Heute in den Feuilletons

Das Rohe und das Gekochte

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2010. In der Welt liest Bernard-Henri Levy Nicolas Sarkozy die Leviten und die geheiligten Grundsätze der Resistance, der Menschenrechte und der französischen Verfassung. Die taz unterhält sich mit Jonathan Safran Foer über Tiere, Essen und Werte. Die NZZ porträtiert die türkische Autorin und Aktivistin Pinar Selek. Der SZ graut es vor Google Street View. Die FR findet: Die Voyeure sind wir. Außerdem besprechen alle Norbert Gstreins Vielleicht-Suhrkamp-Schlüsselroman "Die ganze Wahrheit".

Welt, 14.08.2010

Nach einer Randale im Juli, bei der etwa 50 Roma eine Gendarmerie angriffen, kündigte Nicolas Sarkozy Maßnahmen an: Unter anderem will er "jeder Person ausländischer Herkunft", die "einen Angriff auf das Leben eines Polizisten" unternimmt, die französische Staatsangehörigkeit entziehen. Soll es also künftig "Franzosen auf Probe" und "Franzosen auf Dauer" geben? Nach wie vielen Generationen ist der "ausländische Ursprung" nicht mehr von Bedeutung?, fragt Bernard-Henri Levy, bevor sein Zorn den Gipfel erreicht: "Das Schlimmste ist, dass der Vorschlag, so er denn ernst gemeint war, einem dreimal geheiligten Grundsatz zuwiderläuft, der in den drei Gründungstexten wie in Stein gemeißelt steht: dem Programm des Nationalrats der Resistance vom 15. März 1944, der Deklaration der Menschenrechte von 1948 sowie der Verfassung von 1958. Dieser Grundsatz stellt die 'Gleichheit vor dem Gesetz' aller Bürger fest, und er bestimmt unser republikanisches Leben. Er besagt: Entweder man ist Franzose, oder man ist es nicht - aber in dem Moment, da man es ist, ist man es im gleichen Maß wie jeder andere auch. Und er beharrt: Man wird Franzose oder man wird es nicht - aber sobald man es geworden ist, gilt ein Verbot, zwischen besseren oder schlechteren Franzosen zu unterscheiden. ... Es geht um den Geist und Buchstaben eines Grundrechts, das alles umfasst, was Franzose zu sein ausmacht." (Hier das Original von Levys Artikel in Le Monde, die deutsche Version war heute morgen noch nicht online.)

Außerdem in der Literarischen Welt: Thomas Schmid porträtiert den Künstler und Hüter des Böll-Erbes Rene Böll. Klaus Briegleb befragt Heinrich Heine über seinen Einzug in Walhall.

Besprochen werden unter anderem Jonathan Safran Foers Buch "Tiere essen", Paul Austers Roman "Unsichtbar", Norbert Gstreins Roman "Die ganze Wahrheit" (Gstrein greift in seiner Beschreibung der an Ulla Berkewicz angelehnten Hauptfigur "tief in die Mottenkiste autoritärer Männerfantasien", er "sollte mal Theweleit lesen", empfiehlt Tilman Krause) und Markus Bennemanns Buch "Die Evolution im Liebesrausch" (der rezensierende Biologe Matthias Glaubrecht kürt den Autor boshaft zum "Dr. Sommer des Tier-Sex'").

Im Feuilleton erzählt Wim Wenders mit fast jungenhafter Begeisterung, wie er die technischen Probleme anpackte, die sich beim Dreh seines 3D-Films über Pina Bauschs Choreografien ergaben: "Die ersten Testaufnahmen waren erschreckend. Wir haben schnell eines begriffen: Alle Fehlerquellen vom 2D-Film potenzieren sich auf 3D. Wenn man etwa mit Tänzern auf der Bühne schwenkt, kann es schnell passieren, dass der Hintergrund stroboskopisiert. Bei 2D weiß man, wie man das vermeidet. Auf 3D schien es gar nicht vermeidbar zu sein. Jeder Fehler bei flüssigen Bewegungen auf der Leinwand, den wir uns angewöhnt haben, nicht mehr zu bemerken, war dick und fett zu sehen. ... Dazu mussten wir herausfinden, wie man die Technik austrickst und die Bewegungen wieder glatt kriegt. Jeder, der sich dafür interessiert, kann sich bei mir melden."

