Heute in den Feuilletons

Gierige Halbwelt und einverständige Mediengaffer

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.06.2013. Der Spiegel geißelt Barack Obamas Überwachungsstaat, der bedenkenlos so viele Telefongespräche aufzeichnet wie nur möglich. Die Welt bringt ein großes Dossier über Picasso und Deutschland. Das Blog mylorraine.fr porträtiert den 21-jährigen Fotografen Edouard Elias, der in Syrien vermisst wird. Die taz lauscht der Nostalgiemaschine der Boards of Canada. Die FAZ feiert mit den Istanbuler Demonstranten. Aber in Venedig wird ihr übel.

Welt, 07.06.2013

Die Welt bringt ein faszinierendes Dossier über einen historischen Moment vor hundert Jahren, in dem Deutschland mal eine schöne Rolle spielt: die erste große Picasso-Retrospektive 1913 bei Heinrich Thannhauser in München. Mitkuratiert hat das Dossier der Picasso-Enkel Bernard Ruiz-Picasso, der in einem Editorial schreibt: "Nirgendwo sonst als in Deutschland weiß man in diesem Moment so viel über Picasso, auch nicht in Paris." Picassos Ruf hätte sich nicht so explosiansartig verbreitet ohne deutsche Sammler und Kunsthändler wie Daniel-Henry Kahnweiler, schreibt Hans-Joachim Müller im Hauptartikel: "Erstaunlich scheint diese frühe Picasso-Begeisterung umso mehr, als sie in Deutschland ganz entschieden auch und gerade dem schwerer zugänglichen kubistischen Experiment galt. Ambroise Vollard, einer von Picassos ersten Händlern in Paris, hatte gleichsam die Geduld mit seinem Schützling verloren, als dieser begann, Figuren zu zeichnen, dass es aussah, als schnitzte sie ein Stammeskünstler aus einem rohen Stück Holz."

Auch Peter-Klaus Schuster erinnert an den historischen Moment. Sascha Lehnartz führt ein Gespräch mit Bernard Ruiz-Picasso und Werner Spies. Hans-Joachim Müller erklärt in einem zweiten Artikel "warum Ernst Ludwig Kirchner die Ausstellung 'Picasso und die Negerplastik' 1913 in Berlin als unerträgliche Konkurrenz empfand. Und der Kunsthistoriker Olivier Berggruen betrachtet Picassos Porträt des Galeristen Wilhelm Uhde.

Spiegel Online, 07.06.2013

Auf Spiegel online schreibt Marc Pitzke über den Überwachungsskandal in den USA: Wie der Guardian herausgefunden hat, hat ein amerikanisches Geheimgericht eine Tochter der Telefongesellschaft Verizon dazu verurteilt, dem Geheimdienst NSA die Daten sämtlicher In- und Auslandsgespräche zu übergeben. Inzwischen haben Weißes Haus und Kongress klargestellt, "dass es sich hier um keine Ausnahme handelt. Sondern um eine politisch wie juristisch sanktionierte Routinesache, die das Bush-Programm nahtlos fortführt - und ausbaut. Auch wurde zwischen den Zeilen deutlich, dass Verizon nicht der einzige Telekom-Konzern ist, der gezwungen ist, seine Kunden dergestalt auszuliefern. Und das ist nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Am Abend bestätigten Regierungskreise indirekt neue Meldungen der Washington Post (hier) und des Guardian (hier), dass die NSA und das FBI seit 2007 auch die Server von neun US-Internetfirmen direkt anzapften - darunter Microsoft, Yahoo, Google, Facebook, AOL, Skype, YouTube und Apple. Willkommen im Überwachungsstaat USA, Version 2.0."

NZZ, 07.06.2013

Der Istanbuler Taksim Platz hat sich zu einem Treffpunkt für kritische Künstler entwickelt, berichtet Veronika Hartmann. Der Protest vereint so unterschiedliche Persönlichkeiten wie der Komponist und Pianist Fazil Say, der Künstler Bedri Baykam, der Schriftsteller Zülfü Livaneli und der Popsänger Tarkan: "'Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zwischen so vielen türkischen Flaggen und Atatürks laufen würde!', wundert sich der kurdische Maler Mahmut Celayir. 'Noch vor einer Woche hätte ich das schlicht für unmöglich gehalten.' Die Symbole haben ihre Bedeutung verändert, statt für unvereinbare Welten stehen sie nun für ein pluralistisches Mosaik, was die Türkei immer sein wollte, aber bisher nicht zu werden vermochte."

Das gerade eröffnete Museum für Architekturzeichnung in Berlin lockt mit einer Ausstellung von Giovanni Battista Piranesis Zeichnungen der Tempel in Paestum, vor allem aber mit seiner eigenen spektakulären Architektur, staunt Jürgen Tietz. Samuel Herzog empfiehlt die derzeit im Kunsthaus Zürich ausgestellte Sammlung Hubert Looser.

