Heute in den Feuilletons

Der Morgen grüßt mit krankem Licht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.01.2011. Die taz zeichnet einen erbitterten Streit in der Wikipedia nach: Es geht um "Neoliberalismus". In der NZZ liest Rüdiger Görner die Briefe an T.S. Eliot viel lieber als die Briefe Eliots. Die FR versucht die Chimäre Berlusconi zu fassen. In der Welt fürchtet Wolf Lepenies um das Collegium Budapest. Soll man universale Prinzipien auch mit Gewalt durchsetzen?, fragt Egon Flaig in der FAZ. Klar, entwortet er, sonst gäbe es bis heute Sklaverei.

TAZ, 08.01.2011

Die Wikipedia wird zehn. Insbesondere in Deutschland ist sie freilich längst Schauplatz mitunter ins Sektiererische abdriftender Kulturkämpfe. Ein Beispiel: der heftig umstrittene Artikel "Neoliberalismus". Für die sonntaz trifft Meike Laaff Beiträger, die einander nicht grün sind. So ging es los: "Gleich am Anfang bringt Wikipedia-Autor 'Fgb' Tiere ins Spiel. Neoliberalismus lasse 'den freien Wolf im freien Stall der freien Hühner frei wildern', schreibt er in den Artikel. Es ist der 20. August 2002, 16 Uhr 10, als er auf den Button zum Speichern klickt - die erste Änderung an dem Wikipedia-Eintrag 'Neoliberalismus'. Über 2.270 weitere werden in den kommenden acht Jahren folgen. Um kaum einen Eintrag in der Online-Enzyklopädie haben die Wikipedianer härter und verbissener gekämpft."

Weitere Artikel: Im Gespräch mit Peter Unfried meditiert Daniel Cohn-Bendit über den "Entzündungsanlass" S 21, die "ganze christliche Wehmut" des baden-württembergischen Grünen-Chefs Winfried Kretschmann und Ähnliches mehr. Marianne Lange erinnert an den 1987 ermordeten Thomas Sankara, heute noch präsenter Präsident von Burkina Faso. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne schüttelt Wolfgang Gast den Kopf über den Verbalradikalismus des CSU-Generalsekretärs Alexander Dobrindt. Andreas Rüttenauer gratuliert der Sportschau zum Fünfzigsten.

Besprochen werden und Bücher, darunter die Übersetzung von Edward Abbeys Kultroman "Die Monkey Wrench Gang" und Amartya Sens neues Buch (Leseprobe) "Die Idee der Gerechtigkeit" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Tom.

Aus den Blogs, 08.01.2011

Am Montag wurde bekannt, dass Goldman Sachs 500 Millionen Dollar in Facebook investiert. Warum? Um einen Börsengang und damit die Offenlegung der Zahlen von Facebook hinauszuschieben, meint Jon Stewart in der Daily Show. Transparenz gilt eben nur für die Kunden! (Mehr in der Financial Times Deutschland)



(Via Literaturcafe) Die EU macht sich große Sorgen um das "geistige Eigentum" in Europa und will Regelungen verschärfen, meldet Golem: "Die Kommission hat dabei auch die Internetprovider im Blick. Die bei der Umsetzung der Durchsetzungsrichtlinie in den Mitgliedsstaaten gegen Provider eingeführten Rechtsinstrumente reichen ihr nicht aus, 'um Online-Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums wirksam zu bekämpfen'. Anscheinend schwebt der Kommission die EU-weite Einführung von Maßnahmen gegen Tauschbörsennutzer vor, die der Provider organisieren soll."

Bei Spiegel online berichtet Konrad Lischka über einen Krach zwischen Netzveteranen. Dave Winer, Blogger der ersten Stunde, Mitentwickler des RSS-Standards und Podcasts, streitet sich via Twitter mit TechCrunch-Gründer Michael Arrington über einen Artikel in TechCrunch, wonach Twitter und Facebook dem RSS-Feed längst den Rang abgelaufen hätten. Stimmt wohl, meint Lischka. "Offenheit der Plattform und Datenportabilität ist kein Erfolgskriterium im Endkunden-Mainstream, solange die negativen Auswirkungen nicht bei der alltäglichen Nutzung spürbar sind. Es scheint, als könnte ein erheblicher Teil der Nutzer im Web heute sehr gut ohne Bookmarks, ohne RSS und mit zwei, drei Anlaufpunkten für die gesamte Internetnutzung auskommen. In Zukunft dürfte diese Nutzer-Gruppe eher wachsen als andere. Es wird deshalb immer aussichtsreicher, Angebote fürs Mainstream-Web zu finanzieren" und nicht fürs freie Netz.

