Heute in den Feuilletons

Künstler sind kluge Affen: Sie wollen spielen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.04.2011. In der FAZ fragt Durs Grünbein nur: Wo ist Ai Weiwei? Und die Documenta-Kuratoren Roger M. Buergel und Ruth Noack greifen die Pekinger Ausstellung über "Aufklärung" scharf an. In der Berliner Zeitung erklärt der Dresdner Museumsmann Martin Roth, wie er durch seinen Einsatz für Ai Weiwei bei chinesischen Behörden Betroffenheit auslöst. Die NZZ hat jetzt so langsam genug vom Aufbau Ost: Das Geleckte und das Gelackte nehmen zu sehr zu. Und die SZ staunt, wie Stockhausen aus Polyphonie Licht macht.

Welt, 12.04.2011

Elfriede Jelinek höchstselbst schreibt den Nachruf auf den großen Interviewer Andre Müller: "Andre Müller geht gleich ganz in die Menschen hinein, und dann macht er sie zu Sprache, und dann werden sie erst sie selbst."

Weitere Artikel: Ulrich Weinzierl meldet, dass Luc Bondy das Pariser Odeon-Theater übernimmt. Andreas Rosenfelder befürchtet nach den jüngsten Naturkatastrophen ein neuerliches Herumgehen von Untoten der engagierten Literatur. Dankwart Guratzsch stellt hübsche Windräder des holländischen Büros nl.architects vor.

Besprochen werden die große Jan Gossaert-Ausstellung in London, Judith Herzbergs Stück "Über Leben" am Deutschen Theater Berlin, das neue Album der Foo Fighters und Stockhausens "Sonntag" aus "Licht" in Köln.

Auf den politischen Seiten antwortet Michail Chodorkowski auf per E-Mail gestellt Fragen Henriette Schröders.

NZZ, 12.04.2011

Joachim Güntner fragt, ob es langsam nicht genug sein könnte mit dem Aufbau Ost: "Aber der Punkt ist erreicht, dass etwa eine Schönheit wie Leipzig ihren Charme zu verlieren droht. Das Geleckte und das Gelackte nehmen zu, die Schilderwälder in den Straßen, die aufgemotzten Laternen, die S-Bahn-Steige mit poliertem Granit, die Handläufe aus Edelstahl, die mit klotzigen Bordsteinkanten eingefassten Parkplätze, die geplanten gesichtslosen Neubauten am Ring."

Robert Kaltenbrunner plädiert in einem sehr grundsätzlichen Artikel für innovatives, bestandserhaltendes, klimafreundliches und ästhetisches Bauen: "Nachhaltigkeit braucht auch ein lustvolles Element: Wer will von einem hässlichen Gebäude schon wissen, dass es tüchtig ist?"

Besprochen werden eine Aufführung von Mauricio Kagels "Zwei-Mann-Orchester" in Basel, Wim Wenders' Hommage in 3D auf "Pina", Peter Handkes Erzählung "Der Große Fall" und Paul Murrays Internatsroman "Skippy stirbt" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Berliner Zeitung, 12.04.2011

Sympathie hat Sebastian Preuss für den Dresdner Museumsmann Martin Roth, der nun das Kreuzfeuer der "deutschen Gesinnungsfront" zu erleiden habe, und ruft ihn an. Roth wartet mit den üblichen Phrasen der stillen Diplomatie auf: "Er verweist auf den Gesichtsverlust, den Verantwortliche erleiden, wenn man sie auf offener Bühne angreift. Dagegen habe er informell und unter vier Augen immer wieder Konflikte während der Ausstellungsvorbereitung ausräumen können. Ja, er habe seinen Pekinger Ansprechpartnern mitgeteilt, welche Katastrophe die Verhaftung Ai Weiweis auf deutscher Seite für die Schau bedeute. 'Einige reagierten sehr betroffen.'" Endlich ein Mann, der den Mut hat, seine Meinung öffentlich nicht zu sagen!
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Stichwörter: Martin Roth, Ai Weiwei