Besprochen werden eine CD mit den letzten Aufnahmen der am 1. Mai verstorbenen Pianistin Erika Haase sowie der britische TV-Mehrteiler "Parade's End", die heute bei Arte anläuft (und mit dem sich "der Donnerstagabend auf Arte zum festen Schauplatz gepflegter Fernsehunterhaltung" etabliert, wie Claudia Schwartz meint).
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TAZ, 07.06.2013

Christian Werthschulte widmet sich ausführlich den neuen Alben des schottischen Elektronikduos 'Boards of Canada' und des Bassmusik-Produzenten Zomby, die bei allen Unterschieden eine Gemeinsamkeit hätten: Sie sind "Nostalgiemaschinen": „"'Die kurze Spanne des Übergangs von analoger zu digitaler Musik ist der einzige Zeitraum, in dem wir überhaupt existieren können', haben 'Boards of Canada' ihren Platz in der Popgeschichte in einem ihrer seltenen Interviews mal beschrieben. Wo eine digitale Kopie verlustfrei so lange kopiert werden kann, bis sie von einem Moment auf den nächsten unlesbar ist, stellen analoge Medien ihren Verfall offen aus. Papier vergilbt, Magnetbänder leiern aus und mit jeder Kopie verstärkt sich das Rauschen. Dieses süßliche Verfallen stellen 'Boards of Canada' mit ihrer Musik nach." (Hier ein Interview mit den beiden und einige eingebettete Videos im Guardian.)

Besprochen werden weiter ein Theaterprojekt von Barbara Ehnes bei den Wiener Festwochen, das um die 1976 von Brigitte Classen und Gabriele Goettle gegründete feministische Zeitschrift „Die Schwarze Botin“ kreist, die dritte Episode von Richard Linklaters Liebesromanze „Before Midnight“ mit Julie Delpy und Ethan Hawke sowie das Album „Faint Hearted“ des Elektronik-Künstlers Miles.

Und Tom.

Aus den Blogs, 07.06.2013

Das Blog mylorraine.fr porträtiert den 21-jährigen Fotografen Edouard Elias, der in Syrien verschwunden ist (mehr hier): "Durch Vermittlung älterer Kollegen unterzeichnet er einen Vertrag mit Getty Images und veröffentlicht einige seiner 1.500 Fotos aus der Serie 'Das Myrtyrium Aleppos' in Paris Match, dem Spiegel und der Sunday Times. Seine Arbeit erstaunt. Das deutsche Magazin will sogar per Mail sicherstellen, dass seine Bilder keine 'Fälschungen' seien. Er antwortet mit Video-Bildern, die in den selben Momenten von anderen Journalisten aufgenommen wurden und die Echtheit der Szenen bezeugen."

Esther Williams ist im Alter von 92 Jahren gestorben.


Tagesspiegel, 07.06.2013

Einen "historischen Moment" erlebt der türkische Künstler Bedri Baykam gerade am Taksim-Platz, erklärt er im Interview: "Man kann die Situation in Istanbul mit den Ausschreitungen in Berkley von 1969 vergleichen, als die Bewohner der College-Stadt in Kalifornien einen öffentlichen Park vor der Vernichtung verteidigten, um im Anschluss für Freiheit und Recht im ganzen Land zu protestieren. Auch darum geht es auf dem Taksim-Platz. Uns geht es um die Grundlagen der Demokratie, nicht nur um ein paar Bäume. Wir wollen in keinem Staat leben, in dem der Gebrauch von Alkohol mit Drogenkonsum gleichgesetzt wird und Frauen sich dafür schämen müssen, Sex vor der Ehe zu haben."

Aus den Blogs, 07.06.2013

(via open culture) In dieser Radioansprache von 1940 erklärt Thomas Mann, warum die Nazis ihren Antisemitismus so agressiv propagieren: "The anti-semitism of today, the efficient though artificial anti-Semitism of our technical age, is no object in itself. It is nothing but a wrench to unscrew, bit by bit, the whole machinery of our civilization. Or, to use an up-to-date simile, Anti-Semitism is like a hand grenade tossed over the wall to work havoc and confusion in the camp of democracy. That is its real and main purpose."


SZ, 07.06.2013

Die SZ steht nach Alexander Pereiras umstrittener Entscheidung, neben seiner Intendanz bei den Salzburger Festspielen ab 2015 auch einen Posten als Intendat der Mailänder Scala anzutreten (mehr), fest an dessen Seite. Zum einen weist Pereira im Gespräch mit Helmut Mauró den Vorwurf, er beanspruche zuviel Geld, weit von sich: "Die Subvention für die Salzburger Festspiele ist auf dem Stand von 1998. Sagen Sie mir ein Wirtschaftsunternehmen, das so überleben könnte. ... Denn selbst wenn einer weniger macht als ich: Das Loch, das ihn anglotzt, ist ungefähr sechs Millionen Euro groß."

