Heute in den Feuilletons

Der heutige Kulturhass

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.08.2010. In der NZZ schreibt Olga Martynova in einem Artikel, der sich wie eine Antwort auf einen FAZ-Artikel Juri Andruchowytschs liest: Wir waren doch sowieso alle Sowjetmenschen und kulturell homogen. Jungle World findet, dass Jörg Haiders Liebe zu arabischen Potentaten keineswegs nur eine Skurrilität war. Die jetzige Regierung will den Bürgern nicht allzu viel Freiheit zumuten, meint Ulrike Ackermann im Tagesspiegel. Die Blogs diskutieren weiter über Netzneutralität. Die SZ erklärt Thomas Hettches neuen Roman zur Makulatur. Und in der New York Times bespricht Michiko Kakutani den neuen Roman von Jonathan Franzen.

NZZ, 16.08.2010

Vorige Woche hat Juri Andruchowytsch in der FAZ vor einer neuen inneren Okkupation der Ukraine durch Russland gewarnt. Heute wirft die russische Lyrikerin Olga Martynova den ukrainischen Intellektuellen vor, sich in Nationalismus und Opfermythologie einzurichten und dabei auch NS-Kollaborateure und judenfeindliche Kosakenführer zu verherrlichen: "Man muss wissen, dass der sowjetische Raum einst kulturell ziemlich homogen war. Das erklärte ideologische Ziel der Kommunisten, die sozialen, religiösen und nationalen Unterschiede zu tilgen und einen neuen Menschen heranzuziehen, war beinahe erreicht. Die Sowjetmenschen sprachen noch verschiedene Sprachen, aber kulturell waren sich gebildete Russen und Ukrainer, Georgier und Kasachen ziemlich ähnlich. Vielleicht kommt der heutige Kulturhass daher: Man will sich abgrenzen. Doch sich aus dieser Vereinheitlichung zu befreien, 'den inneren Sowjetmenschen aus sich heraus zu drücken', ist nur als eine an sich selbst gerichtete Aufgabe möglich. Mit der Beschuldigung Anderer ist nichts erreicht."

Weiteres: Claudia Schwartz resümiert zufrieden das zu Ende gegangenen Filmfestival von Locarno, der Goldene Leopard für Li Hongqis "Han Jia" geht für sie sehr in Ordnung. Besprochen wird eine große Edward-Hopper-Ausstellung in der Fondation de l'Hermitage in Lausanne.

Welt, 16.08.2010

Im Interview mit Harald Peters plaudert Klaus Lemke über seinen kleinen Schwabing-Porno "Schmutziger Süden", der heute im ZDF läuft und der einen, schwört Lemke, München mögen lässt: "Durch den Rhythmus des Films, dadurch, dass nichts erklärt wird und gleich Sex kommt, denkt man: Das ist ja super dort. Sex ist in dem Film sozusagen die schönste Reinkarnationshilfe: Man wird ein bisschen so, wie man schon immer gern sein möchte. Ich wollte nur zeigen, dass an München noch was dran ist. Im Grunde ist die Stadt eine Spießerzone für Bankdirektoren im Ruhestand. Die Söhne und Töchter der Reichen spielen den Münchnern vor, was eine Großstadt ist."

Weiteres: Richard Herzinger berichtet von den Pöbeleien, die sich Johnny Rotten von Israel-Boykotteuren in Großbritannien gefallen lassen muss, weil er mit seiner Band Public Image Ltd. in Tel Aviv auftreten will ("Johnny Rotten, Du bist kein menschliches Wesen, wenn Du für das faschistische Zionistenregime spielst" - Rotten antwortete ziemlich deutlich im Independent.) Wie die Konzert-Kultur in den palästinensischen Gebieten aussieht, macht Herzinger auch klar: "Kürzlich gab die deutsche Discogruppe Boney M. ein umjubeltes Konzert in Ramallah, unter dessen Zuhörern übrigens viele Israelis waren. Einen ihrer größten Hits, 'Rivers of Babylon', durften Boney M. dort freilich nicht singen."

 Auf einer halben Seite verwurstet Wieland Freund die Meldung, dass Jonathan Franzen es auf das Cover des Time Magazine geschafft hat, ob die Geschichte dazu auch etwas taugt, erfahren wir aber nicht.

