Heute in den Feuilletons

Also, Bürger, auf zur Wacht!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.01.2012. Große Aufregung im Netz über eine Polemik des CDU-Politikers Ansgar Heveling im Handelsblatt, der das "geistige Eigentum" mit Rekurs auf die Französische Revolution verteidigt. Carta veröffentlicht einen "ergreifenden" Brief des ZDF-Hierarchen Elmar Theveßen an seine Kollegen. Eines der Probleme des ZDF: die Gehaltserhöhungen. Kenan Malik kommentiert am Beispiel Rushdie die erstaunliche Ängstlichkeit der Öffentlichkeit in der Frage der Meinungsfreiheit. In der taz meint Axel Honneth: Keiner simmelt den Weber wie Bourdieu. Die FAZ stört sich am zentralperspektivischen Aufbau der Ausstellung "Roads of Arabia" in Berlin.

Weitere Medien, 31.01.2012

Dieser Artikel des CDU-Politikers Ansgar Heveling hat gestern eine Menge Aufregung im Netz erzeugt. Endlich mal wieder eine saftige Polemik gegen das Internet. Und das mit Rekurs auf die Französische Revolution: "Also, Bürger, auf zur Wacht! Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen! Diese bürgerliche Gesellschaft mit ihren Werten von Freiheit, Demokratie und Eigentum hat sich in mühevoller Arbeit aus den Barrikaden der Französischen Revolution heraus geformt - so entstand der Citoyen. Und genau dort, in den Gassen von Paris im Jahr 1789, wurde die Idee des geistigen Eigentums geboren."

Aus den Blogs, 31.01.2012

Als "den mit Abstand lustigsten Text über Netzpolitik in letzter Zeit" feiert Markus Beckedahl in netzpoliitik.org den Handelsblatt-Artikel Ansgar Hevelings.

Auf Spiegel Online antwortet Christian Stöcker: "Heveling .. scheint den Eindruck gewonnen zu haben, eine moderne, konservative Netzpolitik bestehe vor allem darin, die Branchenverbände der Unterhaltungsindustrie vorbehaltlos zu unterstützen."

Thomas Knüwer dreht den Spieß um: "Auch wenn die Tageszeitung als imaginäres Lebensgefühl einer verlorenen Generation schon bald Geschichte sein mag, so hat sie allemal das Zeug zum Destruktiven."

Auf Twitter lässt sich die Heveling-Debatte unter dem Hashtag #hevelingfacts verfolgen.

Carta
veröffentlicht den "ergreifenden Brief" des stellvertretenden ZDF-Chefredakteurs Elmar Theveßen, mit dem er seinen Untergebenen am Jahresende Mut machen wollte. Der Personalstand soll nicht mehr weiter ausgebaut werden. Und dann noch dieses gravierende Problem: "Tatsächlich werden unter anderem durch die vorgesehenen Gehaltssteigerungen immer mehr Programmgelder aufgebraucht, sodass wir jetzt an einem Scheideweg stehen." In einem Brief, den Carta ebenfalls publiziert, hatte eine "Oppositionsgruppe" ernstlich "Freiheit für das Zweite" gefordert.

NZZ, 31.01.2012

Der Politikwissenschaftler Ahlrich Meyer erläutert Hintergründe zum Massaker von Oradour, bei dem 1944 eine Kompanie der SS-Panzerdivision "Das Reich" 642 Kinder, Frauen und Männer ermordete. Die für NS-Verbrechen zuständige Dortmunder Staatsanwaltschaft hat jetzt doch wieder die Ermittlungen aufgenommen: "Es scheint, dass die wenigen heute noch mit NS-Verbrechen beschäftigten Staatsanwälte andere Vorstellungen von Unrecht und Schuld haben als die Generation ihrer Vorgänger. Die Zeit für eine historische Aufarbeitung des Oradour-Komplexes durch die Justiz ist allerdings abgelaufen."

Weiteres: Auf dem Comic-Festival von Angouleme schöpfte Christian Gasser neue Hoffnung, dass die Liebe der Franzosen zur Bande dessinee alle Krisenängste besiegen wird. Sieglinde Geisel erklärt in der Randglosse, warum das Hauptstadt-Bashing Berlin nichts anhaben kann, höchstens steigende Mieten.