TAZ, 14.08.2010

Am Telefon hat sich Peter Unfried mit dem Autor Jonathan Safran Foer über dessen freundliche Streitschrift für mehr Vegetarismus "Tiere Essen" unterhalten. Und unter anderem dies zu hören bekommen: "Geschichten über Essen, das ist seine These, sind Geschichten über uns und unsere Werte... Weil Safran Foer weiß, dass Menschen nicht wegen Fakten ihr Leben verändern, erzählt er die Geschichte seiner Großmutter, die auf der Flucht vor den Nazis ein ihr angebotenes Stück Schweinefleisch ablehnt - obwohl sie am Verhungern ist. Die Moral der Geschichte ist nicht, dass man als Jüdin nur koscheres Fleisch essen darf. Ihre Begründung lautet: 'Wenn nichts wichtig ist, dann gibt es auch nichts zu retten.'"

Weitere Artikel: Die "überwältigende Liveerfahrung" des "exemplarischen Freiraums" im aufgelassenen Flughafen Tempelhof feiert Ingo Arend. Detlef Kuhlbrodt war auf der Hanfparade. Frauke Böger befragt Lutz Tillman, Geschäftsführer des Deutschen Presserats, zum Sachsensumpf-Urteil. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne denkt Tania Martini über Jean Baudrillards Ideen zur Masse nach.

Besprochen werden die vom Hit-Produzenten Terius Nash unter seinem Künstlernamen The Dream veröffentlichte CD "Love King" und Bücher, darunter Norbert Gstreins Nicht-Suhrkamp-Nicht-Schlüsselroman "Die ganze Wahrheit" und Wojciech Jagielskis Kindersoldaten-Reportage "Wanderer der Nacht" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Weitere Medien, 14.08.2010

Anders als Eva Quistorp (hier) findet Alexander Kissler in der Religionsdebatte in The European, dass Religonsfreiheit sozusagen unberührbar ist: "Kein anderes Bekenntnis ist ihr vorgelagert, weder zur Gleichberechtigung von Mann und Frau noch zur Meinungs-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit. Sonst wäre Religion nichts anderes als der kultische Nachvollzug der Staatsräson, vom Staat geduldet und gewährt oder eben verworfen und verboten. Der Staat würde zum Religionswächter."
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FR, 14.08.2010

Harald Jähner versucht sich das allgmeine Unbehagen an Google Street View zu erklären: "Die krudesten Argumente werden ins Feld geführt, um gegen Street View vorzugehen. Ehebrechende Liebespaare könnten überführt werden. Aber warum erlaubt man dann die Webcams, die zu Werbezwecken zahlreiche Touristenorte in Echtzeit beobachten? Das Unbehagen an Street View liegt tiefer, und es hat viel mit der lauernden Haltung zu tun, mit der man selbst das Internet durchstöbert."

Irgendwann dreht für Arno Widmanns Begriffe die Virtuosität des Autors Norbert Gstrein in seinem - wie nicht anders zu erwarten - heute auf breitester Front besprochenem Roman "Die ganze Wahrheit" ein wenig leer. Ein Vergnügen sei die Lektüre dennoch, schon weil Gstrein sehr grundsätzlich und sehr raffiniert die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion stelle: "Wenn es doch ein Schlüsselroman wäre? ... Wenn die ganze Wahrheit dieses Romans wäre, dass er klarmacht, dass ein Roman nicht auskommt ohne die Wirklichkeit? Dass der Autor in ihr auf die Jagd geht, um seine Fiktionen auszustaffieren mit erbeuteter Wirklichkeit? Eine Wirklichkeit, die natürlich nur seine ist. Die Dinge, die Personen sind nicht so, wie er sie sieht. Aber er hat sie so, wie er sie sieht, hineingestellt in die kunstvolle Syntax seiner Fiktion. Das Rohe und das Gekochte."

