Heute in den Feuilletons

Ausnahmslos schleppend, exzeptionell tieftönig

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2013. In der SZ singt Orhan Pamuk eine Hommage auf die Demonstranten vom Taksim-Platz. Berliner Blogs streiten über Berliner Start ups. Der Freitag fragt mit Blick auf die Suhrkamp-Debatte, ob die Feuilletons endgültig ins Spektakel abgeglitten sind. Die Zeit hat beim kostenlosen Lunch im Silicon Valley die AGB von Google studiert. In der taz fordert Reinhard Loske Freiheit zum Verzicht auf Freiheit zum Konsum. Der Tagesspiegel geißelt die scharfen Urteile gegen internationale Stiftungen in Ägypten.

NZZ, 06.06.2013

Als ein "informelles Wunder" preist Petra Kipphoff die Bremer Retrospektive des Informel-Künstlers Wols: "Die nicht nur umfassende, sondern auch kenntnisreich gehängte Bremer Ausstellung zeigt die Übergänge und schließlich den Wechsel vom Zeichner zum Maler, der einmal selber gesagt hatte, dass die Bewegungen der Hand und Finger genügten, um alles auszudrücken, wohingegen die Bewegung der Arme, die zum Bemalen der Leinwand notwendig sei, doch 'zuviel von ehrgeiziger Absicht und von Gymnastik' habe." (Hier das Bild "Le fantôme bleu" aus seinem Todesjahr 1951.)

Weiteres: Mit dem Inzest-Stück "von den beinen zu kurz" der Zürcherin Katja Brunner gewinnt erstmals ein Erstlingswerk den Mülheimer Dramatikerpreis, meldet Hans-Christoph Zimmermann. Besprochen werden die Filme "Une Estonienne à Paris" von Ilmar Raag (den Patrick Straumann als "ein nicht unsensibles Kammerspiel" beschreibt), und "The Patience Stone" von Atiq Rahimi sowie Bücher, darunter "Amtshandlung gegen einen Unsterblichen" von Albert Drach (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: Patrick Straumann

Aus den Blogs, 06.06.2013

Berliner Start-Ups sind mal wieder im Gespräch, seit bekannt wurde, dass Bill Gates in der Stadt investiert. Aber es gehen auch Start-Ups unter in der Stadt. Der Investor Ciarán O'Leary fordert in seinem Blog Fairness für scheiternde Start-Up-Unternehmen: "Some companies that are going to be sold or shut-down this year may have gotten more attention than others. What's super lame though is to go around and kick these folks in the nuts when they are on the ground. As a maturing ecosystem we should be helping them up and give them the resources to go and have another shot. Schadenfreude is really one of the very worst traits of the human character."

Martin Weigert hält auf Netzwertig dagegen: "Wer von den Vorzügen eines florierenden Ökosystems und von brummenden, profitablen Geschäftsmodelle profitieren möchte, kann nicht erwarten, dass es auf dem Weg dahin zugeht wie auf einem Kaffeekränzchen."

Charles Simic bekennt im NYRBlog sein tiefes Erstaunen über den Gang der Dinge: "Of course, I never really believed it would happen. Grow old, I mean. I knew it was coming, saw the evidence of it in my friends and relatives, but despite that, I acted as if aging had nothing to do with me."

(via Gawker) Unterdessen versucht der israelische Bildungsminister Rabbi Shai Piron im Parlament eine Rede zu halten, kann aber nicht:


Welt, 06.06.2013

Dankwart Guratzsch ist überzeugt: "Der Traum von der Stadt am Strom lebt - allen Fluten zum Trotz". Michael Pilz freut sich, das der ehemalige Queen-Gitarrist und Tierschützer Brian May Songs für Dachse vorlegt. Holger Kreitling schreibt zum Tod des Schauspielers Eddi Arent. Der türkische Autor Celil Oker legt einen leider nicht eben tiefschürfenden Text zu den Protesten in Istanbul vor. Besprochen werden das neue Black-Sabbath-Album, Filme, darunter der Science-Fiction-Film "After Earth" mit Scientology-Lebensregeln und Will Smith, der bestreitet, der Sekte anzugehören, aber fleißig für sie spendet, außerdem Alain Resnais' neuer Film "Ihr werdet euch noch wundern" und Richard Linklaters Filmkomödie "Before Midnight".