FAZ, 12.04.2011

Durs Grünbein hat eine Frage: Wo ist Ai Weiwei? "Leg dich nicht mit China an, warnen Freunde. Ich lege mich nicht mit China an, Gott bewahre. Ich will nur wissen: Wo ist Ai Weiwei? Ich spreche nicht die Sprache der Bürokratie, mich kümmert der Staat nicht und seine Hysterie. Künstler sind kluge Affen: Sie wollen spielen, sie unterschätzen den blutigen Ernst der Hyänen. Dies ist kein Protestbrief, kein Intellektuellenstück. Nur die Frage des Künstlers: Wo ist Ai Weiwei?"

Die Ausstellung über die "Aufklärung" in Peking sollte abgebrochen werden, schreiben Roger M. Buergel und Ruth Noack, Leiter der Documenta 2007. Denn es ist eine "Ausstellung, die ohne Not die kostbarste Errungenschaft des Westens am Platz des himmlischen Friedens verschachert und, auch das eine Kunst, diesen Ausverkauf selbst finanziert. Das eigene deutsche - sprich: gebrochene - Verhältnis zur Aufklärung ist in dieser Ausstellung kein Thema. Und so ist auch der Dialog, den die drei Generaldirektoren bemühen, keiner."

Es gibt kein Problem mit dem Islam und frauenverachtender als die westliche Lebensart ist er auch nicht, belegt Khola Maryam Hübsch zwei ganze Spalten lang, bevor sie zu einem überraschenden Ende kommt: "Natürlich heißt dies nicht, dass wir Missstände in Deutschland mit der Frauenverachtung in Ägypten aufwiegen oder vergleichen könnten." Ach so.

Weitere Artikel: CCC-Sprecher Frank Rieger warnt auf einer ganzen Seite vor den Risiken der Atomkraft: "Was bei einer konkreten Kernschmelze genau geschieht, ist nur in Grundzügen erforscht und kann kaum vollständig simuliert werden." In Russland werden die einst in Planetarien verwandelte Kirchen wieder zurückgegeben, berichtet Kerstin Holm. Volker Weidermann schreibt einen kurzen Nachruf auf den Interviewkünstler Andre Müller.

Besprochen werden Choreografien von Martin Schläpfer und Hans van Manen in Düsseldorf, die szenische Uraufführung von Stockhausens "Sonntag", dem letzten Teil seines "Licht"-Zyklus, Mahamat-Saleh Harouns Filmdrama "Ein Mann, der weint", die Uraufführung von Lothar Kittsteins Stück "Die Geister von Amnas" in Oberhausen und Bücher, darunter Paulo Coelhos Roman "Schutzengel" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 12.04.2011

Auch auf dem deutschen Buchmarkt kommt das E-Book langsam an, aber neue Bezahlmodelle fehlen, schreibt Christian Aichner. "Dass die Preise für ein lediglich digital vorliegendes Buch nicht niedriger ausfallen, liegt an der geringen Kostenersparnis bei der E-Book-Herstellung. Zwar entfallen die Druck- und Vertriebskosten, 'die machen aber nur rund 15 Prozent des Buchpreises aus', erklärt Schild. Diese Ersparnis werde durch die unterschiedliche steuerliche Belastung von E-Books und Printbüchern fast komplett aufgefressen: 'Für E-Books gilt der Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent und nicht, wie für gedruckte Bücher, der ermäßigte Steuersatz von 7 Prozent. Die Verlage sparen sich am Ende also nur 3 Prozent', rechnet Schild vor." (Aber könnte für die Verlage, wenn sie ihre E-Bücher selbst verkaufen, nicht der Internetbuchhandel - Amazon! - entfallen, der 50 Prozent frisst?)

Weiteres: Moira Lenz verbrachte drei Abende zum Thema "Global Design" mit musikalisch untermalter Kapitalismuskritik auf einem Boot im Hamburger Freihafen. Micha Brumlik denkt über Reputation und Wahrheit in der Wissenschaft nach. Torben Ibs porträtiert den Theatermacher Robert Borgmann. In Ungarn geht die Hexenjagd gegen Agnes Heller munter weiter, berichtet Gergely Marton. Ralf Leonhard gratuliert dem Wiener Cafetier und Mantelhelfer Leopold Hawelka zum hundertsten Geburtstag. Besprochen wird Benedek Fliegaufs Spielfilm "Womb".

