Heute in den Feuilletons

Das war eine Zeit ohne Kaiser

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.05.2011. Die taz war dabei, als Claus Peymann seinen Kollegen Herbert Fritsch anpöbelte. Es ging um Theater. "Im Kern totalitär": Die Welt ist über den Diskurs der Nachhaltigkeit nachhaltig verstimmt. Carta fragt, wie man im Netz noch über die Artikel anderer sprechen soll, wenn Zeitungskonzerne Zitate mit Rechnungen belegen?  SpOn-Kolumnist Georg Diez ist sehr sauer über die öffentlich-rechtlichen Anstalten. Die FR ist ergriffen von Christoph Marthalers subpolarem Abend in Wien. Die FR erzählt auch, wie Facebook Google anschwärzen wollte. In der FAZ schreibt Bei Ling über die wilden amerikanischen Jahre Ai Weiweis.

NZZ, 14.05.2011

Viele Gründe gab es für die Mahler-Renaissance seit den sechziger Jahren, über die Marco Frei schreibt. Einer davon ist ganz banal und dürfte heutigen Kulturverwesern kaum in den Kram passen: "Das war auch deshalb möglich, weil 1961 - fünfzig Jahre nach Mahlers Tod - die urheberrechtliche Schutzfrist ausgelaufen war. Mahlers Musik wurde, wie es Constantin Floros etwas salopp formuliert, für die Plattenindustrie und Veranstalter 'billiger'."

Außerdem in Literatur und Kunst: Roman Bucheli schreibt zum hundertsten Geburtstag von Max Frisch. Heinz Ludwig Arnold erinnert sich an ein langes Gespräch, das er in den siebziger Jahren mit Frsich führte. Wolfgang Stähr führt ein in Schönbergs Oper "Moses uind Aaron", die heute in Zürich Premiere hat.

In Zürich werden Beuys-Werke aus einer Schenkung der Baronessa Lucrezia De Domizio Durini ausgestellt, in deren Anwesen Beuys gern seine Ferien verbrachte. Hans-Joachim Müller schreibt im Feuilleton: "Und wenn das Beuyssche Werk auch nie durchfurcht von südlicher Heiterkeit schien, dann ist es schon einigermaßen tröstlich zu erfahren, dass unter der obligaten Weste doch auch ein Herz für Pizza und Pasta schlug und der Mann mit der Intuition für abweisende Kunstbaustoffe wie Filz und Fett durchaus zur Toskana-Fraktion gerechnet werden durfte."

Weiterhin berichtet Susanne Ostwald aus Cannes. Besprochen wird Lullys Oper "Atys" in Paris.

FR, 14.05.2011

Sehr nahe gegangen ist (hier in der Berliner Zeitung) Dirk Pilz die zur Eröffnung der Wiener Festwochen gespielte Marthaler-Inszenierung "+-0": "Dieser Abend weiß genau, was Klimawandel, Weltverschmutzung, Natur- und Menschenausbeute bedeutet - und fürchtet, was das für den Seelenhaushalt des Einzelnen heißen mag. Marthaler hat noch nie zur Tat, immer schon zum Eingedenken gerufen. So klar und kalt, so demutsreich und menschenherzenswarm zugleich aber hat er unsere Regionen der Einsamkeit bislang nicht besungen. '+-0', der neue Marthaler: ein Exerzitium, Einübung in die Sterblichkeit, Sturmangriffe gegen sie, auch das. Ja, so groß, so umfassend ist dieser Abend."

Marin Majica berichtet von der Schmutzkampagne, die Facebook gegen Google losgetreten hat: "Demnach hat das Netzwerk die angesehene PR-Agentur Burson Marsteller beauftragt, Technik-Journalisten und Blogger auf einen vermeintlichen Skandal aufmerksam zu machen. So erhielt der Blogger Christopher Soghoian E-Mails, denen zufolge Google mit dem Dienst Social Circle massiv die Privatsphäre von Internetnutzern verletze. Google sauge aus anderen Netzwerken und Diensten Informationen über deren Mitglieder und lege Dossiers an." Der Blogger glaubte das nicht und stellte die PR-Mails ins Netz.