NZZ, 08.01.2011

In England ist der zweite Band der Briefausgabe von T.S. Eliot erschienen. Schon interessant, aber Rüdiger Görner hätte sich mehr Antwortbriefe gewünscht: "Der Grund dafür sei nicht verschwiegen: Die Briefe der Anderen lesen sich nicht selten frischer, klingen ansprechender als Eliots zuweilen dröge, dann aber auch wieder überraschende Einblicke in seine Kritikerpraxis erlaubende Geschäftsprosa. Insbesondere Viviennes ungeschützte Direktheit im Ton rüttelt einen bei der Lektüre geradezu auf, so bewusst man sich bleibt, dass hier eine psychisch höchst gefährdete Frau schreibt, buchstäblich stets am Rande des Nervenzusammenbruchs, in der kurzen Zeitspanne zwischen einer gerade mühsam überstandenen Krankheit und der nächsten Krise. Vivienne konnte in ihren Briefen so scharfzüngig sein wie Virginia Woolf in ihrem Tagebuch. ... Aber Eliot selbst?"

Weitere Artikel: Hubertus Adam porträtiert den niederländischen Architekten und Designers Gerrit Rietveld (1888-1964). Hellmut Flashar beschreibt die Wandlungen des Ödipus-Mythos. In den Bildansichten betrachtet Martin R. Dean Henri Rousseaus Gemälde "Pour feter le bebe".

Im Feuilleton erzählt der Schriftsteller Norbert Hummelt vom Frost in Berlin: "Der Morgen grüßt mit krankem Licht. Die Eiszapfen, die so drohend von den Dachrinnen hingen, sind vorerst aus dem Bild verschwunden; auf den roten Ziegeldächern geht der Schnee zurück, und in den Wipfeln der Eschen im Hof, in denen noch Laub vom alten Jahr festhängt, sind nur mehr weiße Tupfer zu erkennen." Bora Cosic schildert seinen digitalen Alltag. Marc Zitzmann berichtet über den Erfolg von Stephane Hessels Appell "Indignez-vous!" und eine neue Form des Protests: Desobeissance ethique.

Besprochen werden die Ausstellung "Daumier und sein Paris" im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden und Bücher, darunter Chika Unigwes Roman "Schwarze Schwestern" und Lukas Hartmanns Roman "Finsteres Glück" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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FR, 08.01.2011

Zum 150. Nationalgeburtstag denkt der Repubblica-Redakteur Francesco Bei über das Phänomens Silvio Berlusconi nach, ohne jede Sympathie, aber mit dem Versuch, die Komplexität der Figur im Blick zu behalten: "Eher als ein antidemokratischer Führer, als den ihn die italienische Opposition oft unter Vorhaltung seiner vielfältigen Interessenkonflikte und vorbildlosen Medienkontrolle bezeichnet, erscheint er als vordemokratische Figur. Eine Chimäre, die antike Elemente mit anderen, völlig postmodernen Eigenschaften vereint."

Weitere Artikel: Seine Gedanken zur FDP fasst Christian Bommarius bereits im ersten Satz so zusammen: "Wer die FDP betrachtet und anschließend dem Liberalismus eine Existenzkrise bescheinigt, beleidigt den Liberalismus und irrt sich in der FDP." Christian Schlüters "Times Mager" dreht sich irgendwie um Joan Baez' siebzigsten Geburtstag. Zum Tod der Jerusalemer Küchensalon-Institution Gad Granach schreibt Inge Günther.

Besprochen werden Adolf Muschgs neuer Roman "Sax" und Martin Suters erster Serienkrimi "Allmen und die Libellen" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 08.01.2011

Wolf Lepenies fürchtet um das Collegium Budapest, einen wissenschaftlichen Begegnunsort nach dem Vorbild des Berliner Wissenschaftskollegs, den er im Jahr des Mauerfalls begründen half: "Die ungarische Akademie der Wissenschaften möchte den schönen, von unseren Förderern komplett renovierten Barockbau auf dem Burgberg wieder in eigene Regie übernehmen. Politische Kräfte scheinen sich durchzusetzen, die im historischen Kern von Buda statt einer europäischen lieber eine nationale Institution sehen wollen. Letztlich wird dem Collegium zum Verhängnis, dass es in Ungarn unmöglich erscheint, für ein wissenschaftspolitisches Projekt einen Konsensus über Parteigrenzen hinweg zu erreichen."

Weitere Artikel: Henry Broder schreibt den Nachruf auf den israelischen "Sprechsteller" Gad Granach, der im Alter von 95 Jahren gestorben ist. Andreas Rosenfelder kritisiert Hans Ulrich Gumbrecht, der im Freitag gegen heutige Intellektuelle wetterte, als Elch, der selber welch war. Elmar Krekeler verabredete sich mit John Neumeier zum Entrecote.

Für die Literarische Welt besucht Hans Christoph Buch Andre Heller, der in Wien eine Show mit Pferden vorbereitet. Auf einer Doppelseite erinnert Thomas Schmid an Jakob von Hoddis, dessen epochales Gedicht "Weltende" von hundert Jahren erschien. Und Georg M. Oswald bespricht Martin Suters Krimi "Allmen und die Libellen".

