Tony Judt

Das vergessene 20. Jahrhundert

Die Rückkehr des politischen Intellektuellen
Cover: Das vergessene 20. Jahrhundert
Carl Hanser Verlag, München 2010
ISBN 9783446235090
Gebunden, 475 Seiten, 27,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Was bedeutet soziale Gerechtigkeit? Welchen Platz nimmt Europa neben den Supermächten ein? In Zeiten der Krise rücken diese Grundsatzfragen wieder in den Mittelpunkt. Tony Judt präsentiert in seinem neuen Buch die politischen Denker des 20. Jahrhunderts, die mit ihren Argumenten die großen Debatten dieser Ära beherrschten: Hannah Arendt, Eric Hobsbawm, Albert Camus und viele mehr. Gerade heute, in einer Zeit, in der Politik und Geschichte wieder dramatische Wendungen nehmen, sollten wir sie neu entdecken.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2010

Dass Lorenz Jäger diesen Band, der vor allem in der New York Review erschienene Texte Tony Judts versammelt, insgesamt lesenswert findet, scheint deutlich. In der Auseinandersetzung mit einzelnen der Essays klingt er allerdings teils recht kritisch. Vor allem die Darstellung von Johannes Paul II. ist ihm entschieden zu sehr auf die konservativen Seiten des Papstes fixiert und liegt damit zu seinem Bedauern zu nah an der Sichtweise des Mainstreams. Mit Judts scharfer Kritik am französischen Marxisten und Strukturalisten Louis Althusser geht Jäger schon sehr viel eher d'accord. Ausgesprochen nachdenkenswert findet er Judts aus allen Essays sprechende Skepsis gegenüber der vorherrschenden offiziellen "Erinnerungskultur".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.07.2010

Durchaus mit Widerspruch, doch nie ohne Respekt begegnet Rezensent Martin Meyer dem Historiker Tony Judt. Das liegt an Judts "wachem Sinn" für die menschlichen Bedürfnisse auch jenseits abstrakter Prinzipien, wie uns der Rezensent erläutert. Die vorliegenden Essays, in denen Judt das Verhältnis von Idee und Realität anhand von herausragenden Denkern und Dichtern der Spätmoderne in den Blick nimmt, gefallen Meyer auch gerade wegen der Parteilichkeit des Autors, seiner offenen Kritik etwa an Louis Althusser und seiner Sympathien für den vom Marxisten zum Totalitarismuskritiker verwandelten Arthur Koestler. Auf hermeneutische Glanzstücke in Judts Porträtgalerie muss Meyer bei aller Subjektivität nicht verzichten. Immer wieder, so versichert uns der Rezensent, argumentiere Judt auch vor dem Hintergrund historischer Konstellationen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.05.2010

Während Rezensentin Franziska Augstein Tony Judts "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart" für eine, wenn auch verdienstvolle, "Fleißarbeit" hält, stellt dieser Band mit gesammelten Essays in ihren Augen die brillante "Kür" des Historikers dar. Obwohl die Aufsätze über Hannah Arendt, Albert Camus oder Eric Hobsbawm, Kommentare zu Israel, Rumänien oder dem Kalten Krieg und Reflexionen über das Verhältnis von Amerika und Europa bereits alle zwischen 1996 und 2006 erschienen sind, scheinen sie der begeisterten Rezensentin so taufrisch, pointiert und "politisch luzide" wie eh und je. Das verbindende Element dieser Texte seien die "konsistenten Ansichten" und das alle seine Texte durchdringende "Ethos" des Autors, findet Augstein, die insbesondere Judts Positionen als ehemaliger Marxist sehr interessant findet. Bei dem Band handelt es sich um die Summe von Judts intellektueller Entwicklung, die zudem auch noch sehr ansprechend übersetzt sei, wie die Rezensentin dankbar bemerkt. Sie lässt noch wissen, dass der Historiker seit 2008 an einer seltenen Krankheit leidet, die ihm mittlerweile jede Bewegung, sogar das selbständige Atmen völlig unmöglich macht. "In diesem Zustand" hat er mittlerweile weitere Texte diktiert, die bereits auf Englisch erschienen sind, so Augstein voller Bewunderung. Den vorliegenden Band legt sie allen ans Herz, die sich "für das 20. Jahrhundert und die historischen Hintergründe der Tagespolitik interessieren".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.04.2010

Überaus eingenommen ist Arno Widmann von diesen Aufsätzen von Tony Judt aus den Jahren 1994 bis 2006, die meist in der New York Review of Books erschienen sind. Fast alle Texte sind nach seinen Angaben Rezensionen, aber solche, "wie man sie leider fast nie zu lesen bekommt". Sie zeichnen sich für ihn durch ihre souveräne Beherrschung des Gegenstands, durch Klarheit, Witz und Verstand aus. Widmann empfindet es geradezu als eine Lust, diese Texte zu lesen, insbesondere weil Judt auch da, wo er liebe, seinen Verstand nicht ruhen lasse. Als zwei der großen Themen des Buchs nennt er den Traum vom Kommunismus im 20. Jahrhundert und den Traum vom Zionismus, die beide zum Albtraum wurden. Beeindruckt hat ihn, wie das Leiden des Autors am Scheitern diese Entwürfe nie triefend wirkt, sondern stets zu einer lustvollen Vermehrung der Erkenntnis führt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.03.2010

Detlev Claussen hält fest, dass ein Großteil der in diesem Band besprochenen und wieder gelesenen Schriften Erfahrungen und Ereignisse reflektieren, die aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen (Spanischer Bürgerkrieg, Weltkrieg, Holocaust). Von ihren Zeitgenossen wurden Primo Levi, Arthur Koestler oder Hannah Ahrendt kaum gelesen, sie gehörten erst mit der Generation der Nachkriegsgeborenen, wie für Tony Judt selbst, in den späten Sechzigern und Siebzigern zur intellektuellen Sozialisation, sind aber heute wieder aus dem Kanon verschwunden. Judt liest diesen Prozess des Vergessens und die Biografien der Intellektuellen mit, um zu einer "Neueinschätzung wesentlicher Erfahrungen des Short Century" zu kommen, so Claussen. Dabei lasse er sich weder von akademischer Reputation noch von publizistischem Erfolg blenden, bei bestimmten Autoren wie beispielsweise Eric Hobsbawm oder Leszek Kolakowski gehe es ihm darum, Gegenpositionen zum akademischen Marxismus aufzuzeigen. Auf diese Weise erliege der hellsichtige Judt zwar auch Fehlurteilen, aber gerade das macht die Lektüre für Claussen so anregend.
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