Jungle World, 16.08.2010

Unabhängig von der Frage, ob Jörg Haider tatsächlich Millionen Euro von Saddam Hussein bekommen hat (die SZ zieht einen entsprechenden Artikel des österreichischen Nachrichtenmagazins Profil heute in Zweifel) findet Stephan Grigat in Jungle World, dass Jörg Haiders Affinität zu arabischen Potentaten einen Blick wert ist: "Auffallend an der derzeitigen Berichterstattung ist die Charakterisierung dieser Beziehungen als Skurrilität, während von den ideologischen Übereinstimmungen mit dem Ba'athismus oder Gaddafis 'dritter Universaltheorie' kaum Notiz genommen wird. Dabei reicht ein Blick in Haiders 2003 erschienenes Buch 'Zu Gast bei Saddam', um einen Eindruck von dessen Bewunderung für den panarabischen Nationalismus und seine antiwestlichen Ressentiments zu bekommen. An Gaddafi imponierte Haider, der sich stets als 'Araberfreund' charakterisierte, das 'Bekenntnis zu Kultur, Volk und einer bestimmten Lebensweise, die Denken und Handeln prägen und die Errungenschaften der modernen Welt vergessen lässt'."
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FR, 16.08.2010

Der Schriftsteller Artur Becker aalt sich in der Sonne Venedigs, macht Spaziergänge und fühlt sich schon wie zu Hause: "Nicht nur der Strand vom Lido, sondern auch die Stadt ruft auch meine Kindheit zurück. Venedig ist im Prinzip eine Kleinstadt, ein Provinznest, in dem die Zeit buchstäblich stehengeblieben ist und nur noch zirka sechzigtausend Menschen wohnen. Es werden keine neuen Häuser gebaut, keine Wolkenkratzer, Einkaufszentren oder Fabriken. Es gibt hier keine Autos und keine Industrie. Und wohnt man in einer der schattigen Gassen, lernt man schnell auf dem benachbarten Campo seine wichtigsten Leidensgefährten kennen, die man jeden Tag trifft: den Bäcker, den Fleischer, den Zahnarzt, den Cafebesitzer Mario, den Schuster und den Apotheker, als befände man sich in einem der verschlafenen Städtchen meiner masurischen Kindheit."

Besprochen werden die Ausstellung "Musik im okkupierten Polen" im Kieler Schloss, Jonathan Safran Foers Essay "Tiere essen" und Martin Mosebachs Roman "Was davor geschah" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 16.08.2010

Vor sechzig Jahren wurde in Berlin der Kongress für kulturelle Freiheit gegründet, schreibt Ulrike Ackermann, aber Freiheit hat sich zumindest im offiziellen Berlin bis heute nicht als besonderer Wert durchgesetzt: "Die Kanzlerin scheut sich weiterhin, den Bürgern mehr an Selbstbestimmung und Eigenverantwortung 'zuzumuten'. Die 'Kraft der Freiheit' beschwört sie nicht hier, sondern wie letztes Jahr in weiter Ferne vor dem amerikanischen Kongress. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass sie die Erfahrung mit dem sozialdemokratischen Partner in der großen Koalition tief berührt hat und sie ihm womöglich immer noch nachtrauert. Vom Aufbruch in die Freiheit ist jedenfalls bis heute auf den Regierungsbänken wenig zu spüren."

TAZ, 16.08.2010

Dominik Kamalzadeh resümiert die Filmfestspiele von Locarno unter ihrem neuen Leiter Olivier Pere. Cord Riechelmann fordert ein Umdenken in der Energiepolitik, denn abgesehen von Katastrophen wie im Golf von Mexiko: Mit dem Öl geht es schlicht zu Ende. Der Kriminologe Peter-Alexis Albrecht kritisiert im Interview die immer schärfer werdende Kriminalpolitik. Nina Apin stellt das Berliner Archiv der Jugendkulturen vor, das sich mit einer Stiftung finanziell retten will.

Besprochen werden die Ausstellung "40 Jahre Stroemfeld" in der Nationalbibliothek Frankfurt, Stefan Rinkes Geschichte der "Revolutionen in Lateinamerika - Wege in die Unabhängigkeit 1760-1830" und Michel Georges-Michels Szeneroman über die Pariser Boheme um 1920 "Die von Montparnasse" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 16.08.2010

Das drahtlose Internet ist kein anderes als das aus der Telefondose, schreibt Erick Schonfeld in Techcrunch in einem Appell gegen die von Google und Verizon gewünschte Aufhebung der Netzneutralität in Mobilnetzen: "Even without any explicit business agreements, you don't want the wireless carriers deciding which apps or content should get priority delivery. By taking the wireless Internet off the table in terms of abiding by any net neutrality rules, Google and Verizon invite such speculation. One man's prioritization is another man's discrimination." In BoingBoing erklärt Andrea James, warum auch die Interessengruppen in Hollywood gegen die Pläne von Google und Verizon sind.

