Heute in den Feuilletons

Ein gewisses Quantum Leidenschaft

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.08.2011. Die Meldung, dass der heutige Nazi Horst Mahler, der die Nebenklage im Prozess gegen den Ohnesorg-Todesschützen Karl-Heinz Kurras vertrat, so wie Kurras selbst Stasi-IM war, irritiert FR und taz nachhaltig. Der japanische Philosoph Kenichi Mishima bedauert in der Welt, dass die Amerikaner durch den 11. September an Reputation eingebüßt haben. Die FAZ zitiert den Metal-Musiker Cornelius Jakhelln über die Marginalisierung der "tickenden Bomben" in Norwegen.

Welt, 03.08.2011

In der Serie mit Reflexionen über den 11. September ist heute der japanische Philosoph und Habermas-Übersetzer Kenichi Mishima dran, der erzählt, wie er die Meldung um 22 Uhr Tokioter Zeit live am Autoradio hörte und heute folgende Bilanz aus dem Ereignis zieht: "Der 11. September war eindeutig eine moralische Katastrophe der militanten Islamisten. Doch er löste die bedauerliche Folge aus, dass die USA immer mehr an Reputation einbüßten. Die älteste konstitutionelle Demokratie, die schon seit langem nicht mehr in der Lage schien, ihr militärisches Übergewicht im Spannungsverhältnis zum Geist der Demokratie zu sehen, verliert allzu oft die Kontrolle über sich selbst."

Weitere Artikel: Hannes Stein besucht eine der "Ostalgie" gewidmete Ausstellung des New Museum in New York. Alan Posener schreibt eine Glosse über die unflätige Reaktion einer CDU-Politikerin auf einen Artikel Alexander Gaulands von der Märkischen Allgemeinen, der behauptet hatte, dass es in Brandenburg nie so etwas wie ein Bürgertum gegeben habe.

Besprochen werden außerdem zwei Makart-Ausstellungen in Wien (mehr hier und hier).

TAZ, 03.08.2011

Regine Igel hat sich die sehr ausgedünnten Stasi-Akten zum Fall Horst Mahler angesehen, die zeigten, dass bei Mahler auch schon vor 1967 eine Nähe zum DDR-Geheimdienst bestand: "Die Rolle Mahlers in der Radikalisierung und Militanz der Studentenbewegung zeigt ihn, mit neuem Blick, als einen unermüdlichen Motor des Geschehens."

"Wieczoreks Novellen machen glücklich!", ruft Jochen Schimmang im Kulturteil nach Lektüre von Rainer Wieczoreks "Der Intendant kommt". Und sie zeugten von echter Erfahrung im Kulturbetrieb: "'Vielleicht', überlegt der Regisseur Schoor, ein blitzgescheiter, schlitzohriger Schelm, 'war der Gedanke, Theater müsse für ein Publikum gespielt werden, in dieser Ausschließlichkeit falsch...'"

Besprochen werden eine Ausstellung des Bildhauers Constantin Brancusi im Pariser Centre Pompidou und J. J. Abrams' Retrofilm "Super 8".

Und Tom.

FR/Berliner, 03.08.2011

Arno Widmann kommentiert die Meldung, dass der heutige Nazi Horst Mahler, der die Nebenklage im Prozess gegen den Ohnesorg-Todesschützen Karl-Heinz Kurras vertrat, so wie Kurras selbst Stasi-IM war: "In Wahrheit werden nicht nur die ehemaligen Stasizuarbeiter sich sagen müssen, dass sie benutzt wurden. Der Begriff der Autonomie spielte im Protest der 70er-Jahre eine zentrale Rolle. Es war die Idee, unabhängig von den bestehenden Apparaten ein eigenes Leben zu führen, eine eigene Politik, eigene Organisationen, ja eine eigene Welt aufzubauen. Eine Illusion, wie sich schnell herausstellte."

Außerdem: Christoph Böhr, der unter anderem Philosophie an der Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz/Wien lehrt, widerspricht dem Mittelalterhistoriker Gerd Althoff, der angesichts des Massakers in Norwegen eine Distanzierung der Kirche von der Gewalt in den Kreuzzügen forderte.
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NZZ, 03.08.2011

Roman Hollenstein war wieder in Europas Städten unterwegs. Diesmal hat er sich in Edinburgh das von Gareth Hoskins' umgebaute National Museum of Scotland angesehen, einen viktorianischen Prachtbau für Dinosuarierskelette und Dampfmaschinen: "Im sommerlichen Sonnenschein ist Edinburgs urbane Schönheit kaum zu überbieten."

Weiteres: Martin Walder annonciert das heute Abend beginnene Locarno Filmfestival, das der neue Direktor Olivier Pere mit vielen großen Namen aufpeppen will: "Schluss also mit übertriebener Arthouse-Noblesse?" Alena Wagnerova stellt eine tschechische Dokumentation zur "Aussiedlung der Deutschen" vor. Urs Hafner bespricht Peter Martigs Kantonsgeschichte "Berns moderne Zeit".
Stichwörter: Europas Städte

SZ, 03.08.2011

Das Geld für Literaturvermittlung wird immer knapper. Im Osten Deutschlands hat das einiges an Eigeninitiative freigesetzt, erzählt Florian Kessler, der drei Beispiele beschreibt, darunter das von dem Buchhändlerpaar Susanne Dagen und Michael Bormann gegründete KulturHaus Loschwitz in Dresden: "Der Osten, finden die beiden, biete doch mindestens einen Vorteil: Hier gebe es immer noch Platz, noch nicht besetzte Nischen. Bei den hiesigen Miet- und Unterhaltspreisen könne jeder mit einem gewissen Quantum Leidenschaft und Unbeirrbarkeit zum Gründer werden, sich auf eigene Verantwortung ausprobieren."