Weitere Artikel: Stephen Tree erzählt eine kurze Kulturgeschichte des Speiseeises. In einer Times Mager befasst sich Harry Nutt mit der wiedergefundenen Urne Fritz Teufels. Nutt schildert auch die prekäre Lage des Berliner Archivs der Jugendkulturen. Auf der Medienseite kommentiert Ulrike Simon das heftig umstrittene Urteil im Sachsensumpf-Prozess gegen zwei Journalisten.

Besprochen werden ein semiszenisch aufgeführter "Fidelio" mit Jonas Kaufmann als Florestan und dirigiert von Claudio Abbado, beim Lucerne Festival, ein Konzert des Pianisten Paul Lewis beim Rheingau Musik Festival, das von Tadao Ando in Bad Münster geschaffene Steinskulpturen Museum, und Wolf Liesers Geschichte der "Digital Art" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 14.08.2010

Brigitte Neumann porträtiert die türkische Soziologin und Aktivistin Pinar Selek, der in der Türkei wieder einmal ein Prozess wegen Landesverrats und Staatsgefährdung droht. Zuletzt schrieb sie ein Buch über den Männlichkeitsdrill beim türkischen Militär: "'Bei uns gibt es ganz allgemein ein Problem mit der Demokratie. Und das äußert sich in den Demütigungen der Armenier, der Kurden und in der Verachtung der Frauen. Sexismus geht Hand in Hand mit Militarismus und Nationalismus. Für mich gehört das alles zusammen.'"

Besprochen werden eine laut Peter Hagmann grandiose halbszenische Aufführung von Beethovens "Fidelio" zur Eröffnung des Lucerne Festivals, die Ausstellung "Wohn Raum Alpen" im Kunsthaus Meran, Norbert Gstreins Suhrkamp-Schlüsselroman "Die ganze Wahrheit", Heinrich Deterings Deutung von Nietzsches "Wahnsinnszetteln" und Hans Blumenbergs Schrift "Theorie der Lebenswelt" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In Bilder und Zeiten ist ein Vorabdruck aus Herfried Münklers neuem Buch "Mitte und Maß" zu lesen, das uns auf eine lange Periode schrumpfender Mittelschichten einstimmt ("Generell gilt, dass weniger das verfügbare Einkommen als vielmehr eine sichere Zukunftsperspektive den Unterschied zwischen unterer Mitte und Prekariat ausmacht."). Kirsten Voigt denkt über Schriftsteller nach, die über Bilder nachdenken. Felix Philipp Ingold klärt, wer bei der Bildbetrachtung eigentlich wen ansieht.

SZ, 14.08.2010

Das Unbehagen, das uns Google View et. al. bereiten, ist, so Gustav Seibt, ein Unbehagen nicht zuletzt daran, dass eine lang vertraute Unterscheidung nicht mehr recht funktionieren will: "Das Problem ist, kurz gesagt, nicht die Privatheit des gesammelten Materials, sondern seine Fülle und unbegrenzte Verfügbarkeit. Der traditionelle Datenschutz wirkt deshalb so hilflos, weil er bisher mit einem zusehends veraltenden Begriffsinstrumentarium operiert, nämlich fast ausschließlich mit der Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatsphäre. Doch diese Unterscheidung ist stumpf geworden, weil eine hinreichende Menge zweifelsfrei öffentlicher Daten inzwischen Einblicke ermöglicht, die bis ins Innere ganz fremder Menschen reichen."