Weitere Artikel: Anke Westphal hat in Cannes unter anderem Nanni Morettis Film "Habemus Papam" über einen von Michel Piccoli gespielten komplett überforderten Papst gesehen (Berliner Zeitung). Martin Lüdke schreibt zum 100. Geburtstag von Max Frisch.

Besprochen werden Philippe Decoufles Tanzstück "Octopus" beim Wolfsburger Movimentos-Festival und Emmanuelle Paganos Roman "Bübische Hände" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 14.05.2011

Dirk Maxeiner wendet sich im Forums-Essay gegen den Diskurs der "Nachhaltigkeit", der die Gegenwart im Namen zukünftiger Generationen in Geiselhaft nehmen will: "Anstatt die Zukunft als ergebnisoffenes Entdeckungsverfahren zu sehen, wird die Idee einer besseren Welt nach Plan wieder salonfähig. An die Stelle des tastenden Fortschritts durch Irrtum und Versuch soll eine global gesteuerte Ressourcenbewirtschaftung treten. Sie soll im Hinblick auf einen hypothetischen paradiesischen Endzustand erfolgen. Eine solche Idee ist utopisch und im Kern totalitär."

Im Feuilleton schreibt Wolf Lepenies über den Plan eines "Museums des Mittelmeers" in Marseille (das 2013 Kulturhauptstadt ist). Andreas Rosenfelder versucht, Slavoj Zizeks dialektische Pirouetten zu entwirren. Hanns-Georg Rodek schreibt in seiner Cannes-Kolumne über Nanni Morettis Papst-Film, der ihn nicht überzeugte.

Besprochen werden Christoph Marthalers Stück "IO" in Wien und Terry Gilliams' Inszenierung von Berlioz' "Faust" in Paris. Für das "Tischgespräch" lädt Henryk Broder den isländischen Verleger Halldor Gudmundsson in ein Reykjaviker Fischrestaurant ein.

In der Literarischen Welt beschreibt Maike Albath den Frust junger italienischer Autoren über den penetranten und überdies im Volk beliebten Berlusconi. Ruth Klüger liest für ihre Kolumne Lauren Grodsteins Roman "Die Freundin meines Sohnes". Besprochen werden unter anderem Neuerscheinungen zu Max Frisch.
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Aus den Blogs, 14.05.2011

Der Springer-Verlag verfolgt seit einiger Zeit Aggregatoren, die längere Zitate seiner Artikel ins Netz stellen, mit Rechnungen (und entwickelt also ein ähnliches Verhalten wie FAZ und SZ). Im Fall der Seite Exciting Commerce, der von sich reden machte, war das Zitat in der Tat zu lang, meint Robin Meyer-Lucht auf Carta: "Zugleich stellt die Springer-Intervention eine bislang durchaus übliche redaktionelle Praxis von Aggregationsblogs infrage - nämlich die Übernahme von längeren Originalpassagen. Im urheberrechtsversierteren Nachrichtenmainstream macht man sich meist noch die Mühe der Umformulierung. Aggregationsbloggen wird so gesehen zu einer Übung, bei der es auch darum geht, an den Grenzen des urberrechtlich Zulässigen entlang zu formulieren. Der Schreiber wird auch zum Lizenzkünstler."

TAZ, 14.05.2011

Mit gleich zwei Inszenierungen ist der ehemals als Schauspieler reüssierende und nunmehr Regie führende Herbert Fritsch zum Theatertreffen eingeladen. Esther Slevogt erklärt Näheres über sein sehr künstliches Theater und einen speziellen Wirkungstreffer, den Fritsch in Berlin zu setzen gelang: "Bei der Premiere während des Theatertreffens ... verfehlte speziell der Schluss seine Wirkung nicht. Am Ende sprang schimpfend ein Mann im Publikum auf, sprach Fritsch die Befähigung zum Regisseur ab und pöbelte etwas von 'Volksverdummung'. Was vielleicht nicht weiter bemerkenswert wäre, hätte es sich bei dem Mann nicht um Claus Peymann gehandelt, der sich immer noch für einen prominenten Vertreter des politischen und zeitkritischen Theaters hält, sich an diesem Punkt aber nicht nur schockierend unkollegial, sondern auch vollkommen blind für den zutiefst politischen Kern dieser Inszenierung zeigte."

