Heute in den Feuilletons

Mehr Wumms, mehr 3D

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.08.2010. Die NZZ findet die städtebauliche Idee hinter dem Stuttgarter Bahnhofsprojekt, totz aller Probleme, weiterhin bestechend. In der taz verteidigt der Architekt Christoph Ingenhoven sein Projekt. In der Welt beschleicht Stephan Wackwitz beim Besuch New Yorker Universitäten ein Deja-vu-Erlebnis: nicht 1968, aber mindestens 1975. Im Tagesspiegel sehnt sich Norbert Bolz nach einer Partei rechts von der CDU. Die amerikanische Blogosphäre diskutiert über einen Artikel in Atlantic Monthly zur Frage, ob und wann Israel den Iran angreifen wird.

Weitere Medien, 13.08.2010

Höchst lebhafte Debatten löst in der politischen Blogosphäre der USA Jeffrey Goldbergs Atlantic-Monthly-Artikel "The Point of no Return" aus, in dem der Autor der Frage nachgeht, wie wahrscheinlich ein präventiver israelischer Schlag gegen die iranischen Atomfabriken sei. Goldberg hat dafür mit höchsten Offiziellen von Obama-Berater Rahm Emanuel bis Benjamin Netanyahu gesprochen und kommt zu dem Schluss, dass Israel mit mehr als fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit bis zum nächsten Juli angreifen wird. "The challenges posed by a nuclear Iran are more subtle than a direct attack", erläutert Goldberg: "the mere threat of a nuclear attack by Iran-combined with the chronic menacing of Israel?s cities by the rocket forces of Hamas and Hezbollah-will progressively undermine the country?s ability to retain its most creative and productive citizens. Ehud Barak, the defense minister, told me that this is his great fear for Israel?s future."

Fred Kaplan äußert sich in Slate vor allem beeindruckt von der durch Goldberg beschriebenen Figur des Vaters von Benjamin Netanyahu, Benzion Netanyahu, Autor eines Standardwerks über die spanische Inquisition, hundert Jahre alt und entschlossener Zionist mit großem Einfluss auf seinen Sohn: "It's a thunderbolt of historical revelation to muse that, no less now than in the time of Greek tragedies, the fate of the most ancient turbulent region might be guided less by rational interests or Realpolitik than by father-son psychodramas, first the Bushes, now the Netanyahus."

Da Goldberg in seinem Artikel auch die Eventualität eines amerikanischen Angriffs auf den Iran erörtert, lautet Gawkers Zusammenfassung seines Artikels so: "Israel Really, Really Wants (Someone) To Bomb Iran." Und hier Ken Silversteins Porträt über Goldberg, der auch den Irak-Krieg befürwortete, in Harper's. Links zu weiteren Reaktionen hier.

Welt, 13.08.2010

Ein Deja-vu-Erlebnis hatte Stephan Wackwitz, Programmdirektor des Goethe-Instituts in New York, als er die New Yorker Universitäten besuchte: "An den New Yorker Universitäten, im Kunstbetrieb des East Village, eigentlich überall, wo intellektuell ehrgeizige junge Leute sich treffen, hat sich seit einigen Jahren eine Art Attac-Lacan-Badiou-Semiotexte-Leninismus hergestellt. Höhere Töchter, die für die Kosten eines Einfamilienhauses am Bard College curatorial studies belegen, tragen Broschüren über 'Die kommende Revolte' in ihren Gucci-Täschchen herum. Es ist vielleicht nicht unbedingt ein zweites 1968. Aber entschieden ein zweites 1975."

Weitere Artikel: Tilman Krause macht sich in der Leitglosse Sorgen um den Bestand des Hoppenlau-Friedhofs in Stuttgart, wo die Schubarts und Cottas ihre Gräber haben. Besprochen werden Angela Richters Inszenierung von Jon Fosses "Tod in Theben" und ein neues Album der stets noch aktiven Band Iron Maiden.

Auf der Magazinseite berichtet Daniel-Dylan Böhmer, dass die 43-jährige Iranerin Sakine Ashtiani, die wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt ist, im iranischen Fernsehen "gestanden" hat - da sie nun aber auch ihren Mann ermordet haben soll, vermutet Böhmer, dass das Urteil in "Tod durch Hängen" umgewandelt wird, um die dem Regime peinliche Steinigung zu umgehen.

NZZ, 13.08.2010

Joachim Güntner schaltet sich in den Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 ein und kommt zu dem Schluss: "Vieles ist triftig, was die Gegner von 'Stuttgart 21' gegen das Projekt einwenden, zumal dessen verkehrstechnische Seite wirkt unausgegoren. Auch die Risiken für Stuttgarts Mineralwasserquellen, das zweitgrößte Vorkommen in Europa, sind nicht von der Hand zu weisen. Die Mitsprache der Bürger wurde in einer Weise ausgehebelt, wie dies in der Schweiz unmöglich wäre. Aber die stadtplanerische Idee, Stuttgart durch den Gewinn des Gleisfelds baulich nach innen zu verdichten, anstatt die Zersiedlung auf der grünen Wiese weiter zu fördern, bleibt bestechend."

