Heute in den Feuilletons

Vermutlich auf Befehl der Sowjetunion

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.01.2011. Die NZZ berichtet über den Exodus von Christen aus orientalischen Ländern und beklagt die Gleichgültigkeit der Bevölkerungen. Die taz warnt vor politischem Missbrauch dieses Phänomens.Mit Google geht's bergab, meint Techcrunch. Mit Facebook aber auch schon, meint Douglas Rushkoff. Die FAZ fürchtet, dass das Multikulti-Projekt Belgien demnächst in aller Stille begraben wird. Die SZ interviewt Samuel Friedländer zur Debatte über "Das Amt".

FR, 10.01.2011

Arno Widmann führt ein langes Gespräch mit Manfred Meiner, Chef des gerade hundertjährigen Felix-Meiner-Verlags, der auch seine ganz eigenen Erfahrungen mit Ebooks hat: "Natürlich haben wir E-Books. Aber kein Mensch kauft die. Diesen Markt gibt es praktisch nicht. Jedenfalls nicht bei unseren Büchern. Das E-Book ist ein Riesenhype. Finanziell spielt es bislang überhaupt keine Rolle."

Weitere Artikel: Sylvia Staude erinnert an Dashiell Hammett, der vor fünfzig Jahren gestorben ist. Besprochen werden ein neues Album der Decemberists und Erzählungen Iwan Bunins (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 10.01.2011

Indignez-vous!, möchte man rufen, wenn man Harald Martenstein über die Berliner Krise des Nahverkehrs liest: "Dies ist die größte Misswirtschaft, die es seit 1871 im Verkehrswesen einer europäischen Stadt gegeben hat. Rollen Köpfe? Nein. Bläst die Opposition zum Generalangriff? Nein, sie macht Urlaub. Man muss auch daran erinnern, dass die S-Bahn zu Mauerzeiten in beiden Stadthälften von der DDR betrieben wurde. Und die S-Bahn fuhr. Sie kam fast immer. Vermutlich auf Befehl der Sowjetunion."
Stichwörter: DDR, Europäische Stadt

Aus den Blogs, 10.01.2011

Mit Google geht's bergab, konstatiert Jon Evans in einem dramatischen Techcrunch-Artikel: "Business Insider's list of the 15 biggest tech flops of 2010 cited no fewer than four from Google: Buzz, Wave, Google TV, and the Nexus One... What happened? The same cancer that sickened Microsoft: bureaucracy. A recent NYT article claims that 'the bleak reality of corporate growth' is that 'efficiencies of scale are almost always outweighed by the burdens of bureaucracy'."

Wishfull thinking? Für den bekannten Internetautor Douglas Rushkoff ist der Einstieg von Goldman Sachs bei Facebook das erste Zeichen des Niedergangs. So sein Kommentar bei CNN: "If you were there for Compuserve, AOL, Tripod, Friendster, Orkut, MySpace or LinkedIn, you might have believed the same thing about any one of those social networks. Remember when those CD Roms from AOL came in the mail almost every day? The company was considered ubiquitous, invincible. Former AOL CEO Steve Case was no less a genius than Mark Zuckerberg."

(Via Rivva) Nach dem Internet könnte sich der Spiegel doch auch mal die eigene Branche vornehmen, schlägt Richard Gutjahr in seinem Blog vor: "Dabei sind es gerade die Zeitungen und Zeitschriften-Verlage, die hierzulande spitz auf unsere Daten sind, wie kaum eine andere Branche. Die Unterwanderung des Datenschutzes hat hier System. Zu Hunderten bevölkern die meist auf Provision bezahlten Verlagssöldner deutsche Fußgängerzonen und Bahnhöfe, wedeln mit Gratis-Zeitungen, mit dem einen Ziel: unsere Unterschrift. Mit der können die Verlage nämlich so gut wie alles anstellen. Und das tun sie auch..."

Ulrike Langer verlinkt wie jede Woche auf lesenswerte Artikel zu Internetthemen.
Anzeige

Welt, 10.01.2011

Martin Andree, Autor von "Medien machen Marken - Eine Medientheorie des Marketing und des Konsums", fällt das Verdienst zu, den ersten Gedenkartikel zu zehn Jahren 11. September zu schreiben, den er erwartungsgemäß als Marketingcoup interpretiert: "Schon unmittelbar nach dem Ereignis irritierte die Kommentatoren die Affinität der Terroranschläge zu den Endprodukten der Kulturindustrie. Je weiter das Datum zurückliegt, desto mehr tritt hervor, wie sehr sie von ihren Hintermännern daraufhin geplant wurden, sich als Medienprodukte konsumieren zu lassen."

