Wolfgang Herrndorf

Sand

Roman
Cover: Sand
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783871347344
Gebunden, 480 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis - Nordafrika 1972.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.01.2012

Leicht zu schultern ist dieser Roman nicht, warnt Peter Michalzik den Leser gleich vorneweg: Nur mit Blätterarbeit, detektivischer Aufmerksamkeit und engagierter Wühlarbeit komme man diesem "eigenartigen Roman" bei, der einem literarisch Basales wie Plot, Thema und klar benennbarers Figurenensemble sowieso vorenthalte. Eine vorsichtige Annäherung wagt der Rezensent dann aber doch: Genre? "Am ehesten ein Agentenroman". Spielort? Womöglich Marokko. Dramatis personae? Einige, skurrile, zuviele, so dass sich der Rezensent zwar bald ratlos den Kopf kratzt, nur um sich rasch der "entspannten Schönheit" dieses Verwirrspiels ganz hinzugeben. Explizit würdigt der Rezensent die "Genre- und Treffsicherheit" des Autors, dessen auch per Blog mit der Öffentlichkeit kommunizierte Tumorerkrankung dem Buch mit seinen wüsten Verfolgungsjagden dann doch noch ein Thema gebe: Das Umspielen des Todes, das dem nach Herrndorfs vorangegangenem Roman "Tschick" so nicht erwarteten Buch auf "bilderreiche, amüsierte, trashig-liebevolle" Art gelinge.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.01.2012

Für Rainer Moritz besteht kein Zweifel daran, dass er es hier mit einem "der einfallsreichten und stilsichersten Autoren" im deutschsprachigen Raum zu tun hat. Nur zu gern lässt er sich von Herrndorfs mit Obskuritäten und "aberwitzigen Dialogen" reich gefüllter "Agententhrillerparodie" einerseits ins heiße Nordafrika des Jahres 1972, zugleich aber auch ins Kino entführen, handelt es sich bei "Sand" doch auch um einen Exkurs in die Literatur- und Filmgeschichte, in dem neben Herodot-Zitaten und einer Olympiasiegerin vergangener Jahre sogar noch Anspielungen auf "Asterix und Obelix" ihren Platz finden, wie der bestens unterhaltene Rezensent bemerkt. Die zwar frustrierende Konklusion dieser "weitschweifigen Ausführungen", wonach am Ende auf den Leser keine Gewissheiten warten, ist somit leicht verziehen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.12.2011

"Tüchtig verwirrt" fühlt sich Rezensent Stephan Speicher zunächst von diesem "Agentenroman" um einen namenlosen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Doch auch wenn der Rezensent lange nicht weiß, wie die einzelnen Episoden miteinander zusammenhängen, so findet er die Episoden selbst sehr klar gezeichnet. Das hält ihn bei der Stange. Auch der "ganz ungewöhnliche Ton" Herrndorfs, der "das Höchste" mit dem Gewöhnlichen verbinde, hat den Rezensenten weiterlesen lassen. Liebhaber von Herrndorfs vorherigem Roman "Tschick" warnt Speicher allerdings: "Sand" ist ganz anders, nihilistischer, düsterer.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.11.2011

Wie im Treibsand fühlte sich Rezensentin Andrea Hünniger, bis zum Ende der Lektüre bekam sie keinen festen Boden unter ihre Füße. Was dieses Buch eigentlich ist, erschloss sich ihr ebensowenig:  Thriller, Gesellschaftsroman, Scherz? Was nicht heißen soll, dass sie es nicht sehr genossen hat. Wolfgang Herrndorf erzählt nur eine sehr seltsame Geschichte, von der Wüste, einem Mord in einer Hippiekommune und dem Polizisten Polidorio. Was die Rezensentin besonders eingenommen hat, ist die komplette Ahnungslosigkeit, die Herrndorf hier ausbreitet. Das Buch versammle ein "enormes Ensemble an Deppen", erklärt Hünniger, ein Fehler folge auf den anderen, Inkompetenz, falsche Urteile und totale Doofheit seien die entscheidenden Motoren der Handlung. Die Figuren verstehen nichts, der Held versteht nichts, und die Rezensentin auch nicht wirklich alles. Sagt sie und ist glücklich mit diesem eigenartigen Buch.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.11.2011

Große Sympathie liest man aus Dirk Knipphals Besprechung von Wolfgang Herrndorfs jüngstem Roman "Sand", in dem ein unter Amnesie leidender Protagonist 1972 in einem Wüstenland für irgendwelche Verbrecher eine ominöse "Mine" wiederbeschaffen soll, heraus. Nach seinem Roman "Tschick", in dem das Hauptaugenmerk auf das Gute im Menschen liegt, scheint der Autor hier einen Gegenentwurf zu präsentieren, so der Rezensent. Denn die mit Thriller- und Agentenmotiven angereicherte Identitätssuche in "Sand" überhäuft seinen Helden mit Missgeschicken und Gefahren, und das mit geradezu "sadistischer Genauigkeit", findet Knipphals. Er hat in diesem Roman Szenen gefunden, die er sofort in den "Kanon der Hockkomik" aufgenommen sehen will. Daneben aber haben ihn die Betrachtungen der menschlichen Einsamkeit, die allzu leicht in "Kitsch" abdriften könnten, mitunter "ganz kalt und existenziell erwischt", wie er zugibt. Eine Vorstellung von den überragenden Fähigkeiten des Schriftstellers Herrndorf aber bekommt man erst, wenn man "Sand" mit "Tschick" und Herrndorfs bewegendem Blog "Arbeit und Struktur" parallel liest, meint der höchst eingenommene Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2011

Friedmar Apel würdigt Wolfgang Herrndorf als "gewitzten und universal belesenen Artisten", der in seinen Romanen die "Nichtigkeit der menschlichen Existenz als großes Kunststück aufführt". Davon überzeugt den Rezensenten auch dessen neuer Wüstenroman "Sand", der ihn im September 1972, zum Zeitpunkt der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen, in ein an Marokko erinnerndes Land im Maghreb führt. Im Umfeld von Künstlern, bekifften Hippies, Homosexuellen, Agenten und internationalen Schmugglern begleitet der Kritiker zunächst zwei lethargische Kommissare bei den Ermittlungen in einem Mordfall, dem vier Mitglieder einer Hippiekommune zum Opfer fallen. Nach und nach gesellen sich mehrere Figuren und Handlungsstränge dazu - etwa die attraktive Amerikanerin Helen, ein mysteriöser Koffer und ein Unbekannter, der sich nach einem Gedächtnisverlust in der Wüste auf die slapstickartige Suche nach seiner Identität begibt - und der Kritiker fragt sich, ob er einen Spionagethriller, ein Melodram oder einen postkolonialen Gesellschaftsroman liest. Eines weiß er nach der Lektüre aber sicher: Herrndorf ist mit diesem Roman ein "grandioses Spiel der Mehrdeutigkeiten" um Gewalt, Tod und Vergessen gelungen.