Weiteres: Beatrice Uerlings berichtet, dass den in den Carnegie Towers residierenden Künstlern trotz aller Proteste die Vertreibung droht: Die Citigroup will das Gebäude endlich rentabel machen. Sandra Krämer erinnert auf einer ganzen Seite an die gute Florence Nightingale. Frank Schäfer droht eine neue Renaissance des Hair Metal an. Tobias Feld hört Elektro-Pop aus der DDR.
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Tagesspiegel, 13.08.2010

Der Medienwissenschaflter Norbert Bolz sehnt sich in einem Kommentar nach einer Partei rechts von der CDU: "Viele Akademiker, Journalisten und Intellektuelle sind .. gar nicht links, sondern maskieren sich nur so, um in ihren Institutionen überleben zu können. Wer einen 'rechten' Satz sagt oder schreibt, bekommt viel Zustimmung - hinter vorgehaltener Hand. Das ist das Sarrazin-Syndrom: Du hast ja recht, aber das kann man doch nicht sagen..."

Martin Gehlen berichtet über das erzwungene Geständnis der Iranerin Sakineh Mohammadi-Ashtiani, die zu Steinigung verurteilt wurde, und über Foltervorwürfe ihres Anwalts, der inzwischen nach Norwegen geflohen ist.

Im Feuilleton analysiert der Kulturwissenschaftler Olaf Briese unseren Blick auf Naturkatastrophen: "Beim Anblick der entfesselten Elemente spielen wir in unserer nach wie vor komfortablen Lage durch, was uns bevorstehen könnte. Und wir spielen es durch an Modellen einer Vergangenheit, von der wir nicht viel mehr besitzen als mythisch gewendete Versatzstücke."
Stichwörter: Norbert Bolz, Norwegen

FR, 13.08.2010

"Geschichten aus der Revolution" lässt sich Arno Widmann in einer Ausstellung erzählen, die die Deutsche Nationalbibliothek dem Stroemfeld Verlag zu dessen 40-jährigem Bestehen widmet. Barbara Klimke berichtet, dass es die britische Regierung, die den Film Council abschaffen will, nun mit Hollywood zu tun bekommt. Harry Nutt gewinnt dem jüngst durch Henryk Broder geadelten "Dancing Auschwitz"- Video der Australierin Jane Korman jetzt auch Positives ab, nicht zuletzt Klickerfolge bei YouTube. Eberhard Rondholz erzählt die Geschichte des jüdischen Friedhofs von Thessaloniki, auf dem heute eine Universität steht. Hans-Klaus Jungheinrich hat bei einer Meisterklasse des Young Singers Project in Salzburg gelauscht. Besprochen wird Manu Katches Konzert im Rheingau.

Auf der Medienseite meldet Daniel Bouhs, dass nun zumindest auch der RBB das Gehalt seiner Intendantin (220.000 Euro) offengelegt hat.

Aus den Blogs, 13.08.2010

(Via open culture). Das Blog omnivoracious kennt Tony Judts Liste der zehn Bücher, die man über das 20. Jahrhundert gelesen haben soll, darunter "Das Ende der Illusion" von Francois Furet, "Leben und Schicksal" von Wassili Grossman, "Das Zeitalter der Extreme" von Eric Hobsbawm, "Der Prozess" von Franz Kafka und "Christus kam nur bis Eboli" von Carlo Levi und "Ist das ein Mensch" von Primo Levi.

TAZ, 13.08.2010

Auf den Tagesthemenseiten meldet sich in einem Interview Christoph Ingenhoven, Architekt des geplanten unterirdischen Bahnhofs in Stuttgart zu Wort, der im Protest gegen das größte Bahnprojekt Deutschlands einen antimodernen Reflex sieht. "Dieselbe antimoderne Haltung kann man zum Teil in dem Protest ablesen. Er ist Teil einer älter werdenden Gesellschaft. Die will erhalten, nicht verändern." Die sogenannte Kostenexplosion hält er für ein Märchen. "Dieses Projekt ist vor 13 Jahren geplant worden, da war der Joghurt im Laden auch noch billiger. Warum sind die Leute so überrascht davon?"

Weiteres: Im Kulturteil unterhält sich Doris Akrap mit der Berliner Rockband Mutter über das lange Warten auf den Erfolg und ihr neues Album "Trinken, Singen, Schießen". Besprochen werden eine Ausstellung der in Berlin lebenden rumänischen Fotografin Loredana Nemes, die Gäste und Personal von Migrantenmännercafes porträtiert, in der Stiftung Schloss Neuhardenberg und "Black City", das vierte Studioalbum des US-amerikanischen Musikers Matthew Dear.

In tazzwei macht Daniel Schulz darauf aufmerksam, dass über die Aufregung um Google Street View eine wichtige Verteilungsdebatte untergeht: Google Pläne, zusammen mit dem Netzbetreiber Verizon einige Daten, zum Beispiel die eigenen, schneller befördern zu lassen als die von anderen. Frauke Böger besichtigt die Elektro-Szene an Rhein und Ruhr.

