Heute in den Feuilletons

Liebes junges türkisches Kino

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2010. Die taz stellt dringende Fragen an das junge türkische Kino: "Warum rinnen an deinen Fenstern immer Regentropfen herunter?" Die FR liest den dritten Band von Warlam Schalamows Erinnerungen an den Gulag. Alle Zeitungen werfen einen Blick auf das Cannes-Programm, das eigentlich genauso aussieht wie jedes Jahr. Die Zeitungsverleger sind schon wieder traurig. Eben ging's ihnen noch prächtig, da müssen sie sich gegen die ÖRA wehren, meldet das Handelsblatt. Google bringt ein Gpad, meldet das WSJ. Und Ayaan Hirsi Ali verstößt gegen die Benimmregeln des Guardian.

Weitere Medien, 12.05.2010

(Via mioskito) Gerade meldete der Zeitungsverlegerverband noch, dass es den deutschen Zeitungen prächtig geht, schon wendet er sich gegen die öffentlich-rechtlichen Angebote im Netz, deren Konkurrenz die Verleger zwingen könnte, mehr Qualitätsangebote ins Netz zu stellen, meldet das Handelsblatt: "Die Zeitungsverleger kündigen an, künftig stärker gegen das Online-Nachrichtenangebot der Öffentlich-Rechtlichen zu kämpfen. 'Das hat nichts mehr mit Rundfunk zu tun. Da entstehen Telemedien', sagte Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), dem Handelsblatt."

Für den Guardian hat Emma Brockes Ayaan Hirsi Ali getroffen, um über deren jüngstes Buch "Ich bin eine Nomadin" zu sprechen. Viel Sympathie hat Brockes nicht für Hirsi Ali, die die falschen Freunde hat und auch sonst gegen die Benimmregeln für Immigrantinnen verstößt: "Wenn sie schreibt, dass 'Gewalt ein integraler Bestandteil' der islamischen Gesellschaft sei, oder in unserem Interview sagt, dass 'Mohammeds Beispiel schrecklich ist, folgen Sie ihm nicht', dann ist das absichtlich, fast narzisstisch provokativ. Es scheint das Resultat einer Geisteshaltung im Belagerungszustand zu sein, mit der defensiven Selbstversicherung, die damit einher geht. Für Hirsi Ali scheint der Akt der Meinungsäußerung - zu sagen, was sonst niemand sagen würde - ein Stadium erreicht zu haben, das fast pathologisch ist; alle Gegenargumente überfahrend." Es ist grandios, wie Hirsi Ali Brockes in deren eigenem Artikel alt aussehen lässt, indem sie einfach das tut, was die Journalistin (!) ihr vorwirft: klar und deutlich in der Sache zu argumentieren. Muss man selbst lesen.

Aus den Blogs, 12.05.2010

Stefan Frank unterhält sich auf dem Blog Lizas Welt mit der Autorin Fiamma Nirenstein über linken Antisemitismus, dessen eigentlichen Beginn sie im 7-Tage-Krieg verortet: "Die Leute sahen, dass die Juden aufgehört hatten, jene Juden zu sein, die sie sich gern vorstellten: eine arme, von der Gesellschaft verachtete Minderheit, die sich in ihren Häusern oder ihren Synagogen versteckt, um zu beten, und die für alles eine Genehmigung der Nichtjuden benötigt. Plötzlich waren die Juden stark genug, um sich gegen Ägypten, Syrien und Jordanien zu verteidigen und sogar Gebiete zu erobern - in einem Krieg, der eigentlich ihr Schicksal hätte besiegeln sollen."

Adam Ostrow kommentiert für Mashable einen Bericht des Wall Street Journals. Google wird mit dem amerikanischen Mobilfunkdienstleister Verizon ein Tablet PC anbieten: "The move does exemplify the increasing competition between Apple and Google -- a competition increasingly taking place in the mobile space where recent reports suggest that Android is gaining significant ground on iPhone."

In Carta macht sich der Urheberrechtsexperte Till Kreutzer Gedanken über ein zeitgemäßes Urheberrecht: "Will man das Urheberrecht neu denken, muss man bereits am Fundament ansetzen. Das Fundament ist in diesem Fall der rechtstheoretische Grundansatz und die Rechtsphilosophie, auf denen das Urheberrecht basiert: Die Theorie vom geistigen Eigentum."

