Heute in den Feuilletons

Die Dinge vor, auf und hinter der Leinwand

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.05.2011. Die NZZ porträtiert Kämpfer gegen Korruption in Russland und Indien - und Countrymusiker aus Brasilien. Die taz erzählt, wie schwer es Journalisten in Syrien haben. In den Blogs und Zeitungen wird nach dem Eklat um den Kisch-Preis  weiter über die Frage der Wahrhaftigkeit im Journalismus nachgedacht. In der FR schreibt Georg Klein über den Aufstieg seines Heimatclubs FC Augsburg  in die erste Liga. Die Feuilletons trauern um den Filmkritiker Michael Althen, der im Alter von nur 48 Jahren gestorben ist.

Welt, 13.05.2011

Die Feuilletons trauern. Michael Althen, Filmkritiker der SZ, später der FAZ ist im Alter von 48 Jahren an Krebs gestorben - für viele war er der beste Filmkritiker in den deutschen Feuilletons. Manuel Brug würdigt ihn für die Welt: "Wüsste man es nicht besser, man hätte nie bemerkt, dass seine feine, elegante Prosa, sein immenses, niemals prunkendes Wissen, sein unbestechlicher Blick auf die Dinge vor, auf und hinter der Leinwand das Ergebnis von viel Mühe, auch und vor allem um die Kunst des Weglassens gewesen ist."

Weitere Artikel: Wolfgang Schneider liest die bei Berenberg neu edierten Erinnerungen Franz Overbecks an Friedrich Nietzsche. Marko Martin kritisiert in der Leitglosse die fremdenfeindliche Gesinnung in Kreuzberg, die sich nun gegen Touristen wendet. Christina Weiß unterhält sich mit der Künstlerin Rebecca Horn. Harald Peters befasst sich mit einigen Rappern, die ihn in der Krise noch überzeugen, wie Tyler und Lil B. Behrang Samsani lauschte Thomas Lehrs Antrittsvorlesung als Gastprofessor am Literarischen Colloquium. Marc Reichwein bringt in seiner Kolumne "Sprechen Sie Feuilleton" ein paar Zahlen, die in den Feuilletons so gut wie nie berücksichtigt werden - wie zum Beispiel, dass nur 21 Prozent der männlichen, aber 46 Prozent der weiblichen Leser sich für die Kulturseiten überhaupt interessieren. Und Hanns-Georg Rodek schreibt in seiner Cannes-Kolumne über Lynne Ramsays Film "Kevin", in dem Tilda Swinton die Mutter eines Amokläufers spielt.

TAZ, 13.05.2011

Seif Al-Shishakli schildert die enormen Schwierigkeiten journalistischer Berichterstatter aus Syrien: "Bislang hat mich in Syrien anscheinend noch niemand gegoogelt, sollte dies einmal passieren, so würde zumindest meine Tätigkeit als Nahostkorrespondent bekannt. Und dass ich im besetzten Palästina war, somit nie mehr nach Syrien, offiziell immer noch im Krieg mit Israel, hätte einreisen dürfen. Aus Syrien habe ich daher bislang immer unter Pseudonym berichtet."

Weitere Artikel: Cristina Nord berichtet aus Cannes über neue Filme von Gus van Sant und Lynne Ramsay. Thomas Winkler unterhält sich mit dem Bassisten William "Bootsy" Collins unter anderem über die prägende Zeit mit seinem Ziehvater James Brown. Als "Bibelstunde" erlebte Jörg Sundermeier Sahra Wagenknechts Vorstellung ihres Buchs "Freiheit statt Kapitalismus" in Berlin. Meike Laaf informiert über eine vom New Statesman veröffentlichten Schweigeerklärung, die potenzielle Mitarbeiter von Wikileaks unterzeichnen müssen und deren Bruch eine Strafe in Höhe von circa 14 Millionen Euro vorsieht.

Und Tom.

Aus den Blogs, 13.05.2011

Auch das Internet hat etwas an der Wahrnehmung von Journalismus geändert, schreibt Thomas Knüwer in Indiskretion Ehrensache über den Streit um Rene Pfisters Seehofer-Porträt - denn entgegen den Vorurteilen wird im Netz mehr und nicht weniger belegt. Pfister erweckte in einem szenischen Einstieg den Eindruck, er kenne Seehofers Modelleisenbahn aus eigener Anschauung: "Ich gestehe: Bis vor einigen Jahren habe ich das mehrfach auch so gehalten. Auch dieses Blog und die Reaktionen einiger Kommentatoren hier haben mich umdenken lassen. Vergeben sich Journalisten tatsächlich etwas, wenn sie nach einem solchen Einstieg hinzfügen: 'So berichten es Menschen, die dabei waren?' Oder: 'So beschreibt es Paul Sahner in der Bunten? Eigentlich nicht. Und es wäre nur ehrlich gegenüber dem Leser."