Und Tom.
Stichwörter: Berlin, Google, Mutter, Stuttgart

FAZ, 13.08.2010

Im Leitartikel auf Seite 1 wettert Berthold Kohler gegen das "Googlegnadentum". "Ist Google der Staat? Man könnte es fast meinen, angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der das Unternehmen Deutschlands Straßen und Plätze fotografierte und kartographierte, als sei es das kaiserliche Vermessungsamt."

Die traurigste Meldung des Tages: Bruno Schleinstein, genannt Bruno S., ist am 11. August im Alter von 78 Jahren in Berlin gestorben. Kurz und bündig fällt Michael Althens Nachruf auf den Schauspieler aus, der eigentlich keiner war: Mit nur zwei Filmen ("Jeder für sich und Gott gegen alle" und "Stroszek", beide von Werner Herzog) erlangte er in den Siebzigern für ein paar Minuten Weltruhm. Seitdem tingelte er wieder, wie in der Zeit zuvor, Akkordeon spielend durch Berliner Hinterhöfe und Eckkneipen. 2007 gratulierte der Tagesspiegel zum 75., 2008 brachte die New York Times ein schönes Portrait und außerdem ein anrührendes Video von Bruno S. beim Akkordeonspiel in seiner kleinen Berliner Wohnung.

Weitere Artikel: Im Aufmacher erhofft sich Christian Geyer durch Jonathan Safran Foers Buch "Tiere essen" eine Popularisierung der Idee des Vegetarismus. Detailliert zeichnet der Historiker Heinrich August Winkler in einem in der FAZ dokumentierten Vortrag die Auftrennung der Europäischen Gemeinschaft in einen Staatenverbund und eine Währungsunion nach und plädiert angesichts der akuten Krisenlange für eine politisch gerahmte Währungsunion. Hart ins Gericht geht Regina Mönch mit den berufsvorbereitenden Maßnahmen der Arbeitsagenturen, die ihrer Ansicht nach sozial benachteiligten Jugendlichen nichts, der Sozialbranche aber hohe Gewinne bringen. Jürg Altweg stellt Frankreichs Heimatliteraten vor, die allsommerlich die französischen Bestsellerlisten dominieren. Weitere Nachrufe sind Irmgard Feldhaus und dem Architekt H.C. Müller gewidmet. Auf der Medienseite schildert Jürg Altwegg Auseiandersetzungen in Frankreich im Ramadan:Demnach machen französischen Supermärkte mit Halal-Angeboten viermal mehr Umsatz als mit Bionahrung, und Brigitte Bardot schimpft ein weiteres Mal über die Halal- (und nebenbei auch die koschere) Schlachtung, die einen Tod der Tiere bei Bewusstsein vorsieht.

Besprochen werden die Ausstellung "Aufruhr 1225" in Herne, eine "Orpheus"-Aufführung bei den Donaufestwochen, "Tod in Theben" bei den Salzburger Festspielen und Bücher, darunter "Zehn" mit Storys aus Japan von Franka Potente (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 13.08.2010

"Traurige Alphabeten" überschreibt Martin Hielscher, Programmleiter für Literatur beim C.H. Beck Verlag, seine Überlegungen zum Triumph der Unterhaltungsliteratur. Darin beklagt er das Fehlen eines utopischen Referenzrahmens für Literatur und die Entstehung von "Diskurskartellen". Hinter fetten, erfolgreichen Bücher wie denen von David Foster Wallace und Roberto Bolano etwa sieht er eine Art Diskursmaschine wirken, "die definiert hat, dass dies nun gerade die angesagten Werke sind und man bei Strafe völliger Uncoolness sich gefälligst damit zu beschäftigen habe..." Ihr Auftauchen in Zeiten der Häppchenkultur in der Literatur wie im Sachbuch bedeutete indes "nicht eine Art Gegensteuern, das Innehalten, den Wunsch nach Vertiefung, nach Bildung ..., sondern dass diese Mammutbücher eben eine größere Einschlagsdichte verkörpern, mehr Wumms, mehr 3D, mehr HD, mehr Entertainment."

Weiteres: Henning Klüver beschreibt die Erfolgsgeschichte des Rossini Festivals in Pesaro, das der rigiden Sparpolitik Italiens gerade noch trotzen kann. Reinhard J. Brembeck fragt sich, ob das Musiktheater allmählich zur reinen Kulinarik verkommt. Egbert Tholl resümiert eine Veranstaltung mit Claudio Magris und Hubert von Goisern in Salzburg. Zu lesen sind außerdem kurze Nachrufe auf den Bildhauer Ansgar Nierhoff und den Schauspieler Bruno S.

Besprochen werden eine Ausstellung zum 40. Geburtstag des Stroemfeld Verlags in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, ein Ausstellung von Teilen aus dem schriftlichen Nachlass des Freidenkers Kurt Hiller in der Hamburger Staatsbibliothek, Jon Fosses "Tod in Theben" sowie Konzerte mit Andre Schiff, Miklos Perenyi und Jörg Widmann bei den Salzburger Festspielen. Und Bücher, darunter das neue Buch von Ferdinand von Schirach "Schuld" und der Roman "Katerina" von Aharon Appelfeld (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).