Weitere Artikel: Alex Rühle glaubt nicht, dass der von manchem ausgerufene Tod des Telefonierens (mehr hier) ins Haus steht - allerdings werde das Telefon wohl zu einer Art "Premium-Medium" für intimere Kommunikation. Den in China gerade sehr erfolgreich laufenden Spielfilm "Aftershock" (Trailer) über die Erdbeben von Tangshan und Sichuan nimmt Henrik Bork unter die Lupe. Gottfried Knapp reist durch Mecklenburg-Vorpommern, seiner gotischen Backsteinkirchen wegen. Volker Breidecker liest einen Aufsatz über die Misogynie des George-Kreises.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erklärt Christian Nürnberger, dass - den 68ern sei mal wieder Dank - keine Autoritäten mehr anerkannt werden. Warum das aber auch wieder keinem recht und auch keineswegs gut sei, das erklärt er dann auch. Andre Boße berichtet aus dem Glasgower Unterschicht-Stadtteil Carlton, wo die Lebenserwartung auf Drittweltniveau liegt. Auf der Historienseite schildert Hans Holzhaider die Suche nach dem Grab Karls des Großen. Eva Karcher unterhält sich mit dem italienischen Stardesigner Allesandro Mendini über die Seele.

Besprochen werden die acht Abende umfassende "Brahms-Szenen"-Reihe bei den Salzburger Festspielen, eine Wolfgang-Tillmans-Ausstellung in der Londoner Serpentine Gallery, der medienkritische Spielfilm "8. Wonderland" (mehr) und Bücher, darunter auch Norbert Gstreins Roman "Die ganze Wahrheit" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 14.08.2010

Auch wenn der wirtschaftliche Staatsbankrott abgewendet sei, steht uns der kulturelle immer noch bevor, warnt Kulturtheoretiker Heiner Mühlmann. Jürgen Dollase hat in Gerald Zogbaums "Küchenwerkstatt" neue Gemüse gegessen, zum Beispiel Blumenkohl-Couscous mit Navet-Scheibchen, Kaffeegelee-Würfeln, Yuzu und Koriander. Lorenz Jäger besucht die Ausstellung zum vierzigjährigen Bestehens des Stroemfeld Verlags in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Auf der letzten Seite bekennt Dirk Schümer seine spät entflammte Liebe zu Balkonpflanzen: "Pflanzen machen keinen Krach, sie müssen nicht andauernd gefüttert oder gesäubert werden." In der Randglosse meldet Schümer außerdem Aufregung im Salzkammergut: Österreichs großer Oscar-Gewinner, Christoph Waltz, hat einen deutschen Pass! Auf der Medienseite berichtet Peter Schilder über die Urteile im sogenannten Sachsensumpf-Prozess.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Watteaus Radierungen im Pariser Louvre, eine Einspielung von Monteverdis "L'Incoronazione di Poppea" mit Claudio Cavina und dem Ensemble La Venexiana, eine Aufnahme der "Mathilde von Guise" von Johann Nepomuk Hummel, Nils Koppruchs Album "Caruso", ein Album mit Leonard Cohens Lieblingssongs und Bücher, darunter Thomas Hettches Roman "Die Liebe der Väter", Norbert Gstreins Suhrkamp-Roman "Die ganze Wahrheit" und Reinhard Brandts Studie "Immanuel Kant" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In Bilder und Zeiten war Jordan Mejias mit Frankfurts Opernintendanten Bernd Loebe bei dem New Yorker Agenten Andrew Epstein, der seine neuesten Gesangstalente vorsingen ließ: "'Wieder viele Mollige', stöhnt Loebe in der kurzen Pause, die nur für einen Pappbecher Kaffee reicht. 'Das erschwert mir das Leben.'" Andrea Diener porträtiert die Fotografin Vivian Maier. Und im Interview mit Marco Schmidt erklärt Christopher Walken, warum er bei Drehbücher nicht immer so genau hinsieht: "Ich habe keine Hobbys und keine Kinder. "

In der Frankfurter Anthologie stellt Dirk von Peterdorff Andreas Gryphius' Sonett "Die Hölle" vor:

"Ach! und Weh!
Mord! Zetter! Jammer / Angst / Creutz! Marter! Würme! Plagen.
Pech! Folter! Hencker! Flamm! Stanck! Geister! Kälte!
Zagen!
Ach vergeh..."