Heute in den Feuilletons

Im Unwägbaren des Jetzt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2011. In der Welt fragt Burkhard Spinnen: Was wird im Zeitalter des Ebooks aus dem Cover? Einmal nicht kritisch ist Islamkritikerkritiker Patrick Bahners gegenüber der Jungen Welt. In der taz erklärt der geoutete und dann geoutsourcte Kirchenlehrer David Berger, wie Religion am besten funktioniert: Lügen, Wissen, Schweigen. Die NZZ beobachtet eine "geradezu gespenstische" Renaissance des Chores im deutschen Theater. Mashable zeigt, wie sich die Nachricht vom Tod Osama bin Ladens zuerst auf Twitter verbreitete.

NZZ, 07.05.2011

Dirk Pilz beobachtet eine "geradezu gespenstische Renaissance des Chores" im Gegenwartstheater - in den Inszenierungen von Stemann, Beier, Fritsch, Rasche und Lösch. Doch lässt sich der Chor nicht "auf eine Funktion und eine Erwartung festlegen. Er wird zum Synonym für ästhetische Gegenwärtigkeit, weil er einen Widerspruch ausdrückt, der uns überall begegnet, nicht nur im Theater: Einerseits ist alles vom Imperativ der Individualität beherrscht, vom Verlangen nach Besonderheit, Unverwechselbarkeit, anderseits besitzt gerade dieser Imperativ höchst gleichmacherische, auch entwürdigende Kräfte."

Weiteres in Literatur und Kunst: Marta Kijowska unterhält sich mit dem polnischen Schriftsteller Andrzej Bart, der mit "Die Fliegenfängerfabrik", einem Roman über Chaim Rumkowski, den Vorsitzenden des Judenrats im Ghetto von Lodz, bekannt wurde. Reinhard Brandt schreibt zum 300. Geburtstag des schottischen Aufklärers David Hume. Besprochen werden Gerhard Stremingers Hume-Biografie und Barts Roman "Die Fliegenfängerfabrik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Roman Bucheli berichtet von einer Veranstaltung mit Autoren und Kritikern, die im Hamburger Literaturhaus über die Ästhetik des modernen Erzählens debattierten. Der Befund war widersprüchlich: David Foster Wallace als "Zentralgestirn des modernen Schreibens" steht eine Sehnsucht nach sinnstiftendem Erzählen gegenüber. "Meike Fessmanns Diagnose ... traf ins Zentrum der paradox auseinanderstrebenden Argumentationslinien: Wo das Verlangen nach epischer Sinnstiftung und die Bewunderung für David Foster Wallace zusammenträfen, versuche die Gegenwartsliteratur mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts die ästhetischen Prämissen der Moderne weiterzuentwickeln. Ob eine solche Synthese gelingen kann und wie diese Poetik im Einzelnen formuliert werden könnte, blieb freilich eine offene Frage".

Weiteres im Feuilleton: Der französische Soziologe Farhad Khosrokhavar blickt zurück auf Aufstieg und Fall Osama bin Ladens, dessen Ende symbolisch bereits durch die Selbstverbrennung des jungen Tunesiers Mohammed Bouazizi besiegelt gewesen sei, also "lange bevor er im Kreuzfeuer eines amerikanischen Einsatzkommandos starb". Brigitte Kramer stellt den mallorquinische Schriftsteller Jose Carlos Llop vor, der in "En la ciudad sumergida" seine Heimatstadt Palma porträtiert hat.

Weitere Medien, 07.05.2011

(Via Neunetz) Schon vorgestern berichtete Peter Mühlbauer in Telepolis, dass der Springer-Verlag neuerdings für Zitate, die ins Internet gestellt werden, Geld verlangt: "300 Euro für bis zu 12 Monate, 400 Euro für bis zu 36 und 500 Euro für alles darüber hinaus." Der Münchner Journalist hatte eine entsprechende Aufforderung erhalten, nachdem er 397 Zeichen (das entspricht etwa zehn Zeilen in einem Zeitungsartikel) eines Springer-Artikels zu einem Kinderbuch zitiert hatte.

