Heute in den Feuilletons

Alles, was falsch sein soll, ist wahr

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2013. Die Welt veröffentlicht den offenen Brief von Pussy-Riot-Mitglied Nadeschda Tolokonnikowa über die Zustände in ihrem mordwinischen Straflager. Die Pianistin Kimiko Ishizaka möchte Johann Sebastian Bach aus den Fängen des Urheberrechts befreien, meldet MuseScore. Der Jurist Christoph Möllers verspricht sich in der SZ von einer Minderheitenregierung eine neue Debattenkultur. Die taz attestiert der linken Politik intellektuelle Hasenfüßigkeit. Und Gerhart Baum geißelt in der FAZ den Gleichmut, mit dem Bürger und Politik auf den Überwachungsskandal reagieren. Auch Sascha Lobo kann's kaum fassen.

Welt, 25.09.2013

In einem offenen Brief, den die Welt gekürzt wiedergibt, schildert Pussy-Riot-Mitglied Nadeschda Tolokonnikowa die erbärmlichen Bedingungen in dem mordwinischen Straflager, in dem sie seit einem Jahr einsitzt: "Die Sanitätsbedingungen im Lager sind so, dass ein Häftling sich als rechtloses schmutziges Vieh fühlt. Es gibt Hygienezimmer in jeder Baracke, aber um Häftlinge zu erziehen und zu bestrafen, müssen alle 800 Frauen in ein gemeinsames Waschzimmer gehen, in das nur fünf Menschen gleichzeitig passen... Manchmal konnten wir uns zwei oder drei Wochen am Stück nicht waschen. Wenn die Kanalisation verstopft ist, strömt aus Hygienezimmern Urin, Exkremente fliegen haufenweise raus... Wahrscheinlich ebenfalls aus erzieherischen Gründen bekommen Häftlinge nur trockenes Brot, mit reichlich Wasser verdünnte Milch, ausschließlich ranzige Hirse und nur faule Kartoffeln zu essen." Als Reaktion auf die Veröffentlichung wurde Tolokonnikowa in eine Einzelzelle verlegt. (Hier die ungekürzte russische Fassung).

Weiteres: Tim Ackermann und Barbara Möller informieren über die deutsch-israelische Rangelei um den Welfenschatz. Sven Clausen und Uwe Müller sind gespannt auf das heute anstehende Urteil des Frankfurter Landgerichts in Sachen Suhrkamp, das Hans Barlach nach etlichen Pyrrhussiegen einen echten Fortschritt bringen könnte. Alan Posener will in seiner Kolumne nicht recht glauben, dass uns ganz Europa um das duale Ausbildungssystem beneidet - umfasst es doch etliche "Lehrberufe, die in drei Jahren junge Leute für Tätigkeiten ausbildet, die ein halbwegs alerter Mensch in sechs Wochen erlernen kann."

Besprochen werden Marten Persiels Film "This ain't California" über die angebliche Skateboardszene der DDR (dass sich die vermeintliche Dokumentation mittlerweile als weitgehend fiktional und inszeniert entpuppt hat, ficht Michael Pilz nicht an: "Alles, was falsch sein soll an diesem Film, ist wahr"; hier unsere Rezension von der Berlinale 2012) und Alois Zimmermanns Lenz-Oper "Die Soldaten" ("die Zivilisation geht in die Brüche, aber mit Grandezza und in hyperrealistischen Arrangements", fasst Manuel Brug zusammen).

