Heute in den Feuilletons

Brüssel muss aus Übersee exportiert werden

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.09.2012. In der Zeit fragt Wolfgang Kraushaar: War am 2. Juni 1967 in Berlin ein Attentat auf den Schah von Persien geplant? Die Welt kann es nicht fassen: Rainald Goetz steht nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. In der NZZ erklärt Bahman Nirumand, was hinter dem Studierverbot für Frauen im Iran steckt. Auf der Grosso-Tagung forderte Richard David Precht eine Stärkung von Print gegen die "Pöbelkultur" im Internet. In der FAZ schildert der Pirat Bruno Kramm die byzantinischen Ungerechtigkeiten des Systems Gema. In der FR spricht Teju Cole über seinen Roman "Open City".

TAZ, 13.09.2012

Auf den vorderen Seiten berichtet Karim El-Gawhary über die Anschläge auf die amerikanischen Botschaften in Libyen und Ägypten. Laut Bernd Pickert war die erste Reaktion der amerikanischen Botschaft in Kairo Distanzierung von dem antiislamischen Film, der die Ausschreitungen ausgelöst haben soll: "Ein erstes Statement der US-Vertretung in Kairo vom Dienstag wurde allerdings vom Außenministerium zurückgezogen. Darin hatte die Botschaft erklärt, sie verurteile 'die andauernden Anstrengungen einiger fehlgeleiteter Individuen, die religiösen Gefühle von Muslimen zu verletzen.' Sofort war die rechte US-Bloggerszene über die Regierung Obama hergefallen. Wie Washington dazu käme, das Recht auf Meinungsfreiheit nicht zu verteidigen. Prompt erklärte ein Sprecher des State Departments gegenüber der Website Politico, die Erklärung der Botschaft sei nicht autorisiert und entspreche nicht der Meinung der Regierung."

Im Kulturteil berichtet Arno Frank über die von Demonstrationen begleitete Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises an die amerikanische Philosophin Judith Butler. Parallel dazu gibt es einige Pros und Contras zur Frage, ob Butler den Preis verdiente: Es äußern sich u.a. Detlev Claussen und Aleida Assmann.

Besprochen werden Philip Scheffners Dokumentarfilm "Revision" über zwei Rumänen, die 1992 nach dem Übertritt der deutsch-polnischen Grenze in einem Feld in Mecklenburg-Vorpommern von Jägern erschossen wurden, Srdjan Dragojevic komödiantisches Roadmovie "Parada", das "voller Stereotype und Klischees" zwei Männer auf ihrer Fahrt durch das ehemalige Jugoslawien auf der Suche nach Sicherheitskräften für den Belgrader Gay Pride begleitet, und die DVD von Kenneth Lonergans Film "Margaret" von 2011, laut Ekkehard Knörer "amerikanisches Kino, das an Ernsthaftigkeit, Ambivalenzvermögen und Genauigkeit in der Menschenzeichnung noch die besten Serien überragt".

Und Tom.

Aus den Blogs, 13.09.2012

Bernard-Henri Lévy erinnert sich in The Daily Beast an den amerikanischen Diplomaten Christopher Stevens, der in Libyen offenbar von Al Qaida ermordet wurde: "He was convinced that a new chapter had opened in the long history of America's relations with the Arab world, which in the Libyan fight had seen the United States as friends not of dictators, but of ordinary people. It was his intention to help write that new chapter."

Der Film "The Innocence of Muslims", der die gewalttätigen Ausschreitungen in Libyen und Ägypten auslöste, ist unterdes auf Youtube nicht mehr zu sehen. Hier gibt es noch einige Trailer und Auszüge.

Recht heftig pro Print und anti Internet scheint eine Rede des Publizisten Richard David Precht ausgefallen zu sein, der sich als Festredner auf der Grossotagung engagieren ließ und dort offenbar gegen die "Pöbelkultur" im Internet wetterte und eine amtliche Stärkung von Print forderte, berichten die Pressemarketing-Website dnv.de (hier) und Werben und Verkaufen (hier): "'Freie Märkte bedürfen einer Regulierung, damit sie ihre Funktion angemessen erfüllen können', sagte er. Dies gelte auch für die Herstellung von Öffentlichkeit, die auf entsprechende Regulative angewiesen sei."

NZZ, 13.09.2012

An 36 iranischen Universitäten wurden 77 Fächer für Studentinnen gesperrt, darunter Pädagogik, Anglistik und Chemie, berichtet Bahman Nirumand. Er sieht darin einen verzweifelten Versuch der Mullahs, die zunehmend selbstbewussten Frauen zurück an den Herd zu drängen: "Dass es den Islamisten nach mehr als dreißig Jahren immer noch nicht gelungen ist und wahrscheinlich auch nie gelingen wird, ihre Vorstellung von Moral durchzusetzen, ist in erster Linie Frauen zu verdanken - nicht nur laizistischen, sondern weit mehr noch muslimischen Frauen. Sie haben zu der Entwicklung der iranischen Zivilgesellschaft einen großen Beitrag geleistet."