Knüwer verweist auf einen Artikel Georg Altrogges in Meedia, der erläutert, dass die bekante Eisenbahnszene, die Pfisters Artikel eröffnet, im Spiegel keineswegs zum ersten Mal geschildert wurde: "Wie zu hören ist, untermauerte Pfister seine Einreichung mit der Begründung, er habe den Politiker über Monate begleitet und mit Seehofer nahestehenden Menschen gesprochen. Vor diesem Hintergrund ist es verwunderlich, dass er ausgerechnet beim aufmerksamkeitsstarken Einstieg, dem auch der Titel des Porträts entstammt, auf eine Szenerie abhob, die ihm als Schreiber fremd war."
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Stichwörter: Internet, Journalismus

NZZ, 13.05.2011

Kosmopolitische NZZ! Bernard Imhasly erzählt, wie der Aktivist und Politiker Anna Hazare (Webseite) die indische Mittelschicht mit seiner Geißelung der allgegenwärtigen Korruption begeisterte. Bis dann Näheres über seine Politik bekannt wurde: "Es wurde bekannt, dass Hazare vor autoritären Gesten nicht zurückschreckte, als er sein Dorf in eine Modellsiedlung verwandelte. Es war sauber, alkoholfrei, grün, alle Kinder waren eingeschult. Aber wehe, ein Alkoholsünder wird erwischt. Er wird buchstäblich an den Pranger gestellt, und ein Dorfschauprozess ringt ihm das Versprechen ab, nie mehr 'country liquor' anzurühren."

Russland hat einen ähnlichen Helden. Der Blogger Alexei Navalny, tendiert zum Nationalismus, aber er führt zugleich einen einfallsreichen Kampf gegen die Korruption, berichtet Ulrich M. Schmid. "Navalny prangert vor allem Missbräuche staatlicher und staatsnaher Großfirmen an. Dazu bedient er sich oft folgender Methode: Er erwirbt von einem korruptionsverdächtigen Unternehmen ein kleines Aktienpaket, nimmt als Minderheitsaktionär Einsicht in den Geschäftsbericht und fordert Aufklärung über auffällige Budgetposten. So gelang es ihm, beim Bau der Ostsibirien-Pazifik-Pipeline einen Fehlbetrag von vier Milliarden Dollar aufzudecken." Inzwischen hat Navalny außerdem die Webseite RosPil gegründet, auf der Korruptionsaffären gemeldet werden können.

Weiteres: Joachim Güntner freut sich über Gabriele Glöcklers Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig: "Das Haus ist ein Glücksfall." Uwe Justus Wenzel fasst den Bericht zusammen, den die Kommission der Universität Bayreuth über Guttenbergs Doktorarbeit erstellt hat: "Der Verdächtigte habe 'die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht'." Hans Keller stellt die bekanntesten Protagonisten der Sertanejo, der brasilianischen Countrymusik vor: der sozialkritische Renato Teixeira (hier sein Song "Frete") und Daniel, Star des Sertanejo Romantico. Andrea Köhler resümiert die Debatten in den USA nach dem Tod Osama Bin Ladens. Besprochen wird das Album "Smother" der Wild Beasts.

FR, 13.05.2011

Der Schriftsteller Georg Klein feiert, nicht ganz unbang, den Aufstieg seines Heimatvereins FC Augsburg in die erste Liga. Das neue Stadion hat er schon mit seinem Bruder besucht, als es noch ganz leer war - und hörte markerschütternde Schreie: "Zwei Frauen, die aus dem Verwaltungstrakt kamen, gaben uns Auskunft: Die Arena schütze sich! Da ihre Ränge die meiste Zeit menschenleer seien, zögen sie unerwünschtes Volk an. Die Wanderratte der Luft, die Gemeine Felsentaube, hätte längst zu nisten begonnen, wenn man nicht täglich Raubvogelschreie über die Lautsprecheranlage einspielen würde."

