Heute in den Feuilletons

Gottes Geschenk an China

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.10.2010. Die FR betrachtet muskulöse Männerkörper und -bäuche in der großen Michelangelo-Ausstellung in der Albertina. In der NZZ warnt Annette Schavan vor gottlosen Säkularismus. In der taz erklärt Norbert Bolz: Internet und Massenmedien brauchen sich. Die FAZ porträtiert den Berliner Fußballscout Roger Ülger. Die SZ erklärt, warum China heute kritische Autoren nicht mehr mundtot machen kann.

FR, 09.10.2010

Mit aufgerissenen Augen und rein entzückt ist Arno Widmann durch die große Ausstellung mit Michelangelo-Zeichnungen in der Wiener Albertina gegangen. Er hat Penisse, Bäuche, aber keine Epheben gesehen: "Man kann hier von der - wahrscheinlich - frühesten Zeichnung von 1490-1492, auf der Michelangelo einen Ausschnitt eines Giotto-Gemäldes kopiert, bis zu den drei Blättern aus den Jahren 1555-1564 aus allen Schaffensperioden schönste Blätter sehen. Auf dem frühen Blatt wirkt die Kopie des Giotto-Mannes, als zeichne Michelangelo eine Steinplastik ab. Dabei hat er den linken Fuß des Mannes - Giotto korrigierend - nach vorne gesetzt, so dass jetzt 'das Körpergewicht der Figur anschaulicher' wird. Schöner lässt sich das Widerstrebende von Idealgestaltung und Naturnachahmung und das Scheitern daran kaum beobachten."

Weitere Artikel: Auf ihrem Rundgang über die Frankfurter Buchmesse schnappt Judith von Sternburg Gesprächsfetzen über E-Books (wenige), Oskar Pastior und den Nobelpreis für Mario Vargas Llosa auf. Sylvia Staude porträtiert Niels Ewerbeck, den designierten Intendanten des Frankfurter Mousonturms. In einer Times Mager erfährt Natalie Soondrum von Autor Tim Parks, warum das Christentum für Beckenbodenverspannungen sorgt. Sehr belebt hat, wie Sebastian Moll feststellt, Stephan Wackwitz das New Yorker Goethe-Institut - demnächst aber endet seine Amtszeit und Wackwitz geht nach Georgien.

Besprochen werden das neue Album "Swanlights" von Antony and the Johnsons und Bücher, darunter der erste Band von Heinz-Dieter Kittsteiners durch den Tod des Autors Fragment bleibender Modernegeschichte "Die Stabilisierungsmoderne" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 09.10.2010

Joachim Güntner spricht mit der deutschen Bildungsministerin (und ehemaligen katholischen Religionslehrerin) Annette Schavan über ihre Konzeption eines islamischen Rreligionsunterrichts an deutschen Schulen, und sie erläutert: "Zwei Ausprägungen von Positionen sind beide für die Konzipierung eines Religionsunterrichtes an öffentlichen Schulen in Deutschland nicht sehr tauglich: Einmal ein letztlich gottloser Säkularismus. Auf der anderen Seite ein Traditionalismus, der mit Einstellungen verbunden ist, denen die Inkulturation fehlt, also die Abstimmung islamischer Weltanschauungen mit der Kultur im Einwanderungsland."

Weitere Artikel in Literatur und Kunst: Stefana Sabin porträtiert den israelischen Schriftsteller David Grossman, der morgen den Friedenspreis erhält. Karin Althaus plädiert für eine Wiederentdeckung des Malers Gabriel von Max (1840 bis 1915). Und Martin Meyer besucht eine Piranesi-Ausstellung in der Fondazione Giorgio Cini, Venedig.

Im Feuilleton wird eine  Warhol-Ausstellung in Basel besprochen. Man sammelt Stimmen zum Literaturnobelpreis für Mario Vargas Llosa in Spanien (hier) und Lateinamerika (hier). Hilmar Poganatz besucht Quito, die prächtig wieder hergerichtete barocke Hauptstadt Ecuadors. Joachim Güntner sendet Notizen von der Frankfurter Buchmesse.

Aus den Blogs, 09.10.2010

Global Voices übersetzt ein chinesisches Tweet: "Do you know who the previous Nobel Peace Prize winner to receive the award while in jail was? Carl von Ossietzky. And who was the ruler of his country? Hitler."