Spiegel Online, 25.09.2013

Sascha Lobo kann es nicht fassen: "Für das Netz bedeutet das: Die Bürger fürchten den Veggie-Day in der Firmenkantine mehr als die Totalüberwachung des Internets. Netzpolitisch Interessierte mögen sich die Handfläche an der Stirn wundschlagen, aber offenbar erschien der Umgang der CDU mit der Spähaffäre den Wählern angemessen."
Stichwörter: Sascha Lobo

NZZ, 25.09.2013

Peter Handke überrascht Peter Urban-Halle auf dem Poesiefest des Heine-Hauses in Düsseldorf mit der Aussage, er glaube nicht an eine persönliche Handschrift des Übersetzers. "Wenn Handke nicht so müde gewesen wäre - tausend Bücher wollten signiert werden -, hätte man an diesem Punkt gern fortgesetzt, zum Beispiel über Oskar Loerkes Bemerkung 'Das Geheimnis des vortrefflichen Übersetzers ist seine Persönlichkeit', eine Bemerkung, die recht gut zu Handkes Hommage auf seinen englischen Übersetzer Ralph Manheim passt, in der er schreibt, seine (wessen eigentlich?) Erzählung 'Afternoon of a Writer' sei 'erst durch dieses Übersetzers Sprache und Rhythmus "ganz da"'."

Weiteres: "Frech und vielfarbig, monumental und naturhaft" findet Alfred Zimmerlin den Auftakt des 30. Strassburger Festivals Musica mit Uraufführungen von Marc Monnet und Yann Robin. Sergiusz Michalski berichtet von einer Ausstellung zu Königin Christina im Stockholmer Schloss. Besprochen werden Bücher, darunter Terézia Moras Roman "Das Ungeheuer" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Stichwörter: Peter Handke, Peter Urban

Aus den Blogs, 25.09.2013

Nach den offenen Goldberg-Variationen spielt die Pianistin Kimiko Ishizaka das "Wohltemperierte Klavier" in einer Open Source-Version ein, meldet das MuseScore-Blog. Das Projekt sucht über Kickstarter nach Unterstützung: Wer genug spendet, kann ein Präludium und Fuge einer Person widmen lassen.

TAZ, 25.09.2013

Die Autorin Charlotte Wiedemann ärgert sich darüber, wie wenig die Klientel linker Politik in Deutschland auf dem Kasten hat und wie inadäquat sie auf die Sachlage der Zeit reagiert. "Ob Europa-Krise, Überwachungsstaat, Syrien, Flüchtlinge. Wo man hinschaut Unterwerfung unter falsche Logiken, intellektuelle Hasenfüßigkeit. Wir bleiben unter unseren Möglichkeiten, in einem bizarren, schwer erklärbaren Ausmaß."

Jenni Zylka spricht mit der Punk-Künstlerin Lydia Lunch:, die auch mit über 50 nichts ans Aufhören, geschweige denn an Altersmilde denkt: "The more they kill, the more I fuck. Ich kann nicht nachlassen, weil ich niemanden sehe, der in meine Fußstapfen tritt."

Außerdem: Bettina Gaus bemängelt die auf Stereotypen zurückgreifende Berichterstattung über den terroristischen Anschlag im Einkaufszentrum von Nairobi. Frank Gerstenberg porträtiert die ehemalige Zwangsarbeiterin Sarra Engor-Cemachovic, die sich gegen ihre geringe Abfindung wehrt. Cord Riechelmann trauert um die Fotografin Leonore Mau.

Besprochen werden die Ausstellung "Drei Kontinente - sieben Länder" in der Berliner Kunstbibliothek und Detlef Kuhlbrodts neues Buch "Umsonst & Draußen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 25.09.2013

Warum nicht einfach eine Minderheitsregierung, wenn sich für Merkel keine Koalition ergibt? Der Jurist Christoph Möllers fände das keineswegs reizlos, wie er Johan Schloemann im Gespräch darlegt: Er verspricht sich davon "eine Parlamentarisierung des Regierens; also die Notwendigkeit, wirklich inhaltlich um das Parlament zu werben, eine andere Form von Debattenkultur. Man sieht ja in Skandinavien seit langem, dass das funktionieren kann." Allerdings räumt er auch ein, dass es wegen des deutschen Stabilitätsbedürfnisses wohl erst gar nicht so weit kommen wird.