Weitere Artikel: Dirk Knipphals lädt aus Anlass von dessen 100. Geburtstag dazu ein, einen neuen, differenzierten Blick auf das Werk von Max Frisch zu werfen. In Cannes hat Cristina Nord eine Unterstützungsveranstaltung für Jafar Panahi erlebt und im Wettbewerb mit einiger Freude Nanni Morettis Film "Habemus Papam" gesehen. Cord Riechelmann war dabei, als Slavoj Zizek in der Berliner Volksbühne Hegel performte. Mit der Country-Legende Emmylou Harris hat sich Dagmar Leischow unter anderem über ihre neue CD "Hard Bargain" unterhalten. Thomas Hummitsch spricht mit Richard A. Clarke über sein jüngstes Buch "World Wide War" über die Terrorgefahr aus dem Internet. Jan Feddersen und Ivor Lyttle geben einen Überblick über die Song-Contest-Finalisten.

Besprochen werden Bücher, darunter Neues von und über Paula Fox (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Spiegel Online, 14.05.2011

SpOn-Kolumnenschreiber Georg Diez hat die Nase voll: "Es tut mir leid. Aber es reicht. Es reicht endgültig. Das Abnicken. Das Kopfschütteln. Das Staunen darüber, warum dieses Land es einfach hinnimmt, dass ausgerechnet Organisationen wie ARD und ZDF, die ihre eigene Existenz immer dadurch legitimieren, dass ohne sie mindestens die Demokratie in Gefahr ist, sich so undemokratisch wie möglich verhalten." Diez unterstützt die Kandidatur des FAZ-Kollegen Claudius Seidl auf die ZDF-Intendanz. Seidl hatte sich in der Sonntags-FAZ offiziell auf den Posten beworben und hat jetzt auch schon eine Fan-Seite bei Facebook.
Stichwörter: ARD, Georg Diez

SZ, 14.05.2011

Um sich mit eigenen Augen ein Bild zu machen davon, was in Ungarn unter dem mit Zweidrittelmehrheit regierenden Viktor Orban der Fall ist, ist Alex Rühle nach Budapest gereist. Er hat mit Regimegegnern wie Agnes Heller, aber auch mit dessen Vertretern gesprochen. Leider finden sich eigentlich alle schlimmen Vorurteile bestätigt: "Wie so oft bei rechtspopulistischen Bewegungen funktioniert Orbans System einzig über Loyalitäten, was zu einer Kontraselektion führt, schließlich können nur subalterne Jasager in einem derart streng auf eine Person zugeschnittenen System etwas werden... Das neu eingerichtete Terrorismuszentrum wird von Orbans früherem Leibwächter geleitet. Ein Mann ohne juristische Ausbildung wurde Verfassungsrichter, ein ökonomischer Laie Chef des Rechnungshofes, und der neue Präsident ist ein ehemaliger Fechter, der stolz bekennt, noch kein einziges Gesetz der Fidesz nicht unterschrieben zu haben."

Weitere Artikel: Jens-Christian Rabe begreift Lena als neuen - und leider seiner Voraussage nach sehr schnell verglühenden - "Typus des Entertainers". Susan Vahabzadeh hat im Wettbewerb von Cannes den neuen Film "Habemus Papam" von Nanni Moretti und "Polisse" von Maiwenn gesehen. Jörg Häntzschel porträtiert den Dirigenten Alan Gilbert, der mit den New Yorker Philharmonikern gerade auf seiner ersten Deutschlandtournee ist. Bob Dylan hat sich, wie Carlo Jimenez berichtet, gegen Vorwürfe verwahrt, er habe bei seinen Konzerten in China irgendeine Form von Zensur zugelassen. Catrin Lorch gratuliert dem Museumsdirektor Armin Zweite zum Siebzigsten.