Gustav Seibt fragt, warum die katholische Kirche sich so vehement gegen die Verrechtlichung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften wehrt: "Die Schwulenehe ist geradezu zum letzten Gefecht im katholischen Kampf gegen den liberalen Staat geworden, der mit der Französischen Revolution begann und erst im zweiten Vatikanischen Konzil beerdigt wurde."

Weitere Artikel: Andrian Kreye überprüft mit Hilfe der Ratingagentur Klout den Wert seiner Online-Persönlichkeit (mehr zu Klout hier). Burkhard Müller eröffnet eine Reihe über Briefmarken verschollener Länder. Jörg Häntzschel berichtet über das "BMW Guggenheim Lab", ein Blockseminar des New Yorker Guggenheim Museum zum Thema Stadt. Christine Dössel hörte in Salzburg die szenische Ur-Lesung von Daniel Kehlmanns "ordentlich gebautem" Stück "Geister in Princeton". Und Matthias Waha hörte Annette Pehnts Bamberger Poetikvorlesungen. Auf der Medienseite stellt Helmut Martin-Jung den Iplayer der BBC vor, über den Teile der Online-Mediathek der BBC in ganz Europa auf mobilen Endgeräten zugänglich werden soll (mehr bei Heise).

Besprochen werden J.J. Abrams' Film "Super 8" (leider kein zweiter "E.T.", bedauert Tobias Kniebe), Olaf Nicolais Performance "Escalier du Chant" in der Münchner Pinakothek der Moderne, die Ausstellung "Drunter und drüber - Altdorfer, Cranach und Dürer auf der Spur" in der Alten Pinakothek München und Christian Webers Max-Kommerell-Biografie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 03.08.2011

In den führenden Zeitungen Norwegens ist nach den Anschlägen von Anders Breivik eine Debatte über Meinungsfreiheit entfacht. Matthias Hannemann fasst die Wortmeldungen in Morgenbladet, Aftenposten und Dagsavisen zusammen, darunter auch den "provokanten Essay" des in Berlin lebenden Metalmusikers und Philosophiedoktoranden Cornelius Jakhelln. Der meint, das größte Problem Norwegens bestehe darin, dass man zwar auf Vielfalt setze, dies aber "in fast schon wieder gleichgeschalteter Art und Weise", die "tickende Bomben" wie Breivik ignoriere. Hannemann zitiert Jakhelln: "Anstelle mehr Demokratie zu praktizieren, wie es der Ministerpräsident formulierte, wollen die Medien und die Experten eine Diskussion verhindern. Dass sie sich pädagogisch verhalten, macht mich rasend. Als ob wir uns keine eigene Meinung bilden könnten. Als ob wir nicht in der Lage wären, selbständig zu denken." (Hier der Song "Party über alles" seiner Band "Sturmgeist")

Weitere Artikel: Verena Lueken feiert die amerikanische Schriftstellerin Tea Obrecht. Christian Geyer stimmt dem Berliner Erziehungswissenschaftler Bernd Ahrbeck zu, der in seiner Streitschrift "Der Umgang mit Behinderung" modische Maximen wie "Behinderungen gibt es nicht" oder "Behindert sind wir alle" als Realitätsverweigerung kritisiert. Joseph Croitoru fasst einen aktuell in der Zeitschrift "Osteuropa" erschienenen Artikel der Slawistin Klavdia Smola über russisch-jüdische Dissidenzliteratur in der späten Sowjetunion zusammen. Kerstin Holm war bei Waldimir Putins Besuch im Sommerlager der Kremljugend am Seliger-See dabei, wo es im Gegensatz zum letzten Jahr gesitteter zugeht ("politische Amüsements wie das Ferkel im Käfig, das auf den Namen des estnischen Präsidenten hört, oder Fotos von Oppositionellen und Menschenrechtlern, die auf Pfähle gesteckt und mit SS-Kappen und Hakenkreuzen geschmückt wurden, gibt es nicht mehr.").

100 Jahre wäre der Hollywood-Meisterregisseur Nicholas Ray am 07.August geworden. Als Hommage vorab bilanziert die heutige DVD-Seite das auf Konserve greifbare Werk des Regisseurs. Wir steuern als Fundstück einen Videoessay von Dennis Hopper über Ray bei:



Besprochen werden Derek Cianfrances' Film "Blue Valentine", die Ausstellung "Architecture in Uniform" in Kanada, eine Ausstellung mit Skulpturen von Evan Penny in der Kunsthalle Tübingen, ein Gastspiel des Simon Bolivar Orchester in Salzburg sowie Bücher, darunter "Revolutionen auf dem Rasen", Jonathan Wilsons "exzellente Weltgeschichte des Fußballs" (mehr in unserer aktuellen Bücherschau ab 14 Uhr).