Freitag, 12.05.2010

Im Gespräch mit Matthias Dell analysiert der Psychoanalytiker Peter Schneider den Erfolg von Miriam Meckels Buch über ihren Burnout: "Wie bei der klassischen psychosomatischen Erkrankung besteht die Therapie hier vor allem darin, die Botschaft der Krankheit zu vernehmen: Ändere Dein Leben! Das macht wahrscheinlich das Erfolgsrezept des Burnout aus - dass eine Diagnose wie ein Erweckungserlebnis daherkommt."
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NZZ, 12.05.2010

Susanne Ostwald gibt einen Überblick über das Programm des heute abend eröffnenden Filmfestivals von Cannes. Anton Thuswaldner berichtet über den Meraner Lyrik-Wettbewerb, den in diesem Jahr Andre Rudolph gewonnen hat.

Besprochen werden eine Ausstellung über Grace Kelly und die Mode im Londoner Victoria and Albert Museum, eine Heiner-Goebbels-Retrospektive im Zürcher Schiffbau, Leos Janaceks Oper "Katja Kabanova" an der Staatsoper Stuttgart und Bücher, nämlich Barbara Beuys' "Sophie Scholl"-Biografie, Ulrich Schlotmanns Monumentalwerk "Die Freuden der Jagd" und Gedichtbände von Eugen Gomringer (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 12.05.2010

Heute Abend beginnt das Festival von Cannes. Hanns-Georg Rodek hat den Eröffnungsfilm, eine raue Robin-Hood-Variation mit Russell Crowe, schon gesehen: "Es ist ein grimmiger Film für grimmige Zeiten." Rodek wirft auch einen Blick auf das Wettbewerbsprogramm, in dem sich die für Cannes allerüblichsten Autorenfilmer von Ken Loach bis Nikita Michalkow tummeln.

Weitere Artikel: In der Leitglosse kommentiert Manuel Brug den Abgang des GMD der Komischen Oper Berlin, Carl St. Clair. Richard Herzinger unterhält sich mit Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden über das Verhältnis zu den christlichen Konfessionen, aber auch über muslimischen Antisemitismus, den Begriff der Islamophobie und Antisemitismus von links. Dankwart Guratzsch wurde von der Redaktion eine Reise nach Metz spendiert, wo er den neuen Ableger des Centre Pompidou begutachtet. Und der Schriftsteller Burkhard Spinnen analysiert nach den NRW-Wahlen den politischen Zeitgeist, der nach Großen Koalitionen zu streben scheint.

Besprochen wird Wes Andersons Verfilmung von Roald Dahls Kinderbuch "Der fantastische Mr. Fox".

TAZ, 12.05.2010

Kirsten Riesselmann hat Özcan Alpers Film "Sonbahar - Herbst" gesehen. In einem Stoßseufzer der Verzweiflung stellt sie dringende Fragen an das türkische Kino: "Liebes junges türkisches Kino, warum nur bist du so häufig so, wie du bist? Warum wird in deinen Filmen immer so wenig gesagt, warum setzt du so beharrlich auf großformatige Landschaftsaufnahmen, auf schneebedeckte Berge, aufs aufgewühlte Meer, warum rinnen an deinen Fenstern immer Regentropfen herunter, warum fallen vor deinen Fenstern immer Herbstblätter zu Boden, während in einer völlig unbewegten 30-Sekunden-Einstellung der Protagonist aus melancholischen Augen nach draußen blickt? Warum spielen so viele deiner Geschichten auf dem Land und in traditionellen Zusammenhängen, obwohl deine AutorInnen, meist Anfang dreißig, als 'Istanbul School' apostrophiert werden und ganz sicher auch in der Stadt beheimatet sind? ..."

Besprochen werden Wes Andersons Puppen-Animationsfilm "Der fantastische Mr. Fox" nach dem Kinderbuch von Roald Dahl, die HipHop-CD "A Sufi and a Killer" des ehemaligen Junkies und heutigen Yogalehrers Gonjasufi (jetzt will der Mann eine Band zusammenstellen 'HipHop sollen sie nicht unbedingt spielen: "Die Siebziger, Mann, die Sachen von Zeppelin, Jimi und Black Sabbath, das ist, was ich will'", erzählt er Tim Caspar Boehme) und Ridley Scotts Film "Robin Hood", mit dem heute Abend das 63. Filmfestival von Cannes eröffnet wird (Was Cristina Nord daran "am meisten verwirrt, ist die Frage, warum Thierry Fremaux, der künstlerische Leiter des Festivals, einen Eröffnungsfilm ausgesucht hat, in dem die französischen Figuren nun wirklich nichts als böse, dekadent und feige sind".)

Und Tom.