Im Forum möchte Hanns-Georg Rodek bei anstehenden Freihandelsverhandlungen die "Kulturelle Ausnahme" beachtet wissen, und Dankwart Guratzsch hofft auf einen Städtebau, der die Bürger nicht bevormundet.
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TAZ, 06.06.2013

Cristina Nord unterhält sich mit dem kambodschanischen Filmemacher Rithy Panh, der in Cannes mit dem "Prix un certain régard" ausgezeichnet wurde, über seinen Film "L'image manquante", der mit Tonfiguren die Geschichte der kambodschanischen Bevölkerung zur Zeit des Regimes der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 erzählt. Panh spricht darin auch über Claude Lanzmann und dessen Widerwillen gegen Archivbilder: "Meistens sind sie eine allzu leichte Lösung. Aber ich verstehe auch, dass er sich ändert. Man muss frei sein. Wenn man sich ein kinematografisches Werk erarbeitet, dann gibt es keine Verbote, nur eine Ethik. Und trotzdem: Es ist gefährlich, extrem gefährlich, Archivbilder zu verwenden ... Wenn man Dinge auf die falsche Weise zeigt, dann wird es leicht voyeuristisch und obszön."

Besprochen werden Alain Resnais' neuer Film "Ihr werdet euch noch wundern", der Science-Fiction-Film "After Earth" von M. Night Shyamalan, der angeblich für Scientology wirbt, eine Ausstellung des französisch-algerischen Künstlers Kader Attia in den Kunst-Werken Berlin, das aktuelle Soloalbum "The Plain Where the Palace Stood" des Gitarristen, Sängers und Komponisten David Grubbs und eine Neuauflage des Antikriegsklassikers "Johnny got his gun" von Dalton Trumbo von 1939 (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Freitag, 06.06.2013

Die hingebungsvolle Berichterstattung der Feuillletons über die Königsdramen im Suhrkamp Verlag stimmt Axel Brüggemann skeptisch. Sind die Feuilletons endgültig in die Spektakelästhethik abgeglitten? Sie "debattieren die symbolische Bedeutung der Krawattenfarbe Barack Obamas, geben Lösungen für den Nahost-Konflikt und den NSU-Prozess. Literaturkritiker werden zu Ökonomie-Experten, Kunstverständige zu Spekulationsberatern. Sie alle kommen längst ohne den alten, mühsamen Umweg über die Kultur aus, um unsere Wirklichkeit zu deuten."

Tagesspiegel, 06.06.2013

Der Leiter des Ost-West-Forums, Axel Schmidt-Gödelitz, erklärt im Interview, warum er die Kritik an Angela Merkel, sie habe sich in der DDR zu sehr angepasst, ziemlich heuchlerisch findet: "Ach, was erwarten Sie von Politikern? Schauen Sie sich die Biografien von westdeutschen Politikern auf dem Weg nach oben an: die Anpassungleistung von Angela Merkel ist vergleichsweise gering. Die Frau hat einen Vorteil, und das sage ich als Mitglied der SPD: Sie ist unbestechlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wie etwa Gerhard Schröder direkt aus der Kanzlerschaft in eine Lobbyisten-Position wechselt. Menschen neigen nun mal dazu, sich anzupassen. Und es ist jetzt unsere Aufgabe zu vermeiden, je wieder ein System zu haben, das sie in diese Situation bringt."

Gerd Appenzeller kritisiert scharf die harschen Urteile in Ägypten gegen Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung. "Die Attacken gegen Organisationen, die die Zivilgesellschaft stärken, entsprechen geradezu spiegelbildlich den russischen Sanktionen gegen die Stiftungen. Sie sind Ausfluss der systemimmanenten Angst von Diktaturen vor Meinungs- und Pressefreiheit. Das sprunghafte Ansteigen der Verfahren wegen Gotteslästerung zeigt, dass im neuen Ägypten auch von Religionsfreiheit keine Rede sein kann. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte berichtet von sieben Todesurteilen wegen Blasphemie. Koptische Christen durchleiden Todesängste."