Im Aufmacher erinnert Karin Ceballos Betancur daran, dass Egon Erwin Kisch, Namensgeber des bekanntesten deutschen Journalistenpreises, nicht selten einen laxen Umgang mit der Wahrheit pflegte - ein schlechtes Omen, denn "jeder Verrat an (dem) Abkommen zwischen Leser und Autor, und sei er im konkreten Fall noch so unspektakulär, droht, das Vertrauensverhältnis gründlich zu zerstören".

Weitere Artikel: Peter Michalzik schreibt den Nachruf auf den "großen, maßgeblichen Filmkritiker seiner Epoche" Michael Althen. Daniel Kothenschulte schreibt in seiner Cannes-Kolumne über Filme von Lynne Ramsy und Gus van Sant.

SZ, 13.05.2011

Thomas Steinfeld kann nicht recht verstehen, warum Politiker immer noch Entschuldigungen für Karl-Theodor zu Guttenbergs nun auch amtlicherseits verkündete Plagiatstaten suchen: Er sei ein mit einem Dieb oder Dopingsünder ganz vergleichbarer Fall. Etwas grundsätzlicher klagt zum selben Thema der Philosoph Michael Hampe über den "perversen Missbrauch des Erkenntnisstrebens" durch promovierende Nichtwissenschaftler. Über die Gleichzeitigkeit von bis ins immer höhere Alter reichender Vitalität und dem Schreckbild Alzheimer und Demenz denkt Lothar Müller nach. Helmut Böttiger hat Thomas Lehrs Antrittsvorlesung zur Heiner-Müller-Gastprofessur besucht. Mit allerdings knapp dosiertem Wohlwollen kommentiert Reinhard J. Brembeck die Entscheidung, den jungen und bisher eher im Sprechtheater beheimateten Regisseur Jan Philipp Gloger im nächsten Jahr den Bayreuther "Fliegenden Holländer" inszenieren zu lassen.

Weit interessanter als die Wettbewerbsfilme in Cannes fand Susan Vahabzadeh am gestrigen Tag den in der Nebenreihe "Un certain regard" gezeigten Film "Restless" von Gus van Sant. Mike Szymanski meldet, dass sich nun auch der Spielzeugeisenbahnbetreiber Horst Seehofer gegen die Aberkennung des Henri-Nannen-Preises für Rene Pfister ausspricht - zu Unrecht, findet ein uneinsichtiger Szymanski, der präzise Informationen zur Frage vermisst, ob die mitfahrende Angela Merkel aus Holz ist oder Plastik. Tobias Kniebe schreibt zum Tod des Filmkritikers Michael Althen.

Besprochen wird Jette Steckels Inszenierung von Maxim Gorkis "Kleinbürgern" am Deutschen Theater Berlin, ganzseitig die Ludwig II. gewidmete Bayerische Landesausstellung in Herrenchiemsee und Bücher, darunter Gerard Donovans Roman "Ein bitterkalter Nachmittag" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 13.05.2011

Claudius Seidl, der ein Freund war, schreibt zum Tod des Filmkritikers und FAZ-Redakteurs Michael Althen: "Es gab keinen anderen Kritiker, der, obwohl oder gerade weil er nicht für Eingeweihte schrieb, von denen, die er kritisierte, von den Filmern, den Autoren und den Schauspielern und Schauspielerinnen, so geliebt, verehrt und so genau gelesen wurde." Nachgedruckt werden Texte von Michael Althen zu "Zabriskie Point" und zu Robert Smithsons "Spiral Jetty" und zum Film (und dem Jahr) "2001".

Weitere Artikel: In ihrer "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne denkt Constanze Kurz über Navis nach, die mehr verraten, als dem Nutzer lieb ist. Den sehr, sehr hohen Wohnturm, den Frank Gehry in Manhattan gebaut hat, begutachtet Jordan Mejias. Thomas Lehrs Antrittsvorlesung zur Berliner Heiner-Müller-Gastprofessur hat Wiebke Porombka besucht. Die dänische Grenzschlusspanik glossiert Dirk Schümer. Auf der Medienseite kommentiert Jürg Altwegg die Google-Drohung, Google Street View für die Schweiz abzuschalten, falls ein ergangenes Gerichtsurteil zur völligen Anonymisierung auf den Bildern bestätigt werden sollte.

Besprochen werden Jette Steckels Inszenierung von Maxim Gorkis "Kleinbürgern" am Berliner Deutschen Theater und John Updikes Erzählband "Die Tränen meines Vaters" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).