Heute in den Feuilletons

So sehr ich Warhol schätze

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.02.2012. Die FAZ ist ganz einverstanden mit der Polemik des CDU-Abgeordneten Ansgar Heveling gegen die "vermeintliche Web-Avantgarde". Im Handelsblatt  antwortet Frank Rieger vom Chaos Computer Club auf Hevelings Artikel. Die FAZ bringt auch ein Porträt des N+1-Herausgebers und Gesellschaftskritikers Mark Greif, der Hipster hasst. Die Münchner schlagen über Helmut Dietls Berlin die Hände über dem Kopf zusammen. Die FR greift eine sehr polemische Debatte um Robert Services vielgelobte Trotzki-Biografie auf.

FR/Berliner, 01.02.2012

Christian Schlüter berichtet von einer Berliner Veranstaltung zum Thema "Leo Trotzki und die Verteidigung der historischen Wahrheit". Dazu angereist war auch der Trotzkist David North, Redaktionsleiter der World Sozialist Web Site, der im letzten Jahr eine heftige Kritik an Robert Services vielgelobter Trotzki-Biografie veröffentlicht hat: Sie sei unwissenschaftlich, antisemitisch, geschichtsverfälschend. Services Biografie sollte eigentlich dieses Jahr bei Suhrkamp erscheinen, doch ist die Ausgabe jetzt nur noch "geplant", nachdem "14 Wissenschaftler - darunter Hermann Weber, Helmut Dahmer, Oskar Negt, Peter Steinbach, Mario Kessler und Reiner Tossdorf - in einem Brief an die Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld Berkewcz dringend von der Publikation abrieten, und zwar mit Verweis auf David Norths 'genaue Analyse'." (Hier der Text von North, hier eine Linksammlung zu den bisherigen Besprechungen, darunter sehr positive von Autoren wie John Gray und Simon Sebag Montefiore).

Weiteres: Katja Lüthge berichtet von der Pressekonferenz, auf der Festivalchef Dieter Kosslick das Programm der Berlinale vorstellte. Robert Kaltenbrunner beklagt die Event-Kultur in den Städten. Besprochen werden Tomas Alfredsons Film "Dame, König, As, Spion" und die Uraufführung von Nuran David Calis' Theaterstück "Zoff in Chioggia".

Weitere Medien, 01.02.2012

Das Handelsblatt führt die Debatte weiter. Nicht die Idee des "geistigen Eigentums" war es, die die Französische Revolution auslöste, meint der Sprecher des Chaos Computer Clubs Frank Rieger in Antwort auf Ansgar Hevelingens gestrige Polemik: "Es war gerade der nicht mehr aufhaltbare Fluss an Ideen und Schriften und die Möglichkeit der anonymen Publikation von kritischen und aufrührerischen Gedanken, die das Fundament für die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit legten."

Aus den Blogs, 01.02.2012

Die Verlage wollen ein Leistungsschutzrecht gesetzlich verankern lassen. Dabei halten sie sich selbst nicht an gesetzliche Regeln wie die zur "angemessenen Vergütung" freier Journalisten, konstatieren die Freischreiber in einem Positionspapier: "Die Verlage ignorieren frech, was im Urhebervertragsrecht festgelegt ist. Sie setzen darauf, dass freie Journalisten ihr Recht nicht einklagen, weil sie sonst um ihre Weiterbeschäftigung fürchten müssen. Das Urhebervertragsrecht in seiner jetzigen Form ist ein Papiertiger geblieben."

"Der erste Megatrend 2012 ist eindeutig das Dissen von Google", schreibt Markus im Blog live.hackr und lässt folgenden sehr wahren Satz über die einst so beliebte Suchmaschine folgen: "Wenn sie glauben, sie wissen besser was ich will, als ich selbst, aber sie lösen das nicht ein, dann wirken sie dumm."
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Spiegel Online, 01.02.2012

Sascha Lobo schreibt zu Ansgar Heveling: "Es geht um nicht weniger als um die Abschaffung des Web 2.0, des Internets der Nutzer, so schreibt CDU-Mann Heveling wunderbar selbstentlarvend, wahrscheinlich ohne Rücksprache mit den strategisch geschulten Lobbyisten - aber mit der gleichen Haltung gegenüber dem Internet. Und damit ist endlich das Katzenfoto aus dem Sack - das ganze Gehampel darum, dass Gesetzesvorhaben wie Sopa, Pipa, Acta angeblich dem Netz nicht schaden, ist Maskerade."
Stichwörter: Lobbyisten, Sascha Lobo

NZZ, 01.02.2012

Roman Bucheli besucht im Teufelsmoor die Künstlerkolonie Worpswede, die aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen beginnt: "Blaue Spruchbänder künden überall in Worpswede davon, zur Aufmunterung der Bevölkerung und zur Information der Gäste. 'Worpswede. Ans Werk!', heißt es etwa, oder: 'Es geht bergauf.'"