Besprochen werden die in Luzern uraufgeführte Oper "The stolen Smells" des britischen Kompinisten Simon Wills, Martin Schläpfers Inszenierung von Rameaus Oper "Castor et Pollux" in Düsseldorf, Arno Camenischs Abschluss seiner Bündner Trilogie "Ustrinkata", Dario Ruiz Gomez' Geschichten "Bei den Heiden" und Derek Parfits bisher nur Englisch erschiedene Moraltheorie "On What Matters" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Stichwörter: Berlin, Ahlrich Meyer, Oper

FR/Berliner, 31.01.2012

Auf der Medienseite berichtet Simon Hurtz, dass der Lokaljournalist und Blogger Hardy Prothmann einen Verein gründen will, der Blogger gegen den Abwahnwahn von Prominenten und Politikern schützen soll. Anwalt und Blogger Udo Vetter "hält die Idee von Prothmann für sinnvoll, bisher gebe es in Deutschland keine Möglichkeit, sich gegen Unterlassungserklärungen zu versichern. 'Dabei ist das Recht keineswegs immer auf der Seite des Abmahners. So eine Unterlassungserklärung kann jeder verschicken lassen, völlig ohne rechtliche Prüfung.' Wie Prothmann spricht Vetter vom 'Abmahnwahn', der die journalistische Freiheit gefährde." (Mehr dazu hier)

Im Feuilleton werden besprochen Vera Nemirovas Inszenierung der "Götterdämmerung" in Frankfurt, eine Munch-Ausstellung in der Schirn, Calixto Bieitos Inszenierung des "Freischütz" an der Komischen Oper in Berlin, zwei Übersetzungen von Dantes "Commedia" und einige lokale Ereignisse.

Welt, 31.01.2012

Simon Le Bon behauptet im Interview, dass Duran Duran nie nostalgisch sind. Dankwart Guratzsch berichtet über den Architekturstreit in Dresden, bei dem er auf der Seite der Traditionalisten steht. In der Leitglosse kann Marco Frei wenig anfangen mit Harald Schmidts Einakter "Der Schauspieldirektor".

Besprochen werden Calixto Bieitos Inszenierung des "Freischütz" (zuviel Schwein und das Happy End lässt sich einfach nicht weginszenieren, meint Lucas Wiegelmann), drei amerikanische Filme über den Tod: Steven Spielbergs "War Horse", Stephen Daltrys "Extremely Loud and Incredibly Close" und Angelina Jolies Bosnien-Drama "In the Land of Blood and Honey" sowie zwei Inszenierungen in Köln: Herbert Fritschs "Puntila" und Laurent Chetouanes "Erdbeben in Chile", beide am Schauspiel Köln.

Aus den Blogs, 31.01.2012

Meinungsfreiheit gilt heute nicht mehr als etwas prinzipiell Gutes, sondern als Bedrohung, meint Kenan Malik anlässlich der Drohungen gegen Salman Rushdie, die diesen am Ende davon abhielten, am indischen Jaipur Literatur Festival teilzunehmen. "Soziale Gerechtigkeit erfordert nicht nur, dass Individuen als politisch Gleiche behandelt werden, sondern dass auch ihre kulturellen Überzeugungen anerkannt und respektiert werden. Die Vermeidung kulturellen Schmerzes ist daher inzwischen wichtiger als das abstrakte Recht auf Meinungsfreiheit. Oder wie der britische Soziologe Tariq Modood meinte: 'Wenn die Menschen ohne Konflikte den selben politischen Raum bewohnen, müssen sie die Kritik an den fundamentalen Überzeugungen des jeweils anderen beschränken.' Die anti-Baals von heute fürchten nichts mehr als die Debatte. Was sie sich am meisten wünschen, ist, dass die Welt schlafen geht."

TAZ, 31.01.2012

Die taz übernimmt aus Le Monde Axel Honneths Würdigung von Pierre Bourdieu zu dessen zehntem Todestag: "Erst Bourdieu hat im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts als Franzose geleistet, wozu hierzulande nach dem Krieg die intellektuellen Kontinuitäten fehlten: eine Versöhnung von Simmel und Weber zustande zu bringen."

Weiteres: Alexander Haas hat sich in Köln die beiden neuen Inszenierungen angesehen, Herbert Fritschs "Herr Puntila" ("permanente Amplitude") und Laurent Chetouane Kleist-Adaption "Das Erdbeben in Chili ("heiter gelassene Seligkeit"). Stephanie Lob berichtet vom Comic Festival in Angouleme, das in diesem Jahr ganz im Zeichen der Maus stand.