Weiteres: Oliver G. Hamm wirft einen Blick auf das Werk des Architekten Volker Staab, der zuletzt die Neue Galerie in Kassel, den Schauplatz der diesjährigen Documenta, saniert und umgebaut hat. Besprochen werden die Hunter-S.-Thompson-Verfilmung "The Rum Diary" (laut Geri Krebs "über weite Strecken so belanglos wie ein historischer Ferienprospekt"), der Schweizer Dokumentarfilm "Image Problem" sowie Rainald Goetz' Gesellschaftsroman "Johannes Holtrop" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 13.09.2012

Tilman Krause kann es nicht fassen. Ausgerechnet Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop" fehlt auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Und ihn hält zumindest er für relevanter als das "unbeträchtliche l'art pour l'art im Fantasy-Bereich" des Clemens J. Setz: "Endlich hat einmal jemand den Mut, einen wirklich bedrängenden Stoff der Gegenwart - Gier und Wahn im Turbokapitalismus - zu einer packenden Niedergangssaga zu verarbeiten, wobei die soziale Genauigkeit eines Zola sich mit der psychologischen perspicacité eines La Bruyère paart. Und eben dieses Buch bleibt unberücksichtigt. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Das ist der Skandal dieser Shortlist."

Weitere Artikel: Spießig findet Ulf Poschardt Bettina Wulffs Memoiren genau dort, wo sie selbst gegen Spießigkeit aufbegehren. Cosima Lutz empfiehlt dringend Philip Scheffners Dokumentarfilm "Revision" (mehr hier) über einen nie geahndeten "Jagdunfall", bei dem vor zwanzig Jahren an der deutsch-polnischen Grenze zwei Asylbewerber erschossen wurden.

Besprochen werden außerdem Dennis Kellys Stück "Die Opferung des Gorge Mastromas" im Schauspiel Frankfurt (laut Stefan Keim das beste neue Stück der Saison) und Filme, darunter Toke Constantin Hebbelns DDR-Drama ""Wir wollten aufs Meer" (mehr hier) und Jan Hafts Naturfilm "Das grüne Wunder" (mehr hier).

FR/Berliner, 13.09.2012

Der nigerianisch-amerikanische Autor Teju Cole erklärt im Interview, warum sein Roman "Open City" (Leseprobe) in New York spielt und nicht in Lagos. Und wie die Brüsseler auf das düstere Kapitel über Brüssel reagierten: "Die Leute waren froh, dass überhaupt mal jemand über Brüssel schreibt. In der europäischen Literatur schreibt man über Paris, London oder Berlin. Brüssel muss aus Übersee exportiert werden."

Weiteres: Judith von Sternburg stellt die Shortlist des Deutschen Buchpreises vor. Christian Schlüter war bei der Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler. Besprochen werden das Laibach-Konzert in Frankfurt und einige Filme, darunter der vierte Teil von "Das Bourne Vermächtnis".

Zeit, 13.09.2012

War am 2. Juni 1967 ein Attentat auf den Schah von Persien geplant? Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar trägt die bruchstückhaften Indizien rund um den Tod von Benno Ohnesorg zusammen und hofft auf neue Erkentnisse aus deutschen und amerikanischen Archiven: "Die Debatte hat sich vielleicht zu sehr auf die Frage fixiert, wie der genaue Ablauf im Parkhof an der Krummen Straße und welches das Motiv für den Todesschützen Kurras gewesen ist und ob er im Auftrag der Stasi gehandelt haben könnte. Das jedoch düfte eine Einengung gewesen sein, die sich vielleicht als kontraproduktiv erweisen könnte. Denn sie missachtet die Rahmenbedingungen, unter denen es zu dem mutmaßlichen Verbrechen gekommen ist. Und für diesen Rahmen ist möglicherweise der Hinweis auf das geplante Schah-Attentat zentral gewesen."

Weiteres: Harald Martenstein wettert im Aufmacher gegen die Unfähigkeit und den schlechten Geschmack der politischen Führung Berlins (hier ein genauso schöner Text von Martenstein zum selben Thema). Thomas Groß unterhält sich mit Juliette Gréco über ihr bewegtes Leben und die vielen bedeutenden Männer, denen sie begegnet ist. Katja Nicodemus zieht eine positive Bilanz des Filmfestivals in Venedig. Volker Hagedorn kommt beim Kammermusikfestival in Jerusalem zu dem hoffnungsvollen Schluss: "Musik löst keine Probleme, sie vollbringt aber Wunder." In der Ausstellung des amerikanischen Künstlers Frank Stella im Kunstmuseum Wolfsburg "lernen die Dogmen und Axiome der Moderne tanzen", berichtet Gerrit Gohlke. Peter Michalzik trifft sich mit Anne Lepper, die von der Zeitschrift Theater heute zur wichtigsten Nachwuchsdramatikerin des Jahres gekürt wurde. Außerdem werden Bücher besprochen, darunter Biografien von Bernd Eichinger und Helmut Kohl (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Dossier untersucht Tina Hildebrandt, wie Christian Wulff, seine Frau Bettina und sein ehemaliger Sprecher Olaf Glaeseker jeder für sich versuchen, den im vergangenen Dreivierteljahr erlittenen Schaden zu begrenzen. Um Bettina Wulffs Klage gegen Google geht es auch im Wirtschaftsteil in einem Interview mit dem Internetforscher Viktor Mayer-Schönberger.

