Heute in den Feuilletons

Tendenz zur Grenzüberschreitung

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2013. "Handwerk. Doubletake. Pause": Im Tagesspiegel erinnert sich Bruno Ganz an seinen Freund, den Schauspieler, Komiker und neugierigen Melancholiker Otto Sander. Die SZ berichtet vom hartnäckigen Kampf des Regisseurs Mohammad Rasoulof, dem iranischen Regime ein Minimum an Zivilität abzuringen. In einer Spezial-taz berichtet Exil-Autoren vom Leben im Krokodilpark. Die NZZ erkundet die Spiritualität der abstrakten Malerei.  Die FAZ erlebt bei der Istanbuler Biennale die Alchemie einer Stadt.

Weitere Medien, 27.09.2013

In Tagesspiegel erinnert sich Bruno Ganz an seinen Freund und Schauspielerkollegen Otto Sander, mit dem ihm die Frage nach dem Wie unauflöslich verband: "Es gibt Gesetze auf der Bühne. Wir forschten weiter, in der Kantine, in Kneipen, in Wohnungen, in der Garderobe, im Freien, in Hoppegarten oder im Olympiastadion, auf hoher See, in Bahnhöfen, auch an irgendeinem Sandstrand. Wein und Zigaretten. 'Hast du gesehen, den linken Arm, wie sie den leicht anwinkelt, wenn sie an die Rampe geht? Wunderbar!' Sagt Otto. Wie spielt man das? Handwerk. Doubletake. Pause. Die Pause wie lang? Timing ist alles, zumal bei Komikern. Und Otto, mein Kumpel, mein Kollege, mein Konkurrent, mein Freund ist Komiker. Und was für einer. Ein Bursche toll von Witz, wie Shakespeare von ihm hätte sagen können, und natürlich Melancholiker. Ein neugieriger Melancholiker."

Der Guardian berichtete bereits mehrmals über die Bedingungen, unter denen Arbeitsmigranten in Katar für die WM-Bauten schuften müssen und die nicht weit von Sklaverei entfernt sind. Unter anderem hatte der Guardian herausgefunden, "that 44 Nepalese workers died from 4 June to 8 August this year, about half from heart failure or workplace accidents. Workers described being forced to work in 50 C heat without a supply of drinking water by employers who withhold salaries for several months and retain their passports to prevent them leaving the country. The investigation found sickness is endemic among workers living in overcrowded and insanitary conditions, and hunger has been reported."

NZZ, 27.09.2013

Maria Becker schreibt sehr beeindruckt von der großen Ausstellung im Kunstmuseum Basel zur abstrakten Malerei, die Piet Mondrian, Barnett Newman und Dan Flavin. Becker empfiehlt auch einen Gang rückwärts durch die Schau: "Der Weg von Flavin zu Mondrian ist ein Gang von der Auflösung zur Konkretisierung. Es scheint, dass es zur Zeit von Mondrian noch einfacher war, in der Abstraktion eine gültige Form zu sehen. Für ihn war sie Programm, etwas Festes, dessen Rechtfertigung formuliert war. Newman und Flavin zeigen, dass die Malerei in ihrer abstrakten Form grundsätzlich eine Tendenz zur Grenzüberschreitung hat. Ob in der schieren Größe der Leinwand oder im fluoreszierenden Schein der Leuchtstoffröhre - sie ist das Medium der Auflösung und damit das anschauliche Äquivalent geistiger Räume. Die Spiritualität, die alle drei Künstler verbindet, hat darin ihren Ursprung."

Weiteres: Patrizia Grzonka inspiziert die neue von etlichen Großarchitekten entworfene Wirtschaftsuniversität Wien. Besprochen werden das Album "Corazón Profundo" des Kolumbianers Vallenatero Carlos Vives und das Ambientpop-Album "R Plus Seven" von Daniel Lopatin und seinem Projekt Oneohtrix Point Never.

Eine kleine Kostprobe:

TAZ, 27.09.2013

In einer gemeinsamen Spezial-Ausgabe von Reporter ohne Grenzen, PEN und taz-Panter Stiftung schildern MigrantInnen, Journalisten und Autoren im Exil die Zustände in ihren Heimatländern und ihre Situation und Befindlichkeit heute. Der Journalist Moses Okile Ebokorait etwa, der nach einem kritischen Artikel Morddrohungen erhielt, sein Heimatland Uganda 2009 durch ein Stipendium jedoch verlassen konnte, beschreibt die Zumutung, ein „neues Leben als Flüchtling zu beginnen: "Als würde man in eine Art Krokodilpark hineinspazieren“." Unter der Überschrift „Immer unter Generalverdacht“ resümiert Fatma Aydemir zudem eine Berliner Veranstaltung von Reporter ohne Grenzen und Amnesty, auf der der türkische Journalist Ismail Saymaz über die nicht vorhandene Pressefreiheit in seiner Heimat berichtete.

Sophie Jung porträtiert die in Den Haag lebende Kalifornierin Xosar alias Sheela Rahman, die mit Vintage-Geräten einen puristischen, aber kraftvollen House-Sound produziert. Andreas Hartmann besuchte ein Abschiedskonzert für die verstorbenen Musikerin, Chorleiterin und Autorin Almut Klotz im Kreuzberger Club Monarch.