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Perlentaucher, 09.10.2010

Liao Yiwu, Autor von "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" wird sich sicher freuen. Der Perlentaucher hatte im Februar einen offenen Brief Liaos an Kanzlerin Merkel nachgedruckt, darin die Frage: "Kann es denn sein, dass mein alter Freund, der Literaturkritiker Liu Xiaobo, erst zu elf Jahren Gefängnis verurteilt werden musste, bevor die politischen Kreise im Westen, die Welt der Geschäftsleute, der Intellektuellen und der Sinologen aus ihren schönen Profitträumen gerissen wurden, die sie im Zusammenhang mit unserem großen diktatorischen Land träumten?" Mehr auch in einem Artikel Sabine Pamperriens, die in internationalen Kampagnen für Liu die Stimmen deutscher Meinungsführer vermisste.

Weitere Medien, 09.10.2010

Foreign Policy präsentiert den letzten Text von Liu Xiaobo von Dezember 2009: "Twenty years have passed, but the ghosts of June Fourth have not yet been laid to rest."
Stichwörter: Liu Xiaobo

TAZ, 09.10.2010

Der Medientheoretiker Norbert Bolz denkt aus Anlass des Starts des neuen Medienmagazins "Mehrspur. Radio reflektiert" über das Verhältnis von Radio als Massenmedium und Internet nach. Beide, betont er, brauchen einander: "Das Internet hat ein permanentes Aufmerksamkeitsproblem. Und die Massenmedien haben Schwierigkeiten, den Veränderungen des Kundengeschmacks zu folgen. Deshalb sind beide aufeinander angewiesen: Das Internet braucht die Massenmedien, um die Aufmerksamkeit zu generieren, und die Massenmedien brauchen das Internet, um in Kontakt mit Zielgruppen zu kommen."

Weitere Artikel: Gleich vier AutorInnen erinnern an John Lennon, der morgen seinen 70. Geburtstag gefeiert hätte. In der Buchmesser-Kolumne stellt Doris Akrap fest, dass auf der Messe viel von der Bedrohung des Journalismus die Rede, von E-Books und dergleichen aber wenig zu sehen ist. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne glossiert ebenfalls Akrap das "bewusstseinsverändernde Puma-Pater-Key-Konzept". 

Besprochen werden Carmen Tartarottis Film "Das Schreiben und das Schweigen" über Friederike Mayröcker (Ulrike Draesner schwärmt sehr klug und schön) und Bücher, darunter Ingo Niermanns und Alexander Wallaschs Roman "Deutscher Sohn" und Jürgen Peter Schmieds "Sebastian Haffner"-Biografie (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 09.10.2010

In einem Interview, das offenbar vor der Buchmesse geführt wurde, schildert Michi Strausfeld, die früher für Suhrkamp und jetzt für Fischer lateinamerikanische Autoren sucht, aktuelle literarische Entwicklungen in Argentinien. Den deutschen Lesern ruft sie zu: "Das Interesse an Lateinamerika ist in den letzten zehn Jahren gesunken. Das hat damit zu tun, dass die Leseerwartungen immer noch Magischer Realismus heißen. Und der ist eben einfach vorbei. Vielleicht können sich die Deutschen ja jetzt dank der Buchmesse auf etwas Neues einlassen. Dieser Kontinent ist jung, er hat eine Vielfalt anzubieten an spannenden literarischen Texten."

Barbara Wiedemann hat in der Izvestija vom 23.12.1944 einen Bericht über das Lemberger Ghetto gefunden, nach dem Paul Celan sein Gedicht "Todesfuge" geschrieben haben könnte: "Nicht nur die durch den Artikel wiedergegebenen Fakten sind wichtig - Celan hätte sie auch aus anderen Quellen erhalten können -; wesentlich ist die Art und Weise, wie diese Fakten am 23. Dezember 1944 den Lesern präsentiert wurden."

Weiteres Artikel: Hannes Stein erinnert sich an seine Begegnung mit Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Christoph Buchwald würdigt den israelischen Schriftsteller David Grossman, der morgen mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird. Besprochen werden u.a. Günter de Bruyns Kulturgeschichte über das Berlin der Jahre 1807 bis 1815 "Die Zeit der schweren Not", Erich Hackls Roman "Familie Salzmann" und die Kritische Gesamtausgabe der Werke von Hans Jonas.

Im Feuilleton spricht Klaus Maria Brandauer im Interview über Kortner, Stein und Bernhard, den er nie gespielt hat: "Zu meinem Kummer hat es sich nicht ergeben. Ich war zwei oder drei Mal mit Bernhard beisammen, das letzte Mal wollte ich die Filmrechte am Roman "Holzfällen" bekommen. Es war am Flughafen. Er hat auf meine Frage einfach gesagt: 'Na'. Da bin ich weitergegangen, und er ruft mir noch nach: 'So schnell geben Sie auf?!'"

