Heute in den Feuilletons

Das sind nur Ideenwolken

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2010. In der Welt wendet sich Städtebauer Albert Speer gegen allzuviel Eitelkeit von Einzelbauten, besonders von Zaha Hadid. In der taz wendet sich Marlene Streeruwitz gegen Stücke, die nur der Eitelkeit der Regisseure dienen. Die FR bringt gute Nachrichten: Den deutschen Zeitungen geht's prächtig. Weitersagen, bittet der Verlegerverband. Das Problem mit den Kandidaten für die Nachfolge am Zentrum für Antisemitismusforschung ist, dass sie keine Antisemitismusforscher sind, meint Clemens Heni in seinem Blog.

TAZ, 11.05.2010

Die Autorin Marlene Streeruwitz, eine der Jurorinnen des Stückemarkts beim Theatertreffen, hat viele "theaterbetriebliche Texte" gelesen, solche, die für die diktatorischen Regisseure der Peymann-Stein-Generation geschrieben scheinen: "Die eingereichten Texte sind für diese Art von Theater gemacht. Das folgt der Logik eines Binnenmarkts. Das ist dann der 'Theaterbetrieb'. Eine nicht richtig fassbare Welt der Netzwerke ist das, in der die Entscheidungen fallen. Was da passiert, ist über die Zugehörigkeit schon kontrolliert. Die Texte, die da in Erscheinung treten dürfen. - Es reichen ja die Verlage ein. - Diese Texte sind in diese Kontrolle eingebunden. Wir haben also sicher nicht die Texte zu lesen bekommen, die zum Beispiel ein Begehren auf Literatur entwickeln. Literatur bedeutete ja eine Dominanz des Texts, der die Dominanz des Regisseurs in Frage stellt. Der Regisseur entscheidet über die Annahme des Texts. Ein Verlag wird keinen solchen Text vorlegen."

Weitere Artikel: In der Reihe Kritik der Kritik propagiert Spex-Chefredakteur Max Dax die Ablösung des Autors durch das Autorenkollektiv. Kay Engelhardt berichtet über ein Panel auf der Leipziger Buchmesse zur Frage, ob Künstler ihren Freiraum in Städten nur behalten können, wenn sie Eigentümer werden. Martin Altmeyer war auf einer Tagung über aktuelle Fragen einer psychoanalytischen Sozialpsychologie und Kulturtheorie am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main.

Besprochen wird eine Ausstellung mit Fotografie von Eikoh Hosoe im Japanischen Kulturinstitut Köln.

Und Tom.

FR, 11.05.2010

Den deutschen Zeitungen, die nicht aufhören zu jammern, die die freie Zirkulation der Ideen durch Leitungsschutzrechte einschränken wollen und freie Autoren mit Total-Buy-Out-Verträgen trakassieren, geht es prächtig. Die FR zitiert eine Studie des Verbandes der Zeitungsverleger, der sich kräftig auf die Schultern klopft: "Die Entwicklung am deutschen Zeitungsmarkt ist in keiner Weise vergleichbar mit der schwierigen Situation der US-amerikanischen Zeitungen... BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff bezeichnete die Ergebnisse als 'wichtige Botschaft in die Branche hinein - aber auch für alle Partner im Markt'. In jüngerer Zeit seien die dramatischen Entwicklungen in den USA häufig eins zu eins auf den deutschen Zeitungsmarkt übertragen worden. Das habe zu einer 'völlig verzerrten Darstellung der Situation' geführt. 'Im Unterschied zu den USA sind die deutschen Zeitungen in sehr guter Verfassung', betonte Wolff." Mehr zur Studie, die man per E-Mail als pdf-Datei beziehen kann, hier.