FAZ, 08.01.2011

Darf man universale Prinzipien mit Gewalt durchsetzen? Klar, meint der Historiker und Autor einer Weltgeschichte der Sklaverei, Egon Flaig, in Bilder und Zeiten. Sonst wäre die Sklaverei nie abgeschafft worden. Und es waren europäische und amerikanische Abolitionisten, die die Abschaffung der Sklaverei in allen Ländern forderten - auch in den islamischen. "In Afrika musste die Abolition den Eliten politisch und militärisch aufgezwungen werden. Es war höchste Zeit. Eine stattliche Anzahl von muslimischen Warlords führte zwischen 1880 und 1910 vom Niger bis zum Nil ihre 'Befreiungskriege' gegen die Europäer. Der afrikanische "Antikolonialismus" wird geboren als Kampf zur Verteidigung der Sklaverei."

Außerdem: Dieter Bartetzko gratuliert Caterina Valente zum Achtzigsten. Kerstin Holm erzählt von russischen Kriegsgerät-Attrappen. Und E.L. Doctorow spricht im Interview über seinen neuen Roman "Homer & Langley".

Im Feuilleton erzählt Karen Krüger, wie die Kopten - trotz der Todesdrohungen von ägyptischen Islamisten - in der Frankfurter Sankt-Markus-Kirche Weihnachten feierten. Abgedruckt ist eine Antwort des gerade verstorbenen Hadayatullah Hübsch auf den letzten Sarrazin-Text in der FAZ. Jürgen Dollase isst bei Marc Paesbrugghe im Antwerpener "Sir Anthony van Dyck". Verena Lueken besucht die amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss. Stascha Rohmer schreibt zum Tod des Philosophen Reiner Wiehl.

Besprochen werden die Ausstellung "Hommage an Caravaggio" in der Berliner Gemäldegalerie, einige CDs, darunter drei "herausragende" neue Mahler-Gesamtaufnahmen mit Michael Tilson Thomas, David Zinman und Jonathan Nott und Bücher, darunter Kleist-Ausgaben (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie stellt Claus-Ulrich Bielefeld ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer vor:

"Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!
..."

SZ, 08.01.2011

Die ganze erste Feuilletonseite ist einer Befragung gewidmet. Sie galt den Käuferinnen (eher nicht so viele) und Käufern (fast zwei Drittel) von Sarrazins "Deutschland"-Buch. Tobias Kniebe referiert eifrig die Resultate, an denen weniges wirklich überrascht, schon gar nicht die dennoch instruktive Tageszeitungs-Affinität: "Über allen aber thront, beinah den Rahmen der Infografik sprengend, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung."

Slaven Marinovic porträtiert den US-amerikanischen UrheberrechtsavantgardistenLawrence Lessig (Website), der nun an die Ostküste gezogen ist, um dort die "institutionelle Korruption" zu bekämpfen: "Mit 'institutioneller Korruption' meint Lawrence Lessig keineswegs Schmiergelder, sondern rechtlich völlig legale Wahlkampfspenden, welche von Lobbyisten lanciert werden, um bei Gesetzgebern und Regierenden Wohlwollen für die Interessen ihrer Kunden zu erzeugen."

Weitere Artikel: Mit Edda Müller, der Vorsitzenden der Organisation Transparency International, unterhält sich Elisabeth Kiderlen über den Rückgang der Korruption in Deutschland bei gleichzeitig massiv anwachsenden Lobbyismusbesmühungen. Warum man Arnold Schwarzenegger durchaus als erfolgreichen Politiker betrachten kann, erläutert Jörg Scheller. Über Daniel Libeskinds Entwurf für den Umbau des Militärhistorischen Museums in Dresden (Website) berichtet Jens Bisky. Kopfschüttelnd bis entsetzt schildert Wolfgang Koydl das Treffen unbelehrter Altkommunisten im Londoner Stadtteil Southall. Über immer heftigere Einschränkungen in der irakischen Kulturpolitik informiert Rudolph Chimelli. Jonathan Fischer gratuliert der Musikerin Joan Baez zum Siebzigsten. Auf der Literaturseite erinnert Lothar Müller zu dessen 200. Geburtstag an den Aufklärer Friedrich Nicolai.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende fürchtet Joachim Käppner, dass der Erfolg des Kriminal-Genres seinen Niedergang nicht mehr lang camouflieren kann: "Nie zuvor im Kriminalroman gab es so viele absurde Serienkiller, so lächerliche Figuren und so peinliche Plots wie derzeit. Es wirkt, als hätten die Autoren eine jener geheimen Bruderschaften gebildet, über die sie ebenfalls so gerne schreiben; freilich ist es eine Bruderschaft des Blödsinns." Auf der Historienseite geht es um die Zeugnisse aus dem Warschauer Getto, die Emanuel Ringelblum hinterließ. Alex Rühle unterhält sich mit dem französischen Schauspieler Kad Merad unter anderem über dessen Jugend in der Banlieue und den Riesenerfolg mit der Komödie "Willkommen bei den Sch'tis".

Besprochen werden der Allen-Ginsberg-Film "Howl" und Bücher, darunter James Hamilton-Patersons literarisches Sachbuch "Vom Meer" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).