Außerdem: Dieter Ingenschay würdigt den Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Und Thomas Kielinger freut sich auf die Wiedereröffnung des renovierten Londoner Hotels Savoy.

FAZ, 09.10.2010

Auf der letzten Seite porträtiert Michael Horeni in einer sehr schönen Reportage den Fußballscout Roger Ülger, der in Berlin nach türkischen und arabischen Talenten sucht. Zwei immer wiederkehrende Probleme sind Ramadan und Mädchen. "Für Gefühle ist eigentlich keine Zeit bei Jungs, die Profi werden wollen. Sie trainieren vier, fünf Mal in der Woche, am Wochenende ist Spiel, mit Schule und Hausaufgaben kommen sie auf eine Sechzig- bis Siebzig-Stunden-Woche. Aber Gefühle entstehen trotzdem, und sie suchen sich ihre Zeit. Deutsche Jungs nehmen ihre Freundin dann einfach mit nach Hause und zum Spiel. Aber das ist nicht erlaubt bei türkischen und arabischen Familien, wenn der Glaube stark ist. Die Gefühle müssen dennoch irgendwohin, und Ülger erzählt, wie das dann läuft."

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler, der gerade in der Zeit der SPD empfohlen hat, sich lieber mit dem auseinanderzusetzen, was Sarrazin richtig beschrieben hat, statt ihn wegen seiner Irrtümer zu ächten, macht jetzt im Interview mit der FAZ einige Vorschläge, wie Integrationsprobleme angepackt werden könnten: Bessere Einwanderungspolitik, Ganztagsschulen und etwas von dem Schwung, mit dem man in den 60er Jahren auf die "Bildungskatastrophe" reagierte: "In Tübingen gingen damals die Studenten an den Wochenenden zu den Bauern auf die Alb, um denen zu erklären, dass sie ihre Töchter aufs Gymnasium lassen sollen. In Bielefeld hatte ich dann sehr viele Studenten, die als Erste in ihrer Familie studierten."

Weitere Artikel: Patrick Bahners hält es lieber mit dem Verfassungsrichter Udo di Fabio, der in seinem neuen Buch "Wachsende Wirtschaft und steuernder Staat" Sarrazins Thesen als "Rückfall in ein Denken, das Klassenunterschiede zu Naturgegebenheiten erklärt" ablehnt. Kein Wort in den chinesischen Medien über die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo, berichtet Mark Siemons, aber das hindert chinesische Intellektuelle nicht daran, ihm über Twitter zu gratulieren. Jürgen Dollase isst in der Brasserie Lipp einen gefüllten und gegrillten Schweinefuß, der nicht ganz so übel ist, wie er erwartet hatte. Jordan Mejias erzählt, wie das Goethe-Institut in New York sein Haus in einer Performance in das Stundenhotel Savoy verwandelt. Die Bibliotheque Nationale verlinkt ihre digitalen Bestände mit der Microsoft-Suchmaschine Bing statt mit Google, meldet Jürg Altweg.

In Bilder und Zeiten feiert Art Spiegelman den amerikanischen Bilderzähler Lynd Ward (1905-1985), der vor allem mit seinen Holzschnittromanen bekannt wurde. Text gibt es in diesen Romanen nicht, so Spiegelman, lesen kann man sie trotzdem: "Das ständige Vor- und Zurückblättern, um Jagd auf markante Details zu machen und sie einzuordnen, setzt aus den Bildern die Wörter frei, mittels deren Bedeutung entsteht. Wortlose Romane sind voller Sprache; sie hat ihren Platz lediglich im Kopf des Lesers statt auf dem Papier."

Außerdem: Christian Brückner erzählt im Interview, wie er seine Hörbücher vorbereitet: "Ich übe stumm." Don Alphonso nimmt an dem Retro-Radrennen l'Eroica in der Toskana teil. Und Martin Lhotzky stellt ein Projekt des Kunsthistorischen Museums in Wien vor, bei dem Texte über Gemälde vor diesen Gemälden inszeniert werden. Hier ein Beispiel:



Besprochen werden die Ausstellung "Bonnard: Magier der Farbe" im von der Heydt-Museum Wuppertal, Christiane Pohles Adaptionen zweier Romane von Dostojewski - "Der Spieler" und "Ein grüner Junge" - am Theater Basel, CDs mit Volksliedern, ein Soul-Album von Toots & The Maytals und Bücher, darunter Ernst Jüngers Kriegstagebücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Ruth Klüger ein Gedicht von Heinrich Detering vor:

"Becher

er will zu was Großem gehören
er findet sich selber zu klein
er will zu der Fahne schwören
..."