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte kommentiert in der Leitglosse den Cannes-Boykott des italienischen Kulturministers Sandro Bondi, der dem Festival wegen eines Berlusconi-kritischen Films fernbleibt. Nikolas Bernau inspiziert eine Dependance des Centre Pompidou in Metz. Matthias Thieme resümiert noch einmal die Debatte zwischen Bettina Röhl und Jutta Ditfurth um Klaus-Rainer Röhl, Kindesmissbrauch, die Mutterliebe der Meinhof und die RAF.

Besprochen werden Lukas Bärfuss' neues Stück "Malaga" in Zürich, Lin Wangs Oper "Die Quelle" bei der Münchner Musikbiennale und ein Auftritt Alicia Keys' in Frankfurt.

Der Aufmacher der Medienseite widmet sich ernstlich der Frage, wie viel das Ipad in Deutschland kosten wird, 499 oder 514 Euro.

NZZ, 11.05.2010

Joachim Güntner schreibt über die neue Ausstellung zur "Topografie des Terrors" in Berlin. Besprochen werden die Uraufführung von Lukas Bärfuss' neuem Stück "Malaga" am Schauspielhaus Zürich, eine Inszenierung von Christian Krachts Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" in Basel, eine Aufführung von Franz Schrekers Oper "Der ferne Klang" am Opernhaus Zürich, ein Konzert mit Radu Lupu in der Tonhalle Zürich und Bücher, darunter ein früher Essay von Cioran "Über Frankreich" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 11.05.2010

Andreas Rosenfelder unterhält sich mit dem Stadtplaner Albert Speer, der fest daran glaubt, dass modernes Bauen Demokratie nach China bringen wird und gegen den Kult um spektakuläre Einzelbauten plädiert: "Nehmen Sie Zaha Hadid, die ja auch Stadtplanung in Istanbul und Singapur betreibt. Mit den konkreten Orten haben ihre Entwürfe nichts zu tun. Das sind nur Ideenwolken, die weltweit abgelagert werden wie Vulkanasche, völlig wahllos. Und das Schlimme ist, dass die Entscheider erst einmal darauf hereinfallen. Hinterher sehen sie dann: Das funktioniert gar nicht, und das passt auch nicht zu uns."

Weitere Artikel: Michael Pilz versucht herauszufinden, was es mit dem avantgardistischen Schwesternduo CocoRosie auf sich hat. In der Leitglosse gruselt sich Peter Dittmar vor einem Programm namens Magnify, das beim Telefongespräch die Gefühle des Gegenüber analysiert und nun von Calldiensten eingesetzt werden soll. Stefan Koldehoff berichtet über Pädophiliegerüchte um den Maler Ernst-Ludwig Kirchner (demnächst werden dann noch die Mädchenakte von Renoir und Balthus verboten). Der elder statesman Klaus von Dohnanyi plädiert für mehr Klarheit in der Politik.

Besprochen werden Stephen Kings erster Comic, "American Vampire, eine Neuübersetzung des Korans von Hartmut Bobzin und zwei Premieren in Zürich, Agota Kristofs "Gestern" und Lukas Bärfuss' "Malaga".

Auf der Magazinseite erinnert Michael Borgstede an die Entführung Adolf Eichmanns durch den Mossad vor fünfzig Jahren.

Aus den Blogs, 11.05.2010

Eine der politisch sensibelsten Historikerstellen wird gerade neu besetzt - die Nachfolge Wolfgang Benz' am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Benz war in letzter Zeit umstritten, weil er eine antiislamische Stimmung ausmacht, die er mit dem Antisemitismus des 19. Jahrhunderts vergleicht. Clemens Heni hat sich auf seinem Blog die sieben Bewerber für Benz' Nachfolge angesehen und kommt zu dem Schluss: "Alle sieben Bewerberinnen und Bewerber, welche es in die engere Auswahl für die Nachfolge Benz' als Leitung des Zentrums für Antisemitismusforschung geschafft haben, sind bislang kaum, gar nicht oder in eher merkwürdiger Weise als Antisemitismusforscher in Erscheinung getreten."