Weitere Artikel: Sascha Lehnartz porträtiert den in diesen Tagen so unvermeidlichen wie erhabenen Greis Stephane Hessel, Sohn von Jules und Jim, dessen kleines Manifest "Indignez-vous" einen behaglichen Schauer der Revolte durchs verkarstete Frankreich jagt.

Besprochen wird eine Ausstellung mit Andy Warhols Filmporträts in New York.

Auf der Meinungsseite kommentiert György Dalos die Verwerfungen um das ungarische Mediengesetz.

Für die Welt am Sonntag porträtiert Henryk Broder den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard und besucht auch den Redaktionssitz von Jyllands-Posten: "Niemand darf unangemeldet das Gebäude betreten, auch die Türen zwischen den Fluren lassen sich nur mit einem Code öffnen. Mikkelsen weiß, dass solche Hindernisse im Ernstfall wenig nutzen würden. Der Verlag hat einige Millionen Euro für ein umfassendes Sicherheitssystem ausgegeben, dazu gehören auch 'Panik-Räume'" im Keller, in die Mitarbeiter flüchten sollen, wenn Gefahr droht."

NZZ, 10.01.2011

Auf einer ganzen Seite berichtet der Beirut-Korrespondent der NZZ, Jürg Bischoff, sehr instruktiv über den Untergang der orientalischen Christen, die durch Terror und Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit in die Emigration getrieben werden: "Der jüngste Anschlag auf eine Kirche in Alexandria zeigt auch, dass der koranische Schutz die Christen nicht vor islamistischen Terroristen bewahrt, die in der Gewalt gegen Andersgläubige eine propagandistische Wirkung suchen. An der Gleichgültigkeit in der breiten Bevölkerung gegenüber Angriffen auf die Kopten zeigt sich gerade in Ägypten, wie weit die nationale Identität zum leeren Schlagwort geworden ist. Die Extremisten fördern den alten Verdacht, die lokalen Christen seien eine fünfte Kolonne des christlichen Westens im Orient und nähren die Furcht der Christen, als Sündenböcke für westliche Aktionen herhalten zu müssen."

Besprochen werden die Retrospektive zum Werk von Philipp Otto Runge "Der Morgen der Romantik" in der Hamburger Kunsthalle und Sebastian Nüblings "unerschrockene" Thebaner"-Kombination "Ödipus und seine Kinder" aus Aischylos, Sophokles und Euripides in Zürich.


TAZ, 10.01.2011

Isolde Charim lehnt den nach dem Anschlag auf die koptische Kirche in Alexandria wieder aufgelebten Begriff der "Christenverfolgung" doch sehr entschieden ab: "Im jüngsten Perlentaucher-Essay zum Thema 'Islamophobie', geschrieben vor dem Attentat in Alexandria, steht: 'Der potentiell beleidigte Muslim schafft politischen Mehrwert. Der real verfolgte Christ nicht.' Die Reaktionen auf den gewaltsamen Tod 21 ägyptischer Kopten zeigen jedoch: Man kann aus den real verfolgten Christen sehr wohl politischen Mehrwert gewinnen. Dazu bedarf es einer diskursiven Grundoperation: Man muss sich mit den Kopten identifizieren. Diese Identifikation lautet natürlich nicht: wir Ägypter. Auch wenn die Kopten selber sich sehr wohl als solche verstehen. Sie lautet auch nicht: Wir sind alle Kopten. Sie lautet: Wir Christen. Und sie bedeutet: Wir Christen werden verfolgt. Kurzum: Wir sind Opfer."

Besprochen werden die Theaterreihe "Echt - Migrationsformate" auf Kampnagel in Hamburg, Nicki Minajs Debütalbum "Pink Friday", Mathias Enards europäische Gewaltgeschichte "Zone", ein Band des Art Directors Scott King "Art Works" und Herfried Münklers Studie "Mitte und Maß" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf einer vorderen Seite beschreibt Michaela Schlagenwerth, wie Theaterprojekte an Schulen die "Misserfolgsorientierung" vieler Schüler durchbricht: "Für die Schüler heißt das: lieber misstrauisch beobachten, keine Neugier zulassen, nicht selbst aktiv werden. Pagel und sein Kollegium haben damit täglich zu tun. Denn die Jugendlichen halten nicht nur die Anstrengungen des Lernens, die Frustration, das Wiederholenmüssen schwer aus. Ihre Verunsicherung agieren sie aus, indem sie sich gegenseitig auf das gleiche niedrige Niveau herunterzuziehen. Im Theaterunterricht klappt das oft nicht. Dazu macht es den meisten zu viel Spaß."

