Heute in den Feuilletons

Weil es dem Franz so gefallen hat

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.01.2012. Jonathan Franzen erklärt im Telegraph, warum Kapitalisten gedruckte Bücher hassen. Die NZZ besucht Kafkas Nichte Vera Saudkova in Prag. Die Bloggerin Ulrike Langer staunt über ein Handbuch zum Journalismus, das als Standardwerk gilt und Ressentiments gegen das Netz verbreitet. Die FAZ ist sich uneins über den Kapitalismus. Die Welt stellt das Leipziger Architekten-Team Karo vor, das sich mit dem Leerstand in Ostdeutschland auseinandersetzt. In der taz porträtiert Gabriele Goettle die Historikerin Hannah Ahlheim.

NZZ, 30.01.2012

Alena Wagnerova besucht in Prag Kafkas letzte lebende Nichte, Vera Saudkova, die heute neunzigjährige Tochter seiner Schwester Ottla: "An ihren Onkel Franz kann sich Vera Saudkova natürlich nicht erinnern. Sie war erst drei Jahre alt, als er starb. Mit der Erinnerung an ihn ist sie aber groß geworden. 'Es war wie ein großer, schwarzer Schatten, der bei uns in der Familie war. Saß man länger mit meiner Mutter, gleich begann sie von ihrem Bruder zu erzählen, was er gesagt hat, was ihm gefallen hat... Sie hat uns immer Bücher vorgelesen, die er ihr empfohlen hat. Und wenn sie anfing, uns etwas davon vorzulesen, meistens hat sie gleich geweint, weil es dem Franz so gefallen hat.'"

Barbara Spengler-Axiopoulos schickt Eindrücke aus Griechenland, wo viele Menschen ihre Steuern nicht zahlen können, wofür ihnen bekanntermaßen nun der Strom abgedreht wird: "Täglich brechen Existenzen weg. Das Arbeitslosengeld von 461 Euro wird höchstens für ein Jahr ausgezahlt. Laut Statistik lebt heute jeder fünfte Grieche unterhalb der Armutsgrenze."

Besprochen werden Amelie Niermeyers Inszenierung von Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" am Theater Basel und eine "Lucia di Lammermoor" in Bern.

Weitere Medien, 30.01.2012

Jonathan Franzen hat sich in starken Worten gegen Ebooks ausgesprochen, berichtet Anita Singh für den Telegraph aus Cartagena, Kolumbien, wo Franzen am Hay Festival teilnam. Sie zitiert: "'The technology I like is the American paperback edition of 'Freedom'. I can spill water on it and it would still work! So it's pretty good technology. And what's more, it will work great 10 years from now. So no wonder the capitalists hate it. It's a bad business model,' said Franzen, who famously cuts off all connection to the internet when he is writing."

Welt, 30.01.2012

Sarah Elsing stellt das Leipziger Architekten-Team Karo vor, das einen realistischen Blick auf den wachsenden Leerstand in Ostdeutschland hat. Auch gute Architektur wird die Städte nicht wieder füllen, haben sie erkannt: "'Weniger ist Zukunft', unter diesem Titel lief die IBA Stadtumbau Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr, auf der Karo die 'Republic of Harz' ausrief. Rettich und seine Kollegen schlugen vor, dass sich die bisher vereinzelt vor sich hin wurstelnden Gemeinden über Landesund Landkreisgrenzen zu 'ruralen Republiken' und urbanen 'Cluster-Cities' zusammenschließen. Anknüpfen könnte man an den Imagewandel, den die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem Buch 'Bitterfelder Bogen' beschreibt - von der Dreckschleuder Europas zum 'Solar-Valley'."

Helmut Dietl hat Berlin nicht verstanden, meint Hanns-Georg Rodek zu dessen Filmsatire "Zettl": "Wer wirklich ein Sittenbild des neuen Berlin zeichnen wollte, der müsste weg von dem Schrillen und hin zu der Macht der schlecht sitzenden Anzüge. Hier wird das große Rad gedreht, das stimmt schon, aber es ist der Kontrast zwischen der Durchschnittlichkeit der Akteure und den höchsten Sphären, in denen sie sich bewegen, der uns etwas über die Berliner Wahrheit erzählen könnte." Daneben gibt's ein kurzes Interview mit Dietl.