Im politischen Aufmacher der SZ am Wochenende stellt Heribert Prantl zur FDP fest: Der Liberalismus lebt nicht mehr hier. Harald Hordych begibt sich in der ESC-Stadt Düsseldorf auf die Suche nach den Anfängen des deutschen Punk. Kristin Rübesamen spricht mit der Schauspielerin Emily Watson über "Hunger".

Besprochen werden Christoph Marthalers grönländische Annäherung an den Nullpunkt "+-0. Ein subpolares Basislager" zur Eröffnung der Berliner Festwochen und Julian Schütts "Max Frisch"-Biografie (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 14.05.2011

Die Seite 3 von Bilder und Zeiten ziert ein umwerfendes Bild zweier gertenschlanker lachender nackter Chinesen auf dem Platz vor dem World Trade Center in New York. Einer davon ist der sehr junge Ai Weiwei, der in den achtziger Jahren als Illegaler in New York lebte. Der Schriftsteller Bei Ling, ein Freund Ai Weiweis schreibt über diese Zeit und dieses Foto: "Zwei schlanke junge Kerle lachen da nackt und frech in die Kamera, mit winzigen Schwänzchen und einem strahlenden Lachen. Ai Weiwei erzählte: 'Yan Li wollte dort mit mir ein Erinnerungsfoto machen lassen, aber das war mir zu langweilig: Ich sagte: 'Machen wir hier zusammen ein Nacktfoto.' Yan Li zögerte, aber dann meinte er, dass er eine bessere Figur habe als ich, und zog sich deshalb doch noch aus. Das war super, nur wir beide in der Sonne, sonst war niemand dort. Das war eine Zeit ohne Kaiser.'"

Weitere Artikel in Bilder und Zeiten: Peter von Matt schreibt zum hundertsten Geburtstag von Max Frisch. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite, die streikbedingt aus dem abgemagerten Feuilleton hierhin verfrachtet wurde, geht's unter anderem Wiederveröffentlichungen von Soul-Platten durch das HooDoo-Label und um eine Recital-CD mit der Mezzosopranistin Joyce Di Donato, auf der Literaturseite um Peter Temples Roman "Wahrheit". Arno Lustiger erinnert daran, dass die Kisten, in denen Weimarer Kulturgüter vor dem Krieg geschützt werden sollten, von Buchenwald-Häftlingen gezimmert wurden. Wolfgang Sandner unterhält sich mit dem 75-jährigen Klaus Doldinger.

Für das Feuilleton ist Xaver Oehmen nach Grevenbroich gereist, wo bald ein Braunkohlebergwerk die deutsche CO2-Bilanz ruiniert. Dirk Schümer schreibt eine Glosse über den Umstand, dass die Knochen der mutmaßlichen Gioconda gefunden wurden, die nun auf Mona-Lisa-Einschlägigkeit untersucht werden. Die Kunsthistorikerin Charlotte Klonk findet es zwar richtig, dass die Fotos des toten bin Laden nicht veröffentlicht wurden - aber sie besteht auf dem dokumentarischen Wert von Fotos im Zeitalter ihrer Manipulierbarkeit. Für die letzte Seite begibt sich Friederike Haupt auf die Spur jener anonymen Rechercheure, die die Plagiate in Guttenbergs Doktorarbeit fanden und im GuttenPlag-Wiki veröffentlichten. Besprochen wird Christoph Marthalers Stück "Subpolares Basislager" in Wien.

Für die Frankfurter Anthologie liest Walter Hinck ein Gedicht von Helga M. Novak - "seitdem du da bist:

seitdem du da bist
gehen die Stühle aus dem Leim (...)"