(Via Achgut) Ein Super-Interview hat Islamkritikerkritiker Patrick Bahners der Jungen Welt gegeben. Wir zitieren immer nur die ersten Sätze auf die Fragen Thomas Wagners: "Ich stimme Ihrer Beobachtung zu." - "Da ist sicher etwas dran." - "Auf jeden Fall ist das so." - "Da stimme ich Ihnen völlig zu."- "Genau." - "Ich weise das jetzt nicht ab, mich als konservativ beschrieben zu sehen." - "Ja, das finde ich sehr interessant." Neunetz zieht die Konsequenz und will nicht mehr aus Springer-Produkten zitieren.

Welt, 07.05.2011

Richtig freuen kann sich Schriftsteller Burkhard Spinnen in der Literarischen Welt nicht über die Aussicht, dass mit den E-Books auch der ewige Streit um die Covergestaltung ein Ende haben dürfte: Dabei hat er sie gehasst, diese verkaufsträchtige Umschläge mit Bildern aparter Frauen: "Die meisten Autoren gewöhnen sich so an die Schutzumschläge ihrer Bücher, wie sie sich an das Wetter in ihrem Wohnort gewöhnen oder an die Geräusche aus dem Hinterhof. Irgendwann weiß man nicht mehr, ob man das hasst oder ob man ohne es nicht mehr leben kann. Nur wenige geben den Kampf um die äußere Erscheinung ihrer Bücher niemals auf."

Als "schönen, bösen Traum" rühmt Eva Menasse den Ghetto-Roman "Die Fliegenfängerfabrik" des polnischen Autors Andrzej Bart: "Der Leser schwebt, er fantasiert, er rätselt, verliert gelegentlich den Faden und steigt in faszinierende Traumbilder wieder ein."

Rachel Salamander verabschiedet mit Teofila Reich auch eine der letzten Holocaust-Überlebenden. Besprochen werden auch Felix Hartlaubs Pariser Kriegsaufzeichnungen und Thomas Webers Studie über Hitler im Ersten Weltkrieg "Hitlers erster Krieg".

Im Feuilleton: Alan Posener stellt in der Reihe zum 11. September seine bisherige Position zu Afghanistan, Irak und Guantanamo auf den Prüfstand. Henryk Boder rauft sich die Haare über Jakob Augstein, der in seiner Spiegel-Kolumne befand, in einem Kampf "Böse gegen Böse" haben die USA leider gewonnen. Martin Eich findet Nina Kunzendorf in ihrer neuen Rolle als Tatort-Kommissarin echt sexy ("Als gelte es, aus jedem männlichen Zuschauer einen Pygmalion zu machen", säuselt er). Jan Küveler hat sich Antu Romero Nunes' Theaterversion von Viscontis "Rocco und seine Brüder" im Berliner Gorki Theater angesehen. Und Hans-Joachim Müller geht mit dem Frankfurter Museumsdirektor Max Hollein essen.
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Tagesspiegel, 07.05.2011

Peer Junker besucht das Künstler- und Galerienquartier "798" in Peking: "Die Lage in China ist derart angespannt, dass offener Protest gegen die Verhaftung Ai Weiweis kaum möglich ist. Eine von Künstlern geplante Demonstration für Ai im '798' wurde im Vorfeld verhindert. Wenn überhaupt, kann Kritik an den Behörden höchstens noch im Internet geäußert werden. Doch auch dort lässt sich die Zensur kaum noch umgehen. Dennoch gibt es virtuelle Unterschriftensammlungen oder Internetseiten, auf denen man Poster mit der Forderung 'Befreit den Genossen Ai Weiwei' herunterladen kann."
Stichwörter: Ai Weiwei, China, Internet, Zensur

TAZ, 07.05.2011

Markus Pfalzgraf unterhält sich mit dem Theologen und Religionslehrer David Berger, dem nach seinem Outing und damit verbundener Kirchenkritik nun die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Berger erklärt, wie so ein gut katholisches Doppelleben aussieht: "Jeder hat es gewusst und konnte damit gut leben, solange es nicht 'offiziell' war. Das funktioniert in der katholischen Kirche grundsätzlich ganz gut. Solange die Leute loyal sind, mischt sich auch niemand ins Privatleben ein. Mein Freund, der offiziell immer als mein Cousin aufgetreten ist, hat das mit Humor genommen und über die Leute in dieser Scheinwelt gelacht."