Und Tom.

FR, 12.04.2011

Stefan Brändle unterhält sich mit Michel Houellebecq über dessen Roman "Karte und Gebiet", das Altern von Prosa und das unbewohnbar gewordene Paris. Über den arabischen Frühling eher nicht: "Ehrlich gesagt ist mir das ein wenig egal."

Harry Nutt ist im Streit um die Pekinger Ausstellung "Kunst der Aufklärung" gegen "moralischen Rigorismus": "Wer China nur als geschlossene Diktatur betrachtet, übersieht die Dynamik von sehr widersprüchlichen Entwicklungen, die das heutige China auf dem Sprung zu einer Supermacht prägen."

Weiteres: Peter Michalzik beschreibt, wie das Frankfurter Areal ums Bockenheimer Depot von der Kultur gerettet werden soll. Besprochen werden die Uraufführung von Karl-Heinz Stockhausens "Sonntag aus Licht", ein Lloyd-Cole-Konzert in Frankfurt und Sascha Hommers Comic nach Erzählungen von Brigitte Kronauer "Dri Chinisin" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 12.04.2011

Reinhard J. Brembeck hat in Köln die Uraufführung von Stockhausens "Sonntag" aus "Licht" gesehen - und natürlich gehört: "Wie Bach ist Stockhausen ein Meister des linearen Phantasierens und der dicht gewobenen Polyphonie. Nie denkt er in der romantischen Kategorie von Melodie und Begleitung, immer schichtet er schier unendlich ausgesponnene Linien übereinander: 'Licht' ist intrikat gewebte Kammermusik."

Für Seite 1 des Feuilletons hat die SZ Stimmen aus der Katastrophenregion in Japan gesammelt. Die dreißigjährige Keiko Takada schreibt: "Da ich schwanger bin, sind wir aus der Präfektur geflohen, und es sieht so aus, als müssten wir uns ein neues Leben aufbauen, das ist sehr hart. Es gibt so viele bürokratische Hindernisse, oft kommt es mir so vor, als wäre selbst das Weiterleben völlig unmöglich."

Weitere Artikel: Auf der Literaturseite stellt Tschechien-Korrespondent Klaus Brill eine von den Historikern Tomas Stanek und Adrian von Arburg erarbeitete, auf acht Bände angelegte Dokumentation zur Vertreibung der Deutschen vor, ein "Opus magnum der Grundlagenforschung, das 3000 neu erschlossene Primärquellen präsentiert und damit für die Überlieferung sichert". Und Jörg Häntzschel liest David Foster Wallaces nachgelassenen Roman "The Pale King". Markus Zehentbauer erinnert an die Mailänder Möbelmesse vor dreißig Jahren, in der die Gruppe Memphis die Postmoderne einläutete. Hannah Lühmann porträtiert den Rechtsextremen und Holocaustleugner Israel Shamir, der angeblich ein Freund von Julian Assange ist. Gustav Seibt erinnert in der "Zwischenzeit" an den politischen Goethe.

Auf der Medienseite berichtet Christiane Kohl, dass der Kika-Skandal, der bisher schon über 8 Millionen Euro schwere größte Betrugsfall in der Geschichte der öffentlich-rechtlichen Sender, sich laut einem streng geheimen Bericht von MDR und ZDF noch auszudehnen droht.

Besprochen werden die Uraufführung von Thomas Freyers Stück "Das halbe Meer" in Dresden, eine Ausstellung des Kriegsfotografen Felice Beato (des vielleicht ersten seiner Art, denn er hat im amerikanische Bürgerkrieg fotografiert) in Los Angeles, die Ausstellung "Weltraum - Die Kunst und ein Traum" in Wien und ein Album der Band Kills (Musik).