Weitere Artikel: Iris Alanyali hat wenig Vergnügen an der RTL-Dokusoap "Berlin - Tag & Nacht". Auf der Forumsseite fragen Roland Benedikter und James Giordano, ob Deutschland die Entwicklung der Biotechnologie wirklich China und den USA überlassen will.

Besprochen werden die Uraufführung von Sasha Waltz' Choreografischem Konzert "Gefaltet" bei der Salzburger Mozartwoche und die Aufführung von David Martons Theaterstück "Das Wohltemperierte Klavier" in Paris (demnächst auch an der Schaubühne in Berlin).
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Aus den Blogs, 30.01.2012

Sehr aufgeregt hat sich die Bloggerin Ulrike Langer über das von verschiedenen Journalisten herausgegebene "neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus", das von der Bundeszentrale für politische Politik als "Standardwerk" für haarsträubend billige 4,50 Euro vertrieben wird. Die Ansichten der Autoren zum Medienwandel lauten laut Langer so: "Im Internet herrscht 'Krieg' zwischen Journalisten und Bloggern. Die Fülle der vielen unwichtigen Informationen im Netz verwirrt und überfordert die Menschen. Debatten mit Nutzern im Netz sind sinnlos, weil größtenteils 'Schwachsinn und Dampfplauderei' abgesondert wird. Konzentriertes Lesen ermöglichen nur Texte in der Zeitung, nicht solche im Netz. Wer als journalistischer Einsteiger bei einer Zeitung keinen Erfolg mit seinen Beiträgen hat, sollte es einfach bei einer Online-Redaktion probieren - dort kommt es auf Qualität nicht so sehr an. Und so weiter, und so fort."

TAZ, 30.01.2012

Heute gehört die Kultur Gabriele Goettle. Sie stellt die Historikerin Hannah Ahlheim vor, die zu den antisemtischen Boykotten der Nazis forscht und dies so begründet: "Ich habe Boykottaktionen gegen jüdische Gewerbetreibende und jüdische Geschäfte in den 20er und 30er Jahren untersucht. Sie waren ein wichtiges Mittel antisemitischer Propaganda. Die Boykottaufrufe trugen als Allererstes dazu bei, die Unterscheidung von 'deutsch' und 'jüdisch' im Alltag zu etablieren und ihr formuliertes Ziel war der dauerhafte Ausschluss von Menschen aus der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft, aufgrund ihres angeblichen Andersseins, ihres Judentums. Es kam mir auch darauf an, diese Zäsur von 1933 aufzulösen und zu schauen, welche Tradition antisemitischer Praktiken es auch schon in der Weimarer Zeit gegeben hat."

Peter Böhm hat ein Jahr in Saudi-Arabien gelebt und erzählt, wie er selbst gegen jeden Willen auf Geschlechtertrennung konditioniert wurde: "Diese rigide Geschlechtertrennung liegt über Saudi-Arabien wie ein böser Zauber. Sie ist das Alpha und das Omega des 'perfekten Systems', wie die saudische Führung die religiös begründete Ordnung im Königreich gern nennt."

Und Friedrich Küppersbusch gibt nach den Meldungen der letzten Woche zu Twitter, Google und Facebook zu Protokoll: "Alle drei Dienste definieren den aktiven User zum passiven Ge-used-en um, man meldet sich freiwillig zur Verwurstung als mögliche Handelsware Datensatz an. Ich twittere nicht, bin nicht bei Facebok und nutze Google-Mail nicht mehr. Fühlt sich aber nach Etappensieg gegen Windmühlen an."

Und auf der Medienseite berichtet Steffen Grimberg von einem Kompromissentwurf, der zum Friedensschlus zsichen Zeitungsverlegern und Öffentlich-Rechtlichen führen soll.

Und Tom.

FR/Berliner, 30.01.2012

Sebastian Preuss stellt den Kabalkanal Ikono TV vor, in dem ausschließlich Kunstwerke in langen, stillen und hochauflösenden Einstellungen gezeigt werden.