Weitere Artikel: Andreas Fanizadeh schildert Aufstieg und Fall der "Provinzorganisation" Al-Qaida. Über die Auseinandersetzungen um einen neuen Tarifvertrag für Zeitungsredakteure informiert Bernhard Hübner. In den "Leuchten der Menschheit" erfreut sich Nina Apin am "Mix von Tiefe und Banalität" in Rainer Erlingers zuerst in der SZ erschienenen Moralkolumnen.

Besprochen werden die Ausstellung "Weltraum. Die Kunst und ein Traum" in der Kunsthalle Wien, die Yto-Barrada-Ausstellung "Riffs" in der Deutschen Guggenheim Berlin, Wes Cravens jüngste Horror-Lieferung "Scream 4", und Bücher, darunter Peter Handkes "zivilisationsmüdse Pamphlet eines sich hypersensibel gerierenden Arroganzpinsels" (Jörg Magenau) aka "Der große Fall" und Robert Pfallers Streitschrift "Wofür es sich zu leben lohnt" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Berliner Zeitung, 07.05.2011

Aino Laberenz, die Witwe Christoph Schlingensiefs, erzählt im Interview im Magazin der Berliner Zeitung, wie sie ihren Mann kennenlerte: "Bei einer Schaumparty von Schorsch Kamerun. Es gab jede Menge Andockpunkte: Wir sind beide im Ruhrgebiet aufgewachsen, unsere Hassliebe zur Schweiz, unser Wagner- und Bayreuthfaible."

Aus den Blogs, 07.05.2011

Die Meldung vom Tod Osama bin Ladens verbreitete sich zuerst auf Twitter, schreibt Chris Talyor auf Mashable, und zwar so:


FR, 07.05.2011

Sylvia Staude unterhält sich mit dem Philosophen Alva Noe, der sich mit den Neurowissenschaften auseinandersetzt, gerade aber mit dem Choreografen William Forsythe an einem Projekt arbeitet. Was für ihn "Kunst" ausmacht, erklärt er so: "Städte kann man so eigentlich als Gestalt gewordene Angewohnheiten sehen. Angewohnheiten befähigen uns, Dinge zu tun, sie machen es aber auch unmöglich, Dinge zu tun. Wir zum Beispiel sind in einem Haus, in dem es Treppen gibt, so dass wir an einige Punkte leicht gelangen können. Aber in jene Richtung können wir nicht, denn dort ist eine Mauer. Wir bauen Strukturen, die uns gleichzeitig behindern und befähigen. Unsere Kultur ist so, unsere Sprache ist so."

Weitere Artikel: Otto A. Böhmer porträtiert zu dessen 300. Geburtstag den Philosophen David Hume. Besprochen werden Johan Simons' Inszenierung der "Perser" von Aischylos weit draußen in einer Ex-Kaserne in München-Freimann, und John Burnsides Buch "Lügen über meinen Vater".

FAZ, 07.05.2011

Im Aufmacher wirft Verena Lueken einen Blick auf das kommende Filmfestival von Cannes und garniert den Artikel mit Fotografien der Cannoiser Fotografenfamilie Traverso (hier eine schöne Bilderstrecke des Guardian). In der Leitglosse berichtet Gina Thomas, dass die britische Königsfamilie in Windsor künftig auch Wein anbauen wird. Jürgen Dollase mahnt die Bahn in seiner Gastrokolumne, Fertiggerichte höherer Qualität anzubieten und dafür auch höhere Preise zu verlangen. Oliver Tolmein liest die neue Musterberufsordnung der Ärztekammer zu Fragen der Suizidbegleitung. Auf der Medienseite meldet Michael Hanfeld, dass Presseverlage gegen Ipad und Telefon-Apps der öffentlich-rechtlichen Anstalten klagen. Und Jochen Hieber annonciert einen neuen "Tatort" aus Frankfurt mit Nina Kunzendorf und Joachim Krol. Auf der letzten Seite entwirft Marcus Jauer ein Szenario zur Frage, was passiert wäre, wenn "Usama bin Ladin" in den USA vor Gericht gestellt worden wäre.

