Heute in den Feuilletons

Gern auch Terrier

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2011. Der Freitag betreibt Urban Gardening. Jon Stewart bringt ein Video, das in Großbritannien verboten ist. In der Welt graust es Ralph Giordano vor der "Charta der Vertriebenen". Die Zeit fühlt sich von Breivik getroffen. Die taz weist darauf hin, dass Breivik auch Frauen hasst. Für die FAZ bleibt Breivik zuallererst ein Rätsel.

Freitag, 04.08.2011

Schrumpfende Städte wachsen zu. Nun auch mit Hilfe ihrer Bewohner. Matthias Dell besucht in Oakland Novella Carpenter, die mit ihrem Blog ghosttownfarm und Büchern die Bewegung des Urban Gardening mit ganz groß machte: "Es geht ihr bei der Landwirtschaft in der Stadt ums Machen, um nichts mehr, nur dass zu diesem Machen für Novella Carpenter eben Mangold, Kartoffeln, Bienen Rettich, Gänse, Hühner gehören - den Hahn hat sie einem jemenitischen Typen vom Liquor Store am Ende der Straße überlassen, 'er mag Hähne'. Ein Beispiel für die informellen Ökonomien, die Urban Gardening hervorbringt. Von der Rückseite der Veranda im ersten Stock des Hauses schauen zwei trächtige Ziegen, auf dem Balkon zur Straße sind die Kaninchen untergebracht."

Außerdem stellt Michael Jäger zehn Thesen zum Naturverständnis des Urban Gardening auf, und Robert Kaltenbrunner formuliert "Prognosen und Gebote für eine ­urbane Architektur".
Stichwörter: Schrumpfende Städte

Aus den Blogs, 04.08.2011

Vor knapp zwei Wochen berichtete Jon Stewart in der Daily Show über den Murdoch Skandal. Und was war? Im Tschad, Somalia, Saudi-Arabien, Syrien und im Jemen konnte man die Sendung sehen, aber nicht in Britannien. Dort darf man das Parlament nicht in einer satirischen Sendung zeigen! Stewarts Antwort:




Welt, 04.08.2011

Der 5. August soll nach dem Willen des Bundestags zum "Gedenktag für Vertriebene" werden. Ralph Giordano liest für die Forumsseite die am 5. August 1950 vorgestellte "Charta der Vertriebenen" und fordert eine Distanzierung der jetzigen Vertriebenenfunktionäre: "Der Blick der Verfasser ist ausschließlich auf deutsches Leid begrenzt. Was in zwei Kernsätzen der 'Charta' kulminiert. Der eine: 'Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid der Zeit am schwersten Betroffenen empfinden.' Am schwersten? Können da vielleicht auch Überlebende mithalten, die ihre Familien im Gas verloren hatten, Juden, Polen, Sinti und Roma? (...) Aber es kommt noch schlimmer, mit dem zweiten Kernsatz: 'Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung.' Was, um Himmels willen, soll das heißen? Darf man fragen, wer da von deutscher Rache und Vergeltung verschont geblieben ist?"

Im Feuilleton wendet sich Christian Tröster gegen den Abriss eines originellen Bürohauses aus den siebziger Jahren in der Nähe des Berliner Hansa-Viertels - das Gebäude soll durch einen jener Plattenbauten ersetzt werden, die seit dem Mauerfall vor allem damit befasst sind, die Berliner Traufhöhe zu respektieren.

Das von dem Künstler Igor Paasch gefilmte und von Tröster zitierte Video "Danke, Hans" gibt einen kleinen Einblick in das architektonische Entsetzen, das vom "Planwerk Innenstadt" des ehemaligen Baustadtrats Hans Stimmann ausgelöst wurde.