FR, 12.05.2010

Jörg Plath liest den dritten Band von Warlam Schalamows Erinnerungen an die Kältehölle der Grausamkeit, den sibirischen Gulag. Schalamow überlebt, weil er als Feldscher im Krankenhaus arbeiten darf. Idyllischer wird die Szenerie nicht: "Eine Szene ist furchtbarer als die andere, in einer der furchtbarsten aber hackt ein Soldat dem aufgespürten und umstandslos erschossenen Flüchtling die Hände ab; die Leiche ins Lager zu tragen und sie der Leitung vorzuweisen, ist ihm zu mühsam. In der Nacht erwacht der vermeintlich Tote und torkelt mit blutenden Stümpfen in die Hütte eines Außenkommandos zum Suppentopf."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte bespricht Ridley Scotts Robin-Hood-Version mit Russell Crowe. In der Leitglosse lässt sich Arno Widmann vom Ägyptologen Vinzenz Brinkmann bei vierzig Grad im Schatten die Geschichte des Pharaos Sahure erzählen, der 2500 Jahre vor Jesus von einer Jungfrau geboren wurde. Hans-Hermann Kotte unterhält sich mit dem Sexualforscher Gunter Schmidt über die aktuelle Missbrauchsdebatte.

Besprochen werden eine englische Fassung von Schnitzlers "Liebelei" in der Regie Luc Bondys bei den Wiener Festwochen, Wes Andersons Animationsfilm nach von Roald Dahls "Der fantastische Mr. Fox" und ein Dokumentarfilm über die Konzeptkünstler Ilya und Emilia Kabakov, "Fliegen und Engel".

SZ, 12.05.2010

"Vollkommen neue Erzählformen" stellt uns Bernd Graff in der Überschrift seines Artikels über das 3D-Kino in Aussicht, referiert dann aber doch nur etwas öde die Grundlagen dreidimensionalen Sehens und die Perfektion heutiger 3D-Technologie. Warum man dem 3D-Hype dennoch skeptisch begegnen sollte, kann man in dieser vor kurzem veröffentlichen Polemik des Filmkritikers Roger Ebert (Blog) nachlesen.

Weitere Artikel: Gemeldet wird, dass Jean-Luc Godards neuer Filmessay "Film Socialisme" (mehr) parallel zur Premiere in Cannes am 17. Mai auch im Videoportal filmotv.com zu sehen sein wird (rätselhaft bleiben bis dahin diese Videos, bei denen es sich gerüchteweise um den Film im Superfastforward handeln soll). Laura Weissmüller zeigt sich beim Streifzug durch die frisch eröffnete Dependance des Centre Pompidou in Metz sehr angetan. Tobias Kniebe berichtet vom heute beginnenden Filmfestival in Cannes. Von den Unklarheiten, welche Verlagshäuser zum deutschen Verkaufsstart des iPad Ende Mai im daran angeschlossenen digitalen Buchhandel mit eBooks vertreten sein werden, berichtet Johan Schloemann. Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erläutert das Konzept zur Gestaltung des in Berlin entstehenden Humboldt-Forums. Andreas Zielcke gratuliert der Carl Friedrich von Siemens Stiftung zum 50-jährigen Jubiläum. Fritz Göttler hat den Nachruf auf den vergangene Woche gestorbenen Kameramann William Lubtchansky verfasst, der mit nahezu allen namhaften europäischen Autorenfilmern zusammengearbeitet hat (mehr).

Besprochen werden der Puppentrickfilm "Der fantastische Mr. Fox" von Wes Anderson, der Dokumentarfilm "Das Summen der Insekten", eine CD mit frühen Demoaufnahmen von Kris Kristofferson, die Comicausstellung "Helden, Freaks & Superrabbis" im Jüdischen Museum Berlin, ein Konzert von Rolando Villazon in München und eine Ausstellung über Arthur Rimbaud in der Pariser Galerie des bibliotheques.