SZ, 13.09.2012

Für Stefan Kornelius ist die Schuldfrage bei den ägyptisch-libyschen Ausschreitungen schon geklärt: "Es ist müßig hier nach Tätern und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen Extremisten aus, islamistische Fanatiker haben sie angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt."

Als "seufzendes 'Aber ja'-Urteil" deutet Heribert Prantl das ESM-Urteil aus Karlsruhe auf der Meinungsseite. Merkwürdig findet es Volker Breidecker nach Judith Butlers Auszeichnung mit dem Adornopreis, dass sich die Philosophin nicht dazu durchringen kann, sich von Hamas und Hisbollah "glaubwürdig und nicht nur scheinheilig zu distanzieren". Stephan Opitz liest neue Studien zur Kreativ- und Kulturwirtschaft in Deutschland, die ihm deren "beeindruckenden Anteil an der Bruttowertschöpfung" nicht transparent genug vermitteln. Für Harald Eggebrecht tut sich beim Konzert des ostslowakischen Bartoschowski-Ensemble beim Menuhin Festival "eine andere Welt auf". Anke Sterneborg plaudert mit Regisseur Tony Gilroy über dessen neuen Film "Das Bourne Vermächtnis". Renate Meinhof porträtiert den Mäzen James Simon, den Namenspatron des gleichnamigen, gerade in Berlin verliehenen Preises. Klaus G. Saur schreibt den Nachruf auf den Autor Hans Joachim Störig.

Besprochen werden eine große Tizian-Ausstellung in der Gallerie dell'Accademia in Venedig, der kolumbianische Horrorthriler "Das verborgene Gesicht" (den Tobias Kniebe als "feinen Trip" empfiehlt), Philip Scheffners Film "Revision", die beiden Eröffnungspremieren am Theater Bielefeld (von denen das Stück "Demut vor deinen Taten, Baby" Till Briegleb zufolge "mitten im Pussy-Riot-Trend" liegt, "hier allerdings nur putzig" bleibt) sowie Jens Jessens Gesellschaftsroman "Im Falschen Bett" und Cyril Pedrosas Graphic Novel "Portugal" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 13.09.2012

Bruno Kramm, Musiker und Pirat, hält der Gema en detail ihre Ungerechtigkeiten und Enteignungen von Szene- und Nischenmusikern vor: "Das Motto der Gema, 'Musik ist uns etwas wert', bekommt eine bittere Note, denn die Höhe der Einnahmen eines 'ordentlichen' Verlegers verleihen ihm durchaus ein überragendes Stimmgewicht gegenüber dem 'angeschlossenen' Urheber, der am Rande des Prekariats seine Songs komponiert und dichtet. Der besagte Verlagskaufmann gehört damit nur wegen seiner höheren Umsätze zu jener Minderheit der fünf Prozent 'ordentlichen' Mitglieder, die in nichtöffentlichen Sitzungen die Gema von innen regieren".

Weitere Artikel: Nils Minkmar findet die Aufregung um das Karlsruher ESM-Urteils im nachhinein überflüssig. Andreas Platthaus trifft sich mit Robert Menasse, der sein (in Kürze in Buchform erscheinendes) Plädoyer für ein Europa der "nach-nationalen Demokratie" bekräftigt. Helmut Mayer berichtet von der Verleihung des Adornopreises an Judith Butler. Andreas Platthaus freut sich, dass es Wolfgang Herrndorfs Roman "Sand" auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, obwohl er schon mit dem "Konkurrenzpreis der Leipziger Buchmesse" prämiert wurde. Jordan Mejias sieht im in den USA mit beachtlichem Erfolg laufenden Anti-Obama-Film "2016: Obama's America" einen "Wohlfühlhorrorfilm" für die Wähler der Republikaner. Hans-Christian Rößler berichtet vom Kammermusikfestival in Jerusalem. Bert Rebhandl resümiert das Filmfest in Toronto.

Besprochen werden eine Ausstellung über "Goethe und das Geld" im Goethe-Haus in Frankfurt (Goethe hat bei der Steuer geschummelt, obwohl er nur "vier Prozent Abgaben" zahlen musste, lernt Jürgen Kaube), eine Ausstellung mit Burn-Out-Kunst in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin, eine neue Dubois-Aufnahme und Bücher, darunter Anthony McCartens Roman "Ganz normale Helden" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).