Außerdem: Christina Wahl berichtet von den Autorentheatertagen im Deutschen Theater Berlin. Peter von Becker stellt die Gesammelten Gedichte von Thomas Brasch vor. Eine Meldung informiert uns, dass Matthias Weichelt Chef von Sinn und Form wird. Und Maria Fiedler lobt den Mut der "Herren Professorin" in Leipzig zu schnellen, originellen Entscheidungen.

Weitere Medien, 06.06.2013

Unter dem Titel "Die Revolution fickt ihre Kinder - Die Pädophilie-Debatte und die Linke" erinnert Jörn Schulz in der Jungle World daran, dass seinerzeit gerade auch die Mehrheitsgesellschaft zum Missbrauch geneigt war: "Dass Menschen nicht zum Sex gezwungen werden dürfen, war noch vor 20 Jahren keine Selbstverständlichkeit. 1966 urteilte der Bundesgerichtshof, dass die Ehefrau zum Geschlechtsverkehr verpflichtet sei, überdies wurde es ihr verboten, dabei 'Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen'. Erst 1997 wurde die Vergewaltigung in der Ehe zur Straftat."

Zeit, 06.06.2013

Moritz Müller-Wirth und Heinrich Wefing tun es Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann gleich und suchen im Silicon Valley nach neuen Visionen. Dabei müssen sie sich große Mühe geben, dem Genius Loci nicht zu erliegen: "Ja, der Lunch ist kostenlos hier, man kann während der Arbeitszeit schwimmen gehen oder Klavier spielen, aber hier auf dem Campus, oder irgendwo in der Nähe, in einer dunklen Parallelwelt, sitzen auch die Typen, die das Kleingedruckte so formulieren, dass die Nutzer von Google bei Streitereien fast immer den Kürzeren ziehen."

Passend dazu unterhalten sich im Wirtschaftsteil Götz Haman und Marcus Rohwetter mit den Google-Topmanagern Eric Schmidt und Jared Cohen über Datenschutz (Schmidt: "Generell denke ich, dass dem Einzelnen seine Daten gehören sollten. Und jeder sollte in der Lage sein, diese Daten auch wieder zu löschen. Das ist generell gesehen Google-Policy."), die revolutionäre Macht des Internets (Cohen: "Man kann in Gesellschaften, in denen die Menschen Zugang zum Internet haben, leichter als früher eine Revolution organisieren. Man kann sie aber auch schwerer als früher beenden.") und Steuerparadiese (Schmidt: "Wir bewegen uns im europäischen Steuersystem. Unterschiedliche Länder in der EU haben unterschiedliche Steuersätze. Ob das gut oder schlecht ist, habe ich nicht zu beurteilen.").

Weiteres: Die statische Homepageoberfläche hat ausgedient, die Zukunft gehört dem Live-Ticker, informiert Kilian Trotier im Feuilleton: "Es ist der endgültige Triumph der Hochgeschwindigkeitsvermittlung." In der Forderung nach einem Tempolimit sieht Thea Dorn den Tugendterror einer sich "zur allgegenwärtigen Gouvernante" aufschwingenden Gesellschaft am Werk und unkt: "Wir sind dabei, uns zu Tode zu schonen." Hanno Rauterberg freut sich, dass bei der Biennale in Venedig "nicht nur alte Schwarmgeister" zu sehen waren. Armin Nassehi meldet die Grundsteinlegung des Berliner Stadtschlosses. Moritz von Uslar begleitet Martin Walser durch einen terminreichen Tag in Athen. "Die Akademie hat recht getan", befindet Ijoma Mangoldt zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Sibylle Lewitscharoff. Peter Kümmel berichtet auf zwei Seiten vom Internationalen Werbefestival Cannes und stellt fest: "Aus der Schlacht um die Aufmerksamkeit des Menschen ist ein Dschungelkampf, ein Häuserkampf geworden."