SZ, 09.10.2010

Im vorderen Teil schildert Alex Rühle aus Anlass des Friedensnobelpreises für den Schriftsteller Liu Xiaobo, wie in China kritische Autoren mundtot gemacht werden. Dass man sie ins Gefängnis sperrt, ist dabei eher die Ausnahme. Die Zensur bringt unerwünschte Stimmen lieber mit anderen Mitteln zum Schweigen: Es "werden in aller Stille die Redakteure und Herausgeber bestraft, Medien und Verlage geschlossen. Was den effizienten Nebeneffekt hat, dass die Autoren keinerlei Kanäle mehr haben, wenn die Medien gehorchen. Genau aus diesem Grund bezeichnete Liu Xiaobo das Internet vor einigen Jahren mal als 'Gottes Geschenk an China'. Seine Charta 08, der er den Nobelpreis zu verdanken hat, zirkuliert noch immer im Netz."

An den Münchner Kammerspielen hat der Neuintendant Johan Simons mit einer Theaterversion von Joseph Roths "Hotel Savoy" seine erste eigene Inszenierung vorgelegt. Christine Dössel gerät nicht in Überschwang, lobt aber deutlich: "Menschen im Hotel: Johan Simons gelingen in den Begegnungen zwischen diesen Elenden, Gebeutelten und Geknickten bewegende Figurenskizzen und Gefühlsstudien, aber auch tolle Kabinettstückchen bis hin zu richtig komischen Nummern, für die vor allem Brigitte Hobmeier zuständig ist, die hier in mehreren Rollen ihre bayerisch-robuste Verwandlungskunst ausleben darf. Herrlich."

Weitere Artikel: Morgen hätte John Lennon seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert. Jutta Person interviewt zu dem Anlass Yoko Ono, die viel Freundliches über ihn sagt, etwa dies: "John war der erste männliche Feminist." Vier pakistanische Autoren geben eine nicht durchweg ernst gemeinte Anleitung, wie man über ihr Land schreibt - Mohsin Hamid etwa: "1. Es müssen Mangos vorkommen. 2. Es müssen Dienstmädchen vorkommen, die Mangos servieren." (Hier der Originaltext aus Granta) Ira Mazzoni informiert über eine Präsentation des Münchner Zentralinstituts für Kunstgeschichte zur NS-Vergangenheit des Kunsthandels. In den Buchmesse-Skizzen wird unter anderem kolportiert, dass Ulla Berkewicz lieber den Hausautor Amos Oz als Mario Vargas Llosa als Literaturnobelpreisträger gesehen hätte - schon weil Suhrkamp den demnächst erscheinenden jüngsten Roman von Vargas Llosa abgelehnt haben soll. Kurz meldet Michael Frank, dass die Solotänzerin Karina Sarkissova wegen Nacktfotos von der Wiener Staatsoper gefeuert wurde.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende stellt Thomas Hahn fest, dass angesichts der Inflation der Stadtmarathons von der sprichtwörtlichen "Einsamkeit des Langstreckenläufers" wenig geblieben ist. Rebecca Casati porträtiert den Schauspieler Alexander "Goethe!" Fehling. Gert Kähler erinnert aus Anlass von Stuttgart 21 an kühne Bauvisionen, aus denen was wurde. Eva Karcher unterhält sich mit dem Malerstar Albert Oehlen über seine Vergangenheit als Kunst-"Rabauke".

Besprochen werden eine Larry-Clark-Ausstellung im Pariser Musee d'Art Moderne de la Ville de Paris (Johannes Willms hat kein Verständnis dafür, dass sie erst ab 18 freigegeben ist), Sasha Waltz' Inszenierung der Oper "Passion" von Pascal Dusapin am Pariser Theatre des Champs-Elysees (wenig angetan ist Dorion Weickmann von dem "dekorativen Delirium", das er da erlebt), die neue Dauerausstellung im ehemaligen KZ Flossenbürg (Website), Eric-Emmanuel Schmitts Verfilmung seines eigenen Romans "Oscar und die Dame in Rosa", und die bearbeitete Übersetzung von Vladimir Nabokovs Roman "Ada oder Das Verlangen", die Brigitte Kronauer fasziniert gelesen hat (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).