FAZ, 11.05.2010

Lorenz Jäger freut sich, dass die Wahlverlierer in NRW rhetorisch überzeugend, nämlich ohne große Euphemismen zu trauern verstanden. Wenig wohl fühlte sich Gerhard Stadelmaier in der "naturalistischen Nachwuchsdramatiker-Lounge" aka Heidelberger Stückemarkt. In der Glosse geht es um Unterhöschen-Prototypen des Hoflieferanten der britischen Queen, die Lady Gaga nicht nach London zurückgeschickt hat. Arvid Hansmann begutachtet die restaurierte Kirche St. Georgen in Wismar. Das Auftauchen eines bislang unbekannten Textfragments von Jose Luis Borges meldet Paul Ingendaay. Dieter Bartetzko schreibt zum Tod der Sängerin und Schauspielerin Lena Horne. Im Gespräch auf der Medienseite stellt der Psychologieprofessor Ernst Pöppel seine Qualifikation im Thema Internet und Kommunkation mit folgender Aussage unter Beweis: "Facebook beispielsweise ist eine Art Selbstprostitution, eine Offenlegung von Intimität ohne Verpflichtungen."

Besprochen werden die Gesamt-Uraufführung von Karlheinz Stockhausens Fragment gebliebenem letztem Großwerk "Klang" in Köln, Jossi Wielers und Sergio Morabitos Stuttgarter Inszenierung von Janaceks "Katja Kabanowa", die Müchner Terpsichore-Tanz-Gala, neue Stücke von Christian Kracht und Lukas Bärfuss in Basel und Zürich, die Ausstellung "Gefühl ist Privatsache" im Berliner Kupferstichkabinett und Bücher, darunter Ned Beaumans Roman "Flieg, Hitler, flieg!" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 11.05.2010

Jonathan Fischer verfasst den Nachruf auf die Sängerin, Schauspielerin und Bürgerrechtlerin Lena Horne, die am vergangenen Sonntag im Alter von 92 Jahren gestorben ist. Eine Sammlung internationaler Nachrufe und anderer historischer Fundstücke gibt es hier. Akademischer fällt diese Linkliste aus, dafür stößt man dort auf dieses ganz wundervolle Stück, das Lena Horne zur Unsterblichen machte:



Weitere Artikel: Im ganzseitigen Aufmacher (der im E-Paper leider nicht zu lesen ist) berichtet Kia Vahland über die Entdeckung von Ruinenfotografien aus dem Zweiten Weltkrieg - die Nazis dokumentierten hier Kriegszerstörungen an italienischen Baudenkmälern und Kunstwerken, aufgefunden wurden die Fotos im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Willi Winkler wartet zum fünfzigsten Jahrestag der Entführung Adolf Eichmanns durch den Mossad mit allerlei Räuberpistolen und Verschwörungstheorien auf, Quellen nennt er jedenfalls keine. Die Tate Modern wird zehn - Alexander Menden gratuliert. Jürgen Berger berichtet vom Ende des Heidelberger Stückemarkts, dessen Jury kurzerhand alle im Wettbewerb angetretenen Autoren zu Siegern erklärte (mehr). "Beschämend" für die Unesco findet es Arne Perras, dass diese gemeinsam mit dem mutmaßlich korrupten Machthaber Teodoro Obiang Nguiema Mbasogo (mehr) einen nach ihm benannten Stiftungspreis einrichtet.

Besprochen werden das Amazonas-Musiktheaterprojekt (mehr) und die Oper "Die Quelle" (mehr), die im Rahmen der Münchner Musikbiennale aufgeführt werden, Nuran Calis am Deutschen Theater Berlin aufgeführtes Stück "Schattenkinder" (mehr), zwei Galas zum Ende der Münchner Ballettfestwochen und Bücher, darunter eine Sammlung mit Essays des Historikers Tony Judt, "deren Übersetzung übrigens gelungen ist" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).