Besprochen werden ein Auftritt der Black Keys in Berlin, Frederick Delius' Gottfried-Keller-Oper "Romeo und Julia auf dem Dorfe" in Karlsruhe, Günter Krämers Inszenierung von Lessings "Miss Sara Sampson" am Berliner Ensemble und Emir Kusturicas Memoiren (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 30.01.2012

Ob das auch auf die eigene Zeitung gemünzt ist? "Teile der westlichen Weltelite des Kapitals leiden offenbar schmerzlich am Kapitalismus", stöhnt Wirtschaftsredakteurin Heike Göbel nach Davos auf Seite 1 der FAZ. Dirk Schümer macht ihre Behauptung auf Seite 1 des Feuilletons wahr und sieht Europa in der Hand des Kapitals: "Die Finanzmärkte regeln das politische System im Euroraum nach Belieben." Heike Göbel sieht das anders: "Angelastet werden dem Kapitalismus jetzt noch die übermäßigen Staatsschulden." Vielleicht sollten sich die beiden mal zusammensetzen und reden!

Weitere Artikel: Nach der Kritik an der Kommerzialisierung der Akropolis hält Dieter Bartetzko fest, dass Griechenland und andere Länder ihre archäologischen Stätten nicht erst seit jüngstem missbrauchen und beschädigen. Andreas Rossmann erzählt, dass der von Alice Schwarzer gegründete Frauen Media Turm (Website) im Kölner Bayenturm, der politisch lange gestützt wurde, in Bedrängnis gerät. Ingeborg Harms verfolgte eine Berliner Tagung zur Aktualität Charles Dickens'.

Besprochen werden eine Ausstellung des Tiermalers George Stubbs in der Neuen Pinakothk München, Günter Krämers Inszenierung von Lessings "Miss Sara Sampson" am Berliner Ensemble und die Ausstellung "Friedrichs 'Montezuma' - Macht und Sinne der preußischen Hofoper" im Berliner Musikinstrumentenmuseum.

SZ, 30.01.2012

Informationsüberschuss ist ein ähnliches gesellschaftliches Problem wie Fettleibigkeit wegen falscher Ernährung, meint Clay Johnson, dessen Firma Blue State Digital Barack Obamas sehr erfolgreichen Online-Wahlkampf betreut und der gerade sein Buch "The Information Diet" veröffentlicht hat: Abhilfe schaffe ein "bewusster Konsum", für den Johnson Diensten wie Twitter und Facebook zentrale Bedeutung beimisst, da "sie es uns auch ermöglichen, mit Menschen zu kommunizieren, denen wir trauen und denen es nicht um Skandalisierungen und Verzerrung von Fakten geht."

Weitere Artikel: Filme parallel zu ihrem Kinostart auch per Video-on-Demand über das Netz auszuliefen, wird wirtschaftlich immer interessanter für die Verleiher, referiert Susan Vahabzadeh entsprechende Meldungen aus den USA und fürchtet zugleich weitreichende, ästhetische Konsequenzen für solcher Art vermarktete Filme. In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Niklas Hofmann das Projekt "Chopsticks" vor, ein von vornherein multimedial konzipiertes E-Book, das Penguin demnächst veröffentlicht und hier ein eigenes Blog hat. Beim von einer Choreografie begleiteten Eröffnungskonzert der Salzburger Mozartwoche berauschte sich Eva-Elisabeth Fischer an der "reinen Musik", weniger an der Choreografie von Sascha Waltz.

Besprochen werden Robert LePages vierter Teil des "Rings" an der New Yorker Met, dem laut Jörg Häntzschel eine "wirkliche Regieidee" fehlt, der Thriller "Ein riskanter Plan", Sartres "Die schmutzigen Hände" und Thomas Vinterbergs "Die Kommune" am Deutschen Theater Berlin, mit denen das Haus laut Peter Laudenbach nach verlorenen Utopien sucht, eine Ausstellung mit Fotografien von Ishimoto Yasuhiro im Bauhaus Archiv in Berlin und Bücher, darunter Rocko Schamonis Roman "Tag der geschlossenen Tür" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).