Außerdem interviewt Manuel Brug den Dirigenten Marc Minkowski, der in Salzburg Mozarts "Cosi fan tutte" geben wird. Marc Reichwein trägt für die Leitglosse Jagd- und Jagdhund-Metaphern für das Metier des Journalismus zusammen ("Vom treuen Wach- und Spürhund über den hartnäckigen 'Wadenbeißer' (gern auch 'Terrier') bis zum 'Bluthund' sind die Rollenzuschreibungen fließend.") Besprochen wird der französische Liebesfilm "Angele und Tony" (mehr hier).

Im politischen Teil liest Sven Felix Kellerhoff weitere neu entdeckte Stasi-Akten über Horst Mahler.
Anzeige

FR/Berliner, 04.08.2011

Christian Thomas erklärt Kurt Tucholskys vor achtzig Jahren in die Geschichte eingegangenes Zitat "Soldaten sind Mörder" für unhaltbar: schon weil die Generalisierung "nicht nur sittlich fragwürdig, sondern intellektuell eine Zumutung ist". Arno Widmann legt uns das Plädoyer für Religionsfreiheit des Bapistenprediger Julius Köbner von 1848 ans Herz: "Das Manifest des freien Urchristentums an das deutsche Volk". Christian Broecking erinnert an die vor 110 Jahren geborene Jazzlegende Louis Armstrong. Berthold Seliger schreibt zum Tod des guineischen Musikers Kante Manfila.

Besprochen werden Johannes Nabers Film "Der Albaner", Marie Kreutzers Film "Die Vaterlosen", eine Ausstellung der Fotografin Abisag Tüllmann im Berliner Museum für Fotografie und Liao Yiwus Gefängnisbuch "Für ein Lied und hundert Lieder" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

TAZ, 04.08.2011

Michael Baute berichtet über das Filmfestival "New Horizons" in Wroclaw, das eine Werkschau von Werner Nekes zeigte. (Bei Ubu kann man mehrere Filme von Nekes sehen, und hier seine Homepage.) Auf der Meinungsseite schreibt Ute Scheub über den Frauenhass des Attentäters von Norwegen. Auf der Medienseite berichtet Kety Qadrino über erste Annäherungen im Tarifstreit der Journalisten.

Besprochen werden Peter Pillers Ausstellung "Kraft" im Kunstverein Braunschweig, Sudabeh Mortezais Dokumentarfilm "Im Bazar der Geschlechter" über die Doppelmoral der schiitischen Theokratie, das Liebesdrama "Blue Valentine" von Derek Cianfrance und die DVD-Kassette "Indien" mit der Serie "Phantom Indien" und dem Film "Kalkutta" von Louis Malle.

Und Tom.

NZZ, 04.08.2011

Mona Sarkis beschreibt, wie das alewitische Assad-Regime die vielen ethnischen und religiösen Gruppen in Syrien seit Jahrzehnten gegeneinander ausspielt, was zur Folge hatte, dass Christen und Drusen am stärksten auf den arabischen Nationalismus der Baath-Partei setzen, die Schiiten aber bevorzugt werden: "Busladungen von Schiiten aus Libanon und Iran fahren täglich in der Damaszener Altstadt vor, um den Schrein der Sayyda Ruqaya (einer Tochter Imam Husseins) aufzusuchen, in dessen kontinuierlichen Ausbau Iran seit Jahrzehnten investiert. 'Warum muss man hier keinen Eintritt bezahlen?', empört sich eine Frau am Eingang. 'Um in die für Sunniten errichtete Omayyaden-Moschee zu gelangen, muss ich als sunnitische Syrerin zahlen.' Eilig scheucht der Wächter sie davon. Die Provokation des Regimes gegenüber der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit (70 bis 80 Prozent) wiegt schwer. Es scheint, Schiiten dürfen alles, Sunniten nichts."