Besprochen werden außerdem Luc Bondys Inszenierung von Molières "Tarftuffe" am Wiener Akademietheater (bei der Peter Kümmel einem "Schauspielerfest" beiwohnt), die Filme "Before Midnight" von Richard Linklater und "The Place Beyond the Pines" von Derek Cianfrance (der laut Sabine Horst raffiniert "zwischen dem Mainstreamkino der Attraktionen und der Sparsamkeit des Arthousefilms" changiert) und Bücher, darunter Eugen Ruges Roman (Leseprobe) "Cabo d Gata" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

FAZ, 06.06.2013

Reinhard Loske, Professor für Nachhaltigkeit in Witten/Herdecke, ist tief enttäuscht vom Ergebnis des Enquete-Berichts "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität", den der Bundestag gerade herausgebracht hat. Vor allem der "auffällig beschränkte" Freiheitsbegriff des den Bericht offenbar prägenden FDP-Politikers Karl-Heinz Paqué stößt ihm sauer auf: "Freiheit ist für ihn vor allem die Freiheit zum Verbrauch von allem Möglichen, keineswegs aber die Freiheit zum Verzicht aus Einsicht oder Verantwortungsgefühl."

Weitere Artikel: Bert Rebhandl empfiehlt die (von den Perlentaucher-Kritikern Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky mitkuratierte) Filmreihe "The Real Eighties" im Filmmuseum Wien. Regina Mönch berichtet von den "Potsdamer Begegnungen", die in diesem Jahr zwischen dem russischen Schriftsteller Viktor Jerofejew und Bundespräsident Joachim Gauck stattfanden. Andreas Rossmann wundert sich, dass DuMont in seinem Herbstprogramm auf Kunst verzichtet. Nicola von Lutterotti meldet, dass der Immunologe Ruslan Medzhitov von der Kröner-Fresenius-Stiftung ausgezeichnet wurde. Auf der Medienseite staunt Denise Peikert darüber, wie sich die Leute in den deutschen Hochwassergebieten über Twitter und Facebook organisieren.

Besprochen werden M. Night Shyamalans neuer Film "After Earth", Moussa Tourés Film "Die Piroge", die Aufführung von Verdis "Simon Boccanegra" an der Bayerischen Staatsoper und Bücher, darunter Lisa Moores Roman "Im Rachen des Alligators" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 06.06.2013

Orhan Pamuk übermittelt Notizen aus Istanbul: Der Nobelpreisträger kann sich "nicht vorstellen, dass es irgendjemanden in dieser Stadt gibt, der nicht eine Erinnerung hätte, die ihn irgendwie mit dem Taksim-Platz verbindet. ... Es erfüllt mich mit Hoffnung und Vertrauen, wenn ich sehe, dass die Menschen von Istanbul weder auf ihr Recht, politische Demonstrationen auf dem Taksim-Platz abzuhalten, noch auf ihre Erinnerung verzichten."

Auf Seite Drei berichtet Christiane Schlötzer unterdessen von der glückseligen Volksfeststimmung auf dem Taksim nach dem Abzug der Polizei: "Trommler sind da und kurdische Tänzer, Atatürk-Anhänger mit rot-weißen Fahnen, Spaziergänger, die nur mal schauen wollen, Studenten, Schüler, Fußballfans in voller Montur, Künstler, mutige Touristen."

Im Feuilleton ist Joachim Hentschel ziemlich geplättet von Black Sabbath, die erstmals seit den 70ern wieder ein komplettes Album mit Ozzy Osbourne ("Fürst der Finsternis und der größte Zirkusdepp aller Zeiten", feixt Hentschel) aufgenommen haben: Dieses "klingt so vorbildlich monoton, ausnahmslos schleppend, exzeptionell tieftönig, dass man eine Stunde lang nicht daran zu denken wagt, dass das hier vielleicht nur uralter Schwermetall-Schmelzkäse aus den Siebzigern sein könnte". Lasset dazu die Mähnen kreisen!



Weitere Artikel: In den USA diskutiert man über brutale Initationsriten von Studentenvereinigungen, berichtet die Schriftstellerin Tanja Dückers. Bildhauer Alexander Laner erklärt im Gespräch mit Catrin Lorch seinen als Protest gegen die Münchner Wohnsituation am Wittelsbachplatz aufgestellten, 6 Quadratmeter großen Wohnkubus. Tobias Kniebe erzählt von einer Begegnung mit Alain Resnais, dessen neuen Film "Ihr werdet Euch noch wundern" Fritz Göttler bespricht. Auf der Literaturseite würdigen die SZ-Literaturkritiker die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff.

Besprochen werden die Ausstellung "Kapoor in Berlin" im Martin-Gropius-Bau und Will Smiths Science-Fiction-Film "After Earth".