Besprochen werden Markus Schleinzers Film über Kindesmissbrauch "Michael" und die Konzerte des hessische Schwesternduos Jolly Goods.

nachtkritik, 31.01.2012

Überhaupt nicht agitatorisch oder plakativ fand Hartmut Krug Volker Löschs Inszenierung der "Antigone" in Montevideo mit mit ehemaligen politischen Gefangenen der urugayischen Militärdiktatur: "Wir erfahren, wer sie sind. Wie und warum sie verhaftet wurden, wie sie misshandelt, wie lange sie gefangen gehalten wurden, wie die Nachwirkungen der Zeit Kinder verstört und Familien zerstört haben. All das wirkt, trotz schlimmer Details, nie larmoyant, gibt keinen Anlass zu Voyeurismus, ist so einfach wie direkt: 'Die Frau ist immer nackt. Du wirst ausgezogen, ob du deine Tage hast oder nicht, egal. Manche dringen in uns ein und wir bekommen Sachen in die Scheide gesteckt, immer werden wir angegrabscht. Einer ejakuliert in meinen Mund.'"
Stichwörter: Antigone, Volker Lösch

FAZ, 31.01.2012

Aufmerksam spaziert Andreas Kilb durch die Ausstellung "Roads of Arabia", die nach Paris und London nun Pergamon-Museum aufgebaut wurde und "endgültig den Schleier beiseite zieht, hinter dem die Fanatiker des Islam gern die gesamte arabische Frühgeschichte verschwinden lassen würden". Aber so richtig eingehend wird der Übergang zum Islam in der Ausstellung wohl doch nicht dargestellt: "Stattdessen führt sie zentralperspektivisch auf die prunkvolle, um 1635 entstandene Tür und die golddurchwirkten Vorhänge der Kaaba in Mekka zu, die hier erstmals außerhalb Saudi-Arabiens gezeigt werden."

Weitere Artikel: Dietmar Dath hat Newt Gingrichs Science-Fiction-Romane gelesen und staunt: "In Europa würde jemand, der als Bewerber um ein hohes öffentliches Amt eine Mondkolonie vorschlägt, von der Mattscheibe gelacht." Paul Ingendaay erzählt von Sehnsucht nach den guten alten Peseten in Spanien. Melanie Mühl besucht das im Winter doch recht schütter gewordene Occupy-Lager in Frankfurt. Gina Thomas berichtet, dass im ehemaligen Imperial Institute in London das "weltweit größte Design-Museum" entstehen soll.

Besprochen werden Vera Nemirovas Inszenierung der "Götterdämmerung" in Frankfurt, die den Frankfurter "Ring" abschließt, "Troilus und Cressida" in Hannover, die Max-Frisch-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste, Sasha Waltz' Spektakel "Gefaltet" in Salzburg und Bücher, darunter Annie Proulx' "Ein Haus in der Wildnis" (mehr in der Bücherschau aber 14 Uhr).

SZ, 31.01.2012

Ausgerechnet in der nicht gerade internetaffinen SZ (aber wohl nicht im Print) findet sich eine Antwort auf die Polemik des CDU-Politikers Ansgar Heveling gegen das Netz. Stefan Plöchinger schreibt in einem gut verlinkten Artikel: "Ansgar Heveling also. Soweit ist es mit der digitalen Debatte in Deutschland gekommen, dass ein digital leicht verängstigter Abgeordneter der regierenden CDU einer nicht näher definierten 'Netzgemeinde' zurufen darf: 'Ihr werdet den Kampf verlieren', ohne dass ihn die eigene Partei zerpflückt."

Weiter Artikel: Empörend findet es die Autorin Melinda Nadj Abonji, dass der Schriftsteller Sreten Ugricic wegen angeblicher Sympathie für Terroristen kürzlich als Leiter der serbischen Nationalbibliothek gefeuert und mit Gefängnis bedroht wurde (Hintergründe dazu auch kürzlich in der NZZ). Volker Breidecker erlebte beim Besuch der höchst bibliophilen Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg eine dem Ebook sehr gelassen gegenüber stehende Branche. Thomas Steinfeld kann sich nicht vorstellen, dass das derzeitige Grollen der Türkei in Richtung Frankreich ernsthaft Konsequenzen nach sich ziehen wird. In Ruanda folgt (hier im schwedischen Original) Leo Lagercrantz Vorwürfen, dass Paul Rusesabagina, der während des ruandischen Völkermords rund 1268 Menschen das Leben gerettet hat und dem der Film "Hotel Ruanda" gewidmet ist, sich am Genozid bereichert haben soll. Heiner Lünstedt berichtet vom Comicfestival in Angouleme, wo ihm die vom diesjährigen Comicpräsident Art Spiegelman konzipierte Privatausstellung ganz besonders gefallen hat. Eva-Elisabeth Fischer gratuliert Michael Degen zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Harald Schmidts vom Concerto Köln begleiteter Auftritt in Mozarts "Der Schauspieldirektor", der Christopher Schmidt nur mäßig gefallen hat, die Tanzoper "Castor et Pollux" an der Deutschen Oper in Düsseldorf, Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" und Kleists "Das Erdbeben in Chili" am Kölner Schauspiel, in denen Vasco Boenisch vom Menschen nichts erfuhr, eine Ausstellung über Vesuvkatastrophen mit "erstklassigen Exponate(n)" im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, und Bücher, darunter das von Frederic Delouche herausgegebene "Europäische Geschichtsbuch" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).