In einem Hintergrund-Artikel zeigt Joseph Croitoru, wie die iranische Propaganda die arabischen Revolutionen für sich reklamiert: "Die bisherigen Wahlerfolge arabischer Islamisten in Tunesien, Marokko und Ägypten sind ein später Triumph für die Islamische Republik, die einst daran gescheitert war, ihre religiös gefärbte Revolution in die arabischen Länder zu exportieren."

Besprochen werden der Abschluss des Frankfurter "Rings" mit Sebastian Weigle und Vera Nemirovas Inszenierung der "Götterdämmerung" sowie Daniel Jüttes arkane Wirtschaftsgeschichte "Das Zeitalter des Geheimnisses" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 01.02.2012

"Immerhin recht vielversprechend" findet Andreas Busche das gestern von Dieter Kosslick präsentierte Wettbewerbsprogramm der Berlinale. Christian Werthschulte bringt uns in Sachen Hauntology auf den aktuellen Stand der popkulturellen Diskursproduktion. Barbara Schweizerhof ist zumindest erleichtert, dass mit Helmut Dietls traurig gescheiterter Berlin-Komödie "Zettl" die ewige Hoffnung auf eine "Kir Royal"-Fortsetzung ein für allemal begraben werden kann.

Besprochen werden die Ausstellung "Haunted by Objects" des israelischen Künstler Zvi Goldstein im Düsseldorfer K20 und das Album "Aus der Asche, aus dem Staub" der Band Sport.

Welt, 01.02.2012

Noch gut vierzig Filme aus der Nazizeit gibt es, für die die Rechte zu achtzig Prozent bei der Murnau-Stiftung liegen, die eine Aufführung bis heute verbietet. "Problematisch ist, dass damit Zensur durch die Hintertür ausgeübt wird, über das Urheberrecht, wie bei 'Mein Kampf'", meint Hanns-Georg Rodek, der die Debatte begrüßt, die jetzt das Deutsche Historische Museum mit der Vorführung dieser Filme einleiten will. Denn: "Das Copyright soll die Rechte des Urhebers schützen, nicht jedoch, aus politischen oder moralischen Erwägungen, den Zugang zu einem Werk beschränken."

Weitere Artikel: In Sachen Meinungsfreiheit hat sich in Serbien "offenbar nicht einmal das Erscheinungsbild geändert", meint Paul Jandl nach der Entlassung des Romanciers Sreten Ugricic als Direktor der Nationalbibliothek. Richard Kämmerlings berichtet über eine Tagung am Potsdamer Einstein-Forum zum Thema "First Love". Alan Posener wüsste gern, warum der CDU-Abgeordnete Hans-Gert Pöttering ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag ein "Recht auf Israelkritik" einfordern zu müssen glaubte. Johannes Wetzel war dabei, als im Pariser Odeon-Theater der von Peter Sloterdijk geschaffene "Prix Mychkine" an Stephane Hessel verliehen wurde.

Auf der Forumsseite ist Bernard-Henri Levy ganz froh, dass Marine Le Pen auf den Korporations-Ball ging, den einzigen Wiener Ball, "bei dem Juden und Journalisten keinen Zutritt haben". So kann sich niemand mehr Illusionen über die Dame machen: "Ich habe in der vergangenen Woche gesagt, dass Marine Le Pen Frankreich nicht liebt. Nun, das ist normal, denn sie flirtet mit jenen, die seit eh und je auf den Ruin Frankreichs und den seiner Werte hinarbeiten."