Weitere Artikel: Dorion Weickmann spricht mit dem Direktor des Hamburg Balletts, John Neumeier, über das zunehmend homphobe Gesellschaftsklima in Russland. Die Entscheidung, die Teilnahmeberechtigungen für den Booker-Preis in Zukunft landesunabhängig auf englischsprachige Veröffentlichungen aus aller Welt auszuweiten, sorgt in den bisherigen Kernnationen für Unmut, berichtet Alexander Menden (beim Atlantic findet man die Entscheidung allerdings nur vernünftig). Susan Vahabzadeh meldet, dass China den Bau des größten Filmstudios weltweit plant (mehr). Catrin Lorch schreibt den Nachruf auf die Fotografin Leonore Mau. Andreas Tönnesmann gratuliert dem Kunsthistoriker Christoph Luitpold Frommel zum 80. Geburtstag.

Auf der Medienseite stellt Werner Bloch den neuen Fernsehsender IkonoTV vor, der ohne Kommentar und musikalische Untermalung Aufnahmen von Kunstwerken zeigt. Direktorin Elizabeth Markevitch verrät ihm: "Wir sind so etwas wie ein MTV der Kunst." Hier der Livestream.

Besprochen werden neue Pop-Veröffentlichungen, der Film "Not Fade Away", mit dem "Sopranos"-Erfinder David Chase im Kino debütiert, Lucas Svenssons "Jalta" am Schauspielhaus Düsseldorf, Jochen Biganzolis Bühnenadaption von Michail Bulgakows Roman "Meister und Margarita" an der Oper Hamburg und Bücher, darunter Jennifer Teeges und Nikola Sellmairs "Mein Großvater hätte mich erschossen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 25.09.2013

"Der GULag existiert bis heute", schreibt ein schockierter Michael Hanfeld im Medienteil nach dem offenen Brief von Pussy-Riot-Mitglied Nadjeschda Tolokonnikowa, die sich seit Montag im Hungerstreik befindet, um gegen die menschenverachtenden Haftbedingungen im Arbeitslager zu protestieren.

Im Feuilleton kann Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum Hans Magnus Enzensberger nach dessen Auftritt im Fernsehen, bei dem er das Ausmaß digitaler Überwachung als "post-demokratischen Zustand" kennzeichnete, nur beipflichten. Ein erstes Symptom dafür sieht Baum schon in der Gleichgültigkeit, mit der weite Teile der Bevölkerung auf immer neuere Enthüllungen reagieren. Diese "erzeugen noch nicht einmal ein Gefühl von Unbehagen. ... Aber was kann man vom einzelnen Bürger erwarten, wenn die Politik die Probleme nicht erkennt oder nicht thematisiert? Auf keinem Parteitag der vergangenen Jahre spielte das Thema eine herausragende Rolle."

Weiteres: China diffamiert mit einer Medienkampagne das Bloggen, erklärt Mark Siemons. Jordan Mejias lässt sich von der Historikerin Julia C. Ott erklären, wie man die Geschichte des Kapitalismus methodisch korrekt erforscht. Lena Bopp berichtet von der Kunstbiennale in Moskau, wo sie zu ihrem Bedauern nur in Nebenveranstaltungen auf Provokationen stößt (etwa in der Schau "Reconstruction"). Karin Leydecker besucht den neuen Erweiterungsbau der Holzschnitzschule in Oberammergau.

Besprochen werden Sebastian Baumgartens "Fliegenden Holländer" in Bremen (eine der "intelligenteren Deutungen dieses Werks seit Jahren", die den wegen seines Bayreuther "Tannhäusers" als Wagner-Interpret in Ungnade gefallenen Regisseur rehabilitiert, meint Christian Wildhagen), eine Katharina Sieverding gewidmete Schau im Museum Schloss Moyland, David Gordon Greens neuer Film "Prince Avalanche" und Bücher, darunter Neuerscheinungen über französische Gartenkunst (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).