FAZ, 12.05.2010

Verena Lueken bereitet auf das heute beginnende Filmfestival in Cannes vor und hat auch schon den ihrer Meinung nach allerdings eher "überflüssigen" Eröffnungsfilm "Robin Hood" von Ridley Scott gesehen. Ein lautes "Bravo" ruft Christian Geyer dem österreichischen Kardinal Christoph Schönborn zu, der zum Unmut manches Kollegen den Kardinals-Dekan Angelo Sodano der bewussten Vertuschung eines Missbrauchsfalls bezichtigt hat. Hubert Spiegel war dabei, als in Hausen im Wiesental das alljährliche Hebelfest begangen und der diesjährige Hebelpreis an den Autor Arnold Stadler verliehen wurde (dessen Dankesrede ist hier nachzulesen). Oliver Jungen beginnt einen Artikel über Yahoos Angriff auf Google mit dem Satz: "Google ist das Böse, unbestritten" - um dann aber zu erklären, warum Yahoo offenbar gerne das noch Bösere wäre. Gina Thomas gratuliert der Tate Modern (Website) zum Zehnten. In der Glosse schildert Jürg Altwegg gar nicht so lustige Fälle von Vielweiberei in Frankreich. Gemeldet wird, dass Daniel Libeskind auch den Erweiterungsbau für das Jüdische Museum in Berlin gestaltet. Auf der DVD-Seite werden Editionen der David-Peace-Verfilmungs-Trilogie "Red Riding", Sho Kosugis Film "Ninja" und Henry Hathaways Pioniertat einer Hollywood-Comicverfilmung "Prinz Eisenherz" vorgestellt.

Besprochen werden eine Aufführung von Franz Schrekers Oper "Der ferne Klang" in Zürich, die Ausstellung "Ruhrblicke" in der Zeche Zollverein Essen, die Ausstellung "Kreuz" im Arnulf Rainer Museum in Baden bei Wien und Bücher, darunter Susanne Krones Geschichte der Literaturzeitschrift Akzente (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 12.05.2010

Moritz von Uslar besucht Athen und unterhält sich mit einigen Vertretern der griechischen Kultur. Sein eigener Blick auf Athen ist allerdings aussagekräftiger: "Ganz Athen, so scheint es, ist ein einziges Straßencafe, ein einziges Gröhlen, Saufen, Nachbestellen und ödes Hängen vor hässlichen Cocktailgläsern. Man kann natürlich auch in einem Straßencafe eine Depression bekommen."

Weitere Artikel: Jörg Lau und Martin Spiwak unterhalten sich mit drei "Nicht-Organisierten", die zur nächsten Runde der Islamkonferenz eingeladen sind: die Chefredakteurin der Zeitschrift Gazelle, Sineb El Masrar (hier ein Interview mit ihr über Migrantinnen in Deutschland) die an der Universität Paderborn lehrende Juristin und Theologin Hamideh Mohagheghi (hier ihr Kommentar zur Kopftuch-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts) und die in Bochum lehrende Islamwissenschaftlerin Armina Omerika (hier ein Interview mit ihr über die muslimischen Lebenswelten in Bosnien). Elisabeth von Thadden schreibt über Goethes Farbenlehre, die vor 200 Jahren veröffentlicht wurde. Der Sozialphilosoph Hans Joas spricht im Interview über Religion und Hoffnung. Thomas Assheuer sieht in Brüssel die ursprüngliche Vision von New Labour wahr werden: "eine Politik jenseits von rechts und links". In der Glosse vermutet Jens Jessen, das Bischof Mixa, als er den verderblichen Einfluss der 68er geißelte, "die satanische Wirkung der sexuellen Emanzipation mutmaßlich an sich selbst beobachten musste".

Besprochen werden die Puppentheater-Inszenierung von Helene Hegemanns "Axolotl Roadkill", einige DVDs (darunter Tierfilme von Bernhard und Michael Grzimek), einige CDs (darunter der "letzte Wumms" des LCD Soundsystems), die Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Katja Kabanowa" in Stuttgart, eine Ausstellung mit Fotos und Filmen von Julian Rosefeldt in der Berlinischen Galerie, Ridley Scotts Film über Robin Hood (mit Mel Gibson in der Hauptrolle), Wes Andersons Verfilmung von Roald Dahls "Der fantastische Mr. Fox" und Bücher, darunter Harriet Köhlers Roman "Und dann diese Stille" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Außerdem: Das Dossier ist dem Bolzplatz am Panke-Kanal in Berlin-Wedding gewidmet: Hier hat Kevin-Prince Boateng das Fußballspielen gelernt, hier hängt der Kriminelle Murat rum und hier trainiert das 13-jährige Fußballtalent Ali Moghrabi (1. Reihe, Zweiter von links). Und der ägyptische Diplomat und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei erklärt im Interview, warum er an der Spitze einer Oppositionsbewegung gegen Mubarak steht und zur Not auch für die Präsidentschaft kandidieren würde: Er will, dass Ägypten wieder eine echte Demokratie wird. Ein Vorbild gibt es schon. "Wir hatten einmal ein demokratisches System, bis 1952, kein perfektes zwar, aber immerhin. Ägypten hatte ein Mehrparteiensystem, eine parlamentarische Demokratie. Doch 1952 ergriff das Militär die Macht."