Weiteres: Brigitte Kramer berichtet von der Einweihung des Cristobal Balenciaga Museoa im baskischen Fischerort Getaria. Auf der Filmseite informiert uns Susanne Ostwald über die neuesten Entwicklungen in der Welt der Filmfestivals. Besprochen werden der auf Kuba spielende Animationsfilm "Chico & Rita" des Spaniers Fernando Trueba und Hans Rudolf Vagets Studie "Thomas Mann, der Amerikaner" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 04.08.2011

Nach den Anschlägen in Norwegen grübelt Stefan Schulz über viele, sehr viele ungestellte und schwer beantwortbare Fragen nach dem Verständnis von Tat und Täter. Den Mustern bisheriger terroristischer Anschläge entgleitet Breivik jedenfalls, sagt Schulz: "Der Täter gefällt sich beispielsweise im Bild des Ritters und idealistischen Kämpfers. Er hat dieses Bild aus seiner Rezeption des Dschihad abgeleitet. Doch seine Bewunderung hatte Grenzen. (...) Ebenso interpretiert er die Idee des Kampfes in seiner eigenen Logik. Denn er kämpfte ja gar nicht."

"Fast surreale Bilder" hat Joseph Croitoru beim gestrigen Prozessauftakt gegen Mubarak und Co. in Kairo gesehen, "denn auf den kargen Holzbänken (...), auf denen jetzt die Führungsspitze des früheren Regimes saß (...), waren früher meist seine erbittertsten politischen Gegner zu sehen: militante ägyptische Islamisten; oder solche, die man dafür hielt."

Weitere Artikel: Mit geschärftem Ohr geht Gerhard Rohde aus diversen Konzerten bei den Salzburger Festspielen nach Hause. Klaus Unger berichtet aus dem Landgericht Berlin. Alexander Kemmerer ruft dem Rechtsgelehrten Eric Stein nach. Mark Siemons meldet, dass ein Hochhausprojekt des Architekturbüros "Gerkan, Marg und Partner" in Shanghai auf Widerstand stößt.

Auf der Kinoseite freut sich Rüdiger Suchsland auf das gestern begonnene
Filmfestival in Locarno. Als "freiesten Auftragsarbeiter" bezeichnet Bert Rebhandl in einem schönen Text Werner Herzog, der in Berlin gerade mit einer Werkschau gewürdigt wurde. Andreas Platthaus meldet den Fund von drei Filmrollen des bislang als verschollen geltenden Hitchcock-Stummfilms "The White Shadow" in Neuseeland (die L.A. Times hat mehr Informationen sowie ein hinreißendes Bild des blutjungen Hitch). Mira Wild meldet den Launch des European Film Gateway, das - auf allerdings etwas mühevolle Weise - das in Filmarchiven eingelagerte europäische Filmerbe in Form multimedialer Digitalisate zugänglich macht (ein Fundstück zum Beispiel: eine rund viertelstündige, österreichische Poe-Adaption von 1951 aus dem Filmarchiv Austria).

Besprochen werden neue CDs von Casper und Samy Deluxe, eine dem Architekten Ernst May gewidmete Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, die Filme "Super 8" (mehr) und "Our Great Despair" (mehr) sowie Bücher, darunter die Biografie der Schriftstellerin Hilde Domin (mehr in unserer aktuellen Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 04.08.2011

Jeanette Kohl hat sich durch Putins offizielles "Casual"-Photoalbum (hier zum Beispiel begrübelt er einen Stein) geblättert und analysiert in einem kenntnisreichen Essay unter Rückgriff auf die Herrscherästhetik der Renaissance die forcierte Inszenierung des Präsidenten als proletarischer Fürst: "Mag der stolze Reiter noch so sehr aus der Mottenkiste der Kunstgeschichte stammen - unvermeidlich assoziiert jeder einen herkulischen Machtinstinkt."