Weitere Medien, 16.08.2010

In der New York Times bespricht Michiko Kakutani den neuen Roman von Jonathan Franzen, "Freedom". Echte Begeisterung klingt anders, aber die Konstellationen findet sie sehr Tolstoi-like und den Plot sehr Dickensian: "In the past, Mr. Franzen tended to impose a seemingly cynical, mechanistic view of the world on his characters, threatening to turn them into authorial pawns subject to simple Freudian-Darwinian imperatives. This time, in creating conflicted, contrarian individuals capable of choosing their own fates, Mr. Franzen has written his most deeply felt novel yet - a novel that turns out to be both a compelling biography of a dysfunctional family and an indelible portrait of our times."

SZ, 16.08.2010

Christopher Schmidt nimmt sich den ganzen Aufmacher, um zu erklären, warum Thomas Hettches heute erscheinender Roman "Die Liebe der Väter" über einen geschiedenen Vater nicht nur wegen der jüngsten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die Vätern mehr Rechte einräumt, Makulatur ist: "Es ist die Einseitigkeit von Hettches Darstellung, seine Parteilichkeit, die er mit raunender Naturphilosophie, geschmerzter Gefühligkeit und einem wachsweichen, larmoyanten und also scheinbar harmlosen Erzähler zu verbrämen sucht, die sein Buch obsolet macht", schreibt Schmidt, bevor er mit den positiven Kritiken in der Zeit und in der FAZ abrechnet.

Weitere Artikel: In den "Nachrichten aus dem Netz" schreibt Michael Moorstedt über Schönheit und Tücken des "Crowdsourcing". Manfred Schwarz ergeht sich im Amsterdamer Grachtengürtel, der jüngst zum Weltkulturerbe der Unesco erklärt wurde. Thomas Steinfeld schreibt zum Tod des Schlagzeugers Richard Hayward. Rudolf Neumaier besucht ein Camp 50 Kilometer östlich von Wien, wo Studenten in einem Projekt experimenteller Archäologie wie Gladiatoren trainieren und kämpfen (aber nicht sterben).

Auf der Medienseite erkärt Hans Leyendecker, dass die öffentlich-rechtlichen Intendanten, verglichen mit Managern gleich großer Betriebe, nicht besonders gut verdienen.

Besprochen werden Armin Holz' Inszenierung des "Fräulein Julie" auf Schloss Neuhardenberg, neue DVDs, Aufführungen des Rossini-Festivals von Pesaro und Bücher, darunter Thomas Lehrs Roman "September" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 16.08.2010

Elke Heidenreich war, wie sie beinahe seitenfüllend berichten darf, bei den Salzburger Festspielen. Allein war sie da, erfährt man, nicht, es waren nämlich ebenfalls dorten: "Rattle, Nagano, Barenboim, Gergiev, Chailly, Haitink, Muti, Metzmacher, Jansons, Boulez, Bolton, Eschenbach, Pomarico, Albrecht, die Wiener und die Berliner Philharmoniker, die Solisten Grimaud, Lang Lang, Pollini, Gabetta, Mutter, Hahn, Argerich, Kremer, Barto, Pogorelich, Schiff, Pollini, Abbado, Kissin, die Regisseure Dorn, Wieler, Nemirova, Stein, die Sänger Kaufmann, Terfel, Florez, Hvorostovsky, Vargas, Alagna, die Sängerinnen Fleming, Netrebko, Garanca, Gheorghiu" und viele, viele, weiter noch Aufgezählte und, wie ausdrücklich vermerkt wird, sogar noch mehr Nichtaufgezählte mehr.

Weitere Artikel: Der Theologe Rolf Schieder glaubt nicht, dass das Oberverwaltungsgerichtsurteil von Ende Mai, das das öffentliche Gebet an der Schule verbietet, die erwünschten oder überhaupt erfreuliche Folgen zeitigen wird. Rüdiger Suchsland bilanziert alles andere als unzufrieden das Filmfestival von Locarno. In der Glosse weiß Lorenz Jäger, warum er Rahel Varnhagen mit Genuss liest und lesen wird, Wilhelm Genazino ganz im Gegensatz nimmermehr. In ihrer Lektüre deutscher Zeitschriften stößt Ingeborg Harms auf Mensch, Tier und Deleuze.

Besprochen werden die Fälschungsausstellung "Close Examination" in der Londoner National Gallery, das Computerspiel "Wallace & Gromit's Grand Adventures: Urlaub unter Tage", Klaus Lemkes heute Nacht im Fernsehen gezeigter neuer Film "Schmutziger Süden" und Bücher, darunter David Pfeifers Roman "Der Stand der Dinge" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).