutzes vergangene Woche gestand, dass über ihn unter der alten CDU/FDP-Landesregierung unerlaubt Buch geführt wurde. Auch wenn die Daten mittlerweile gelöscht wurden, hat die Sache für ihn ein Nachspiel: "Auf der Internetseite des NDR kommentiert ein Leser: 'Vielleicht sollte man den Verfassungsschutz fragen, was mit Herrn Blaschke sonst noch so los ist. Die Gründe sind halt nicht öffentlich. Und wenn es Bezüge zum Extremismus gibt, wird Herr Blaschke das nicht sagen.' Plötzlich muss ich mich rechtfertigen. Die Speicherungen sind gelöscht, der Verdacht aber bleibt."

Im Feuilleton: Christine Brinck trifft sich mit dem Mathematiker Sebastian Thrun, der ein fahrerloses Auto entwickelt. Die Salzburger Festspiele werden ab 2017 von Markus Hinterhäuser geleitet, berichtet Reinhard J. Brembeck, der sich von dem Mann trotz großer Herausforderungen einiges verspricht. Till Briegleb bringt Hintergründe zum geplanten "Kreativquartier" in Hamburg.

Besprochen werden Nadav Schirmans Dokumentarfilm "In the Darkroom" über Carlos' Ehefrau Magdalena Kopp, David Gordon Greens Indie-Film "Prince Avalanche", Oliver Reeses am Schauspielhaus Frankfurt gezeigtes Stück "Ich bin Nijinski. Ich bin der Tod", eine dem Fotograf Robert Adams gewidmete Schau im Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop, Chaya Czernowins in Luzern aufgeführte Oper "Pnima" und Bücher, darunter Thomas Pynchons neuer Roman "Bleeding Edge" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 26.09.2013

Ausgerechnet die SPD verpennt die gewandelten materiellen Grundlagen der heutigen Arbeits- und sozialen Welt, wundert sich Frank Schirrmacher. "Ich lese und werde gelesen. Ich kaufe und werde Produkt. Ich frage die Suchmaschine und gebe ihr durch die Frage eine Antwort. All das ist längst zur Erfahrung des Alltags geworden. Als demokratischem Prozess unter Gleichen wäre dagegen nichts zu sagen. Als Verfahren, um jeden Denk- und Arbeitsschritt in künftigen Arbeits- und Sozialwelten zu optimieren und seine Effizienz zu gewichten, bedarf er der Regulierung wie einst bei den Arbeitsplätzen im neunzehnten Jahrhundert."

Außerdem: Bert Rebhandl empfiehlt die Berliner Filmreihe "doku.arts", in der es "um Filme nicht nur 'über' Kunst oder Kunstschaffen [geht], sondern auch um Filme, die in ihren Strategien über das konventionelle Erzählen oder Dokumentieren hinausgehen". Marcus Jauer beobachtet, wie die FDP-Bundestagsfraktion ihren Auszug aus den Büros organisiert (mehr dazu hier). Außerdem bringt die FAZ zwei Auszüge aus dem kommenden Buch von Dietmar Dath und Swantje Karch über das Kino und sein Verhältnis zu den visuellen Künsten im Zeitalter beider räumlicher Neuorganisation: Dath schreibt über die Großaufnahme des Gesichts in ähnlichen, aber doch unterschiedlichen Szenen bei Zemeckis und bei Kubrick, Karch über Strategien zur Individualisierung von Gesichtern.

Besprochen werden eine Ausstellung von Peter Doigs Malereien in Edinburgh, Glenn Close' neuer Film "Albert Nobbs", ein Frankfurter Konzert der hr-Bigband und Bücher, darunter Spyros Papapetros' Studie über die Geschichte der Animation (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 26.09.2013

Die "offiziellen Geheimnisträger" in der Politik verfügen über Möglichkeiten, sich der NSA-Überwachung zu entziehen - ihre Bemühungen, die Kommunikation für die gesamte Bevölkerung sicherer zu machen, lassen indes zu wünschen übrig, findet Götz Hamann. Ganz anders reagiert beispielsweise Brasilien auf Edward Snowdens Enthüllungen: "Brasilianische Unternehmen sollen eigene Computersysteme aufbauen, die brasilianische Post bekam den Auftrag, ein E-Mail-System für vertrauliche Kommunikation zu entwickeln. Google und Facebook sollen keine in Brasilien erhobenen Daten mehr außer Landes schaffen dürfen. In die benachbarten Länder sollen neue Glasfaserkabel gelegt werden, sodass die Daten aus der Region nicht ständig durch die USA fließen."

Im Feuilleton nehmen Weggefährten Abschied von Marcel Reich-Ranicki, darunter Martin Walser, der mit den Verrissen, mit denen MRR seine späteren Werke bedachte, seinen Frieden geschlossen hat: "Auf einmal sehe ich, ich hätte mich nie über ihn ärgern müssen, weil seine temperamentsbestimmte Art, auf mich zu reagieren, immer genau so viel über ihn wie über mich gesagt hat. Glaube ich. Jetzt. Ich war damals nicht imstande, seine virtuosen Paraden als Kunststücke zu würdigen, bloß weil ich dafür als Anlass und Figur herhalten musste."

Weiteres: Eugen Ruge will den Widerspruch von Nora Bossong auf seinen Vorschlag, das Parlament durch Würfeln statt durch Wahlen zu bestimmen, nicht auf sich sitzen lassen: "Wer glaubt, man verteidige die Demokratie am besten, indem man sie allmählich wie einen Estrich erstarren lässt, der irrt." Thomas E. Schmidt denkt über das gesellschaftspolitische Ideal der Jungen Frau nach. Kilian Trotiert trifft die Schlagersängerin Helene Fischer, die "Angela Merkel des Showgeschäfts". Jonathan Fischer unterhält sich mit dem Tuareg-Gitarristen und Sänger Omar "Bombino" Moctar. Thomas Groß trifft die drei Schwestern der momentan schwer angesagten kalifornischen Band Haim.

Die Kieler Ausstellung "Old School" über Anachronismus in der zeitgenössischen Kunst animiert Hanno Rauterberg zu einem leidenschaftlichen Plädoyer: "Wenn die Kunst nicht mehr bietet als Wohlfühlkulissen, wird sie sich rasch in eine dunkle Beliebigkeit verabschieden. Es hilft nichts, sie muss sich selbst wieder aufs Spiel setzen." Marie Schmidt erzählt die Geschichte des unlängst geschlossenen Münchner Kultlokals Schoppenstube. Susanne Mayer stellt die Modedesignerin Anne Valérie Hash vor. Wolfram Goertz schreibt den Nachruf auf Paul Kuhn.

Besprochen werden die Filme "Prince Avalanche" von David Gordon Green und "Der Glanz des Tages" von Tizza Covi und Rainer Frimmel sowie das Computerspiel "Grand Theft Auto V" (von dem David Hugendick hin- und hergerissen ist: "Das kalifornische Licht ist erste Sahne", manch anderes allerdings "zynisch und geschmacklos") und Bücher, darunter Marion Poschmanns Roman "Die Sonnenposition" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Dossier fasst Volker Ullrich auf vier Seiten den am 8. Oktober erscheinenden ersten Band seiner Adolf-Hitler-Biografie zusammen. In einem weiteren Artikel schildert Ullrich einige seiner bemerkenswertesten Archivfunde. Außerdem gibt es eine Sonderbeilage mit zahlreichen Beiträgen zur kommenden Opernsaison.