Empowerment-Pop nennt Pat Blashill in seinem Essay eine im jüngsten Mainstream-Pop zu beobachtende Tendenz zur Motivationscoach-Rhetorik, derzufolge man ständig schön, reich und selbstverliebt sein sollte, und liefert gleich noch einen ersten Deutungansatz mit: "Könnte es sein, dass all diese Empowerment-Oden etwas mit der Tatsache zu tun haben, dass die US-Wirtschaft am Boden liegt und sich die Amerikaner, nun ja, ein bisschen schwach fühlen?" Neu ist das Phänomen freilich nicht, einen großartig trashigen Vorläufer aus den Achtzigern stellen wir gern zur Seite:



Weitere Artikel: Karin Gothe erläutert die Geschichte der syrischen Baath-Ideologie und deren säkulare Strategien. Dirk Wagner wirft einen Blick ins Programm des Münchner Theatron-Musiksommers. Michael Stallknecht berichtet von der Bachwoche Ansbach. Sabine Gietzelt portraitiert den Goethe-Institut-House-DJ Matthias Tanzmann. Julian Dörr unterhält sich mit Filmhochschulabsolvent Oliver Haffner, dessen Film "Mein Leben im Off" (mehr) heute anläuft. Reinhard J. Brembeck denkt über die Popularität des Komponisten Jörg Widmann nach.

Besprochen werden die Filme "Die Vaterlosen" (mehr), "Blue Valentine" (mehr) und "Super 8" (mehr), die Oper "Achterbahn" von Judith Weir bei den Bregenzer Festspielen, die Ausstellung "Babylons Schatten III" in der Pasinger Fabrik in München, eine Ausstellung mit Videoarbeiten von Robert Wilson (mehr) im Salzburger Museum der Moderne, Performances von Jan Fabre (mehr) und Ivo Dimchev (mehr) auf dem ImPulsTanz-Fest in Wien und Bücher, darunter die nach zwei Jahrzehnten überfällige Übersetzung von Eugene McCabes Roman "Tod und Nachtigallen" ins Deutsche (mehr in unserer aktuellen Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 04.08.2011

Jens Jessen stellt fest, die sich Morde des Anders Breivik vor allem gegen die offene Gesellschaft richteten, den sozialdemokratischen Geist des Verstehens und Förderns, weniger gegen den Islam als gegen die "Islamversteher". Weiter schreibt er etwas widersprüchlich: "Die Freunde der offenen Gesellschaft wird es grausen, mit ihren Feinden allein zu bleiben. Seit dem Attentat von Oslo wissen sie genau, dass sie nach den Muslimen als Nächste auf der schwarzen Liste stünden. Das ist aber auch ein Effekt, den die zivilen und intellektuellen Islamkritiker mit ihren Reden unabsichtlich auslösen: Nicht nur der türkische oder arabische Muslim fühlt sich gemeint. Die Forderung nach einer homogenen Gesellschaft bedroht jedes Individuum, das sich, und sei es zu Unrecht, nicht dem Justemilieu zugehörig fühlt."

Weiteres: Reiner Luyken stellt nach den jüngsten Wendungen im Skandal um Rupert Murdochs News of the World fest, dass Journalisten in Großbritannien inzwischen recht unterschiedslos "offene Feindseligkeit" entgegenschlägt (wenigsten wurden ihre Elaborate nicht millionenfach gekauft!). Peter Kümmel hat sich in Salzburg Nicolas Stemanns gloriose "Faust"-Inszenierung und Roland Schimmelpfennigs "Die vier Himmelsrichtungen" angesehen.

Besprochen werden unter anderem Jill Scotts neues Album "The Light of the Sun", Marie Kreutzers Film "Die Vaterlosen", Seyfi Teomans "Our Grand Despair" und eine CD-Box mit Trauffauts Antoine-Doinel-Filmen.

Auf der Literaturseite erhebt Ina Hartwig gegen Peter Kurzecks so gefeierten Erinnerungstrumm "Am Vorabend", den sie eher gefühlig, patriarchalisch und unhistorisch findet.

Im Politikteil plädiert Özlem Topcu dafür, Diskurs und Attentat auseinanderzuhalten: Man dürfe den Islam ebenso kritisieren wie die Islamkritiker. Bernard-Henri Levy verteidigt die Nato-Intervention in Libyen.