Zum anderen wundert es Reinhard J. Brembeck überhaupt nicht, dass sich große und größte Namen der Stadt, "die jenseits der Sommermonate eine recht karge Kleinstadt ist", nicht mit Haut und Haar verschreiben: "Wenn jetzt darüber spekuliert wird, ob Pereiras Vorgänger Markus Hinterhäuser ihn beerbt, dann mag das für die Progressiven ein Hoffnungsschimmer sein. Doch das beseitigt nicht Salzburgs Grundproblem, dass hier allzu viele kunstferne Entscheidungsträger ihre Finger im Spiel haben."

Außerdem: Christiane Schlötzer stellt das Atatürk-Kulturzentrum am Taksim in Istanbul vor, wo die Aktivisten - darunter nun auch die in legerer Kleidung öffentlich aufspielenden Philharmoniker - gegen Erdogans geplanten Abriss des Gezi-Parks protestieren. Laura Weißmüller stellt das neue, auf Teilhabe des Publikums setzende Ausstellungskonzept des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst vor, das nun auch seinen gastronomischen Bereich ästhetisch kuratieren lässt. Nach dem Konzert des Rappers A$AP Rocky fahndet Joachim Hentschel nach dem Verbleib von dessen bei einem Stagedive abhanden gekommener Kappe (hier mögliches Beweismaterial). Alexander Menden schreibt den Nachruf auf Tom Sharpe. Außerdem erklärt Bernd Graff, dass dieses großartige Bild von Boris Karloff (zu finden in einem neuen Bildband) kein Schnappschuss, sondern gestellt ist.

Besprochen werden Philippe Quesnes bei den Wiener Festwochen aufgeführter "Swamp Club" und Christine Wunnickes Buch über die Erfindung von Hollywood (mehr hier und in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 07.06.2013

Karen Krüger berichtet ausführlich von den Protesten in Istanbul, wo sie unter anderem ein allabendliches Ritual beobachtet: "Aus dem lautstarken Zusammenschlagen von Töpfen und Pfannen an Fenstern und auf Balkonen, das aus der Verzweiflung der Beobachter während der Straßenkämpfe der ersten Tage entstanden war, ist inzwischen eine richtige Institution geworden. ... Selbst der berühmte Pianist Fazil Say, dem von der Regierung Erdogan wegen lächerlicher Twitter-Botschaften äußerst übel mitgespielt worden ist, hält sich schon an diesen Stundenplan der Protestmusik: Als er in dieser Woche ein Klavierkonzert in Izmir gab, unterbrach er pünktlich um neun Uhr seine Darbietung, zog unter dem Flügel Geschirr hervor und machte mit ihm ein wenig Krach." Videos davon findet man bei Youtube unter den Suchbegriffen "Istanbul Pots Pans":



Außerdem erklärt die türkische Schriftstellerin Ayfer Tunç Karen Krüger, was die heutigen Proteste vom Aufbegehren gegen den Militärputsch in den Achtzigern unterscheidet: "Die junge Generation (...) verabscheut Gewalt, ihre größte Waffe ist die Ironie."

Dirk Schümer packt der Weltekel des Gerechten, nachdem er sich unter die Party- und Glitzerwelt der Kunstbiennale in Venedig gemischt hat: "Warum eigentlich kann sich die Gegenwartskunst immer noch als widerständiges Medium der Welterklärung und -verbesserung feiern, wenn kein anderes soziales Ereignis einen solchen Aufgalopp von Superreichen und Nobelmarken, mehr gierige Halbwelt und einverständige Mediengaffer anzieht als diese globale Kunstmesse im Lagunenbrackwasser?"

Weitere Artikel: Jürgen Dollase genießt im Travemünder Restaurant "La Belle Époque" "meisterlich konsolidierte" Kompositionen. Konstanze Crüwell beglückwünscht das Städel Museum zur neuen Hängung seiner Sammlung. Anne Kohlick berichtet vom Besuch des Schriftstellers Dario Fo in Frankfurt (mehr). Thilo Wydra informiert sich in der Pariser Ausstellung "Musique & cinéma" unter anderem über die Zusammenarbeit von Alfred Hitchcock und Bernard Herrmann (die materialreiche Website dazu ist im übrigen unbedingt einen Klick wert).

Besprochen werden neue CDs, darunter ausführlicher neue Beethoven-Aufnahmen, Alain Resnais' neuer Film "Ihr werdet Euch noch wundern", das neue Album von Black Sabbath (ein beglückter Dietmar Dath fängt sich schon "vom bloßen Nebenherhinhören Lungenentzündung" ein), die Ausstellung zum "Deutschen Symbolismus" in der Kunsthalle Bielefeld, zweimal Rachmaninov im Teatro Colón und Stefan Moses' Buch "Deutschlands Emigranten" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).