Besprochen werden eine Inszenierung der "Perser" des Aischylos durch Johan Simons (den Chef der Münchner Kammerspiele) in einer Münchner Kaserne, einige neue CDs, darunter ein Album der Airborne Toxic Event, Klavierstücke von Brahms mit Adam Laloum und Berlioz' "Fantastische Sinfonie" unter Yannick Nezet-Seguin, sowie Bücher, darunter V. S. Naipauls "Afrikanisches Maskenspiel" und die Amerikareportagen Wolfgang Büschers.

Für Bilder und Zeiten liest Hans Ulrich Gumbrecht den Roman "Tiempo de silencio" des hierzulande kaum bekannten Autors Luis Martin-Santos, ein Epos, das zur Zeit des Franco-Regimes geschrieben wurde und spielt und das Gumbrecht Proust und Joyce an die Seite stellt - in der "Anderen Bibliothek" hat Hans Magnus Enzensberger den Roman übersetzen lassen, ohne großen Effekt auf die deutsche Öffentlichkeit. Udo Bermbach porträtiert den Musikmanager Michel Franck, der seit kurzem das Theatre des Champs-Elysees in Paris leitet. Es werden Texte aus dem Nachlass von Robert Gernhardt veröffentlicht. Jochen Hieber unterhält sich mit dem ehemaligen Fußballprofie Marcus Bode über den gegenwärtigen Stand seiner Kunst in Deutschalnd.

SZ, 07.05.2011

Für die Seite 3 ist Helmut Schödl mit Peter Kern und Helmut Berger nach Prag gereist, wo Berger einen Preis für sein Lebenswerk verliehen wurde. Die Reise beginnt damit, dass die beiden in der Bar des Salzburger Sheraton Hotels sitzen, wo Berger eigentlich Hausverbot hat. Eine junge Frau kommt dazu, die sich offenbar um Berger kümmert. "Die junge Frau gibt, sicher nicht zum ersten Mal, zu bedenken, dass Bergers finanzielle Versorgung prekär sei, 230 Euro Rente, und dass man endlich etwas tun müsste. Die Wohnung zu veräußern, sei nicht empfehlenswert und brächte höchstens 200 000 Euro. 'Ich hätte doch nie gedacht', sagt Berger, 'dass es so weit kommt. Vier große Filme im Jahr, man glaubte doch, das geht so weiter. Und vom Geld einen Rolls, aber doch keine Rücklagen.' Ohne Jammerton sagt er: 'Kann man sich nur aufhängen. Ich denke täglich darüber nach.'"

Nach noch ganz unbestätigten Berichten, die entscheidende Spur zu Bin Laden sei per Waterboarding ermittelt worden, wird in den USA wieder über Folter diskutiert - Andrian Kreye schildert im Feuilleton Einzelheiten und wendet sich gegen jeden Versuch ihrer Verteidigung. Auf zwei Seiten geht es en gros - dazu vor allem der Leitartikel von Burkhard Müller - und en detail (Jazz, Literatur, Alte Musik) um die Festivalkultur im Freien im Sommer. Anne Philippi trifft in Los Angeles den Horror-Meister Wes Craven, dessen "Scream 4" gerade in unseren Kino angelaufen ist, zum Essen und zum Gespräch. Khalid al-Khamissi unterhält sich in seiner Kairo-Kolumne mit einem Taxifahrer, der al-Quaida für eine Erfindung der USA hält und Verschwörungstheorien zum Zeitpunkt der Tötung Osama bin Ladens entwickelt. Auf der Literaturseite erinnert Manfred Geier an den vor 300 Jahren geborenen Philosophen David Hume.

In der SZ am Wochenende erinnert Robert Probst kurz vor Ende des Demjanjuk-Prozesses an skandalös milde Urteile in NS-Prozessen nach dem Krieg. Vorabgedruckt aus einem in der kommenden Woche erscheinenden Band wird ein Toscana-Text Robert Gernhardts mit dem Titel "An geraden Tagen wird nicht getrunken". Tanja Rest spricht mit Diane Krüger über "Träume".

Besprochen werden Johan Simons' Inszenierung von Aischylos' "Persern" in einer Münchner Kaserne, die Ausstellung "Schicksal. 7 x 7 unhintergehbare Dinge" im Literaturmuseum in Marbach und Friedrich Anis Roman "Süden" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).