Besprochen werden Martin Schläpfers Choreografie "Castor et Pollux" in Düsseldorf, Karin Henkels Inszenierung von Horvaths "Geschichten aus dem Wienerwald" im Schauspiel Zürich, die Aufführung von "Life and Times, Episode 3 & 4" der New Yorker Off-Broadway-Truppe Nature Theater of Oklahoma in der Wiener Burg und Jan Kempenaers' Bildband über Partisanen-Denkmäler im ehemaligen Jugoslawien.

SZ, 01.02.2012

Mr. Dietl, was haben Sie da nur gemacht? Selbst in der SZ schlägt Willi Winkler angesichts Helmut Dietls Berliner Medienbetriebsatire "Zettl" erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen: Ein "Schmarrn", ein "Albtraum", für den überdies "leider einige der besten deutschen Schauspieler durch die bescheidenen Kulissen getrieben" werden. Wie konnte es dazu kommen? Dietl "wusste nichts von Berlin, es interessierte ihn auch nicht".

Weiteres: Joseph Hanimann schaut sich in Marseille um, wie sich die von sozialen Konflikten gezeichnete Stadt für ihre Rolle als Europäische Kulturhauptstadt 2013 wappnet. Jens Bisky war auf einer Berliner Podiumsdiskussion über das braune Erbe der SED-Diktatur, wo er hörte, "wie fehlende Öffentlichkeit, die Vorliebe fürs Autoritäre und die auf Gleichheit, Konformität und Homogenität zielende Politik der DDR die Entstehung einer rechten Subkultur beförderten." Alexander Menden berichtet von sinkenden Erstimmatrikulationszahlen in Großbritannien, nachdem dort die Studiengebühren drastisch erhöht worden sind.

Besprochen werden neue Pop-CDs, die Ausstellung "Demonstrationen" im Frankfurter Kunstverein, ein von Simone Sandroni konzipiertes Tanzprogramm am Bayerischen Staatsballett, Calixto Bieitos zum Ende hin "konsequent-brachial dem Regietheaterberserkertum geschuldete" Inszenierung vom "Freischütz" an der Komischen Oper in Berlin, Karin Henkels Inszenierung von Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Schauspiel Zürich und Bücher, darunter Georg M. Oswalds München-Thriller "Unter Feinden" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 01.02.2012

Michael Hanfeld hat den Handelsblatt-Artikel des CDU-Politikers Ansgar Heveling gelesen, der mit seiner Polemik gegen das Netz als solches gestern einige Reaktionen auslöste (wir berichteten) - und schlägt niveaumäßig alle Maßstäbe: "Die vermeintliche Web-Avantgarde, die er als untergehendes Generationsphänomen ausweist, ist getroffen ins Mark." Und: "Wie Pawlowsche Hunde sabbern manche von Hevelings Antipoden nun um die Wette. Ihre Kanonade ist so vorhersehbar wie dumm, geht, wie üblich, auf unterstem Niveau ad personam und hat etwas Verzweifeltes."

Für die Geisteswissenschaften-Seite ist Daniel Haas nach New York gereist um den Occupy-Gesellschaftskritiker Mark Greif zu porträtieren, der zugleich Herausgeber der hippen Zeitschrift N+1 und Kritiker des "Hipsters" ist, dem er vorwirft, das verbürgte und authentische Elend trüber Stadtteile durch Gründung schicker Turnschuhläden für Immobilienhaie attraktiv zu machen. Schuld ist Pop: "Sosehr ich Warhol schätze, ich denke, es wäre besser, er hätte nicht existiert. Man sollte hart arbeiten, bevor man eine Duchamp-Ehrenmedaille bekommt, die es einem erlaubt, Urinale zu signieren. Das Problem liegt bei den Leuten, die auf destruktive Weise polemisch sind. Ein in Formaldehyd eingelegter Hai macht nicht den Rest der Kunst überflüssig."

Weitere Artikel: Christian Geyer informiert über das kommende Mediationsgesetz. Auf der DVD-Seite werden ältere Filme von Regisseuren vorgestellt, die auch am Berlinale-Wettbewerb teilnehmen.

Besprochen werden die Verfilmung von John Le Carres Spionagethriller "Dame, König, As, Spion" (mehr hier), eine Ausstellung des belgischen Künstlers Kris Martin im Kunstmuseum Bonn, Brecht und Goldoni-Inszenierungen in Bochum und Köln und Bücher, darunter Laszlo Vegels "Bekenntnisse eines Zuhälters" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).