Besprochen werden das Debütalbum „Pull my hair back“ der Kanadierin Jessy Lanza und der dritte Band der Trilogie „Die heile Welt der Diktatur“ des Berliner Historikers Stefan Wolle, der die Widersprüche der DDR anschaulich unter die Lupe nimmt. (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Und Tom.
Anzeige

Welt, 27.09.2013

Richard Kämmerlings attestiert der Trauerfeier für Marcel Reich-Ranicki, das sie nicht nur würdig, sondern auch ästhetisch gelungen war. Der Germanist Karl-Heinz Göttert kann getrost auf die spießigen Vorgaben des Vereins Deutsche Sprache ("Klapprechner") verzichten. Matthias Heine erklärt - vor allem für Franzosen und Engländer -, dass Mutti nicht für Mama steht, sondern für eine sexuell unattraktive mittelalte Frau.

Besprochen werden René Polleschs Stück "Cavalcade or Being a holy motor" in Wien, die Ausstellung "Le Grand Atelier du Midi" in Marseille und Aix-en-Provence, Metallicas Konzertfilm "Through The Never", Navad Schirmanns Dokumentation zur Terroristin und Carlos-Gefährtin Magdalena Kopp und Massimo Carlottos neuer Krimi "Die Marseille-Connection".

FAZ, 27.09.2013

Daniel Birnbaum führt durch die Istanbuler Biennale, die Öffentlichkeit als Thema zwar adressiert, dem öffentlichen Raum aber entzogen ist. Ein Dilemma, meint der Direktor des Stockholmer Moderna Museet: "Die Kuratorin spricht von sozialer Alchemie und der kollektiven Einbildungskraft. ... Wer die Straßen Istanbuls verlässt, um diese Ausstellung über den öffentlichen Raum anzusehen, lernt viel dazu (...) Aber er wird die eigentliche Alchemie verpassen: Sie spielt sich täglich draußen ab, vor den Türen der Kunstinstitutionen. Es ist die Alchemie einer Stadt, die sich gerade gewaltsam wandelt."

Außerdem: Eleonore Büning unterhält sich mit der Sopranistin Julia Lezhneva. Den ersten Slow-Food-Führer für Deutschland findet Jürgen Dollase nicht rundum überzeugend: "Ein Anfang ist gemacht, etwas mehr Zauber könnte er durchaus vertragen." Andreas Nefzger besucht ein ökologisch nachhaltiges Aussteigerdorf in Bayern. Wulf Segebrecht verabschiedet sich von der Dichterin Elisabeth Borchers. Dokumentiert werden Rachel Salamanders (hier) und Thomas Gottschalks (hier) Reden zur gestrigen Trauerfeier für Marcel Reich-Ranicki.

Besprochen werden Stings neues Album, René Polleschs in Wien aufgeführtes Stück "Cavalcade" (Martin Lhotzky winkt ab: "Turbulente Szenen wechseln mit zum Gähnen langweiligen Wiederholungen ... Also leider wieder ein typischer Pollesch") und Bücher, darunter Ulrich Tukurs Novelle "Die Spieluhr" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 27.09.2013

Stefan Buchen berichtet, dass der - wie Jafar Panahi zu Haft und Berufsverbot verurteilte - iranische Regisseur Mohammad Rasoulof bei der Reise von Hamburg nach Teheran von den Behörden zumindest für Nachfragen bezüglich seines neuen, in Hamburg und heimlich auch in Iran entstandenen Thrillers "Manuscripts don't burn" (ein internationaler Pressespiegel) abgefangen worden ist: "Der Fall Rasoulof zwingt jetzt die Machthaber, den neuen Präsidenten Hassan Rohani eingeschlossen, zu offenbaren, wie sie es mit der kritischen Kunst und der Regimekritik schlechthin halten. ... Rasoulofs Reise in die Heimat könnte man für unverfroren oder gar selbstmörderisch halten. Aber sein Anliegen ist es, das Regime zu einem Minimum an Zivilität zu erziehen. Dazu gehört aus seiner Sicht, dass es Künstler und Filmemacher, und seien sie noch so kritisch, in Ruhe lässt." Hier ein aktuelles Interview mit Rasoulof.

Weitere Artikel: Johan Schloemann berichtet von der Trauerfeier für Marcel Reich-Ranicki. "In gewissem Sinn ist die Germanistik Opfer ihres Erfolgs geworden", lautet Burkhard Müllers Fazit nach dem Besuch einer Fachtagung, die sich mit der immer weiter ausdifferenzierenden Disziplin befasst hatte. Marion Ammicht beobachtet Stefan Bachmanns Antritt als neuer Intendant am Kölner Schauspiel. Helmut Mauró befragt Markus Hinterhäuser, der ab 2017 den Salzburger Festspielen vorstehen wird, nach dessen Plänen für seine Intendanz. Alexander Menden besichtigt Zaha Hadids Anbau für die Serpentine Gallery in London. Lothar Müller schreibt den Nachruf auf die Dichterin Elisabeth Borchers.

Besprochen werden das neue Album von Kings of Leon und Bücher, darunter Olaf Kühls Krimi "Der wahre Sohn" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).