Und Tom.

FAZ, 10.01.2011

Belgien sucht seit Ewigkeiten eine Regierung, ist am Abgrund oder existiert möglicherweise als gemeinsamer Staat de facto schon nicht mehr. Gutes für den Rest Europas kann dieser flämisch-wallonische Streitfall, findet Dirk Schümer, jedenfalls nicht bedeuten: "Wie kann sich Europa als System der Vielsprachigkeit und kulturellen Offenheit begreifen, wenn an der Grenze seiner Hauptstadt eine militante Frankophonie ideologisch verklärt wird? Und wie sollen sich Zyprioten und Türken, Iren und Briten, Katalanen und Kastilier, Basken und Franzosen, Südtiroler und Italiener, Ungarn und Slowaken, Letten und Russen je einig werden, wenn die Belgier nach fast zweihundert Jahren das Projekt der Vielgestaltigkeit in aller Stille begraben?"

Weitere Artikel: Zur Vorbereitung aufs Buchmessengastland Island liest Nora Gomringer im Zug eine Erzählung von Halldor Laxness und isst dabei M&Ms. In der Glosse geht Felicitas von Lovenberg aktuellen Ergebnissen der Tränenforschung nach. Nach allzu vielen Abrissen sieht Matthias Grünzig das Ende der Zittauer Altstadt kommen. Rolf Dobelli denkt immer noch klarer und erklärt uns diesmal aufs Evolutionsbiologischste die "Tragik der Allmende". Zum Tod des Komponisten Hans Ulrich Engelmann schreibt Gerhard Rohde.

Besprochen werden Sebastian Nüblings Züricher Inszenierung "Ödipus und seine Kinder" nach Aischylos, Sophokles und Euripides, die Ausstellung "Afropolis" im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, die TSG-Hoffenheim-Doku "Das Leben ist kein Heimspiel" (mehr) und Bücher, darunter Karen Duves Selbstversuchsbericht "Anständig essen" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 10.01.2011

Der Historiker Saul Friedländer spricht mit Claudia Tieschky und Willi Winkler über das Buch "Das Amt" und seine eigene Geschichte: Er wurde als Kind von der katholischen Kirche versteckt und getauft. "Später, bei meiner Pflegefamilie, die aus traditionellen Juden bestand, erklärte ich bei dem ersten Seder-Abend: 'Ich esse kein Fleisch.' 'Warum?', fragten sie. 'Bist du krank?' Ich sagte: 'Nein, heute ist doch Karfreitag.' Das schlug im Haus wie eine Bombe ein."

In den Nachrichten aus dem Netz resümiert Michael Moorstedt einen Artikel des Internetautors Douglas Rushkoff, der dazu auffordert, das Netz zu verlassen: Der Kampf gegen die Konzerne sei schon verloren. Warum nicht was Neues machen? "Instead of pretending that the Internet was ever destined to be our social and intellectual commons, we can much more easily conspire together to build a real networked commons, intentionally. And with this priority embedded into its very architecture and functioning. It is not rocket science. And I know there's more than a few dozen people reading this right now who could make it happen."

Weitere Artikel: Im Aufmacher macht sich Niklas Hofmann unter Rückgriff auf das Blog Business Insider und einen Vortrag von Anthony F. Beavers (hier als pdf-Dokument) Gedanken über die zukünftigen Gewinne von Facebook, die nicht nur auf Werbung, sondern auch auf Weitergabe von Daten beruhen werden - und gibt Rushkoff damit indirekt Recht (wer seinem Pessimimus noch mehr Futter geben möchte, lese Konrad Lischkas Artikel "Komfort statt Freiheit" bei Spiegel online). Andrian Kreye gratuliert dem Fotografen Will McBride (Bilder) zum Achtzigsten. Und Wolfgang Schreiber porträtiert die in Köln lebende (und also viel Neues spielende) chinesische Pianistin Pi-hsien Chen. Hier ihre Aufnahme von Boulez' "Notations pour piano":



Besprochen werden neue Musik-DVDs, eine Theaterserie über Bruno Kreisky im Wiener Schauspielhaus, das trotz des großartigen Namens laut Helmut Schödel eher ein Zimmertheater ist, ein von Sebastian Nübling veranstaltetes Ödipus-Potpourri in Zürich und Bücher, darunter ein höchst prominent besetzter und bei Suhrkamp herausgegebener Streit zwischen Neurowissenschaftlern und Philosophen (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).